steigbügel,
m. bügel zum besteigen eines pferdes. eine jüngere bezeichnung an stelle des ältern gemeingerm. stegreif (
s. dieses, sp. 1386
ff.),
die im 17.
jh. aufkommt Weigand
5 2, 960; Sanders
wb. dtsch. synon. 678.
auszerhalb des deutschen im holl. als stijgbeugel (
seit Kilian: Franck
etymol. wb. 2661
b)
und, nach deutschem vorbild, in den nordischen sprachen: neunorw. stigbøygel (
und -bygla,
f.) Aasen 751
b,
schwed. stigbygel,
ält. dän. stigbøgel,
jetzt dän.-norw. stigbøile Falk-Torp 1162.
nhd. steigreif, steigbügel,
m. staffa Kramer 2, 946
b.
dafür: der reuter im sattel sitzende stehet in den
stieffbügeln (stegreiffen) (
stapedibus insistit) Comenius 451; ein
steigbiegel, subex, stapes Stieler 139.
literaturbelege sind im 17.
jh. noch sehr spärlich; der älteste bekannte: nun war in der zusage mit verbunden, dasz der eine soll dem andern, wenn er abstiege, den st. halten Schweinichen
denkwürdigk. (1581) 254
Österley. hier und da geringe abweichungen der form: ingleichen müssen die
steige- bgel fein weit und ja nicht enge seyn v. Fleming
teutsche jäger 296; einen fusz hatt ich denn im steigebügel Holtei
vierzig jahre 1, 368; du glaubst, ein mächtger herrscher sei dein eheherr. du wirst dort sehn, dasz er ein stallknecht ist, der, wann der papst aufs weisze röszlein steiget, demüthig zaum und steigebügel hält Raupach
w. ernster gatt. 5, 94.
mit weitverbreiteter mundartlicher lautgebung: die hofnung sey der steig
biegel, woran wir uns halten G. Th. v. Hippel
lebensläufe 3, 2, 296; zu dieser zeit sasz Nikolaus I. zu Rom auf dem päpstlichen stuhl. der mann, dem der kaiser Ludewig den steigbiegel halten muszte
allg. dtsche bibl. (1765
ff.) 81, 651.
s. ferner den beleg aus Gottsched
unter 1,
d. im 17.
jh. auch stiegbügel: die vorpomrische fhren zwo stiegbügel ... (
im wappen) Micrälius
altes Pommerl. 6, 531;
ähnl. A. Olearius
pers. baumg. 1, 28 (
s. unter 1,
c).
mundartlich im mittel- und bes. im niederdeutschen: els. stigbügel Martin-Lienhart 2, 20
b und stigbütel 121
b,
lothr. stiwigle Follmann 500
b,
pfälz. steibiel Autenrieth 136,
luxemb. šte
ibijel
luxemb. wb. 420
a,
obers. steigbiegel Müller - Fraureuth 2, 557
a,
nd. westf. stîbüəgel Woeste 254
b und stîfbüəgel 256
a,
wald. št(e)īhbüg(e)l Bauer-Collitz 99
a,
mecklenb. stigbägel Mi 87
a,
livländ. stiegbügel Bergmann 68; Hupel 228. 11)
im gewöhnlichen sinne: 'st., stegreiff,
ist eine eiserne stütze für den fusz des reuters, so wohl desto leichter auf das pferd zu kommen, als desto fester sich im sattel zu halten' ... Zinck
öconom. lex. 2352,
vgl. allgem. haush.-lex. 3, 405
a;
Noel Chomel 8, 1596; Jacobsson 4, 273
a (steigbiegel); Adelung 4, 331; '
ein eiserner bügel an einem riemen, welcher zu jeder seite des sattels herabhängt, in welchen man den fusz setzt um bequem zu pferde zu steigen, und in welche man die füsze stellt um das gleichgewicht besser zu halten und fester auf dem pferde zu sitzen' Campe 4, 615;
étrier, stirrup Beil 1, 570.
