tünche,
f. ,
ahd. tunicha (10.
jh.),
s. u.A 2 a;
mhd. tunicha, tuniche (12.
jh.), tunche (13.
jh.),
s. u.A 1;
frühnhd. tünche Frischlin (1591),
s. u.A 2 a;
mit anl. lenis: dünche Dasypodius (1547) C 3
a; Hulsius-Ravellus (1616) 87
b;
ohne umlaut des stammvokals: dunche Henisch
teutsche spr. (1616) 765.
die ursprüngliche dreisilbigkeit erscheint früh gekürzt, einerseits durch synkopierung des schwach betonten mittelvokals -i- (
s. o.),
andererseits durch abfall des endvokals -e,
der teilweise zum genuswechsel und zur abspaltung von tünch,
m., (
s. dort)
führt. tunicha '(
kalk-)
verputz, weiszer überzug, anstrich'
erscheint im 10./11.
jh. als rückbildung von tunichon (
s. u.tünchen)
neben dem älteren tunicha '(
unter-)
gewand' (<
lat. tunica),
das als gelehrtes lehnwort nur teilweise eingelautet (
s. Frings
Germania Romana [1932] 212)
und nur in wenigen unsicheren mhd. belegen (
Tristan als mönch 985
u. 1696
Paul, sitz.-ber. München 1896,
s. auch zfdph. 29, 343)
über das ahd. hinaus bezeugt ist. gegenüber sinnverwandten wörtern wie gips (
s. teil 4, 1, 4, 7537 [2 a]), kalk (
s. teil 5, 64), mörtel (
s. teil 6, 2594)
und weisze (
s. teil 14, 1, 1205[4]
im sprachgebrauch durchdringend, wird es ein geläufiges wort der nhd. schriftsprache. AA.
als (
bau-)
technischer ausdruck. A@11) '(
kalk-)
verputz, bewurf, überzug' (
vgl.tünchen A 1):
litura tunichunga (10.
jh.), tunicha, tuniche (12.
jh.), tunche (13.
jh.)
ahd. gl. 1, 644
St.-S. (
s. auch die belege bei Betz
dt. u. lat. [1949] 144); dünche
crusta, tectorium Dasypodius (1547) C 3
a; die tnch fällt ab
la tonica cade, la parete si scrosta, stonica, scanica, scalcina Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
b; wie er dieses grosze werk
[] (
leuchtturm auf Pharos) vollendet hatte, grub er seinen eigenen nahmen in den stein, woraus es erbaut ist; den nahmen des ... königs hingegen blosz auf den kalk, womit er den stein überzog, wohl wissend, dasz diese aufschrift in ziemlich kurzer zeit mit der tünche abfallen ... würde Wieland
Lucian 4 (1789) 143; an einigen stellen dieser rotunda (
in Rom) ist etwas vom anwurf der mauer geblieben, und dieser besteht aus eben der tünche, mit welcher brunnen, röhren oder gebäude, deren bestimmung war, wasser in sich zu fassen, beworfen wurden Stolberg
ges. w. 7 (1822) 178; das hämmern, mit welchem man die tünche von den mauern des hauses herab schlug Stifter
s. w. 7 (1916) 284. A@22)
oft weniger für den verputz in seiner gesamtheit als für die weisze, glatte auszenfläche der obersten putzschicht (
vgl.: tünche
letzte schicht des dreitheiligen putzes Mothes
ill. baul. 4 [1884] 379)
oder auch für den milchfarbigen baustoff des handwerkers. A@2@aa) '
weiszer überzug, anstrich' (
vgl.tünchen A 2 a):
paries dealbatus tunicha (10.
jh.)
