überkommen,
v. II.
in untrennbarer verbindung. die aus der sinnlichen bedeutung des bewegungsverbums und der partikel früh erwachsenen abgezogenen gebrauchsweisen überwiegen seit ältester zeit. daneben blieb aber doch auch der ursprünglich sinnliche bedeutungsinhalt von überkommen
zum theile bis in die gegenwart lebendig, während einzelne abstracte gebrauchsweisen wieder absterben; so ist die aus den keronischen gll. bei Graff
nachgewiesene verwendung ubarquimit
vituperat schon mhd. nicht mehr zu belegen, und auch die abstracten bedeutungen superare, accipere (
s. u.),
die vom 12.,
bzw. 14.
jahrh. ab rasch breite verwendung fanden, schränken sich im schriftsprachlichen gebrauche der gegenwart auf ein enges gebiet formelhafter verbindungen ein. I@AA.
transitiv. I@A@11)
supervenire, über jemanden oder etwas herabkommen, auf jemanden treffen, z. theil das moment der überraschung einschlieszend: unversehentlich über etwas kommen Dentzler
clavis ling. lat. 295
b ; einen unerwartet antreffen Kramer
hochniederd. wb. (1719) 219
a; eme were widderfaren dat den vursz buschoven overquam
städtechron. 13, 353; ewer hertz sölt sich frewen ..., wo ir unwissende lewt uberkempt, dasz ir in das wort gottes ... mittaylet Hans Sachs 22, 80
Götze; Jhesus uberkam ein eselin und reit drauff
Joh. 12, 14; er schwuor ..., das er ... wo er inen uberkäme, alles das gold der gantzen welt kündt im nit helffen, er wölt inen erhencken
Aymont (1535) d 6
a; so mein vatter das innen würde, so würde er uns nachfolgen. und so er uns uberkäme, besorge ich, er würde uns tödten lassen
buch d. liebe 37, 4; die schreiber ... hetten sich gern an Clawerten gerechet, wo sie denselben an einen gelegenen ort uberkommen mügen Krüger
Clawerts werckl. hist. 36
neudr., einholen: der weinzepffer loufft Vlenspiegel nach und überkumpt in uff der strassen
Eulenspiegel 90,
neudr. I@A@22)
aus 1)
entwickelt: überfallen, dann weiter überlisten, überwinden, zwingen; mit persönl. obj. mhd. und älter nhd. allgemein, in der neueren sprache wird der gebrauch eingeschränkt. überkommen,
overweldigen, overmeestern, overmannen Kramer
hochniederd. wb. (1719) 220
c. a) eine stat, den feind
u. s. w. überkommen: si (
die räuber) heten eine gewonheit: swer für gie oder reit, den si mohten überkomen, dem was schiere benomen bêdiu guot unde lîp Konr. v. Fuszesbrunnen
kindh. Jesu 1512
Kochendörffer; swaz des gezoges alles sî, dâ er ein dorf mit überkumt. Helbling 1, 594; besich ob du Georium mügeszt überkummen oder überwinden
d. summerteil d. heyligen leben (1472) 16
a; als nun herr Wigoleis zu Lyon obgesiget, und land und leut überkommen und erobert hatte
buch d. liebe (1587) 395
c; wie Odoacar Rom überkommen hatt mit gewalt
Judas Nazarei 16
neudr.; ist es dann sach, dasz ich in überkom und in slach oder töd, so werdent ir unsre knecht
bibliothek älterer schriftw. d. Schweiz I 1, 8; wann zwen mitt ainander kriegen umb das chönigreich und welcher den andern überchömpt und in zu gefancknusz pringt, so nympt in dann der ob ist gelegen Schiltberger
reisebuch 65, 12; hat er sich dahin bedacht, das er die feindt mit list uberkäme Xylander
Polybius (1574) 164; diesem nach rückte der könig vor das haus Clempenow und überkam dasselbe glücklich in geschwinder eil Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 118. b)
verengt: eine frau überkommen,
vergewaltigen, coire mhd. wb. 1, 905
b; wenn ein maydt yemants vermächlet ist und ein man überkumpt sy in der statt und schlafft bey ir
Zürcherbibel (1531)
5 Mos. 22
c; während die störchin brütete ..., kam ein fremder storch, buhlte um die störchin und überkam sie zuletzt Grimm
deutsche sagen 2, 112; wer er bey der herzallerliebsten mein ... er hett sie wol uberkommen
volkslied. 122, 21
deutsche texte d. ma. 5, 135; I@A@2@cc)
oratione superare Haltaus (1758) 1818;
persuadere, überreden Scherz
gloss. 1700.
