ungesund,
adj. adv. ,
gth. v. gesund (
selten mit ihm zusammenfallend: ew. weish. betb. 1518, 32
a;
s.un IV C, D).
mhd. ungesunt;
mnd. un(ge)sunt;
mnl. ongesont;
nl. ongezond;
engl. unsound.
aus dem mnd. altschwed. osunder (1508),
schwed. osund,
dän. usund. u
ng'sund,-nt, -ng, u
ng'sünn Staub-Tobler 7, 1136; ogə— zonkt Leihener 87
b;
Eupen 10
a; Bauer-Collitz 76
a; Schütze 2, 50; 4, 292; Danneil 231.
vgl. ungesundig(keit), -sundlich.
zu den formen s. gesund l
und die mundarten-wbb., zur bed. gesund II, III; ungesundiget
insalubris Diefenbach
gl. 300
a zu gesündigen.
heute ergibt sich als aufsteigende reihe begrifflicher steigerung: unpasz, unwohl, ungesund,
krank, siech. mancher fühlt sich unwohl und hat sich eine unpäszlichkeit zugezogen, die, wenn sie versäumt wird, leicht zu einer krankheit führen kann, von der, bei ungesunden säften, vielleicht ein siecher körper zurückbleibt Weigand
syn. 3, 867.
th. 5, 2024 krank II 2 b. 11)
non (
male)
sanus (
vgl. übelgesund Staub-Tobler 7, 1136). 1@aa)
vom menschen, von dessen körper und geist; '
nicht im besitz oder vollbesitz der körperlichen und geistigen kräfte, von ungesundheit zeugend'.
wie in der ä. spr. verwundet, wund, verkrüppelt, gebrechlich (
vgl.krank 5, 2023
f., gesund II 3 a, 4 a):
Tristrant prosa 31, 22; ey du bist bisz in todt verwundt, an allen orten ungesundt Ringwaldt
evang. O 2 a; lam und ungesundt Sachs 10, 317, 11
K.; ungesunde und lahme knecht Kirchhof
mil. disc. 165; u. bleiben
wohlgeplagte priester 9; die fliegen den menschen nur an demjenigen orte plagen, wo er ... u. ist Abr. a St. Clara
etwas f. alle 2, 366; und besorge ich ..., sie schlage mich ... todt oder wenigstens u. (
zum krüppel)
Leipz. avent. 1, 138; am leyb
bergreihen 106, 34
ndr.; in der ä. spr. auch mit gen. und verschiedenen präpositionen; schriftsprachlich veraltet (
bruchkrank mnl. wb. 5, 688, Danneil 231, ungesundheit
unterleibsbrüche obers. 2, 599
a).
vom allgemeinen gesundheitlichen zustande, bes. krankheitserscheinungen der sog. inneren medicin: vater und mutter macht er ungesund Tieck 1, 210
(ärgert er krank); u. seyn
conflictari iniqua valetudine Reyher: alszo wenig man eynem gesunden kan gepot legen auff essen und trincken, daran er muge gesund odder u. werden Luther 10, 2, 16, 19
W.; es ist besser kurtz gesund denn lange u. leben 301, 15
W.; u. und siech, schwach und u. 301, 11, 12
W.; schwach, kranck und u. Ryff
spiegel d. ges. a a iii
a; u. machen Parac. 2, 488; sich u.
m. A. U. v. Braunschweig
Oct. 3, 972; sich u. (
heute '
krank') sauffen Knittel 129; sich u. (
ebenso, bucklig, einen ast) lachen Stranitzky
ollap. 286, 9
ndr.; u. aussehend Göthe III 1, 192
W.; mit übertragung auf die ungesund verlebte zeit eine ungesunde stunde Staub-Tobler 7, 1136; ungesunde tage
u. dgl.; ungesunder stand
die gesamtheit der ungesunden Zedler 49, 1463; ungesunde merkmahle
pathognomische 20, 902; ein mageres, ungesundes geschöpf Hirschfeld
mütter 50; allerley ungesunden
male habentes Matth. 14, 35; der gesund und u. Guarinonius 3; die ungesunden Olearius
reisebeschr. (1696) 31.
valetudinarius Alberus, Dentzler;
invaletudinarius mnl. wb. 5, 688;
von bestimmten krankheiten: ertaubung mnl. wb. 5, 689;
gehirnkrank, erroneus, insanus Diefenbach
n. gl. 155. 159; dovendich
mnd. wb. 5, 81
a; u. am verstand Dentzler (u. sin
unklug sein C.