den Römern noch unbekannt; erste sichere erwähnung in des kaisers Maurikios buch über die kriegskunst (
ende des 6.
jh.s)
; in bodenfunden zuerst während der jüngern eisenzeit Böheim
waffenkunde 197—201
u. reg.; Köhler
kriegsw. III 1, 6; 14; 115; A. Schlieben
gesch. der steigbügel, in: annalen des ver. f. nass. altertumsk. 24 (1892), 165—231; O. Schrader
reallex. 819
f.; Jacobi
Saalburg 534; S. Müller
nord. altertumskunde 2, 255. 1@aa) da stieg ich von meinem pferde Tornon, legte mein kissen und meine st. auf die gedachte poststute Göthe 44, 16
W.; da in derselben zeit noch keine st. üblich waren, so hoben die meinigen (
vorfahren) den herrn Christum mit den händen hinauf (
auf d. esel) Aurbacher
volksbüchl. 2, 124. — in der gegend der rechten hand fanden sich (
in e. kalmück. grabhügel) ... kupferne st. mit holzresten Ritter
erdkunde 2, 649;
bes. kostbar: Conrad ... putzte das stangenzeug, polirte die silbernen st. Löwen
schr. 3, 66; die prinzen ... werden mich mit goldnen steigbügeln herumreiten lassen
samml. v. schauspielen (1764) 7, 33; der sattel war von elfenbein, und die st. von gold Fr. Schlegel
s. w. 7, 135,
s. auch Moltke
ges. schr. 2, 19. —
besondere arten: die englische st. sind artlich und leicht Hohberg
georg. cur. 3, 119
b; türkische st.,
zugl. als sporen dienend Böheim
waffenkunde 213
f. 1@bb) den st. putzen, polieren,
s. Löwen
unter a. fest, hoch schnallen: also die fuchsstute für mich. und festgesattelt und die st. hochgeschnallt, dasz sie nicht blosz so nebenher läuten Fontane
ges. w. 1, 2, 205; man verlängerte, man verkürzte die st. Göthe 18, 315
W. als sporn verwendet: plötzlich aber haut er einem rosse die stacheln der st. in die weichen Laube
ges. schr. 16, 4.
im nothfall als waffe: wie sie gewalt brauchen wollten, machte er (
Walther) unvermerkt seinen st. los, und traf damit einen kerl solcher gestalt, dasz er für todt niedersank brüder Grimm
sagen 2, 40. 1@cc) den fusz in den st. setzen
zum aufbruch: ich setzte nicht eher einen fusz in den st., ... Jean Paul 3, 185
H.; sie reiten auf Dongolahengsten und setzen ... nur die grosze zehe in den st. Ritter
erdkunde 1, 597; wenn nur das dumme sterben nicht wäre, sprach es in ihm, während er mit einem fusz in den st. stieg Auerbach
schr. 3, 24; noch während die beiden postillone sich in ihre sättel mit türkischen steigbügeln schwingen, fahren sie mit lautem geschrei an Moltke
ges. schr. 1, 136.
so ferner: 'und', rief er noch, mit dem fusze schon im st., zum prior gewandt ... Chph. v. Schmid
ges. schr. 10, 161; da hob sie den fusz in seinen st., er gab ihr die hand und sie schwang sich zu ihm hinauf G. Keller
ges. w. 7, 17; du muszt sogleich wieder ... in den st.! Laube
ges. schr. 2, 83. — der vater ist todt, und der sohn hat seine fsze im stiegbgel A. Olearius
pers. baumg. 18
a (1, 28); schon hatte er den fusz im st., da schmetterten die jagdhörner durch den thorweg herein Laube
ges. schr. 2, 32.
im bilde: meine gattinn, die ... oft in zank ... ausbrach, so dasz ich mit dem einen fusze schon im st. war, um der scheidung halber ... einen ... ritt zu machen G. Th. v. Hippel
kreuz- u. querzüge 1, 426. — im st. stehen: jetzt steh ich im st., um zur messe zu reisen Böttiger
br. vom 17.