belege seit dem 13.
jahrh.: doch überkam er (
Wilhelm) sie (
die hofleute) mit bet, das es ieglicher tet
Wilhelm v. Orlens 3549; er lie sich überkomen siniu kint, daʒ er den sun geben wolde
myst. 1, 400, 36; also schickt der kayser Julius boten zuo in und überkams mit gütigen worten (
ca. 1470)
städtechron. 4, 284; do Dagrianus also durch semlich rede des freulins ward überkommen, nam er ir hant
N. v: Wyle
Marina in zs. f. d. a. 29, 336; Barbali, du hast mich überkon! du redst so gruntlich und wol darvon, dasz wirs sehen und grifen muessen
N. Manuel
Barbali 1409.
mit gen.: wirt er des uberkommen und beredet
städtechron. 17, 14;
mhd. allgemein: ichn kunde in nie des überkomen, daʒ er hie langer wolde wesen
Iwein 5954; die grîsen hânt michs überkomen, diu werlt gestüende trûreclîcher nie Walther 121, 33; ob dich die liute frâgen, wâ du habest daʒ kint genomen, ich meine ob eʒ sî funden, des lâ dich nicht überkomen, daʒ ich eʒ her fuorte
Wolfdietrich A 119; I@A@2@dd) jem. mit gelt überkommen,
bestechen: ihr sehent ... das wir unser rittere hant mit gelte überkumen
städtechron. 9, 505; do muost ich (
bischof Berthold) üch mit gaben überkummen, daʒ ir mich lieszent ungesumet Closener
Straszb. chron. 92
städtechron. 8. I@A@2@ee)
überführen, überweisen, mhd. belege bei Lexer
a. a. o. und Haltaus
a. a. o.; coarguere, reum facere Stieler 1006;
von Adelung 4, 759
und Heynatz
antibarb. (1796) 2, 492
als veraltet gebucht. und wo er die mitt der warheytt uberkame und betratte, die liesz er hengen, entheubten, ertrencken
beleg bei Haltaus
a. a. o.; uberchumet man in des, daʒ er den wîn gevelscht hat, sô schol er uns unde der stat eine mark geben
bischöfl. satzungen über das eidgeschosz in Zeitz (a. 1322) 1, 69
Bech; wir wollen ouch, daʒ nîmant melze noch bruwe, er schulle zên mark vorschozze (
versteuern), tut erʒ überdaʒ, sô hât er daʒ bîr verloren gegen deme râte, ob mans in überchumet
ebenda 1, 38; we de ghyffte van wem neme, des me ome overkeme, unerlick scholde he werden
städtechron. 16, 143.
mit doppeltem acc.: wie yhr mich das uberkumet mit auszgedruckter schrifft, wil ich mein yrthum widerrufen
reformationsflugschr. 1, 73
Clemen. I@A@2@ff)
in weiterer verwendung: do muostu natur mit natur tœten und überwinden ... daʒ muostu als zuomole überkummen Tauler 17, 17
Vetter; (
menschen, die) mit ruwen irre sünden den tüfel überkummen hant
quelle bei Schmidt
elsäss. wb. (1901) 366
a; daʒ er (
der mensch) ... sein fleischliche gier, als seinn todfeind, überkome, erober, peynig und fancklich behalte Berth. v. Chiemsee 229. eine arbeit, mühsal überkommen,
überwinden: ein ding mit grosser arbeit überkommen und überwinden Frisius
dict. 485
a s. v. evado; ich bin yetz der gefaar entrunnen, ich habs überkommen,
defunctus iam sum 379
b.
mhd. allgemein: wir suln sî (
die swære) mit im (
mit Iweins hilfe) überkomen
Iwein 4772; ouch hât diu vrouwe und ir lant von sîner gehülfigen hant alle ir nôt überkomen
Gregorius 2177; man sol mit im (
gott) alle nôt harte wol überkomen Thomasin
welscher gast 10565; darumbe ratet mir, wie ich sül die arbait überkomen die ich han von in genomen
Wilhelm v. Orlens 12323.