ahd. gl. 2, 41
St.-S.; in dealbatione lutei parietis iu (
l. in) dero tunicho leimenero uuende Notker 2, 277
Piper; albarium, tectorium weisse, tünche Frischlin
nomencl. (1591) 324; man weisz, mit welcher sorgfalt die alten ihre mauern abtünchten, welche marmorglätte und festigkeit sie der tünche zu geben wuszten Göthe I 47, 239
W.; das haus ... lag starr unter der sommersonne wie ein vom lichte gebanntes tier: blätternde tünche, verschossene fensterläden und ein ungewöhnlich breites tor, dessen üppiges schnitzwerk unter schlechten farbschichten verschwamm
qu. v. 1926;
in dieser verwendung von '
bewurf'
ausdrücklich geschieden: die wände hatten ihre tünche, ja zum theil ihren bewurf verloren Immermann
w. 1, 51
Hempel; er (
der turm) trug noch nicht die verwitterte graue farbe seiner bloszgelegten steinmauern, wie heute, sondern war noch bekleidet mit anwurf und tünche Stifter
s. w. 1 (1904) 314. A@2@bb)
in der malerei (
bes. der freskotechnik)
bezeichnet tünche
den als malgrund für die (
wand-)
gemälde dienenden kalkbewurf (
vgl.tünchen A 2 c
sowie tünchgrund): die mittelbilder der wände, ob sie gleich auch auf tünche gemahlt sind, scheinen doch nicht an dem orte, wo sie sich gegenwärtig befinden, gefertigt worden zu sein Göthe I 47, 238
W.; das bild (
ein pompejisches wandgemälde) hat übrigens gelitten ... an dem weibe (
läszt sich) die farbe nicht mehr erkennen, da die tünche sich stark abgelöst hat Welcker
alte denkm. (1849) 4, 12; man näszt den grund tüchtig und gibt am besten noch eine kalktünche darüber. man kann in die nasse oder auf die trockene tünche malen, deckend oder lasierend
M. Doerner
malmaterial u. seine verwendg. i. bilde (1944) 247. A@2@cc)
als material des handwerkers, in neuerer zeit fast ausschlieszlich von der gewöhnlich durch pinsel aufgetragenen verdünnten kalkmischung, der kalkmilch: dunche, weisser kalch, gyps
alba calx, gypsus Henisch
teutsche sprach (1616) 765; tnche, darmit man die häuser weisz macht
de la chaux, gypsus et gypsum, vel calx ad dealbandos muros Duez
dict. germ.-gall.-lat. (1664) 530; die tünche ...
dasjenige, womit getünchet wird, der flüssige körper, welcher auf einen andern gestrichen wird, doch nur noch in engerer bedeutung, eine weisse aus kalk und wasser bereitete farbe, die wände und mauern damit zu bestreichen Adelung 4 (1780) 1103; tünchen ist das anstreichen einer fläche mit tünche, die aus kalk und wasser besteht Schönermark-Stüber
hochbau-lex. (1902) 850; (
die kalkmilch) hat als anstrichfarbe im malerberuf keine grosze bedeutung, desto mehr als tünche und mörtel K. W. Hild
d. weggenosse f. d. prakt. maler (
21927) 126. A@33)
farbanstrich (
vgl.tünchen A 3). A@3@aa)
zunächst wohl vom anstrich des mit farben versetzten kalks: an einem freien platze, den ein brunnen lebendig macht, zeigt sich in grauröthlicher tünche, die fenster mit schwarzen einfassungen umgeben, ein zweistöckiges haus, geräumig dem ansehn nach, aber durch nichts über das masz der wohnung eines wohlhabenden bürgers
[] hinausgestellt Immermann
w. 20, 87
Hempel; das wohnhaus, das zu dem gärtchen gehört, sieht nicht nach allen seiten so geschmückt aus, als nach der hauptstrasze hin. hier sticht eine blasz rosenfarbne tünche nicht zu grell von den grünen fensterläden und dem blauen schieferdache ab Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 141; des untern geschosses ... in dunkelbrauner firniszglänzender tünche Stahr
Weimar u. Jena 1 (1852) 33; die stelle links über dem fenster des stiegenhauses, wo die braunrote tünche ins gelbliche abgeblaszt ist Wassermann
Maurizius (1928) 445;
von der angerührten farbe des malers: eine lange schweinsborste, welche aus dem pinsel gefallen und in der blauen tünche stecken geblieben war; denn Jobst hatte ... einmal ein kleines restchen solcher tünche gefunden und ... eine viertelswandseite damit angestrichen G. Keller
ges. w. (1889) 4, 244. A@3@bb)
in erweiterung des anwendungsbereichs vereinzelt auch für '
schminke' (
vgl.tünch A 3
u. tünchen A 3 b): es ist ihr die tnch zimlich abgefallen ...