apr. 1818
im Grillparzerjahrb. 1, 191. Dagobert erhielt sich mit der höchsten anstrengung noch kaum im st. Wieland (1856) 19, 188. — sich (er)heben: da hob sich Theodor im st. und schaute seine leute an Alexis
Isegrim 2, 134; der fürst Borvin erhebt sich hoch im st. Grabbe 2, 294
Grisebach. —
entsprechend: die jungen herren üben sich auff diesem platz im ringelrennen, im lantzenwerffen, und selbige wieder zu fassen, ohne einen fusz aus dem st. zu setzen A. Olearius
staat des königr. Persien 9
b; seht die hübsche Italienerin, die sich mir an den hals warf, als ich, kaum in Genua angekommen, den linken fusz noch im st. hatte O. Ludwig
ges. schr. 4, 152. 1@dd) den st. verlieren,
wenn der fusz aus dem steigbügel gleitet: als er solche zwischen seinem knie und dem sattelleder wiederfangen wollte, verlor er den st. Bode
Tristram Schandi 2, 65; sie sind gestolpert und haben im schrecken die st. verloren Tieck
schr. (1828
ff.) 6, 77.
so ferner (
im bilde): das verhängnisz wird gantz unversehens kommen, und deine st. loszmachen, und sodann wirstu dich des zaums nicht mehr bemächtigen können A. Olearius
persian. baumg. 99
a (9, 10).
vom pferd, dessen reiter abgefallen: Rinaldo (
artilleriepferd) irrt mit fliegenden steigbügeln Gutzkow
ges. w. 1, 179; die fohlenstute raste einher — ledig. die st. peitschten ihre flanken Ebner-Eschenbach
ges. schr. 8, 100. —
eine besonders gefährliche lage: indessen ist das pferd scheu geworden, und hat sie abgeworfen, so, dasz sie mit dem einen fusz im steigbiegel hängen geblieben ist Gottsched
dtsche schaubühne (1741) 4, 129. 1@ee) ohne st. reiten,
ehe diese aufkamen: es rührt das voltigiren noch von denen römischen soldaten her; denn, da musten die reiter auf höltzerne pferde springen, ... und zwar ohne st.; diese hatten sie damahls noch nicht v. Fleming
d. vollk. teutsche soldat 24 (I 8, § 8).
vgl. 88 (II 1, § 10);
doch auch noch später: er ritt ohne sattel und st. Göthe 25, 289
W.; man fuhr ohne st. auf dem pferde hin und her (
in den reitstunden) 26, 232
W.; wie ein ritter aufs pferd müsse zur noth sonder st. und prellstein Alexis
hosen 1, 10. 1@ff) einem den st. halten
und dadurch beim aufsteigen behilflich sein; gewöhnlich sache eines dieners: ihre lehr- und jägerpursche muszten ihnen (
den lehrprinzen) die pferde warten, solche satteln und vorführen, wenn sie wegreiten wolten, den st. halten Heppe
aufricht. lehrprinz 248; Sickingen hält Adelheid den st.
Franz (
drängt ihn weg). das ist meine sache, herr ritter!
Sickingen (
lächelt). du machst prätensionen? (
er hilft Adelheiden aufs pferd.) Göthe 39, 148
W.; als er aus dem zelte trat, fand er seinen wirth, der den zügel und die st. seines pferdes hielt v. Schubert
verm. schr. 2, 281; er liesz sich von dem knechte den st. halten Stifter
w. 3, 122.
so als officieller act '
als symbol der unterthänigkeit',
vgl. rechtsalterth. 172 (
41, 238)
und stegreif 1,
a (
sp. 1388): durch den dorfwaibel wurde nun solcher abgeholt, der beim absteigen dem rentmeister den st. halten muszte Birlinger
volksth. 2, 178; beim ab- und aufsteigen muszte ihm der richter die st. halten Steub
drei sommer in Tirol 1, 37.