nhd.: du solt fliehen, und dich entziehen der bösen begirden, dadurch magstu den lust uberkummen Keisersberg
sünden des munds 12
a; als er (
der patron des schiffs) kein hoffnung hat, dise sturmwind zuo uberkommen Boner
Plutarchus teutsch (1534) 40
b; ich hab ja gesagt, du wirst den weiten weg nicht überkommen mögen Rosegger
schr. 6, 61; der alte mann hatte ... eine prise genommen, um die rührung ... schneller zu überkommen Spielhagen 1, 217.
zeitlich gewendet für überdauern: nieman kan sînen tac oberkumen noch gelengen Heinr. v. Hesler
apokalypse 3865; wand uberkämest drysig jor und sächs, ich dir anzeigung gab, so wurd dir got von oben ab grosz glück und heyl uff erden geben Gengenbach 89
Gödeke; und kein zu frühe frucht kan, wan man schon mit müh sie lang behaltten wolt, den winter überkommen Weckherlin
ged. 1, 438. I@A@33)
aus 1)
und 2)
entwickelt sich die bedeutung '
in die gewalt bekommen',
dann überhaupt: erlangen, erwerben, erhalten, empfangen; seit dem 14.
jahrh. allgemein, vgl. Lexer
a. a. o., in den wbb. vom 16.
jahrh. ab stets verzeichnet, z. b. Diefenbach
gloss. 10
b; 13
a; 136
c; 144
a; 374
c; 390
c s. vv. aquirere, adipisci, comparare, consequi, nancisci, obtinere; Alberus (1540) Hhj
a;
accipere Frisius
dict. 16
b;
erlangen, bekommen Calepinus (1598) 24
b; 32
b; 713
a; 900
a; 931
a; 1025
b; Megiserus
thes. (1613) 30
b;
bekommen, kriegen Emmelius Tij; Gueintz
deutsche rechtschr. (1666) 92; Kramer (1678) 1070
a; Rädlein (1711) 904
a; Frisch
dict. (1719) 568; Steinbach 1, 906; Ludwig
teutsch-engl. wb. (1765) 1791;
nach Adelung 4, 759
eine bedeutung, welche im hochd. zu veralten anfängt (
s. aber u. c). I@A@3@aa)
der alten bedeutung 1)
stehen fügungen am nächsten, in denen überkommen
soviel bedeutet wie in die gewalt bekommen, erwerben, potiri, usurpare, vgl. Diefenbach
gloss. 450
b; 631
b;
nov. gloss. 299
b; Garthius 586
b.
noch Heynatz
antibarb. a. a. o. fühlte vor allem diese bedeutung in ü.
und vermochte daher der freien verwendung von überkommen
bei Luther (
s. u. b) nicht zu folgen. schandtlich überkon, schandtlich verthon,
male parta, male dilabuntur Frisius 947
b; wenn ichs verspiel, was leyt daran? leicht uberkommen, leicht verthan Jost Amman
kartenspielb. (1588) 33; da er nun mit seiner betriegerei vil geltz überkam
städtechron. 23, 43; was du mit gut uberkumen magst, des erlass dich kriegs 3, 289; alle ... wöllend lieber rychtuom überkomen mit übeltuon Riederer
spiegel d. waren rhetoric (1493) e 4
b; was der mensch nit mit krefften überkomen mag, das tuo er listig mit syner vernunfft Steinhöwel
Äsop 358; die da mit unrecht und boszhait überkommen haben zeitlich guot Keisersberg
schiff d. penitentz 13
a; sie (
die Germanen) achtens gar für unehrlich mitt schweisz ... zuo überkommen, das man mit bluot und kriegen erobern mög S. Franck
chron. Germ. (1538) 7
a; lieb überkompt man mit lieb
sprüchwörter (1545) 1, 9
a; wiewol er sonst nichts gehabt weder was er täglich mit saurer arbeit überkommen Montanus
schwankb. 12, 6; sie ... uberkamen grosse beute Schütz
hist. rer. Prussic. 1 E 4
b; der wolf auch sich nicht scheuet einen smalen balken anzugehen, nur damit er die hüner überkomme
Reinicke Fuchs (1650) 126; da hub der sohn an und liesz sein erz schmelzen, überkam grosz gut damit und baute Zähringen Grimm
deutsche sagen 2, 135.
