trollen,
vb. ,
gehen, sich begeben, fortgehen. bei Walde-Pokorny 1, 796
auf die idg. wurzel *der- '
laufen, treten, trippeln'
zurückgeführt, und zwar über eine germ. wurzelerweiterung *trus-,
wie sie mundartlich z. b. in ostfries. trüseln '
taumeln, stolpern, unsicher oder wankend gehen'
gefunden werden kann; danach ein *truzlōn
als vorstufe von trollen
möglich. engl. to troll '
to move or walk about or to and fro' Murray 10, 1, 393
c,
das vom 14.-17.
jh. bezeugt ist, wird gewöhnlich von frz. troller
hergeleitet und dazu das gleichfalls frz. trôler
verglichen, das in älterer zeit auch in der schreibung mit -ll-
begegnet, s. Godefroy 8, 83
b und Littré 2, 2, 2356
c.
näher aber liegt, an gemeinsamen westgerm. ursprung des engl. und dt. wortes zu denken, zumal wenn man 1trollen
und 2trollen
als letztlich identisch ansieht (
s. unter 2trollen);
denn in der bedeutung von 2trollen
kennt das frz. keine entsprechung; vgl. auch norw. trulla =
nd. trullen (
s. 2trollen).
die frz. worte selbst gelten als entlehnungen aus dem deutschen, s. Meyer-Lübke 2, 743
und Gamillscheg 868
b.
das von W. Grimm
unter drollen
angeführte dreulen
bei Schottel
und Stieler
gehört kaum zu trollen;
vgl. dazu druylen
suggredi, labenter sive clam ire Kilian (1605) 100
a und nl. druilen
wegsluipen wb. d. nl. taal 3, 2/3, 3477.
über das verhältnis von 1trollen
zu 2trollen
s. d. germ. anlautendes t
wird durch die allgemein mundartliche verbreitung von trollen
bestätigt. wo drollen
begegnet, wie z. b. im niederalem., ostfrk. und obersächs., liegt lenisierung vor, s. Ch. Schmidt
Straszburg 28
a, S. Brant
v. d. losen füchsen (1546) a 3
a, H. Sachs 6, 134, 14
lit. ver., Joh. Nas
antigratulatio (1568) 20
a, J. Ayrer, Luther (
s. teil 2, 1429
unter drollen 5), Basilius Faber (1587) 65
a, Lessing 3, 343
L.-M., Chr. Fr. Weisze
scherzh. lieder (1759) 138
u. a. m.; vgl. dazu Paul
dt. gr. 1, 321.
statt des o
findet sich ein u
im elsäss. und rhein., s. Martin-Lienhart 2, 754
und rhein. wb. 1, 1523;
ferner innerhalb des nd., so in einem denkmal des ausgehenden 16.
jh. bei Schiller-Lübben 1, 587
b und bei Dähnert
plattdt. 495.
vereinzelt trülle(n) (: fülle)
in einem denkmal des 15.
jh., das daneben auch trollen (
im versinnern)
hat, bei Liliencron
histor. volksl. 40, 1173
bzw. 710.
im deutschen seit dem spätmhd. bezeugt; vgl. auch zum gleichen stamm gehöriges abetrülle
in einer hs. des 14.
jh. in zs. f. dt. altert. 6, 384
und abtrüllig
apposteta in einem obd. voc. d. 15.
jh. bei Diefenbach
nov. gl. 28
b.
zunächst in absoluter verwendung und wie andere verben der bewegung mit haben
und sein
construiert, in reflexivem gebrauch seit beginn des 16.
jh. in der regel bezeichnet absolutes trollen
die blosze bewegung, während sich trollen
soviel wie '
sich entfernen'
bedeutet. mundartlich allgemein im hd., spärlicher im nd. bezeugt. literarisch mannigfaltiger in älterer zeit, seit dem 18.
jh. zurücktretend; vgl. die verpönung bei Breitinger
crit. dichtk. (1740) 2, 226,
auch Heynatz
antibarb. 2, 480.