F. Müller
Reuter-lex. 144
a;
vgl. nit gesund Staub-Tobler 7, 1134,
blöde 1131, wenn du nur gesund bleibst
recht bei troste bist ebda),
schriftsprachlich veraltet (
doch u. daherreden Anzengruber 2, 83);
cachectus Frisius, Maaler, Orsaeus, Stieler, Apinus; er ist ein ungesunder man, besorget, er thu mir nit genug Vogelgesang-Cochlaeus
v. d. trag. J. Hussen 25
ndr.; ich bitte niemand zum essen, um u. nach hause zu gehen Iffland 2, 42; weil ich sie (
lieder) nicht gedankenlos wie viele ungesunde (
πολύφαγοι,
aber u. essen
s. 2) esser ... genieszen möchte Görres
br. 2, 220; u. in lieb
liebeskrank Wickram 7, 36, 884
B.; b. d. liebe 84
d;
mit der im mhd. noch stärker entwickelten wendung ins geistig-sittliche: viel kranken und ungesunden (
schwache) unter uns (
1 Kor. 11, 30) Bugenhagen
bei Luther 18, 424, 39
W.; Wackernagel
kirchenl. 3, 262; nicht gewisses ist in irem mund, sie sind von herzen ungesund (
cor vanum) Waldis
psalter 66 (
ps. 5, 11).
veraltet. unpäszlich, unwohl (
nicht mehr schriftsprachlich): wie denn mein liebes weib auch ... ganz übel auf und u. gewesen Schweinichen 481; Bassaris ist ungesund, bis sie einen rausch gesoffen Grob (1678) 29;
mnl. auch niedergeschlagen, erschöpft wb. 5, 689.
vom körper, dessen theilen und bestandtheilen, von körperlichgeistiger bethätigung und deren angenommenem sitz: ungesunden leib haben Kirchhof
wend. 1, 396;
zahn H. Kaufringer 11, 124;
leber Rollenhagen
froschm. E vii
b;
hirn Harsdörffer
gespr. 1, g v
b u. s. w.;
von leib und seele Zimmermann
eins. 2, 4; je räudiger, ungesunder, widerstrebender, schlechter der stoff des körpers ist Klinger 11, 165; was man gesunden menschenverstand (gesund III 1 b
β 4) nennt, ist nicht philosophie, — oft aber sehr ungesunder Hegel 4, 36; ungesunder schlaf, hunger, husten, traum
u. s. w.; u. träumen
übertragen J. Grimm
kl. schr. 1, 371;
so auch ein ungesunder träumer, nachfolger Triller
betr. 2, 583 (
vgl. gesund III c
α); in einer ungesunden haut stecken; ein ungesundes, milchiges hell
der körperfarbe Ratzel
völkerk. 2, 373; blut, cacochymie, voll von ungesunden säften Kinderling
rein. 160; c., ungesundes temperament Nemnich
nos. 17
c.
vgl. 3. 1@bb)
von thier und pflanze, deren körper oder bestandtheilen u. s. w., sowie von andern dingen der natürlichen welt; '
vom gesunden, normalen zustande abweichend oder mit bestimmten krankheiten, gebrechen behaftet'.
mhd. ein wild u. machen
erlegen texte d. ma. 17, 191, 108: ungesunde, untüchtige schafe Luther
vorr. a. d. proph. Maleachi 7, 411
Bindseil; s müllers esel oder hund, die trinken sich immer ungesund H. R. Manuel
weinsp. 3271; wie ... der rabe üm selbe zeit eine rauhe und ungesunde kehle hat Prätorius
winterflucht 51; zween hähne huben an zu kriegen und schimpften sich ganz ungesund (
krank) Lichtwer (1748) 132;
gebrechlich v. hund Ramler
fabellese 3, 12; stauden Sturz 2, 163; baum Weigand
syn. 3, 866; ungesundheit
des holzes Göchhausen
notabilia 168;
s. gesund III 1 a
δ 1);
im schiffsbau nl. wb. 10, 1687 I A 5. ungesunde küste ... deren ufer gefährlich ist Benzler
deichbau (1792) 2, 242; gesund '
klar, rein' Kluge
seemannsspr. 312; ungesundes ufer heiszt in der schiffersprache ein gefährliches ufer, das viele klippen, sandbänke
u. dgl. hat Voigt
geschäftsf. 2, 525;
côte malsaine Eggers 2, 1255.