passiv: und ob dein brot gleych wirt mit not und kommer überkommen
deutsches kirchenlied 3, 50
Wackernagel. I@A@3@bb)
der begriff des gewaltsamen oder mühsamen erwerbens liegt nicht immer in überkommen.
es ist seit dem 15.
jahrh. synonym dem '
gewinnen, empfangen, erhalten'
; daher auch: kinder überkommen Maaler 444
c; hoffnung überkommen,
in spem venire Calepinus (1598) 694
b; grün laub ü.,
frondescere 590
a u. ä. I@A@3@b@aα) überkommen
wird dem haben gegenübergestellt: ich weisz wol was ich habe, aber nicht was ich überkomme
schöne weise klugreden (1548) 29
b; ich will auch zuo dem allem dich und dein weib dermassen versehen, das ihr ewer narung mit besserer rhuo überkommen und haben solt dann biszher Wickram 2, 270. I@A@3@b@bβ) kinder, freunde, anhänger ü.
u. ä.: Agrippa Sylvius ... der überkam eynen son Romulus Sylvius genant Carbach
Livius 2
b; und wenn ainer ain schönen buolen überkam, so wolt der ander noch ain hübschere haben
Fortunatus (1509) 17
neudr.; M. Luther überkam von tag zu tag mer anhenger
Weissenhorner historie (1533) 57
in Baumann quellen z. bauernkr.; Democritus pflegt zu sagen, das wer einen redlichen tochterman überkomme, der het einen son gefunden Fischart
phil. ehzuchtbüchlin 198
Hauffen; do fieng ich an ... schuol halten, ... uberkam by drissig schuoler Thomas Platter
selbstbiographie 62; die reichen ... können bald einen freund überkommen, aber auch denselben bald wider verlieren Butschky
kanzlei 415; vor allen dingen soll sich ein hausvatter befleiszigen ..., dasz er ... fleiszig gesind überkomme und so er es hat, erhalte Hohberg
georgica cur. aucta (1715) 3, 83
a;
archaisierend: meine gebete zum himmel sind nur der wunsch, dasz ich sie (
Magelone) zum ehelichen gemal überkommen möchte Tieck
schr. 4, 314;
wörtlich nach Pauli
schimpf u. ernst 16: Grete back' küchlein; ich habe einen gast überkommen Aurbacher
ein volksbüchlein (1835) 112. I@A@3@b@gγ)
mit sachobj.: wo ich nachts uberkom ein stro, bin ich mit weib und kinden fro Hans Sachs 9, 20
Keller; der die warheyt sagt, kan kein herberg überkommen S. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 170
a; er hatte ein stock in die handt überkomen ... und schlug vil
städtechron. 27, 153; und leid der convent grossen hunger ..., dass si vil kilchenkleinot musstend vertun, die narung ze überkommen Tschudi
chron. Helvet. 1, 30; bei der Albrecht Dürerischen sammlung will ich so viele blätter als mir stücke fehlen frei lassen und die nummern drauf schreiben, dasz du sie, wenn du sie künftighin überkommst, nur einkleben darfst Göthe
an Lavater 67. I@A@3@b@dδ)
mit abstractem obj.: ein grausen und hefftig abscheuhen uberkommen Calepinus
a. a. o. 6
a s. v. abhorresco; (
Tobias,) der da sein gesicht widerumb überkam do man im vischgall auf die augen legt Keisersberg
schiff d. penitenz 34
d; uff das nit der lyb überkum die ewige verdamnusz
bilgersch. (1512) B 3
d; wer gots ordnung widderstrebt, der wird das verdamnis uberkomen Luther 18, 303
Weim.; bleybstu drüber tod, wol dyr, seliglichern tod kanstu nymer mehr uberkomen 18, 361
Weim.; hilff gott, das wyr eyn mal rechten glawben ubirkummen 8, 234
Weim.; der poet Antipater ... uberkam alle jar daʒ feber an seinem geburtstage Heyden
Plinius (1565) 69; und als sy beyde lang mit einander hetten geredt, do uberkame die schön Magelonna grossen willen zuo schlaffen Warbeck
Magelone 39
Bolte; keyser Nero, welcher einen lust uberkam zu geberen wie ein weib Albertinus
zeitkürtzer (1603) 51
b; die warheit wird dich frey machen ..., damit du das ewige leben uberkommest Arnd
Thomas a Kempis übers. (1631) 149; als mein rittmeister in einer rencontre blieb, überkam ich dessen stelle
mediz. maulaffe (1719) 63; welcher gesund bleiben und ein hohes alter oder langes leben überkommen will
allgem. haushaltungslex. 2, 193
b; (
der neue direktor) glaubte ... mit seiner würde auch alle nöthige einsicht überkommen zu haben Göthe I 21, 250
Weim.; der körper, der eine lebendige kraft überkommt Kant 8, 164; der lehrer Albin Tegner hatte ... die dritte classe überkommen Rosegger
schr. 3, 199.