ella è diventata vecchia e brutta dopo essersi sbellettata longo tempo Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
b; hAette sie doch jederzeit angestanden, einige schmincke ... zu gebrauchen so wohl, weil sie es vor eine snde hielte, als auch andere mit einer berzogenen tnche zu betrgen
mediz. maulaffe (1719) 144; streicht ihr denn gleich mit brodt und kreiden und maulthiermilch die glieder an, so ist es doch um euch gethan, man kann die tünche nicht wohl leiden Triller
poet. betrachtg. (1750) 1, 90; so täuscht die alte buhlerin durch eine modische perrücke und eine tünche von carmin beym balle selbst des kenners blicke Pfeffel
poet. vers. (1812) 7, 89;
in neuerem sprachgebrauch nicht mehr üblich, vgl. noch: was wir gesehen haben, waren thönerne beine, und was wie gesunde fleischfarbe erschien, war nur aufgemalte tünche Nietzsche
w. (1895) 1, 275. A@44)
vereinzelt auch sonst für verschiedene arten von überzug (
vgl. auch: das gedüncht
opus tectorium, lorica testacea; ein vberzogen pflaster, als vber ein maur, oder ein glestung eins gschirrs, glasier Schönsleder
prompt. [1618] L 7
b): tünche nennt man einen überzug über mauern, wände, irdene waaren
etc.; sie besteht gewöhnlich aus mörtel, oder gyps, kalk, gummi
u. dgl. Poppe
technol. lex. 5 (1820) 350; tünche der irdenen pfeifen
ebda. BB.
metaphorisch, in verschiedener (
an tünche A
anschlieszender)
anwendung. B@11)
im vergleich: ... doch da kommt die not, die prüferin, und rüttelt an den herzen, dasz, wie die tünche von gemalter wand, der ganze lügenschmuck herunterblättert und jedes ding im eignen wert erscheint Geibel
ged. a. d. nachlasz (1896) 242; als sähe ich auf leerem platz statt eines baumeisters einen wahnsinnigen mauermann mit einem gefüllten tüncheimer stehen, der seine tünche aufs gerathewohl nach allen weltgegenden verquistet und gar nicht bemerkt, dasz es um ihn her an wänden fehlt Hebbel
tageb. 3, 93
Werner. B@22)
bildlich. B@2@aa)
auf konkreta verschiedener art bezogen: und umsonst nicht eifern jen' um die wette, mit wachs die luftigen spalten ihrer burg zu verkleiben, durch tünch' und blumen den eingang wohl zu verbaun (...
neque illae nequiquam in tectis certatim tenvia cera spiramenta linunt, sucoque et floribus oras explent) Voss
Virgils w. 1 (1799) 268; selbst dieses blut, das den boden zu bedecken scheint, ist eine schnöde tünche Prutz
gesch. d. dt. theaters (1847) 113; mit grober unschlittseife schäumte er mich ein, und dieweilen diese tünche trocknete, schliff er sein rasiermesser Rosegger
schr. III 3 (1905) 74;
in freierer anwendung des [] poetischen sprachgebrauchs findet sich auch: aber es vergiszt sich nicht so leicht, dasz unter der trüben tünche (
des regens) dieses licht und diese tiefe ist, die man gestern sah (13. 10. 1907) Rilke
br. 1906 -07 (1930) 376; ich bin drei stunden von Gibraltar ... — wie nichts in dieser stimmung versucht, einmal hinüberzufahren zu den mohren, anderseits fürcht ich, es legt sich dann eine tünche von licht über das dunkle, tonrote Spanien (17. 12. 1912)
ders., br. 1907-14 (1933) 256. B@2@bb)
auf abstrakta verschiedener bereiche übertragen; in mehreren bedeutungsschattierungen. B@2@b@aα)
oberflächlicher (
dem kern einer verhüllten sache nicht homogener und organisch verhafteter)
putz, anstrich: die höflichkeit ist die echte und rechte, deren mutter das wohlwollen ist; jede andere ist nur gesellige tünche Körte
sprichw. (1837) 214; die äuszere tünche der westlichen civilisation G. Spiesz
