unbild,
unbill,
n. f. m. da bild
und unbild, billich
und unbillich, unbillen, unbillichen
in vielfachen übergängen und zwischenstufen, vom standpunct des heutigen sprachgefühls betrachtet, immerhin gesonderte entwicklung erfahren haben, ist alter zusammenhang selten erwogen, der durch *bila
doppelheit, ähnlichkeit, entsprechung, gebühr (
vgl. skr. yáma,
lat. imago)
vermittelt wird. Detter
zs. f. d. a. 42, 54; Falk-Torp 1, 73; Franckvan Wijk 40.
andere deutungen z. b. th. 2, 8;
idg. forsch. 18, 286: Kluge 54
a, 486
a.
engl. bill bulla (
th. 2, 26)
musz bei seite bleiben; ob *bhi,
*bhid
spalten (Fick - Torp 3, 269; Falk-Torp 1, 72)
noch in unsere sippe gehören, entscheidet hier nicht. doch gehören *bilidi
recht (
s. weichbild)
und seine verwandten hierher. die entwicklung únbild < unbill
ist ergebnis lautlicher und bedeutungsgeschichtlicher vorgänge. etymologisch verbindet beide mhd. adj. adv. unbil
ungemäsz, ungerecht (Lexer 2, 1771; den unbillen mein Ottokar
chr. 86055;
noch Stieler 150
bekannt)
; ob mnd. unbildich < unbillich, unbildliken < unbilken
auszer der lautlichen auch etymologische werthung verlangt, bleibe dahingestellt. Spindler
setzt mit anlehnung an unbilde, unbild
das adv. unbildlich für heutiges unbillig.
s. unbildlich.
lautlich ist unbild < unbill
nicht anders zu beurtheilen als bild < bill Staub-Tobler 4, 1197.
noch spät erscheint schweiz. unbild
neben häufigerem unbill
a. a. o. 1167.
vgl.all, oll,
alde, olde
u. s. w. Weinhold
al. gr. § 183; Weise § 25.
noch Frisch
zeugt (1741) 1, 97
b für die zusammengehörigkeit von unbild
und unbill
und sieht nur in der aussprache verschiedenheit. nachdem der lautliche zusammenhang mit bild
sich gelockert und dessen ältere bedeutungen zu verblassen begonnen hatten, knüpfte das sprachbewusztsein (Braun 1793, 270
b) unbill
an das freilich verwandte, aber doch schon als selbständig empfundene unbillich
an, so dasz unbillichkeit
und unbill —
seit dem 15.
jh. wird unbild, unbill
durch das neue unbillich, -keit
stark beeinträchtigt —
zusammenzufallen schienen. bill (Staub-Tobler 4, 1166; Schottel 1287; Stieler 150)
ist zunächst wie Göthes bilden (und unbilden
an Zelter 4, 427,
th. 2, 13)
rückbildung. unlösbarer zusammenhang von unbild, unbilde, unbill
ist ununterbrochen vom 15.
jh. bis heute zu belegen. roh-äuszerlichste betrachtung sieht in unbilden
den plur. von unbill.
vgl. Wilmanns
gr. 3, 391.
vorhanden ist das wort schon ahd. in den hsn. der Prudentiusglossen als unpilide (Steinmeyer-Sievers 2, 429, 21. 476, 70)
n.; bedeutung s. u.; vgl. as. vnbilithunga (Steinmeyer - Sievers 2, 584, 54; Wadstein 89
ff. 234
a).
mhd. unbilide (
kaiserchron. 16850), unbilde,
st. n. noch im 16.
jh. das unbilde (Antonius Margaritha
jüd. glaub 1531
H 2
a),
gen. des unbildt (Wickram 7, 353, 185)
neben unbilds;
das n. bleibt durchgängig bis Schopenhauer 1, 461
gut bezeugt und wird Göthe (2, 308
Weim.)
zu unrecht abgesprochen (
s. IV 23, 333, 15
Weim.).
etwas seltener bleibt n. das verdunkelte unbill; Keisersberg
gran. 20; Aventin
bei Schmeller 1, 231; Schottel 576; Lessing, Göthe (
s. 2, 308, 57
anm.), Bode
Mont. 2, 421; Pfeffel 2, 79; Moltke
denkw. 6, 47.
wo sich, wie bei Tauler
oder in dem fachausdruck der kartenherstellung, unbild
unmittelbar an bild
anlehnt, erhält sich das n. unbestritten. unbild
als m. ist nicht so häufig (Sachs 8, 22, 2. 14, 322, 4
K.; Ayrer 71, 25
K.),
häufiger unbill
m. Staub-Tobler 4, 1167, Frisius, Maaler, Wiederhold, Stieler, Kramer-Moerbeek 1768, Wickram 1, 194, 2, Franck, Fischart, Ayrer 1493, 7, W. Ch. S. Mylius, Bode, Musäus, Collin, Kortum, Geibel.