ungewöhnlich ist in dieser fügung die perfectumschreibung mit sein: vil begerent der tugent nachzukummen, aber wenig seint sie überkommen
quelle bei Schmidt
elsäss. wb. (1901) 366
a. I@A@3@cc) von jem. etwas überkommen,
erben, u. ä.; der neueren schriftsprache noch durchaus geläufig, während die verwendungen a)
und b)
heute veraltet sind: zu dem reichen vermächtnisz von wahrheit, sittlichkeit und freyheit, das wir von der vorwelt überkamen und reich vermehrt an die folgewelt wieder abgeben müssen Schiller 9, 99; die ganze christliche welt hatte von den letzten heidnischen sophisten lust und leidenschaft überkommen, mit worten statt handlungen zu gebahren Göthe I 41, 2, 316
Weim.; wie ihr euer gewerb von euern eltern überkommen habt, so laszt ihr auch das regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag I 8, 206
Weim.; epische, lyrische und dramatische poesie haben die Römer von den Griechen überkommen Hegel 10, 2, 116. I@A@3@dd)
part. prät. überkommen,
erhalten, empfangen, erworben, ererbt: uberkomne freundtschafften,
partae amicitiae Frisius
dict. 83
b; dein uberkumne kunst macht dir ein gute augenmasz Dürer
menschl. proport. (1528) Tiiij
b; das römische reich in denen überkommenen schrancken zu erhalten Lohenstein
Arminius 1, 6
b; die (
durch einen stosz) überkommenen geschwindigkeiten Kant 8, 199; die religion selbst ist eben darum so tief herabgesunken, weil sie bei den meisten menschen als ein blos überkommenes erbstück im gedächtnisz haftet G. Forster
sämtl. schr. 3, 330; die mit der ... scholle überkommene bestellungsweise Mommsen
röm. gesch. 1, 175; gewissen, religion und alle überkommenen begriffe Schopenhauer
werke 1, 512
Grisebach; das von den alten überkommene erbtheil Justi
Winckelmann 1, 270; doch doppelt ist der gott, der glaube doppelt auch hier selbstentglommner trieb, dort überkommner brauch Rückert
werke 8, 54; die herkömmliche art und weise volksscenen einzurichten, ist eine überkommene Freytag 14, 212.
substantivisch: werke ..., deren verfasser auch wiederum das überkommene selbständig ... fortzubilden sich bemühten Ritter
erdkunde 2, 21; von dem überkommenen aus neues zu schaffen Jahn
Mozart 4, 714; maximen und theorien, die er (
Karl I.) von seinem vater aufgenommen hatte, und als etwas überkommenes betrachtete Ranke
werke2 15, 276. I@A@44)
aus 1)
erwachsen: nacht, wetter, eine gemütsbewegung
u. s. w. überkommt,
befällt jemanden. die nacht überkam uns (
vulgata: nox supervenit)
apostelgesch. 27, 27
erste deutsche bibel ist wohl hier, sowie apostelgesch. 4, 1; 11, 27; 14, 19; 21, 20; 23, 27,
ferner Johannes 6, 23;
Luc. 2, 38; 11, 22; 21, 35;
ps. 89, 10;
Levit. 26, 10;
exod. 2, 17
u. s. w., wie schon ahd. (
Tatian 146),
unfreie übersetzung des supervenire der vulgata. Luther
setzt hier überall das simplex kommen.
vom 16.