in neuerer sprache hat das wort mehr umgangssprachlichen charakter, häufig mit komisch-, auch gutmütigspöttischem beiklang, s. auch Fischer
schwäb. 2, 397. 11)
soweit trollen
die bewegung von mensch oder tier, seltener auch fahrzeugen, bezeichnet, erscheint als bestimmendes moment weniger der grad der schnelligkeit als die art der bewegung. übereinstimmend mit mundartlichem brauch, etwa im bair., hess. oder nassauischen, hielt die in dieser hinsicht verläszlich unterscheidende waidmannssprache das wort für geeignet, das kurze traben des wildes zu bezeichnen, damit die kürze des schritts als ein kennzeichnendes merkmal des trollens
bestätigend (
s. u.).
vereinzelte mundartliche bedeutungen wie '
unsicher'
oder '
plump gehen',
beispielsweise im nassauischen und thüring. (Kehrein 1, 410, Hertel 247),
sind nicht als ursprünglich zu erweisen. secundär wird die mundartlich öfter zu belegende bedeutung '
mit eiligen schritten gehen'
sein, der aber verbindungen von trollen
mit langsam
entgegenstehen, wie im elsäss., vgl. auch die waidmannssprachliche verwendung. 1@aa)
in absolutem gebrauch. wie im engl. und entlehnten franz. ohne nähere zielrichtung: lasz gehn das vnglück, wie es wöll; die pestilentz vnnd seuche, bey tag, bey nacht, lasz immer trollen, von gott wil ich nicht weichen Selnecker
christl. psalmen (1587) 46; luog doch, wie sy dort ynher trollen, schauw, wiesz einandren nach nollen
schweiz. schauspiele des 16. jh. 2, 145
Bächtold; wie ich so auf dem sandhügel am flusz hintrolle, glitsch, so rutscht der plunder (
die böschung) unter mir ab Schiller 2, 118
G.; bisweilen fieng ich wieder an zu jauchzen und zu jolen und trollte (
beim hüten der geiszen) aufs neue sorglos über alle berge U. Bräker
schr. (1789) 1, 39;
mit entsprechenden adverbien: wenn du gleich hin und wider trolst Selnecker
christl. psalmen (1587) 6; die kutschen trollen hin und her Joh. Chr. Müller
tagebuch in pommersches jahrb. 12, 43; da sehe ich mich schon ... die besten gegenden der stadt auf und ab trollen
aus Schleiermachers leben 1, 274; der wolff fing auch zu beichten an ...: wie offtmals hab ich bey der nacht nach einem raub umbher getrollt Erasmus Alberus
fabeln 51
ndr.; der wolf habe kein lager, denn er trolle weit herum C. v. Heppe
aufrichtiger lehrprinz (1751) 106.
öfter mit nach: der hunger was in nit vergangen. ir maneger muoste nachtrülle, das macht kein überige fülle, und häte er zuo eszen sat, er wär im beine nit so mat und wäre vornen dran gewesen!
aus einem zeitgenössischen gedicht auf eine fehde um 1400
bei Liliencron
hist. volksl. nr. 40, 1173; die fraw im nach, trolt allgemach, rufft: 'halt den dieb, ich bin zu schwach!' Fischart
w. 2, 412
Hauffen; kopfschüttelnd trollte er ihnen nach H. Laube
ges. schr. 10, 59;
vgl.nachtrollen teil 7, 210. einen weg, eine strasze trollen
u. ä.: wer mit der welt den breiten weg trollt, der ist wol dran bey den leuten Lehman
floril. polit. (1662) 2, 908; ich trollte, vergnügt bis in die hosen, meine strasze A. L. Feuerbach
an seine mutter 1, 7; Michel trollte selbstzufrieden seiner wege
M. Meyr
erzähl. aus dem Ries 1, 74.
öfter aber auch mit einer zielrichtung: trolt her, liben gesellen Luther 20, 404
W.; sasz auf sein pferdt vnd trollt dem baumgarten gar schnell zuo
Hug Schapler (1537) 27; weil die jüden irer sünd halben jns babylonische gefengnis trollen musten, so tröstet sie Micha Draconites
von dem richter (1551) a 1
a; er trollte mit ihm nach der burg zu
F. Th. Wolf
Philipp Dulder (1793) 39; wie im traume trollten die bürger mit den schreienden soldaten zu tale Sperl
burschen heraus!
