schleudern,
verb. dasz die beiden hauptbedeutungen wahrscheinlich als zwei ganz verschiedene wörter anzusetzen sind, ist bereits unter schlaudern
erwähnt (
s. sp. 511),
das in beiden verwendungen daneben erscheint. da indes das zweite schleudern
als einfaches verb. jetzt nur noch wenig in gebrauch ist, und vom sprachgefühle nicht mehr als verschieden empfunden wird, so ist die scheidung nicht überall reinlich durchzuführen. II.
mit der schleuder werfen; ableitung zu schleuder,
s. dieses. die älteste form ist auch hier schlaudern
ohne umlaut (
bez. schlûdern, slaudern),
die noch im 16.
jahrh. ganz gewöhnlich ist und in intransitivem sinne noch bei Göthe
vorkommt, vgl. a. a. o. und Weigand 2, 589.
zu den belegen wäre aus dem 17.
jahrh. nachzutragen: weszwegen er dann keine gelegenheit vorüber lauffen liesz, seinem herrn, der ohn das sein geld so unnützlich hinausz schlauderte, abzuzwacken, was er konte.
Simpl. 2, 151, 14.
noch Stieler 1817
führt schlaudern, schleudern
und schlautern
als gleichberechtigt neben einander an, indem er die bedeutungen I
und II
nicht trennt, und so auch in den zusammensetzungen abschlaudern,
saxa funda librare, und anschlaudern,
neben aus-, durch-, zerschleudern.
die schreibweise äu
haben Steinbach 2, 439
und Frisch 2, 193
c. schleudern
steht schon bei Luther
fest. im 18.
jahrh. findet sich auch schleidern,
so bei Lessing (
vgl. unten 2): er (
Quintus) läszt also zwar auch die götter grosze felsenstücke, die sie von dem Ida abreiszen, gegeneinander schleidern. Lessing 6, 453; wen meine flügel mit in die luft schleidern, der hat es sich selbst zuzuschreiben. 8, 200; dieses gestus der auszuschleidernden fackel, als sinnbild des nahenden todes, habe ich mich immer erinnert. 235;
vereinzelt auch bei Herder: menschen, die Jupiters blitz mit unverletzbarem arm schleiderten. 16, 139
Suphan; die himmelstürmenden riesen wurden unter den Aetna geschleidert. 27, 24.
in mundarten ist das wort wenig eingedrungen; von abweichenden formen sind bezeugt: thüringisch (
salzungisch) schlūider (
subst. und verb.) Hertel 40,
niederd. slren Schambach 196
b (
als I
und II). I@11)
im ursprünglichen sinne für älteres schlenkern,
vergl.: schleuderen, schlenkeren,
mittere lapides in aerem Schottel 1401;
funda saxa librare, lapides funditus excutere Apin 486; ich schläudere,
fundito, funda libro; kugeln schläudern,
globos funda excutere Steinbach 2, 439;
funda librare saxa, mit der schläuder werfen Frisch 2, 193
c; und David thet seine hand in die tasschen, und nam einen stein daraus, und schleudert, und traff den philister an seine stirn.
1 Sam. 17, 49; bis David, ein unterwachsener bissiger junge, plötzlich dem unfug ein ende machte und dem riesen aus seiner schleuder, die er trefflich führte, eine grosze roszkastanie an die stirne schleuderte. Keller 1, 107.
bildlich: aber die seele deiner feinde wird geschleudert werden mit der schleuder.
1 Sam. 25, 29. I@22)
gewöhnlich bedeutet schleudern
überhaupt etwas mit schwung und kraftaufwand werfen, besonders geschosse: während euer ehrwürden den ungeheuern des oceans wurfspiesze entgegen schleudern. Thümmel
reise 9, 131; ohne auf die brauchbarkeit des messers zu sehn ... schleuderte ich es mit der linken, wie ich es hielt, gewaltsam nach dem flusse hin. Göthe 26, 178; (
er) schleuderte eine kuhpfote nach ihm. Becker
weltgesch. 1, 313; das geschütz an den windmühlen, das ein so mörderisches feuer auf die Schweden geschleudert hatte, fällt in seine (
Bernhards von Weimar) hand. Schiller 8, 290; wenn, von mutterhand geschleudert, die gurgel unsers feindes er (
der pfeil) zerreiszt. Fr. Müller 2, 276; mit diesen worten schleudert er den schaft, der ohne klang der schwachen hand enteilet. Schiller 6, 373 (
zerstör. Trojas 96);
im bilde: blindwüthend schleudert selbst der gott der freude den pechkranz in das brennende gebäude! 12, 155 (
Piccolomini 3, 9);
intransitiv, mit etwas schleudern: mit den trümmern schleudernd rasen. Ludwig 1, 17. Jupiter schleudert den blitz
als sein geschosz: sie sind immer wie ein Jupiter, der stets den blitz in der hand trägt, ohne zu bedenken, dasz er in der hitze, womit er ihn schleudert, auch einen unschuldigen treffen könne. Weisze
bei Campe; Minerva und Juno schleidern bey den römischen dichtern öfters den blitz. Lessing 6, 431;
übertragen: von mönchen mit gezücktem stahl, von priestern, die mit räuberischer faust den donner gottes schleudern. Wieland
suppl. 4, 226; hier schleudr' ich oft, ein ächter sohn des Teut, auf das tyrannenvolk das barsch vom thron gebeut .. der wahrheit donner und des spottes blitze. Göckingk 2, 18. den bann(strahl) auf jemand schleudern: hätte man den bannstrahl schleudern können, dieser wäre wirksamer gewesen. Göthe 26, 128; da endlich auch pabst Honorius II. auf die seite seines gegners trat, und den bannstrahl gegen ihn (
Konrad von Franken) schleuderte, so entgieng ihm ... die kaiserkrone. Schiller 9, 242; wo ich versuchen soll, den zorn zu sühnen des heilgen vaters, der den bann dir schleudert. Uhland
ged. 186 (
Konradin). worte schleudern
wie geschosse, vgl.: die redner (
im englischen parlamente) traten wie homerische helden vor und schleuderten die speere ihrer worte in die feindliche schaar. Grillparzer
4 15, 178; seine gegen das englische seerecht geschleuderten drohbriefe und wuthreden. Becker
weltg. 14, 28; sein gegen die Bourbons geschleudertes wort: 'sie hätten nichts gelernt
u. s. w.' 377. I@33)
mit andern objecten, heftig werfen oder stoszen: und mit gewaltgem fuszstosz hinter mich schleudr' ich das schifflein in den schlund der wasser. Schiller
Tell 4, 1; auf der parade will ich ihn (
den brief) als von ongefehr, mit dem schnupftuch herausschleudern?