jahrh. ab aber und insbesondere in der sprache der gegenwart wird überkommen
in dieser verwendung allgemein: indem überkam der schlaff disen man
buch d. beispiele 3; schwere reu ihn überkam Arnim
werke 13, 177; eine starke freude hatte sie überkommen bei seinem anblicke Laube
ges. schr. 15, 250; zaghaftigkeit und bangen überkamen ihn Auerbach
schr. 17, 163; ein gefühl des neides überkam mich Hebbel
tagebücher 2, 148; im selben moment ... überkam ihn ein lachen Fontane
ges. werke I 4, 319; mich überkam ein verlangen Storm 5, 90; ein glühender wunsch ..., der stadt zu entfliehen, überkam mich Holtei
vierzig jahre 1, 407.
unpersönlich: es überkam oder überfiel mich plötzlich Ludwig
teutschengl. wb. (1765) 1791; als er den offenstehenden flügel sah, überkam es ihn plötzlich. wie trunken griff er in die tasten Storm
werke (1899) 1, 168; es überkommt mich heisz, kalt Staub-Tobler 3, 271. I@A@55)
über jem. oder etwas hinaus kommen, jem. überholen: der hund überkommt den hasen Staub-Tobler 3, 272; der valke überkam den arn
quelle bei Schmeller 1, 1248.
bildlich: übertreffen, es einem zuvorthun Stör (1650) 498
b; Rädlein (1711) 904
a.
mhd.: iegelîch geslähte dûhte sich sô mähtech daʒ sie niemen solte uberkomen
kaiserchron. 13659; unde aller singer kunst, wiltu die eine überkomen, so wirt der wîsen gunst dir in vil kurzer frist benommen Herman der Damen
bei Hagen minnes. 3, 168
a; einen an êren überkommen,
s. Lexer
a. a. o.; ohne ergänzung: zwene heilige bruder baten unsern herren got, das er sie lieʒe wiʒʒen, zu welcher maʒe (
von heiligkeit) sie kumen weren. do sprach ein stime: Eucharistius ein werltlich man und sin wip ... sint uberkumen
veterbuch 9, 2
Palm. mit dat.: zuvorkommen, entkommen (15.
jahrh.): du solt allen gevengnissen überkummen und enbunden sin Tauler
pred. 39
Vetter. I@BB.
intransitiv. I@B@11)
herüber-, hinüberkommen, dann hinkommen, ankommen. mhd. belege in mhd. wb. 1, 905
b;
auch die neuere sprache kennt und gebraucht ü.
in dieser bedeutung als untrennbare verbindung noch neben überwiegender verwendung trennbarer composition (
vgl. Heynatz
antibarb. a. a. o.: ich hoffe in der nächsten woche zu überkommen),
besonders im part. prät.: die waare ist glücklich überkommen oder angelanget Ludwig
teutschengl. wb. (1765) 1791.
nicht in allen belegen läszt sich entscheiden, ob trennbare oder untrennbare verbindung vorliegt (
vgl. u. II A 1).
mhd.: die Unger bat er (
Rudolf) flîziclîchen, swen si die botschaft vernæmen, daʒ si zehant überkæmen (
über die Donau) Ottokar
chron. 15354.
nhd.: inmittelst h. Johan Oxenstirn ... nacher Pommern überkommen und den vier und zwantzigsten zu Stralsund angelanget war Chemnitz
schwed. krieg 4, 1, 72; mich deücht auch, dasz das meine (
mein schreiben) gar geschwindt überkommen ist E. Ch. v. Orleans 2, 39; ich hoffe die 20 man werden wohl überkommen sein Friedrich Wilhelm I.
an Leopold von Anhalt-Dessau (4. VII. 1719) 153
Krauske; er (
hauptm. Diebitsch) war so gütig, für herrn Voss etwas mitzunehmen; von welchem ich sehr begierig bin zu hören, ob es gut überkommen Lessing 17, 213; das versprochene blat des hamburgischen Correspondenten überkomt anbey Gleim
an Uz briefwechsel 219; lassen sie mich ja wissen, ob alles wohl überkommen ist und nichts gelitten hat Zelter
an Göthe 1, 161.
hierher wohl auch: das gut (
die waare) also einzupacken, damit es unbeschädigt überkommen möge Menantes
allerneuest. art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 564; die unsern segelten nach Syrien zu, da sie in etlichen stunden glücklich überkamen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 61; worauf der graf denen ruderknechten befahl, fleissig daran zu sein, dasz sie bald nacher Sicilien überkämen Melissus
graf Rifano (1722) 5; (
ich) war bis Dover gekommen ... ehe mir die idee davon in den kopf kam, ... dasz ich ohne geleitsbrief nicht überkommen könnte Bode
Yoricks empfinds. reise (1788) 2, 12.