s. gesunde reede, küste
th. 4, 1, 2, 4305
und vgl. ahd. kesunti
tuti. auch kranke ware, krankes schiff
th. 5, 2026. 1@cc)
von andern überwiegend unsinnlichen begriffen; '
von ungesundheit zeugend, gesunden forderungen, wünschen, verhältnissen, gesunder entwicklung, gesundem denken u. s. f. nicht entsprechend, ohne die regelrechte, normale beschaffenheit, krankhaft, nicht lebensfähig; verkehrt, unnatürlich, pervers'.
scherzhaft idem per idem begründend (
vgl. eine krankheit gesund machen, gesund III 2 b
α 4): jederman hüt sich vor grosser kranckheyt, dann sie ist fast u. Fischart
pract. 18
ndr.;
übertragung und bildlichkeit bleiben oft lebendig: mit der jetzigen gesammtverfassung ... wird Dänemark so u. im leibe, dasz es die nächste europäische krise nicht überdauert Gerlach-Bismarck
br. 325; doch ein gewissen, welches wund, ist auf der welt durch nichts zu heilen, es bleibt beständig ungesund Triller
betr. 1, 72; die unverdaulichkeit der sachen macht die schreibart u.
litbr. 11 (1761) 37; das üppige ungesunde (
hypertrophische) zunehmen der städte Herder 5, 525; die gegenwärtige rechtssprache erscheint u. und saftlos J. Grimm
th. 1, xxxi; bildungshunger Mommsen
r. g. 3, 560; ungesundes und ausgelebtes Häusser
d. gesch. 2, 448; des ungesunden (
lebensunfähigen) zwergbesitzes
handb. d. staatsw. 4, 939;
im witz: Flora, wie die leute sagen, lebt in ungesunder eh, denn sie hat die hornungsseuche (
männertollheit), das verhaszte wechselweh Grob 76.
in ausgebildeter übertragung: ungesunde lehr Stumpf
chr. 221
a (
gth. gesund III 1 b
γ 3); gedancken Harsdörffer
secr. 1, E e viii
b; redensart Fresenius
bew. nachr. 1, 149; urtheile Nicolai
litb. 10, 315; glauben Heine 1, 309; konkurrenzjagd Bennigsen
nat. partei 133; wesen Raabe
hungerp. 2, 163; zustände Freytag 16, 124; umstände, verhältnisse
Eupen 10
b; sparsamkeit,
am unrechten ort; entwicklung
u. s. w.; das ungesunde in der richtung R. Wagner 3, 284;
stärker des Tiberius ungesunder liebe Lohenstein
Arm. 1, 1270
a; einem verderbten und ungesunden wesen Gervinus
g. d. d. dicht. 1, 8; verzerrt und u. darstellen Häusser
d. gesch. 1, 83. 22)
insalubris; gesundheitswidrig, unzuträglich, schädlich (
gth. gesund II 4 d)
mit naheliegenden übertragungen und verallgemeinerungen. 2@aa)
wie bei gesund II 4 d, III 1 a
δ, Fischer 3, 572, 3
stehen manche fälle auf der grenze von 1
und 2: schüts in die kanten wider ... ob etwas drin (
im wein) wer ungesundt, wann es zertheilt ist, schadt es minder Scheit
Grobianus 1758;
lethifer annus ein tödtlich ungsunds jȧr Frisius 98
b; herbst
disc. d. mahlern 1, 5; speise
wie mhd. Sachs 17, 412, 4
G.; wasser Wedel
hausb. 98; kräuter S. Gessner 2, 48; windt Parac.
chir. 99 B; einen giftigen oder ungesunden lufft Sebiz 4; nebel Schwabe
bel. 2, 147; ausdünstungen Forster 1, 27; farben Göthe 48, 212, 4
W. u. s. w.; einflüsse Gervinus
g. d. d. dicht. 5, 620
u. s. f. 2@bb)
im engeren sinne: es ist aber gar ein ungesunts landt Schiltberger
reiseb. 38, 10; ort Herr
feldb. 28
b; weide Pape
bettel u. garteteuffel e 6
v; himmel Kramer (1700) 1, 689
b, klima Keller 2, 117; sterbens zeit Scheit
heimf. d iv
a; schnupen E. Ch. v. Orleans 2, 75; schatten Hohberg
georg. 3, 348
b;
von gereinigten tabakspfeifen: verschlagen sie aufs neu und werden wieder ungesund, so ... Stoppe
Parn. 172; fabriken
handwb. d. staatsw. 4, 480; übriger schlaff (
ist) ungesundt Schaidenreiszer
Od. 65
a; die ungesundeste lebensart Gottsched
d. neueste 9, 453; u. wohnen, liegen
u. s. w.; die lage auf dem rücken wird für u. gehalten Vieth
leibesüb. 2, 103; arbeit Polenz
Grab. 2, 192; u. essen
so dasz man krank wird, dagegen ein ungesunder esser
s. 1 a.
