untugend,
f. ,
mangel der tugend und ihr gth. an. údygð;
mhd. untugent, -tugende;
mnd. undoget;
mnl. ondoget;
nl. oudeugd;
dän. udyd;
schwed. odygd.
zu den formen s. tugend;
veraltet: untogunt Stolle
thüring. chron. 42
lit. ver.; untogent
Alsfelder passionssp. 11
Grein; undogende (
plur.) Wigand Gerstenberg
chron. 12
Diemar; untuget Luther 17, 1, 37, 14
W. 11)
untauglichkeit, untaugliche, fehlerhafte beschaffenheit: untüchtigkeit, schwäche des körpers mhd. wb. 3, 56
a; etwenne ist di leber siech von ir selbir untugent
Breslauer arzneib. 53;
vitia excrementorum, die u. der excrementen Orsäus
nomenclator (1623) 218; u. des ackers, feldes J. H. Voss
Vergils georg. 1, 88;
plur.: du solt zuo dem letzten lieb haben dinen lib, das du den ... ordelichen in notturft haltest und vor untugenden behtest Keisersberg
bilger 46
d; durch ... giftigen quecksilber erworbenen untugenden Guarinonius
greuel (1610) 44.
wie untucht (
s. d.)
im östl. Niederhessen ausschlag infolge ungesunder säfte Pfister 1.
erg. 26.
schriftsprachlich veraltet. 22)
fehler, verstoß: möcht ... dawider ein andrer in wyter verstentnisz sprechen, sölichs wär ein u. Riederer
rhetoric (1493) 6
a; drey grosze untugent legt mir der geist (
Zwingli) auf uber diesen worten Luther 26, 353
W. unbegründetheit, unglaubwürdigkeit: dieweil es den offenbahr krieg war, wurde seine (
eines lügenden mönches)
[] worte manigfaltig geweigert, man fandt ihre untugent Grunau
preuß. chron. 2, 499.
veraltet. 33)
nachtheil, schaden: wen der fromme knecht ausz dem hause gestoszen wurde, das war nicht dem knechte ein unthugent, sondern dem herrn Luther 33, 69
W.; die artzte haltens gantz darfür, das unter anderen untugenden die rättich auch das ... aufstoszen machen Sebiz
feldbau (1579) 198; enen ondoget doen
schaden oder leid jemandem zufügen mnl. wb. 5, 479.
veraltet. das n. sprachgefühl legt die moralische bed. zu grunde und nimmt übertragung an: hier ist es ..., wo der geschichtsschreiber ... nicht vergessen musz, dasz zu viel feuer ... u. ist Wieland
Lucian 4, 131; sich alles anzueignen ..., scheint die ... u. aller modernen ausbildung K. G. v. Brinckmann
filos. ansichten (1806) 231; die tauben-, wind- und wetterposten ... haben die u., die briefe hier erst bis auf acht tage nach der ankunft abzugeben Hegel 19, 1, 144. 44)
unhöfliches, grobes, unanständiges u. dgl. benehmen; mangel an feiner bildung; mhd. wb. 3, 56
a: ach, edle junckfraw, ich beger an ewr schön und zarte tugent, welt mir verzeihen mein untugend H. Sachs 12, 530, 31
G.; ich meister Grobianus ... (
habe) groszen fleisz und arbeit angewant bey der verstockten jugent, mit täglicher underweisung, damit sie zu aller grobheit und untugent zum besten abgericht und perfect würde Scheit
Grob. 8
ndr.; Forster
fr. t. liedlein 16
ndr.; concret: solche grosze untugent,
die hosentracht Musculus
hosenteufel 17
ndr. veraltet. 55)
üble angewohnheiten und eigenschaften von thieren: und ob schon etwan ein tugent in solchem unzieffer (
wolf, schlange, fuchs) ist, so sindt zehen untugendten auch darbey Paracelsus (1616) 2, 356
H.; hatt aber eyn pferd ... eyn ... untugent Sebiz
feldbau (1579) 149; die an pferden sich findenden ... untugenden
allg. d. bibl. anh. 25/36, 2316; unzweckmäszige behandlung kann ... dem pferde viele untugenden anerziehen v. Alten
handb. f. heer u. flotte 4, 672;
von maulthieren Gaudy 5, 144; in anbetracht der untugenden, welche der affe zeigt, ... verschwindet der geringe nutzen, welchen er gewährt Brehm
thierleben (1890) 1, 53. 66)
in der nhd. hauptbed. bezeichnet u.