in bildlicher verwendung: sanct Hieronymus geschrieben hat, die buose sey die andere taffel, damit wir müssen ausschwymen und uberkomen, nach dem das schiff gebrochen ist, darein wir tretten und uberfaren, wenn wir yn die christenheit komen Luther 30, 1, 221
Weim. (
oder liegt hier trennbare verbindung vor?) I@B@22)
jemandem über den hals kommen, dann weiter mit abstr. subj.:
zustoszen, zukommen, zu theil werden, mit dat. der person: da mir war ellend uberkommen, schreit ich zuo dir mein gott und herr
kathol. kirchenl. 3, 163
Kehrein; ob mir gleich ein plötzlich unglück überkam Brockes 3, 687; der regen rauscht und morgen steht die welt im vollen frühling, wie ein mädchen, dem die erste liebe plötzlich überkam Uhland
Ludwig der Bayer 111; bin auch willig ... alles zu leiden, was mir durch zulassung deiner gütigkeit überkommen mag Schupp
schr. (1663) 458; wie nun, wenn mir dieser oder jener zufall überkäme? Bode
Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 250; in seinen liebkosungen, in seinen thränen überkam ihr wieder besinung und erinnerung Arnim 8, 151; da den Griechen alles grosze was sie verarbeiteten von in kasten getheilten nationen überkam W. Humboldt
ges. werke 1, 20; die Czartoryiski, die Sangusko und Wisniowiecki waren die einzigen als fürsten anerkannten häuser, welche bei der vereinigung Litthauens mit Polen dieser republik ... überkamen Moltke
ges. schr. u. denkwürdigkeiten 2, 76. I@B@33)
jem. zuvorkommen, entkommen, s. o. I A 5. I@B@44)
übereinkommen, convenire. Lexer
a. a. o.; voc. theut. (1482) hh 6
a;
pacisci Calepinus
undecim ling. dict. (1598) 1010
b;
sich vergleichen Hulsius (1605) 143
b. I@B@4@aa) do überkam men in dem rote, welre in ersteche oder in gevangen brechte, dem wolte men geben 15 gulden
quelle bei Haltaus 1818; man ist uff dem gemeinen rade ubirkommen, wo ein man adir ein frawe in einer zunfft ist, der ensal der zunfft nicht dynen
Frankfurter zunfturk. 1, 1; nun hæt der graf von Flandern diu bœsen mære vernomen, der Karlot wære überkomen, daʒ er wolt ubel tuon den kinden Ottokar
steir. chron. 3480.
meist mit jemand ü.,
pacisci cum aliquo Schöpper
synon. (1550) g 6
a; mit eim handlen und überkommen Frisius
dict. 367
b; Megiserus
thes. 2, 189
c; Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 295
b;
von Adelung
unrichtig als trennbare verbindung behandelt; ich ... bekennen, daʒ ich ubirkumen bin mit Ludewige Ubilackere mime nebin, also daʒ ich dem selbin ... hon gegebin alliʒ daʒ gud (
a. 1351)
hess. urkundenb. I 2, 577
Wyss-Reimer; bin ... mit meinen rhäten überkummen, das ich euch wilforen soll Wickram 1, 51; am pfingstabent uberkamen die reinischen und swebischen stet zu Heidelberg mit den herrn und wart der krieg verricht
städtechron. 3, 294; darnach ... waren der kötzer 14, die überkomen mit dem bischoff und gaben im 70 guldin
chron. d. Burkard Zink in städtechron. 5, 46; die weisen, die sich selber weisz geduncken, mit denselben kan nyeman überkomen, sy maynen allwegen, ir syn sy der aller best Keisersberg
has im pfeffer (1510) Cc 4
b; die lyberey der heidnischen bücher hat er zu kauffen geben eim guotten fründt, und ist mit im uberkummen, er solt im teglich 4 heller geben Caspar Hedio
chron. Germ. (1530) H 6
b; da ergaben sie sich dem keyser und überkamen mit im S. Franck
chron. Germ. (1538) 193; und ... überkam ich mit dem portugesischen oberkauffmann auf dem schiff, dasz er alles mein gelt annehmen, ... mir aber solches in Portugal wieder zustellen ... solte Grimmelshausen
Simpl. 2, 946
Kögel. mit gen.: so han wir altesamen des overkomen mit eyme gemeyne rade, dat wir dat doen willen
quelle (
a. 1352)
bei Haltaus 1818; mit den eyns bundes zu ubirkommen
quelle (14.