13 81.
in verbindung mit adverbien wie weg (
s. unter wegtrollen
teil 13, 3054), davon, ab, fort, hinaus
u. ä., zur bedeutung 2
überleitend: die pewrin troldt darvon. der pawr kumbt (
bühnenanweisung) H. Sachs 14, 173
K.-G.; dann trollte er ab und fand sich auch richtig auf eigne hand zu dem hause meiner groszeltern Bosse
aus der jugendzeit (1904) 38;
zu abtrollen
s. auch teil 1, 145; Crecelius
oberhess. 301, Woeste
westf. 274; er ist fortgetrollt Voigtel
wb. (1793) 3, 426
b;
elsäss. forttrollen Martin-Lienhart 2, 754; die müllerin mit frewden sehr sprach: wart mein herr! und trolt hinausz hinter die mül und grub da ausz ein hafen vol guter plapart (
münzen) H. Sachs 5, 107
K.; ich bezahlte meine rechnung und trollte zum tempel hinaus Seume
s. w. (1826) 2, 95.
häufiger begegnet im 16.
und anfang des 17.
jh. getrollt kommen: (
Maria,) die myt yr buchsen kommet gedrollet Luther 29, 280
W.; dieselben theten ihm andeuten, wie ein jud käm daher getrollt, der irrgendt ein betriegen wolt L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 101
ndr.; auch später: unverweilt, herr, komm ich wieder getrollt Joh. H. Voss
Shakespeare (1818) 2, 382;
öfter mit etwas getrollt kommen
in dem übertragenen sinne von '
mit etwas ankommen': darnach komen sie daher getrollet mit exempeln ..., nemlich das die kirche viel dings gleubt Luther 26, 578
W.; 23, 160; ir kompt mit einer alten ketzerei getrolt Urbanus Regius
widderlegung der Münsterischen ... bekentnus (1535) d 1
b; C. Spangenberg
böse sieben (1562) N n 4
a.
von tieren, als eine gewissen tieren eigene gangart, so bes. vom wolf, schon bei Er. Alberus
fabeln 51
ndr. (
s. o.);
in terminologischer verwendung, s. C. v. Heppe
lehrprinz (1751) 110
f.; neues wb. der jagdwiss. (1808) 2, 287;
ferner von andern tieren: (
der bär) ist ein paszgänger, bewegt also ... beim trollen die beine der nämlichen körperseite gleichzeitig Brehm
tierl. 2, 215
P.-L.; schweine, welche in wunderlicher, seltsamer anordnung und regelmäszigkeit über den schmalen weg dahin trollten L. Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 268;
ebenso vom schwarzwild, s. Behlen
forst- u. jagdk. (1840) 6, 92;
auch von einem gangfehler beim pferd: die starcke bewegung des trollenden pferdes ist dem gantzen leibe schädlich; hingegen auf einem leichten und das einen guten schritt gehet, ist die beste bewegung H. C. Abelius
leibmedicus (1720) 87.
streng waidmännisch heiszt trollen '
der kurze trab des hochwildes',
s. Behlen
a. a. o. 6, 234; '
wenn ein hirsch einen kurzen trapp läuft' Chr. W. v. Heppe
wohlredender jäger (1797) 369
b; '
die trabende gangart des schalenwildes' Riesenthal
jagdlex. (1916) 544
a;
was den schnelligkeitsgrad anlangt, versteht man darunter einmal '
das langsame traben des rehwildes' Train
niederjagd 2, 218;
das andere mal ein schnelleres tempo: wenn er (
ein junger hirsch) zu feld zeucht, (
sagt man,) da eilet er zum geäse ..., da trollt ein hirsch zu felde C. v. Heppe
lehrprinz (1751) 110; der hirsch ... hat es eilig und fällt ins trollen Fr. Bley
d. jägerjahr in tägl. rundschau unterhaltungsbl. (1904) 803
c. 1@bb)
in reflexivem gebrauch mit sicherheit nur vereinzelt für jüngere zeit bezeugt, wohl unter einflusz von 2 a: juch haisa ihr schwestern, der kessel wird heisz, trollt euch um ihn, im jubelnden kreis! Ayrenhoff
werke 5, 181; glückselig die menschen, die taumelfroh sich durch das jahrhundert trollen Arno Holz
bei Arent-Conradi-Henckell
mod. dichtercharaktere (1885) 166; also sangen weiberscharen, die das thal hinauf sich trollten Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 168. 22) '
sich darvon machen' Schönsleder (1647) K k k 2
a. 2@aa)
in der regel reflexiv. häufig im apokopierten imperativ: troll dich
apage(
te),
facesse Schönsleder
a. a. o.; Alberus (1540) 6
b;
daneben seltener auch ohne apokope: trolle dich
neben troll dich Luther 14, 351
W.; Grimmelshausen
Simpl. 77
ndr.; Schmolcke (
s. u.); G. Keller
ges. w. 7, 390.