übertragen (
vgl.c): die ehre, welche gleich einem spiegel durch ungesundes anhauchen zwar kan vernachteilet, nicht aber verletzet werden Butschky
Pathm. 297; diese ungesunde atmosphäre der versammlung Freytag 15, 65; aus einem ungesunden (
sittlich anfechtbaren) leben
verl. handschr. 3, 115; alle ungesunden und verpestenden wirkungen Justi
Winckelmann 2, 1, 150; das ungesunde und gemeinschädliche Ebner-Eschenbach 1, 99.
mit erläuternden bestimmungen: u. zu trincken Herr
feldb. 55
b; bey nächtlicher weyl Lindener
katzip. 63; ein ausländischer, für die nation ungesunder gedanke Bismarck
ged. u. er. 2, 140
volksausg.; die räume ... werden für längern aufenthalt u. sein Freytag 7, 150.
mit dat.: dem leib u. Schwarzenberg
Cic. 89; das ist ... so wol den menschen gesondt als ungesondt Guarinonius 110. 2@cc)
in erweitertem sinne; '
vom übel, wobei man übel fährt',
gth. Staub-Tobler 7, 1134, 1 c: nach fräiden will ich ringen, sorg, laid ist ungesund Hätzlerin 48; das ist alweg ein laster und u.
Terenz (1499) 118
b; zevil ist ungesunt 11
b (
vitiosum est ubique quod nimium est Seneca,
indecorum est omne nimium Quintilian);
mit zusätzen wie und wenn es lauter honig wer Keisersberg
els. wb. 2, 264
a; all zu vil ist u. Agricola (1534) 8 iii
a;
Latendorf zu spr. 1532, 268, 340; S. Franck 1545, 1, 26
b;
klugr. (1548) 12
a u. o.; Fr. Wilhelm
αβ, 68; Eyering 2, 295; 3, 604; Petri H viii
r; Schottel 1121; Rädlein 982
a; Pistorius 927; Spanutius 544;
t. sprichw. 1790, 8; Wander 4, 1632; Sachs 21, 223, 26; 19, 349, 35
G.; Aventin 1, 504, 26; 4, 32, 17; Nas
antip. 5, 208
a; Höniger
narrensch. 276
a Gäbelkover 1, 394; Zesen
adr. rosem. 237
ndr.; Abele
unordn. 1, 78; Henrici 4, 261; Mittler
volksl. 515; Nestroy 10, 38; Staub-Tobler 1, 774; 7, 1137;
lux. 316
a; Bauer-Collitz 76
a u. s. w.; im stegreifzweizeiler: allzuviel ist ungesund, X. ist ein schweinehund; zu gar gesund sey u. Zinkgref (1628) 303; Staub-Tobler 7, 1131; gesund II 4 d e
γ; alltogood is u. Schütze
Holst. 2, 50; allzu süsz ist u. Voigtländer
od. 22, 11; is nicks ungesunner als dat kranksînn
Mecklenburg; nüs is ongesonger äls krank sîn
Aachen Wander 4, 1435; twerlei fett up dem brode is u. Schütze 4, 292; halb gekocht ist u. Lehman 2, 620 (
vgl. 6); bücher fressen und nicht käwen ist u. 2, 916. '
nicht bestimmt für, nichts für': das heilthumb ist nicht für die hundt, perlen seind schweinen ungesundt Waldis
Esopus 1, 1, 38; soll man dich papam nennen, du blutgiriger hundt? gelt, man leer dich kennen, ewiger frid ist dir ungsundt Wackernagel
kirchenl. 3, 970;
veraltet. '
unwillkommen, unerwünscht'
teufels netz 11835.
veraltet. ebenso '
verderbenbringend oder schadend': zu dem das er (
Adam) sich hat vergessen, von ungesunden baum gefressen Ringwaldt
warnung C I
b; ganz u.
im witz für '
tödlich': in ihrer siegestrunkenheit hätten sie .. fast mir selber .. eine ganz ungesunde kugel in den leib gejagt Heine 5, 171. —