das f. unbilde, unbild, unbill
gewinnt seit dem 16.
jh. raum und überflügelt im 18.
das n. und m.; entstanden ist es wohl aus dem oft collectiv gebrauchten plur. z. b. die unpild klagen (
n. plur. oder f. sing.) Sachs 22, 180, 4
G. sing. die unbill Frisius 894
a u. o. neben dem m., Frischlin 16, Breitinger, Haller, Pestalozzi, Göthe, Schiller
u. s. w. in vielen fällen ist das geschlecht nicht zu erkennen, oder nicht angegeben wie bei Kramer 1719, 2, 225
a.
am häufigsten wird neben dem f. sing. unbill
der plur. unbilden (Heynatz
br. 5, 77).
der sing. die unbild: Meisl
quodl. 1, 179; Aurbacher 51; Grillparzer 4, 95; Rosegger (1895) 2, 53. die unbilde
sing.: Alexis
Rol. 3, 47; Keller 5, 207
u. o.; Bennigsen
natl. part. 48. die unbille
sing.: Staub-Tobler 4, 1167.
vereinzelt plur. unbilde: Pfeffel 5, 167; Görres 2, 489; Fouqué
zauberr. 3, 176
neben unbilden; Göthe
nur unbilden.
plur. unbillen:
mahler der sitten (1746) 2, 103, 640; Staub-Tobler 4, 1167; Arndt 1, 321;
auch unbille Arndt 1, 208. Heynatz
giebt ohne beleg einen dem unterscheidungsbedürfnis widersprechenden plur. unbilder
antib. 2, 515.
an. mnd. unbilde,
n.; uñbëld Crecelius 840; v. Klein 2, 205 (
elsäss. österr.); Schmeller 1, 231 (
nicht volksüblich).
im schweiz. id. 4, 1167
nur schriftsprachliche belege, bes. aus der rechts- und verwaltungssprache. Schönaichs
gegen Haller
gerichteter spott: unbill, ein allerliebstes wort! wir sind noch nicht soweit, es zu verstehen (
neol. wb. 358, 20
Köster)
nur unwissenheit. unbill
als noch in der Schweiz erhalten oder schweizerisch von Frisch 1, 97
b, W. Ch. S. Mylius
Ham. 577, Kindleben 197
neudr. und Kluge
unser deutsch 53
bezeichnet (Köster
zu Schönaich 542. 592
provincialismus)
; doch bietet das id. nur belege des m. und keine vom 18.
jh. bis auf die gegenwart; aber Stalder 1, 276: die unbild deuwen
allg. unbilde
von Kern
sendschr. 67
als Schubertianum getadelt. unbild, unbilde (unbill)
von Adelung
und Heynatz
verworfen. Mylius
empfahl unbill
als der wiedereinführung nicht unwürdig. der unbild, unbill, unbillichkeit (
vgl. unbillich)
gemeinsame grundbegriff ist nichtentsprechung, ungemäszheit. II.
überwiegend sinnlich und objectiv. I@11)
deformitas, das dem bilde nicht entsprechende (Hildebrand
sprachunt. 218),
verkehrtheit, das über alles masz hinaus gehende (
vgl. unbilligkeit unmasz Maaler),
auffällige, sonderbare, erstaunliche, schreckliche, ungeheuerliche, wunder (
vgl. ungebilde),
verderben, beschwerlichkeit, unannehmlichkeit, das objectiv beeinträchtigende, schädliche, schaden, schädigung, unglück u. dgl. vgl. unbillig 1. 2:
die ahd. glosse unpilide (
s. o.)