üble menschliche eigenschaften oder schlechte angewohnheiten, bei deren beurtheilung der moralische gesichtspunkt zurücktritt: weil wir nun hier, was der künstliche laborant für tugenden an sich haben sol, vermeldet, aus welchen ein jeder die untugenden ... ersehen ... mag Thurneyszer
magna alchymia (1583)
vorrede 3; solte ein solcher halbgebackener teutscher Frantzos sich der frantzösischen wörter enthalten? solte er rein und lauter teutsch reden? er meint, es wäre ihm die gröste schand, er könte kein gröszere u. begehen
teutscher sprachverderber (1643) 2; weil die weiber ... durch ihren ungehorsam, unfreundlichkeit ... und andere dergleichen untugenden ihren männern vielmahl ursach geben, sich der hochzeit zu gereuen Moscherosch
gesichte (1650) 23; diese u. (
bettharnen kleiner kinder) J. G. Schmidt
rockenphilosophia (1706) 1, 181; eine ihrer gröszten untugenden war eine unmäszige näscherei Göthe 22, 237
W.; IV 26, 294
W.; meine alte u. des schweigens
im briefwechsel IV 15, 205
W.; meine freunde haben mich verwöhnt, so dasz ... aus der gewohnheit eine u. geworden ist
schr. d. Göthegesellschaft 17, 38; die untugenden der buben Fr. L. Schröder
dram. w. 3, 8; von allen fehlern und untugenden seiner zöglinge musz der erzieher den grund in sich selbst suchen Salzmann
ameisenbüchlein 17; zweydeutige reden ... sind eine strafbare u. Lichtenberg
nachlaß (1899) 50; die kleinen untugenden unserer damen E. Th. A. Hoffmann 4, 22
Gr.; Eichendorf 2, 37; es ist ... eine der untugenden des tages, sich an formeln zu hängen Gutzkow (1872
ff.) 10, 92; 6, 197; Holtei
erz. schr. 25, 212; denn auch diese u. hatten einige der neuen priester von den alten herübergenommen, dasz sie auf der kanzel, wo sie allein das wort führten und niemand erwidern durfte, aussprachen, was sie irgend persönlich bedrückte, und nach gutdünken anklagten und anzeigten G. Keller 5, 302; er hat die u., politisch zu sein Fontane I 1, 487;
[] sie machen aus der not, von der sie nichts wissen wollen, keine tugend, sondern nach burschenart eine prahlende u. Hans Grimm
volk ohne raum 1, 18.
zusammensetzungen z. b. haupt-, national-, stammesu.; erzuntugend,
das glas nicht richtig zu fassen J. H. Voss;
persönlich: wo eine u. hause, sei die zweite und dritte nicht weit G. Keller 2, 111. 77)
im nhd. wird sonst die bed. mit vorliebe auf das moralische gebiet eingeengt. so schon in ä. spr.; mhd. wb. 3, 56
a;
mnd. wb. 5, 40
b;
mnl. wb. 5, 478.
die größten schandthaten (
vgl. a)
konnten so bezeichnet werden. schwächer definiert Herbart: jeder mangel in dem, was zur tugend gehört, ist u. 8, 112
H. während im frühnhd. u.
und laster
kaum geschieden sind (
vitium ein laster, u. Orsäus
nomenclator [1623] 6; weil männiglich lieber geduldet, dasz die allgemeine laster generaliter durchgehechelt und gestraffet, als die eigne untugenden freundlich corrigiret werden Grimmelshausen
Simpl. 2, 193
Bobertag),
hält das humanitätszeitalter beide auseinander; die schwäche in befolgung der pflicht heiszt nicht sowohl laster als vielmehr blosz u., mangel an moralischer stärke Kant 5, 216
H.; untugenden
können laster werden; kinder haben u.,
keine laster Weigand
syn. 3, 904; Eberhard-Lyon (1904) 694.
stärker als fehler: wenn einer uns umb eines fehlers oder auch wohl umb einer u. wegen liebet, weil er dergleichen auch an sich hat ..., so ist die liebe auf einen wankelhaften grund gebauet Chr. Wolff
von d. m. thun u. lassen (1720) 566. a)
als handlung, crimen Reyher (1686) O 2 r
b; Herodes ..., du stifter aller untugend Mone
schausp. d. m. (1846) 1, 180.
ledige frauen sollen bi den burgern ire ontugent zu triben nit gehawszt und geherbergt werden J. Marstaller
aufruhrbuch 13;
Imola, ein dieb, ruffianer, falschspieler, todschläger, doch dobei seiner untugent nicht abegangen was Arigo
decam. 258, 13
K.; sie haben eyn untugent (
später mutwillen) und thorheyt gethan yn Israel Luther
bibel (1906) 1, 25
W. richter 20, 6; das die elendesten bettelbuben ... alle buberey und untugent begehen durffen 2, 308
W.; mord, ehebruch oder ander u.
