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Teer

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Meyers
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Eintrag · Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

Teer

Bd. 19, Sp. 371
Teer, Produkt der trockenen Destillation vieler organischer Körper, entsteht stets neben einer sauren oder ammoniakalischen wässerigen Flüssigkeit und einem Gasgemisch. Man gewinnt den T. als Nebenprodukt bei der Leuchtgasfabrikation, bei der Darstellung von Holzessig etc.; in andern Fällen ist der T. das Hauptprodukt, und stets besitzt er großen Wert, seitdem man zahlreiche, in verschiedenster Weise verwertbare Substanzen in ihm entdeckt hat. Alle Teere sind braun bis schwarz, dickflüssig, von empyreumatischem Geruch, schwerer als Wasser und damit nicht mischbar; sie brennen mit rußender Flamme und geben an Wasser und Alkohol lösliche Stoffe ab. Alle Teere, im einzelnen von sehr verschiedener Beschaffenheit, enthalten flüssige und starre Kohlenwasserstoffe von sehr verschiedener Flüchtigkeit (wie Benzol, Toluol, Paraffin, Naphthalin, Anthrazen etc.), ferner säureartige Körper (die Phenole, Karbolsäure etc.) und Basen (Anilin, Chinolin etc.), dann auch pech- oder asphaltbildende Substanzen. Wegen ihres Gehalts an Phenolen wirken die Teere stark fäulniswidrig. Holzteer gewinnt man als Nebenprodukt bei der Darstellung von Holzkohle, Holzgas (s. Leuchtgas, S. 467) und Holzessig; doch ist die Teerschwelerei bisweilen auch Hauptzweck und verarbeitet dann harzreiche Nadelhölzer teils in Meilern mit trichterförmiger Sohle, von der der T. in ein Sammelgefäß abgeleitet wird, teils in eingemauerten, stehenden großen eisernen Kesseln, in denen das Holz erhitzt wird, während man die Teerdämpfe in einem durch Luft gekühlten Apparat verdichtet. Man erhält etwa 17 Proz. T. Holzteer ist dunkelbraun, riecht durchdringend, schmeckt widerlich scharf und bitter, vom spez. Gew. 1,075–1,160, löst sich größtenteils in Alkohol und Äther, mischt sich mit Fetten und gibt an Wasser Essigsäure und brenzlige Stoffe ab. Man benutzt ihn zu konservierenden Anstrichen, zum Kalfatern der Schiffe, zum Teeren der Taue etc., zur Darstellung von Pech und Ruß; bei Destillation gibt er leichte Teeröle (Holzöl, leichtes Holzteeröl), die aus Kohlenwasserstoffen bestehen, aber nur wenig Benzol enthalten und meist als Fleckwasser benutzt werden, schwere Öle, ebenfalls Gemische von Kohlenwasserstoffen, die man auf Ruß verarbeitet oder zum Imprägnieren von Holz verwertet, auch wohl Paraffin und Kreosot. Letzteres wird besonders aus Buchenholzteer dargestellt. Birkenholzteer dient zur Bereitung des Juftenleders. Torfteer wird durch trockene Destillation des Torfes in Schachtöfen oder Retorten, ähnlich wie Braunkohlenteer, dargestellt, auch bei der Verkohlung des Torfes als Nebenprodukt gewonnen. Er ist ölartig, braun bis schwarzbraun, riecht sehr unangenehm, vom spez. Gew. 0,896–0,965. Durch Destillation gewinnt man leichte Kohlenwasserstoffe, die wie Benzin und Photogen benutzt werden (Turfol), schwere, noch als Leuchtöle verwendbare Öle, Schmieröle, Paraffin und sehr schwer flüchtige, flüssige Kohlenwasserstoffe, aus denen Leuchtgas bereitet wird, als Rückstand Asphalt. Braunkohlenteer ist sehr verschieden, je nach der Beschaffenheit der Kohle. Im allgemeinen ist er dunkelbraun, riecht widerlich kreosotartig und erstarrt leicht durch hohen Paraffingehalt. Der aus Schwelkohle gewonnene T. ist butterartig, wachsgelb und bildet das Rohmaterial der Paraffinfabriken. Man gewinnt daraus durch Destillation leichte und schwere Öle (Benzin, Photogen, deutsches Petroleum, Solaröl), Schmieröl und namentlich Paraffin. In ähnlicher Weise gewinnt und verwertet man T. aus bituminösen Schiefern. Am wichtigsten ist Steinkohlenteer (Kohlenteer), den man in Leuchtgasanstalten und bei