hat informia (Prudentius
perist. 5;
pass. Vincentii 259,
zur bezeichnung der ungleichmäszigen, schrecklich verwundenden scherbenstücke, fragmenta testarum;
richtig übersetzt vnuuâtlichiu Steinmeyer - Sievers 2, 429, 21)
ebenso wie die Düsseldorfer gl. unbilithunga
unförmlichkeit, ungestaltetes ding (Wadstein)
falsch für ein subst. =
deformitas genommen, aber die sachliche bedeutung erfaszt; ain unbild
scheuszliche würmerplage städtechr. 5, 181, 25; der (
Gibich) het ain tochter, die hies Krimhild mit hoffart traib sy grosz unpild
Sterzinger sp. 9, 12; eur hochfardt dunckht mich ain unpild 178; daʒ nimt mich grôʒe unbilde
herzog Ernst (
zeitschr. f. d. a. 8, 477)
str. 24, 10;
vgl. die genau entsprechenden verbindungen bei unbillich; was grossen unbild
unthat Sachs 8, 22, 2
K.; das unbilde jres verstandes
absurditas Anthonius Margaritha
H 2
a. unpilleich
absurde Schmeller 1, 231; von den unbilden der raupen Lindenborn
Diog. 2, 39; die unbilden, die er vom glück erlitten Wieland 8, 382; späte rächer des unbills
wildschadens Göthe 2, 63
Weim. (
harzreise 57),
die drucke unbilds; vom unbill dieser welt 10, 370
W.; raum .. vor aller unbill bewahrt IV 34, 147, 7
W.; des wegs unbilden 13, 172, 7; der zeit und witterung 26, 234, 16; des krieges 33, 324; des winterhimmels 40, 265, 3; solches unbild der zeit IV 23, 333, 15; revolutionäre unbilden 35, 113, 19; tödliche 42, 2, 29, 6; körperliche und geistige 42, 1, 19, 1; IV 24, 85, 2; katarrhalische IV 48, 240, 21; 17, 25, 15; aus den unbilden häuslicher und bürgerlicher umgebung 42, 2, 52, 28; ohne unbilden, ja heiter IV 37, 188; diesen unbilden
vehmgerichten 28, 125, 13;
lärm und gebell in der nacht 35, 110, 11;
im wortspiel: die physiognomik lag mit ihren gebilden und unbilden dem trefflichen manne mit immer sich vermehrenden lasten auf den schultern 29, 137, 12
Weim.; ein unbill aus des schicksals hand erhöhen wir durch kunst zum jammer Bode
Mont. 2, 421; räuber, die .. unbild stifteten Pfeffel 2, 79; wildeste unbill
der bauern Immermann 3, 204; unbilden der flut Rückert 3, 116; der äuszeren natur Ruge
br. 2, 137; des jahres Drässler
wald 73; die truppen sind .. resignirt in ertragung von unbilden Roon
denkw. 1, 128. I@22)
für φάσμα,
εἴδωλον: allein sie erschien, ein teuschendes unbild Voss
Od. 1781
widm.; ged. 3, 106. 1, 126
anm. unbild
ungeheuer Heynatz
antib. 2, 515,
ungestaltete figur Adelung.
zerrbild, schemen: eher musz ... zum unbild werden der tag des menschen Hölderlin 1, 265, 91
L.; welches zerrbild, unbild R. Hildebrand
gedanken (1910) 83. I@33)
bei Tauler
sind unbilde
der inbegriff des unvorstellbaren, ewigen: wan der mensche stot hie enzwischent zwein enden in einem mittel, das sint bilde und unbilde 213, 23
Vetter; 1508, 139
b.
s. unbildlich. I@44) unbild
bei spielkarten = gestein
th. 4, 2, 4220, 7.
sie haben kein bild, sondern nur die vier farben. Jacobsson 4, 482
b; Krünitz 195, 330; Bucher 417
b. IIII.
im rechtlich-sittlichen sinne. vgl. wieder I 1,
was nicht zum vorbilde taugt. II@11)
unrecht, ungerechtigkeit, widerrechtliche beeinträchtigung, beleidigung, verfolgung, vergehen, sünde, bosheit. fest haftend in phraseologischen verbindungen: einem unbill zuofgen Frisius 57
a; ein unbill ... weeren 113
b; wunden eines unbilles heylen 1422
b; es ist mir kein sunderliche unbill begegnet 966
a; umb einen unbill für gericht botten 408
b; verurteilen 362
a; kein unbill oder schmach beweysen 10
b; einem vor schmaach und unbill sein Maaler; ein unbill empfahen, lassen hingon, rAechen 455
a; einnemmen Schönsleder
F 7
b; erleiden Platen 4, 204; erfahren, zu befürchten haben
u. v. a. mit umbil gwalt triben H. v. Rüte
faszn. M 2.
