schielen,
verb. (
s. oben schel),
in schiefer richtung blicken, ahd. scilihinter, scilinter, schilehenter,
strabus, strabo Graff 6, 479,
mhd. schilhen
mhd. wb. 2, 92
b. Lexer
mhd. handwb. 2, 736,
lippare schilchen Dief. 332
b,
lippire schilhen
vel ougenfliessen 332
c (
vgl. unten belege für schilchen
aus der schriftsprache des 16.
jahrh.), schilchen, er schilgt Alberus.
mit inlautendem w schilwen (
vgl.schelwer, schelb):
lippire schilwen Dief. 332
c: er schilwete ein cleine. Herbort
liet von Troye 3160;
schweiz. schälbe Seiler 250
a.
mit schwund des h: schyllender,
luscus Dief. 340
b; mîn reht ist ie gelîche swenne dandern schiln (
im reim auf spiln). Frauenlob 340, 3.
in der form schielen
belegt um die mitte des 15.
jh. in einem hochd. vocabular: lippire schielen Dief. 332
c,
nd. mit inlautendem e:
lippere, lippescere, lippire schelen, scheln, schellen 332
b c,
strabonizare, schelen (1420)
nov. gl. 349
b, Schiller-Lübben 4, 63
a, scheilen Schambach 181
b. Schottel 1398
verzeichnet neben schilen
noch schilchen
und schileren; schielen
bei Stieler 1706
und Steinbach 2, 396.
die mundarten haben die form schilchen
zum theil gewahrt: Schmeller 2, 405. Höfer 3, 83. Lexer 217. Schmidt 183. Vilmar 349. Kehrein 346,
in einzelnen gegenden erscheint eine erweiterte bildung schilksen Frommann 6, 18 (
Eifel),
auch pfälzisch nach Schmidt 183. 11)
zur bezeichnung des fehlerhaften sehens, wobei die sehachsen der beiden augen nicht parallel sind: er schielt mit beiden, auf beiden augen; er schielt auf dem linken auge,
wenn das rechte auge in normaler weise eingestellt wird, das linke aber eine abweichende sehrichtung hat; schielendes auge, schielender blick; der hat ein kranckheit am gesicht, das ist, er schielt. Paracelsus (1616) 1, 641 A; schilchen, dis ist ein verruckung des augs von seiner natürlichen statt, gegen der rechten oder linken seiten, über sich oder unter sich. Wirsung
arzneib. (1597) 99; es gewonen
auch die kinder in der wiegen, wann sie etwas auf einer seiten allein mit einem aug ersehen künden, das (
lies des) schilchens. 78 (1572); hast nur ein auge, unnd sihest darzu nicht wol, denn du schilest mit dem andern auge. Frey
gartenges. (1556) 54
b; er schilhet ein wenig. Wickram
rollw. 180, 24
Kurz; da ich von jugend auf meine augen sehr leicht in den zustand des schielens versetzen kann. Göthe 50, 35; ainen andern sazten si dô, der hieʒ der scilhende Otto.
kaiserchron. 16393
Schröder; scherzhaft umschreibend: er segt dem kîser (
kaiser) aussem lnd (
siebenb.-sächs.)
u. ähnl. Frommann 5, 31, 12;
bei starkem schielen
sagt man: er schielt wie ein bock;
andere redensarten: der schielt wie a ratz, wie eine gans, wenn's donnert. Wander 4, 162; es schielt nicht jeder, der einmal über die seite sieht. Simrock 8992; schila trügt Tobler 387
a; schilcht sie, sie liebäugelt jm,
der geliebten steht alles wol an. Franck
sprichw. (1541) 2, 68
b;
besondere ausdrücke der volkssprache für schielende: schilenbögg (der)
strabo Maaler 352
b (
vgl. bögge, bögke
theil 2,
sp. 221), schilebinggis (binggis,
knirps) Seiler 253
a, schilipingg Hunziker 220, schilamäuggi Tobler 387
a; schilimeuggi Seiler
a. a. o., schilibok Spreng, schielewippe (
zu wippen) Albrecht 200
a. Jecht 93
b; ist das nicht unser schielwuppen (
Lea)? Chr. Weise
Jac. heyrath 26, schielwippop Woeste 228
b;
ein mittel gegen das schielen: (
ein kind das schielt) sol oft sechen in ein stecheln spiegel aus einer capuci, auf die unschilchenden seiten gericht, das es nit anders sechen müge dan in den spiegel.
quelle bei Schm. 2, 406;
scherzhaft von einem geschmeichelten gemälde: und hat der maler sehr geschielet, oder ja schönere farben genommen. Schweinichen 2, 290;
bildlich, von einer frau, die durch unreine minne entehrt ist: die ere man ir nit mer bevilcht, wann sy an ainem augen schilcht. Hätzlerin 2, 68, 516.
in älterer sprache glossiert schielen
auch lippere, lippare, lippire. schilhen
vel ougen fliessen Dief. 332
c;
blinzeln: ich brechender klê wil dich mit schîne rechen, swenne si mich an mit ougen siht, daʒ si vor glaste schilhen muoʒ.