der Koksbereitung als Nebenprodukt gewinnt. Er ist schwarz bis braunschwarz, übelriechend, dickflüssig, vom spez. Gew. 1,15–1,22. Er besteht aus flüssigen und festen Kohlenwasserstoffen (Benzol, Toluol, Cumol, Cymol, Anthrazen, Naphthalin etc.), Säuren (Phenol, Kresol, Phlorol, Rosolsäure), Basen (Anilin, Chinolin, Toluidin etc.) und Asphalt bildenden Substanzen. Die quantitative Zusammensetzung des Teers schwankt je nach der Beschaffenheit der Kohle und der Ausführung der Destillation. Im allgemeinen entsteht bei schneller Destillation in hoher Temperatur viel Gas und wenig T., der arm an Ölen, aber reich an Naphthalin ist. Die Bestandteile des Steinkohlenteers bilden das Rohmaterial für mehrere wichtige Industriezweige. Um sie zu gewinnen, unterwirft man den T. in sehr großen Blasen, liegenden Zylindern oder kofferförmigen Retorten aus Eisenblech einer Destillation über freiem Feuer. Es entweichen zuerst Gase, dann gehen mit steigender Temperatur ammoniakalisches Wasser, leichte Öle, schwere Öle und feste Kohlenwasserstoffe über, und als Rückstand bleibt Steinkohlenasphalt, der um so härter ausfällt, je weiter die Destillation bei immer gesteigerter Temperatur getrieben wurde. Bisweilen treibt man die flüchtigsten Öle durch Wasserdampf ab, den man direkt in den T. leitet. Der Wasserdampf reißt die flüchtigen Kohlenwasserstoffe dampfförmig mit sich fort und wird mit ihnen zugleich in Kühlapparaten verdichtet. – Selligue und de la Haye in Autun verarbeiteten 1839 den T. von bituminösem Schiefer zur Gewinnung von Leuchtgas. Zu Ende der 1840er Jahre stellte Young bei Glasgow aus Bogheadkohlenteer ein Mineralöl (Hydrokarbür) und Paraffin dar, und um dieselbe Zeit entstanden die irischen Öl- und Paraffinfabriken, die Torf verarbeiteten. Seit 1850 entwickelte sich die Paraffinindustrie in Deutschland. Steinkohlenteer wurde zuerst etwa 1846 destilliert, um karbolsäurehaltiges Teeröl zur Imprägnierung von Eisenbahnschwellen zu gewinnen. Das leichte Teeröl wurde nur von Brönner als Fleckwasser benutzt und galt als lästiges Nebenprodukt, bis es um 1856 durch die Entwickelung der Anilinfarbenindustrie allmählich der wichtigste Bestandteil des Teers wurde. Die erste größere Fabrik zur Verarbeitung von Steinkohlenteer in Deutschland wurde 1860 in Erkner bei Berlin gegründet. Erst später gewannen wieder die schwerer flüchtigen Teerbestandteile, wie Karbolsäure, Naphthalin und Anthrazen, erhöhte Bedeutung. Die leichten Steinkohlenteeröle werden wegen ihres Gehalts an Benzol und Toluol hauptsächlich in der Farbenindustrie benutzt, schwerere karbolsäurehaltige Öle dienen zum Imprägnieren des Holzes, schwere Kohlenwasserstoffe als Schmieröl, Naphthalin und Anthrazen finden Verwendung in der Farbenindustrie, ebenso das Phenol, das aber auch zu sehr vielen andern Zwecken, namentlich zur Darstellung von Salizylsäure und in der Medizin, benutzt wird. Aus Toluol und Naphthalin stellt man auch Benzoesäure dar. Der Asphalt dient zur Darstellung von Asphaltröhren und Briketten, zum Belegen von Fußböden etc., außerdem dient Steinkohlenteer auch zu konservierenden Anstrichen, zum Vertreiben von Ungeziefer, und wo er keinen Absatz findet, verbrennt man ihn in Gasanstalten zum Heizen der Retorten. Der Steinkohlenteer der Berliner Gasanstalten liefert: 400@@break Deutschland führte 1905: 372,925 dz T. ein und 428,892 dz aus. Vgl. Lunge, Destillation des Steinkohlenteers (Braunschw. 1867) und Industrie des Steinkohlenteers (4. Aufl, mit Köhler, das. 1900); R. Wagner, Tabellarische Übersicht der Produkte der trocknen Destillation der Steinkohle (Würzb. 1873); Schultz, Chemie des Steinkohlenteers (3. Aufl., Braunschw. 1901, 2 Bde.); Köhler, Der Steinkohlenteer (Bresl. 1893); Gräfe, Die Braunkohlenteer-Industrie (Halle 1906).
7361 Zeichen · 79 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Teeradj, adv