kab. u. liebe 3, 2; wie wird mir das herz so grosz, wenn der morgenwind die geflügelten schatten (
der wolken) bald über berge schleudert, bald in glanzteiche, bald in gebückte saaten! J. Paul
Hesp. 3, 216. kegel schleudern,
schieben: laszt uns schleudern, laszt uns schieben! Göthe 47, 266.
bildlich: noch einmal fuhr ich den alten Guelfo an, schleuderte die last des künftigen schicksals seines hauses in sein gewissen, wenn er mich nicht hörte. Klinger 1, 57; alle phantome verschwinden, die der träumer in meine heisze phantasie geschleudert hat. 2, 390;
von lebenden wesen: wenn er mir itzund begegnete, wolte ich ihn bey der äuszersten zehe seines lincken fuszes ergreiffen, dreymal um den hut schläudern, und darnach in die höhe werffen. A. Gryphius 1, 762; wohin schleudern: das schicksal muszte mich hierher schleudern, dasz ich erführe, wer ich sey. Thümmel
reise 6, 327;
bildlich: an eine mauer hast du mich geschleudert. Schiller
dom Karlos 1, 1; wärt ihr rasend genug, an eine redliche versöhnung zu glauben mit dem dauphin, den ihr selbst an des verderbens rand geschleudert habt?
jungfrau von Orl. 2, 2; im abgrund des entsetzens, da ich kaum von jenem sturz, der mich hierher geschleudert, mich mit verstörten sinnen wiederfinde. Göthe 7, 275;
so auch: o schande! schande! die den keuschen tag zurük in Hekates umarmung schleudert! Schiller
Semele 1; von, aus etwas schleudern: einst günstlinge des glücks, von einem fürstenthron geschleudert, bringen sie das leben kaum davon. Wieland 23, 29 (
Oberon 7, 41);
bildlich: o gott! nur der gedanke wirft mich von allen meinen tronen, schleudert aus allen meinen welten mich! Schiller
dom Karlos 2, 6;
ähnlich: aber diesen letzten gedanken .. schleuderte er wie Paulus die schlange sogleich aus seiner seele hinaus. J. Paul
Hesp. 2, 73. von sich, zurück schleudern,
stoszen: d. a. Moor .. will Franzen an der gurgel fassen, der ihn zurük schleudert. Schiller
räuber 2, 2
schauspiel; Moor schleudert sie von sich. 5, 2; so mag des welterlösers barmherzigkeit wie einen bösen wurm, mich von sich schleudern.
dom Karlos 2, 3.
in iterativem sinne, hin und her werfen, rütteln, schütteln: über die fluthen des meers von mancherlei stürmen geschleudert, heimwärts wollten wir gehn. Voss
Odyssee 9, 260; diesen (
mast) umschlang ich und trieb, von dem rasenden sturme geschleudert. 14, 313.
selten reflexiv: dein überkühner muth, mit dem du dich, als wie an's pferd gewachsen ... durch thal und berg, durch flusz und graben schleuderst. Göthe 9, 276. I@44)
in intransitivem sinne, sich hin und her bewegen, schlenkern, besonders mit den armen, vgl. II
und schlaudern I, 2: viele leute schleudern mit den händen, wenn sie gehen. Lichtenberg 2, 157; es schleudert und schleift und schleppt nichts an ihm. 3, 209 (
vgl. schleppen 5,
d, sp. 647);
nd. slren,
schlendern, langsam und gemächlich gehen, dann auch: etwas gehen lassen, wie es eben gehen will; etwas unbemerkt, ungerügt hingehen lassen (
letzteres wol zu II). Schambach 196
b. IIII.
nachlässig sein, schlecht arbeiten. ein arbeiter schleudert,
wenn er seine arbeit nur so oben hin verfertigt. ein kaufmann schleudert,
wenn er seine ware unter dem gewöhnlichen preise verkauft, nur um sie los zu werden Adelung; mit seinen waren schleudern
oder sie verschleudern
ebenda. verschleudern
hat also mit dem ersten schleudern
eigentlich nichts zu thun, ist aber schon früh vom sprachgefühl dazu gezogen, so bei Wachter 1430,
vgl. auch die unter I
angeführte stelle aus Simpl. (hinaus schlaudern)
und Andresen
volksetym.4 245
f., ferner Albrecht 202
b. Hügel 139
a. —
in dieser bedeutung ist schlaudern
weitaus die üblichere form, vgl. daselbst II.
vielleicht beruht schleudern
in diesem sinne überhaupt nur auf einer vermischung beider wörter. —
ist auch schleuren,
trahere Schottel 1401
in diesem sinne zu verstehen, als umsetzung von nd. slüren?
vgl. dazu hess. schleur,
niederhess. schlür
gemächlich Pfister 254.