seit beginn des 16.
jh. bezeugt: Amos schreybt, das Amazia habe yhn heyssen weichen und gesagt: du schawer odder seher, droll dich yns land Juda (
fuge) Luther 19, 355
W.; wann der gast am liebsten ist, sol er sich trollen Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 162
b; des weinreimens ingedenck sein: trinck oder troll dich
lob der narrheit 52
Götzinger; ich habe gesagt, ihr sollet euch trollen, oder ich werde euch füsze machen A. Gryphius
lustspiele 323
Palm; (
du) trollst dich ... ohne abschied
allg. dt. biblioth. 84, 19; bis sonntag ... könnt ihr noch dableiben! dann trollt euch! Gutzkow
ritter vom geiste (1850) 7, 206; Hans Grimm
volk ohne raum 2, 257.
öfter mit einem ausdruck des schnellen: ich rat in aber beyden recht, sye trolten sich geschwind und schlecht uber den Breythart weyt hindan, das sye nit begrif der Berner ban Murner
dt. schr. 1, 1, 154
Fuchs; fluchs troll dich! odr durch dich ich jag mein schwerdt, so offt ich gwinnen mag H. Sachs 8, 140
K.; (
die frau) sprach zu dem mann: troll dich geschwind Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 20
ndr.; wie hurtig und geschwind sich unser Phöbus trollt Triller
wurmsamen (1751) 2, 15.
wie bei trollen 1
geht der begriff des schnellen dann auch auf das verb selber über: sich trollen
ritirarsi in fretta (
eile) Kramer 2 (1702) 1147
c;
so auch mundartlich, z. b. Spiesz
Henneberg 259; Anton
Oberlausitzer wörter 13, 19.
mit einem adverb wie davon, fort, von dannen, weg
u. ä. vgl. trollen 1 a: drol dich davon Luther 34, 2, 89
W.; G. Keller
ges. w. 6, 331; Watzlik
pfarrer von Dornloh (1930) 133; trollet euch fort J. Frey
gartengesellschaft 60
lit. ver.; maler Müller
w. (1811) 3, 71; drumb drollen sie sich weit von dann Episcopius
schalckh. knecht (1568) 17
a; Lenau
s. w. 424
Barthel; zu sich wegtrollen
s. teil 13, 3054.
mit den präpositionen von
und aus: darumb drolt euch nur von mir ferr! H. Sachs 4, 134
K.; trolle dich von meiner seiten Knittel
poet. sinnenfrüchte (1677) 21; geh und trolle dich von mir Schmolcke
trost- u. geistr. schr. (1740) 730; (
er) trolt sich ausz Italia in Teutschland Seb. Franck
chronicon Germ. (1538) 203
b; derowegen trollte ich mich aus der stube Grimmelshausen
Simpl. u. a. schr. 2, 402
Keller; vergnügt trollte ich mich aus dem hause Kuszmaul
jugenderinnerungen (1899) 27.
rein literarisch wiederholt von gedanken oder gefühlen: trollet euch, jhr hoffertige gedancken Äg. Albertinus
Lucifer 39
nat.-lit.; sorg und was betrüben kan, trollt euch auff die wüste wellen S.
Dach 648
Österley; J. Grob
dichter. versuchgabe (1678) 104; miszmuth trolle dich! Göthe I 13, 2, 290
W. 2@bb)
ohne das pron. reflex. mit sicherheit nur in jüngerer poetischer verwendung: nun, endlich! warum trolltest du nicht früher! du hättst dir böse risse sparen können H. v. Kleist 1, 220
E. Sch.; nun die gute speise lassen sollen sie, und mit ärger trollen sie Fr. Rückert
w. (1867) 1, 272.