    Campe (1807–1813) · +2 Parallelbelege

    † Teer , adj . u. adv . im N. D. zart; auch teder .

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Teer

    Goethe-Wörterbuch

    Teer [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Teer

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Teer , Produkt der trockenen Destillation vieler organischer Körper, entsteht stets neben einer sauren oder ammoniakalis…

  4. modern
    Dialekt
    Teerm.,, n.

    Mecklenburgisches Wb. · +4 Parallelbelege

    Teer m., n. Teer, ursprüngl. Holzteer, in neuerer Zeit auch Stein- und Braunkohlenteer 1. Sachl.: Teer wurde früher in d…

  5. Spezial
    Teer

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Teer m. (-[e]s,-e) ter m.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit teer

82 Bildungen · 75 Erstglied · 6 Zweitglied · 1 Ableitungen

teer‑ als Erstglied (30 von 75)

Teerfaß

SHW

Teer-faß Band 1, Spalte 1451-1452

Teerpinsel

SHW

Teer-pinsel Band 1, Spalte 1451-1452

Teeraap

MeckWB

Teeraap m. Schelte Wa Röb . Zu Aap Affe.

Teeraben

MeckWB

teer·aben

Teeraben Pl. -s m. Teerofen 1. Vorkommen und Verbreitung: schon im 13. Jh. sind Teeröfen in SO-Mecklenburg bezeugt; dortige Standorte in spä…

Teerbändel

PfWB

teer·baendel

 Teer-bändel m. : ' teergetränktes Band '. Volksgl.: Däärbändel um die Knechel binne, kjuurt (kuriert) kalte Fieß [ Fogel Beliefs Penns Nr.…

Teerball1

MeckWB

Teerball 1 m. kleiner schwarzer schwerer Spielzeugball Ro Ribn .

Teerball2

MeckWB

Teerball 2 m. Tanzfest der Fischer von Ro Warn , das stattfand, wenn die Waden geteert waren.

Teerbeer

MeckWB

teer·beer

Teerbeer Pl. -beeren f. Brombeere, rubus caesius und fruticosus E. Boll Flora 31; Gü Kobr ; rubus caesius Schill. Kr. 3, 28 a ; Dahnke Flora…

Teerbeerenstruk

MeckWB

teerbeer·en·struk

Teerbeerenstruk m. Brombeerstrauch, rubus caesius und fruticosus E. Krüg. 72; Teerbeerstruk Mi 93 a .

Teerboll

RhWB

teer·boll

Teer-boll Trier f.: 1. Schöpfkelle für Teer. — 2. übertr. scherzh. Halbzylinderhut, in der Schifferspr.

Teerbrenner

DRW

teer·brenner

Teerbrenner, m. (zunftgebundener) Handwerker, der Teer und Pech herstellt die handwercks gesellen ... die teichgreber, terboͤrner, holtzfloͤ…

Teerbücks

MeckWB

teer·buecks

Teerbücks f. geteerte Hose in der Drohung für ein unsauberes Kind: sast ne Teerbücks anhebben Wa.

Teerbütt

MeckWB

Teerbütt f. Teerbütte 1. eig.: 'die Schinken und Bussen (der Wagenräder) wurden mit Holzteer aus einer (hölzernen) Teerbütt mit einem Teerqu…

teeren

Pfeifer_etym

tee·ren

Teer m. Die Bezeichnung für die bei der Verschwelung oder Verkokung von Kohle, Torf oder Holz gewonnene zähflüssige, braune bis tiefschwarze…

Teerfarben

Meyers

teer·farben

Teerfarben , aus Teerbestandteilen dargestellte Farben, also die farbigen Derivate des Anilins (das aus Benzol gewonnen wird), Naphthalins, …

Teerfaß

PfWB

teer·fass

Teer-faß n. : wie schd., Teeʳfaß [ LU-Alsh/Gr ]. Südhess. I 1451 ; Rhein. VIII 1120 .

Teerfeuer

Meyers

teer·feuer

Teerfeuer ( Blüse ), veraltetes Feuerzeichen in der Nähe von Sandbänken, Untiefen, Klippen.

Teerfik

MeckWB

Teerfik f. unsauberes Mädchen Wa GGiev .

Teerführer

MeckWB

teer·fuehrer

Teerführer m. Teerfuhrmann; er brachte Teer auf die Dörfer Sta Rühl ; 'alle Nahrung und Handthierung treibende Leute ... als Fischfahrer, As…

Teergroppen

RhWB

teer·groppen

Teer-groppen Kobl m.: eisernes Gefäss, in dem die Schiffer den Teer heiss machen.

Teerhake

MeckWB

teer·hake

Teerhake m. a. Spr. Kleinhändler mit Teer: (Ro) Nd. Kbl. 5, 15.

teer als Zweitglied (6 von 6)

pîltêᵉr

MNWB

pil·teer

° pîltê e r ( Pilter ), subst. : ein Waffen-, Schildträger?, „scutifer” (Voc. Strals. ed. Damme).

quarteer

KöblerMnd

quarteer , N. Vw.: s. quārtēr (1)

quernentêer

MNWB

querne·n·teer

° quernentêer , m. ( Pl. -e ) : Arbeiter der eine Handmühle bedient (Hanserec. I 4, 295 = Styffe 2, 15).

secrēteer

KöblerMnd

secrēteer , M. Vw.: s. secretære*

Ableitungen von teer (1 von 1)

verteeren

MeckWB

verteeren beim Teeren verbrauchen, für Teer ausgeben; im Wortspiel mit vertehren: ein Dachdecker, der viel Teer verbraucht, verteert mihr, a…

Zitieren als…
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Cotta, M. (2026). „teer". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 9. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/teer/meyers
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Cotta, Marcel. „teer". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/teer/meyers. Abgerufen 9. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „teer". lautwandel.de. Zugegriffen 9. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/teer/meyers.
BibTeX
@misc{lautwandel_teer_2026,
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  title        = {„teer"},
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  howpublished = {lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern},
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