minnes. 1, 11
a Hagen. 22)
ohne beziehung auf fehlerhaftes sehen, von schräg gerichteten blicken: und liest mir (himmel hilff! jetzt hat mein ohr gefahr!) ein kranckes carmen vor, und schilt bey jeder zeile, und räuspert, bisz ich ihr ein falsches lob ertheile. Günther 389;
besonders als ausdruck oder begleitendes moment für besondere empfindungen, stimmungen, als ausdruck für miszgunst, spott, verachtung, neid, tücke, boshafte, feindselige gesinnung (
vgl.schel 2,
b th. 8,
sp. 2486): schielen,
torve aspicere, limis oculis intueri Stieler 1706; ein schwachköpfiger, hasenherziger, schleichender, schielender, listiger, eigennütziger, kalter, selbstischer schurke. Wieland 15, 184; mit einem ebenso schielenden auge (
mit feindseligem und deshalb falsch sehendem auge) durchging er ihr ganzes betragen gegen ihn. 2, 215; in der vorrede wird verhoffentlich auf die andern musensammlungen ... geschimpft, und auf den schwäbischen almanach, als den amtsbruder, spöttisch geschielt. Schiller 2, 384; wie sie auf mich herabschielen Genuas damen und mädchen.
Fiesko 3, 3; was liegt mir an schielenden gesichtern, die meine liebe schelten.
maler Müller 1, 356; kumt ein junger ieze dar, sô wird ich mit twerhen ougen schilhend angesehen. Walther v.
d. Vogelweide 57, 35; her, ob sie den künec iht meinen? jâ, sie schilhent alle dar! man siht ir vil schantlachen under stunden unt den wolves zan enblecken.
minnes. 2, 139
a Hagen; des höhnschen blachens und beschimpffens, des schilens und des nasen rimpffens. B. Waldis
Esop 4, 100, 136
Kurz; auch schielet keine spötterei, wann wir uns knie und hände drücken. Bürger 18
a (
hier zugleich von heimlicher beobachtung, s. weiter unten); sag ausland, schielst du nicht mit neid'schen blicken auf Wirtembergs glückselge hütten hin? Schiller 1, 185; beharre du nur starr auf deiner ersten bitte, und Juno selbst wird neidisch auf dich schielen. 326; da schielten keine vorurtheile, lachte kein affe des stillen pilgers. Hölderlin 1, 16
Köstlin. von versteckter, verhohlner beobachtung, schnell und heimlich entsandten, von nicht voll auf etwas gerichteten blicken: ich schilet sie an, sach durch den wedel und heimlich sich damit um und um, ob alle ding wol versehen sint.
Terentius deutsch (1499) 55
a; dasz er auch an der gasse stehen bleibt, und auf der seite herum schielet, ob die leute die hosen (
die ihm eben geschenkt wurden) auch ansehen wollen. Chr. Weise
kl. leute 266; Fiesco tritt vor den spiegel und schielt über das papier. Schiller
Fiesko 1, 9; Fiesco, der bisher mit Julien getändelt, und verstohlen herübergeschielt hatte. 3, 11; ich beschwöre euch, schielt nicht so geisterbleich auf dieses spiel der natur. 5, 12; er sah nun alle die rollen vor sich liegen, zu denen er manchmal nur hinein geschielt hatte. Göthe 15, 185; sie hatte unter diesen reden bei seite geschielt. 218; (
ich) schielte indessen an den fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken liesze. 20, 75; Philemon schielt ihn
an. ein strahl vom innern licht erheitert seinen blick: er glaubt, und klügelt nicht. Hagedorn 2, 102; wenn ich, augenlust zu finden, unter schatticht kühlen linden schielend auf und nieder gehe. Lessing 1, 53; doch schielt' ich seitwärts, wo mein schieszzeug lag. Schiller
Tell 4, 1; nun verliesz ich mein liebchen; mich haben die musen verlassen, und ich schielte verwirrt, suchte nach messer und strick. Göthe 1, 354; du kannst die freude bald erleben, das kesselchen herauszuheben. ich schielte neulich so hinein, sind herrliche löwenthaler drein. 12, 193; Amor würfelt' einst mit Hymen, und der kleine gott der liebe, schielend listig durch die binde, wirft beständig hohe zahlen. Grillparzer 1, 14.
freier gewendet: was macht sie (
die welt) bösz, ohn dasz sie also uber jhr selber sitzt zunagen und zu plagen, und wie Janus inn die ander woch schilet, ist die noch nicht herumb. Fischart
Garg. 52
b.
eigenthümlich einen blick schielen: allein sie fand für gut mit ihrem fächer zu spielen, und, ohne nur einen blick auf seine person zu schielen, ganz langsam ihren weg zu gehn. Wieland 5, 20; man darf nur zwei blicke in ihr herz geschielt zu haben. Hippel 10, 156.