Hans Worst 8
ndr.; ie mehr gesetze, ie mehr untugent Agricola
sprichw. (1534) A 2
a; Kirchhof
wendunmuth 2, 128
Ö.; Fronsperger
kriegsb. 1, 96
b; ja nötiget sie, ... dasz sie schande und untugendt treiben muszten Rivander
festchronica (1591) 23
b; wollet ihr die u. (
den ehebruch) an mir nicht straffen, so will ichs selbst thun A. Olearius
morgenländ. reise 170;
veraltet. alterthümelnd: dasz ... sich keiner erkühnen ... soll, sie zu fangen oder sonst eine u. ihnen zu erzeigen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 208; laster und untugenden waren ihm zuwider brüder Grimm
d. sagen (1891) 1, 58; und erzählete ..., was die beamten für u. mit den armen unterthanen übeten 2, 177. b)
als eigenschaft: wie grosz die untugent der ipocrasia ... bei den münchen ... ist Arigo
decam. 257, 14
K.; es schafft nichts der tzorn, nichts der neid, nichts der geitz, nichts andere pestilentz und untugent des menschenlebens
Erasmus von walfart (1524) 3
d; der Türcken bosheit und untugent Luther 30, 2, 130
W.; laster und u. kainem alter wol ansteet Mayr
sprichw. (1567) C 7
d; ist aber je u. in wolgestalten weibspersonen, so kan der gifft ausz reden und geberden leichtlich ersehen ... werden Harsdörfer
gesprechsp. 2, 173; alle regimenter in der welt sind durch tugend bestanden und durch u. zergangen Schottel
ethica (1602) 16; u. aber kan auch den königl. thron erniedrigen Ziegler
Banise 58
B.; weil aus wirtschaftlichem fleisze tugend, wie aus faulheit u. zu erwachsen pflegt J. H. Voss
antisymb. 1, 169; die innere quelle der that ists, die zwischen tugend und u. entscheidet Schiller 1, 61
G. schon Adelung
bemerkt, dasz u.
in dieser bed. abgesehen von der biblischen schreibart, wenig mehr im gebrauch sei. veraltet für verletzung der jungfräulichkeit (
vgl. den gs. tugend
keuschheit) D. v.
d. Werder
bußpsalmen (1632) C 3
a; Opel-Cohn
dreißigjähr. krieg 220.
bildlich: der wint der u. Arigo
decam. 241, 9
K.; aufruhr ist eyne sündflut aller untugent Luther 18, 398
W.; hurerei aller u. ein ziechpflaster H. Sachs 1, 197, 13
K.; sich mit dem kohte der untugenden beschandflecken
[] v. Birken
ostl. lorbeerhayn 47; den geringsten fleck einiger u. Lohenstein
Arm. 2, 1392
a. u.
persönlich vorgestellt: U. ein verbremter rock verhüllet Lobwasser
calumnia (1583) B 8
b; U. lehrt sich selbst Aler (1727) 2, 2103
b;
Hercules folgt der Tugend und verläszt die U. Albertinus
hirnschleifer (1664) 372; Welcker
denkmäler 3, 319; der U. sklav Gervinus
gesch. d. d. dicht. 1, 434.
ältere zusammensetzungen: untugendähre Kuhlmann
geschichtherold (1673) 154, -farbe Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 3, -kleid Herberger
hertzpostilla (1613) 2, 537, -tiger Kuhlmann
lehrhoff (1672) 581. 88)
im sinne der moraltheologie sünde: dú u. in dir sterbe H. Seuse
d. schr. 107, 16
B.; wie uns der bOesze gaist anficht aller maist mit den untugenden Tauler
serm. (1508)
register 6
a;
der ew. weisheit betb. (1518) 47
b; von gottlosen kompt untugent
1. Sam. 24, 14; alle untugent ist sünde 1.
Joh. 5, 17; ich byn yn untugent gemacht (
ps. 31, 7) Luther 24, 396
W.; Matth. 23, 28; du hast hynweg genomen die untugent meyner sunde Luther 15, 482
W.; 6, 18
W.; ein u. begehen 19, 593
W.; solche greuliche, verstockte u. und lesterung 28, 198
W.; H. Sachs 18, 113, 26
G.; meine grosze angebohrne u.,
sündhaftigkeit, J. Böhme (1620) 3, 167; durch u. war der mensch von gott getrennt Lohenstein
geistl. gedanken 2 (1680), 63;
abgötterei lehrt ihn untugenden nachzuahmen Herder 36, 313
S.; gott heilt meine untugenden meist dadurch, dasz er sie mir äuszerst beschwerlich ... macht Schubart
leben u. gesinnungen 2, 180.
zusammensetzung: untugend strick Herberger
hertzpostilla (1613) 2, 353.
veraltet. 99)
personificiert: er mus ein untugend sein und ein loser, böser mensch Luther 30, 3, 230
W.; ... sagende, dasz er ein u. und verzweiffelter bub Zinkgref-Weidner 3 (1653) 49.
veraltet. —