vgl. unbillicher gewalt; an mir si begiengen ain vil michel unpilde
kaiserchr. 14525
Schröder; swaʒ man wesse unpilde,di iemen het getân, er wære denne wilde,ze rehte muose er stân
Walther und Hildegunde (
Haupts zs. 2, 220) 2, 1; der könig ward von dem unbill ergrimmet Keisersberg
gran. 20; darmit er im denn thut vergleichen sein unpild vor von im entpfangen Sachs 9, 208, 17
K. erredt den, der unbill leydet
Züricher bib. 1531
Jes. Sir. 4
B.; dem onbill entgegen gehn Franck
chr. G. 115
a u. o.; gedultig alle unbild leyden Nas
ant. 4, 197
b; nichts unbilles oder gewalts
Garg. 318
neudr.; den unbill (
für jungfrauen gehalten zu werden)
humoristisch praktik 13
neudr.; schmach und unbild Albertin
zeitk. 192; laster und unbilde
hist. volksl. 2, 159, 7
L.; die angethane schmach der unbild Abr. a St. Clara
gemischgem. 19, 55; unbill
forstfrevel Hohberg 1, 135; hat man dem hause des herzens ... eine unbild zugefüget Lindenborn
Diog. 2, 329; als'n wilder mann die königliche dirn durch'nen unbill aufweckte Mylius (Görg Bider)
drei märlein durchn gr. A. Hamilton 523;
schmach, beleidigung 577;
schmach, unrecht A. v. Klein 2, 205; den angethanen unbill vergessen Zimmermann
nationalstolz 222; das unbild
unrecht allg. d. bibl. 86, 88; einen unbill rügen Musäus
Libussa 92, 10
H.; die neuste unbill dieses tags Schiller
br. v. Messina 417; wegen der erlittenen unbilde der gefangenschaft Dahlmann
gesch. v. Dännem. 1, 419, 28; alle ergangenen unbilden rächen Stifter 3, 25; unbill an ehr und leibe verzeihet nur der schwache Bodenstedt
Mirza Schaffy 55; wir sehen bisweilen einen menschen über ein groszes unbild, das er erfahren, .. tief empört werden Schopenhauer 1, 461. II@22)
durchgehende beziehung auf das billigkeitsgefühl (
vgl. unbillich 4;
natürlich hat man schon früher unbild
durch iniquitas wiedergegeben, z. b. Dentzler 323
a)
konnte erst stattfinden, nachdem das sprachbewusztsein unbild
und unbill
in der hauptsache getrennt hatte, also seit dem ausgehenden 18.
jh.; so entsteht als die heutige hauptbedeutung unbilligkeit, härte, unwürdige behandlung, übergriffe, ungehörigkeiten u. dgl., denen eine gewisse rechtliche grundlage keineswegs zu fehlen braucht Eberhard-Lyon 853.
nur ausnahmsweise erscheint noch das n. das unbill (
gegen franz. theaterkunst) Göthe 40, 131, 4
Weim.;
sonst die unbill, unbilden.
zur bedeutungsunterscheidung: dem erbförster dagegen widerfährt zwar eine unbill, doch kein unrecht Treitschke
aufs. 1, 443;
vgl.unrecht; vorwürfen herber strenge, wenn nicht gar der unbill H. Meyer
kl. schr. 255, 37; eine unbill von geringerem grade Scherer
kl. schr. 1, 183; ein herz, das unrecht hasset und unbill Göthe
Herm. u. Dor. 4, 131; das ist der liebe unbill nun einmal A. W. Schlegel
Shak. 1, 18 (
Romeo u. Jul. 1, 1); die irrthümer und die unbill des gesetzgebers Pestalozzi 6, 64;
insulten ohne sich der gröszten unbill auszusetzen E. Th. A. Hoffmann 14, 171;
übergriffe Raumer
Hohenstaufen 1, 30; unbill und schabernack Ritter
erdk. 4, 152; Israeliten sind durch die unbill alter zeiten misztrauisch gegen alle welt Gutzkow 5, 112; unbill (
unbilligkeit) solcher forderungen 11, 251; oder ward vielleicht von mir ihm beleid'gung oder unbild Grillparzer 4, 95 (
ahnfr. 4); wär's unbill gleich, dich unbegabt zu schelten 2, 92; günstlingen gestattest du jede unbill Freytag 9, 65; das haus des Marcus König ist zur unbill für andere wenig belastet 11, 100; schutz gegen die unbilden der jesuiten Justi
Winckelmann 1, 333; kaum etwas läszt den innersten kern einer persönlichkeit so erkennen, .. als ihr muthiges ausdauern in unbill und gefahr Lagarde
d. schr. 175. II@33)
dasz unbill
auch zorn, unwillen bedeutet habe, ist Campe
nicht zu glauben; aber entrüstung heiszt es wohl, so dasz bed. I 1
und starke beziehung auf das sittliche gefühl sich durchkreuzen: dar ab ward vil gross unbilde in allen den menschen Suso 120, 8
B.; von unbilde über mein volck Tauler
serm. 51
b; disen auszlauff .. hat mir der unbill abgenOett Franck
chr. (1531) 354
a. IIIIII.
sprichwörtlich: alt unbild bringt ein newen schaden Sachs 4, 103, 21
K.; Graf-Dietherr 286;
vgl. unbilligkeit; unbill wird mit billicheyt gestilt und überwunden Franck
sprw. 1, 31
a; unbill reche mit geduld 1, 60
b; Schottel 1126; Schellhorn 109; unbill heylt man mit vergesz
sprw. (1548) 154
a; ja billich sagt im sprichwort jr, unbill stos auf die thür Fischart
rev. matin 73, 2
Kurz; der unbill bricht mir auf den mund
flohh. 79; das unbill und die wahrheit reissen mir das maul auf Schottel 576; unbill thut wehe Dentzler 323
a; Stieler 151.