jahrh.)
bei Diefenbach-Wülcker 881; (
sie) überkamen eines gemeinen landfridens
quelle im anzeiger des germ. mus. (1860) 408.
mit acc. eines neutr. pron.: es haben mein rett das uberkomen und erkannt, das unser kinder zu wenig haben an der herschaft Eyb
Grisardis zs. f. d. altert. 29, 416; rente und gevelle, als wir daʒ zu disem male uberkomen sin
quelle bei Diefenbach-Wülcker 881.
reflexiv: ich mag meinen feint nit lieben ... ich mag mich nit mit im uberkumen Keisersberg
baum d. seligkeit 9
b. I@B@4@bb)
übereinstimmen, gleicher meinung sein: darin overcomen alle historienschriver, dat ...
städtechron. 13, 336; wie wol sie (
die ärzte) darin all einhelig uberkumen, das ... Murner
bei Hutten opera 5, 403
Böcking. IIII.
in trennbarer verbindung. II@AA.
intransitiv. II@A@11)
hinüber-, herüberkommen. mhd. übere komen
mhd. wb. 3, 169,
z. b.: so wir komen übere in daʒ Guntheres lant
Nib. 488, 4.
in der neueren sprache neben untrennbarer verb. in gleicher bedeutung (
s. o. I B 1),
vgl. Kramer
hochniederd. wb. (1719) 219
a; Steinbach 1, 906; Adelung 4, 759;
vgl. auch Stürenburg (1857) 163
b; der feind ... fassete posto an der Leybus ... welches ein sehr vortheilhaffter pas, da so leichtlich ... in gegenwart einer armée, nicht überzukommen Chemnitz
schwed. krieg 2, 41; Essex ... kömmt ... nach England über Lessing 10, 9; am gestad des bächleins lief es (
das wiesel) hin und wieder und konnte nicht überkommen Grimm
deutsche sagen 2, 82.
sprichw.: de bi de haar aver de thun (
zaun) kummt, kummt der ook aver Kern
u. Willms
Ostfriesl. (1869) 50.
der bedeutung ankommen sich nähernd: ausz meinen ... briefen werden e. l. wol vermerken das ich ... glücklich bin übergekommen (
a. 1654)
archiv f. kulturgesch. 7, 167; für die gläser, die gantz wohlbehalten übergekommen sind, dancke ich Lichtenberg
briefe 2, 115.
metaphorisch: eine lange gewohnheit, durch die der mensch vom hang zum laster ... in einen entgegengesetzten hang übergekommen ist Kant 6, 209.
trennbare verbindungen (
doch vgl. o. I B 1)
sind vielleicht auch folgende belege: (
sie) logen 6 tage am habe (
haff), e sie obir qwomen
Marienb. treszlerb. 326, 15; eine furt ..., da er kundte uberkommen Schütz
hist. rer. Prussic. (1592) 2 M 4
e; er solte eine brucken über diesen flusz machen lassen, ... damit grosze herrn in gutschen und sänften nach ihrer bequemlichkeit überkommen könten Harsdörffer
gesprechsp. 3, 10; wo der zaun am niedrigsten ist, können schelmen und diebe leicht überkommen
alamod. techn. interim (1675) 347. II@A@22)
vorüber-, vorbeikommen, örtlich und zeitlich: da schmucket ich mich inn ein klufft, zu warten in des staines grufft, bisz das schwer wetter uberkhem Hans Sachs 5, 310
Keller. II@A@33)
mit dat.: zustoszen: hüm kummt alles över Stürenberg (1857) 163
b.
sonst in dieser bedeutung meist untrennbare verbindung (
s. o.). II@BB.
transitiv für überwinden, überstehen, landschaftlich (
vgl. Staub-Tobler 3, 271; Schmidt-Petersen 10
a),
wie auch für bekommen, erhalten (Hunziker 270; Martin-Lienhart 1, 441)
neben untrennbarer verbindung: wenn man ins feuer brunzt, so kommt man blattern über Kirchhofer
schweiz. sprüchw. 306.