leicht mit dem nebensinne des begehrens, verlangens, besonders in geschlechtlicher beziehung: einen anschielen,
oculis ludibundis atque illecebrae, voluptatisque plenis contueri. Stieler 1706; zu unserer groszen demüthigung sahen wir, dasz die hübschen mädchen im haus besonders nach ihm schielten. Göthe 16, 203; das hab' ich officieren abgelernt, nach denen die mädchen immer schielen. 21, 156; (
er) lobt ihren neuen latz, schielt öfters auf ihr mieder. Gellert 1, 132 (
fabeln 2, 4); (
der junge stier) brüllt und schielt mit hitzgen blicken zur jungen kuh. Cronegk 2, 315; Apoll, der gern nach mädchen schielte, wie dichter thun. Hölty 3
Halm; dasz die waldgöttinnen wonnetrunken lauschen, nach dem jüngling schielen voller lüsternheit. 126; (
er) schielt nach Hebens voller brust. Gotter 1, 62; doch, was das für wünsche sind! voll begierde zu genieszen, so da droben hängen müssen (
wie der mond); ey, da schieltest du dich blind.
der junge Göthe 1, 109; einen vatermörder endlich, welcher fromm im Kempis las; aber nur mit einem auge, denn das andre schielte dreist nach verbuhlten frau'
n. Platen 288
b; sprach von seinen heldenthaten, seinem glücke bei den weibern, wie des königs tochter selber bei der tafel nach ihm schiele. Grillparzer 6, 129;
allgemein von verlangenden, begehrenden blicken: sieh, wie schielt er nach den händen. Lessing 2, 214; doch während dasz der vetter schon nach deiner krone schielte. Schiller 1, 173; sein bruder nach hohen äpfeln schielt', die er für ganz vortrefflich hielt. Göthe 47, 76; wir sehen einen solchen knirbs nach lorberzweigen schielen. Platen 260; seit der zeit hat der Sylvester stets nach unsrer grafschaft her geschielt wie eine katze nach dem knochen, an dem der hund nagt. H. v. Kleist 1, 11
Hempel; wie wohl ein ird'scher künstler, spielend, wenn er zurück von seiner tafel trat, dem lieblingskind, das, lüstern darnach schielend, schon längst ihn still um seinen griffel bat, ihn freundlich darreicht. Hebbel (1891) 2, 87. 33)
übertragen auf gedanken, fassung, ausdruck von gedanken, vorsätze, verhaltungsweise, verfahren: ein ausspruch, urtheil, satz, eine definition schielt
oder ist schielend,
ist zweideutig, unklar, schief. Adelung.
zu grunde liegt die vorstellung, dasz der blick nicht gerade, fest, scharf auf einen gegenstand gerichtet wird, doch zum theil ist die unter 4
angegebene bedeutungsentwicklung herangezogen: doch das schielende ist der eigentliche charakter des Klotzischen stils, und es steht in keines menschen macht, von einer sache, die er nicht versteht, anders als schielend zu sprechen. Lessing 8, 36; man kann sich nicht schielender ausdrücken. 11, 185; eine mischung von wahrheit ist freylich immer in dergleichen deklamazionen; aber was nützen schielende wahrheiten. Wieland 14, 324; statt der schwachen gewöhnlichen lesart ..., welche noch dazu einen schielenden sinn giebt. Stolberg 8, 453; ist das menschliche leben etwas anders, als ein gewebe von pein, laster, qual, heucheley, widersprüchen und schielender tugend? Klinger 3, 286; nur halbe, schielende tugenden leiten ihre handlungen. 8, 172; mit schielenden, schwankenden halbtugenden verstattet man aufzutreten. 11, 11; (
ich fand) vieles anticipirt, und für den anfangenden leser unverständlich, .. vieles schielend. Möser
osn. gesch., vorr. zur 2.
ausgabe des 1.
theils; ist dieses aber nicht ein schielendes einseitiges verfahren ...?
patr. phant. 3, 43; das ists, was wenige fassen, was die ansicht poetischer und plastischer werke so schielend macht. Schiller 14, 5; es ist eine schielende ansicht, etwas ganz allgemeines bey einer einzelnen gelegenheit, als etwas ganz besonderes, vorzutragen. Hugo
heut. röm. recht (1826) 107; wie? du begeiferst den meister, indesz du schielend und schwülstig schreibst? Platen 145
b.
freie anwendung in alter sprache: driu reht diu hôrte ich kriegen. natûr jach: sunder triegen, mîn reht ist ie gelîche swenne dandern schiln ân underscheit; mîn reht darf sich niht biegen. Frauenlob 340, 3.
vgl. auch die unter 1
angeführte stelle aus dem liederbuche der Cl. Hätzlerin. 44)
von unbestimmter farbe sein, aus einer in die andere übergehen (
s. schillern): schielen, von farben, die einander nahe kommen. Frisch 2, 178
b; ein zeug schielet,
spielt von einer farbe in die andere. Adelung;
besonders als fehler der färbung: die hellen emaille-farben schielen
oder werden schielend,
wenn eine fremde farbe ihnen beigebracht wird. ebenda; die haare ins rosige schielend. Wieland 4, 130.
wie schillern: ist ein sehr schöner fisch, goldfarb, glentzet, schilet, als wenn einer glantzenden farb wenig purpur gemischt würde. Forer
fischb. 3
a.