so als weltgeschichtlicher fall: der römische könig Conrad ... hielt ihm (
dem papst Urban II.), bey eben dieser zusammenkunfft (
zu Cremona 1095), aus übergroszer devotion den st. Hahn
einl. zu d. teutschen reichshist. 3, 119 (
vgl. 320); Pipin gieng dem pabst entgegen, fiel vor ihm nieder, und hielt ihm hernach die
st. M. I. Schmid
gesch. d. Deutschen 1, 280.
s. auch 2, 432; nun wissen kaiserliche majestät ..., dasz zur zeit des blinden aberglaubens seine in gott ruhenden vorfahren dem dreifachgekrönten häufig den st. gehalten v. Görres
ges. schr. 5, 182.
s. ferner oben Raupach
w. ernster gatt. 5, 94
und Platen
w. 3, 24
R. dafür: einem groszen herrn, der reitet, das pferd leiten, oder neben ihm beym st. aufwarten,
addestrare un prencipe, servirlo alla staffa Kramer 2, 201
a.
einen höhern grad von unterthänigkeit bezeichnet (
vgl. stegreif 1,
b): dann schlugen sie (
die ritter) die eisenhandschuhe an die schilde, dasz es rasselte: der bauer soll ... nun endlich uns den st. küssen D. v. Liliencron
w. 7, 164. 1@gg)
für sich im, vom stegreif nähren,
vom straszenraub (
s. stegreif 1,
d)
sind wendungen mit st.
nicht üblich geworden, doch hat ähnlichen sinn: sein vater hatte noch im krebs und st. auf der landstrasze das geld zur zahlung seiner schulden gesucht G. Freytag
bilder 1, 5. 1@hh)
bildliche gebrauchsweisen begegnen nicht häufig, s. oben G. Th. v. Hippel
lebensläufe 3, 2, 296.
ferner: so (
durch die anleihen) erbaute sich die französische schuldenlast, der st. der revolution Laube
ges. schr. 5, 235. 22)
auf ähnliche geräthe übertragen: 2@aa) 'st.
heiszt auch eine bandage, so man bey dem aderlassen am fusse gebrauchet'
allgem. haush.-lex. 3, 405
a.
s. auch Noel Chomel 8, 1597; Hübner 7, 831; Jacobsson 7, 433
a.
später nicht mehr bezeugt. 2@bb) '
bei den dachdeckern ein doppelter starker lederner riemen, bestehend aus zwei seitenriemen und einem riemen unter dem fusze, zum besteigen steiler dächer benutzt' Jacobsson 4, 272
b; Campe 4, 615. 2@cc)
nur vergleichsweise: die binde hatte ich auf art eines steigbügels zubereitet Göthe 43, 329
W.; um die 3 seiten desselben (
ventils), geht eine art st. ggh, dessen seiten gg fest in das grosze ventil eingestochen sind. wenn das kleine ventil geöffnet wird, so stützt es sich auf die untere seite h des steigbügels ... Töpfer
lehrb. d. orgelbauk. 1, 536 (§ 775). 33)
weitere übertragungen: 3@aa) 'st., stegreif,
stapes, wird wegen ähnlichkeit der gestalt ein knöchel im innern ohr genannt'
Noel Chomel 8, 1597; Campe 4, 615; Sömmerring
menschl. körper 2, xlii; 5, 842; 7, 412; (
von einer nachbildung:) das meisterhaffte ohr ist da ... einige theile haben gelitten ... ferner ist der st., der in dem einen labyrinthe festsasz, entzwey Lichtenberg
br. 3, 21
L.; das ohr besitzt stets die drei ohrknöchelchen hammer, ambos und st. Brehm
thierl. 1, xiv. 3@bb)
preusz. bezeichnung des gemeinen stichlings, gasterosteus aculeatus, in mannichfach wechselnden formen, s. Frischbier 2, 359
a (
unter stachlinski); er ist borstig (
leicht gereizt) wie ein st.
sprichw. 1, 252.
s. auch nd. korrespondenzbl. 3, 53. 3@cc)
els. für einen rausch Martin-Lienhart 3, 20
b.