preusz. expedition (1864) 1, 282; die, welche eine andere richtung strenge bewahrten, standen als ein kleines häuflein einsam mitten im gewühl, und die zeiten, wo dieser zustand von grund aus mit einer tünche von anderen gesinnungen überdeckt werden sollte, liegen weit hinter Lionardo's todesjahr Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 47; wenn die hoheit und würde antiker ursprünglichkeit mit der modernen tünche subjektiven moralischen geschwätzes bekleckst ist E. Kapp
heimfahrt d. Odysseus (1850) ix; für ihn (
Karl d. Groszen) waren es natürlich christliche vaterländische lieder, insofern beziehungen auf germanische götter (
in den von Karl gesammelten heldenliedern) und germanischen cult längst ausgemerzt waren und christliche tünche darüber lag Braune in:
PBB. 21, 5; bei einem groszen teil der senatoren war die griechische bildung nur eine äuszere tünche; sie wagten sie nicht offen zu verachten ..., aber im kern ihres wesens waren sie davon unberührt Wilh. Kroll in:
forsch. u. fortschr. 9 (1933) 201; euer gedicht ... hat mir nie so recht gefallen, weil es etwas befehlendes, etwas moralisierendes oder schulmeisterliches hat. könnte man ihm dieses element nehmen oder vielmehr diese tünche abwaschen, so wäre es eines eurer (
Knechts) schönsten gedichte H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 2, 137; ausgesprochen konservativ war der Landeshuter katholizismus; gänzlich unberührt von jener demokratischen tönung oder tünche, die um jene zeit schon an süddeutschen zentrumsmännern recht deutlich wurde W. Hellpach
wirken in wirren 1 (1948) 47. B@2@b@bβ)
beschönigende (
einen häszlichen kern verdeckende)
hülle, aufputz, scheinwerk: der wollstling deckt seinen unflath mit der tnche der menschenliebe Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 430; du bist ein mensch, der mit gefäll'ger tünche die rohheit des gemüthes überzog Immermann
w. 15, 250
Hempel; gegen dieses verdorbene, faule staatswesen (
Frankreich), in welchem sich hinter gleiszender tünche die harte unfreiheit des mittelalters birgt, müssen wir (
Deutsche i. j. 1870) unser bestes blut setzen aus dem fürstenschlosz und bauernhofe Freytag
ges. w. 15 (1887) 379; für die millionenpartei war es (
das nazi-programm) eine oberflächliche tünche, die der wolkenbruch der 1942 beginnenden katastrophe bereits vor dem ende gründlich abgewaschen hatte Mueller-Graaf
irrweg u. umkehr (1948) 210;
vgl. auch: die wissenschaftstünche und darunter die nackte unwissenheit E. Kossak
Berliner federzeichn. 5 (1865) 71. B@2@b@gγ)
von äuszerer glätte der darstellung, besonders von der gleiszenden hülle rhetorischen wortgepränges: diejenigen ..., welche ... ja wohl gar sich unterstehen, das allertheuerste geheimnisz der durch den sohn gottes gestifteten erlösung der menschen mit einer poetischen tünche dergestalt zu überziehen, dasz ...
d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit 4 (1754) 640
Gottsched; ich bemerkte nur von seinen redensarten, er habe aus den neuesten schriftstellern der Franzosen eine gewisse tünche angenommen Zschokke
s. ausgew. schr. (1824) 23, 69; er (
der dilettantismus) gebraucht
[] bunte und leuchtende tünche (
beim dichten) Arent-Conradi-Henckell
mod. dichtercharaktere (1885) VI (
einl.); ich wüszte in der gesamten alten literatur kein buch zu nennen, das so unmittelbar, so frei von rhetorischer tünche wäre, wie dieses (
Marc Aurels tagebücher) J. Bruns
vorträge (1905) 316.