scheuchen,
verb. fugare, in älterer sprache und mundartlich vielfach bis heute schüchen,
wie scheuen
aus mhd. schiuhen
entwickelt, und zwar aus den formen, in denen die spirans im auslaut oder inlautend vor einem consonanten stand und sich daher zu ch
verschärfte, wie es die folgenden frühnhd., doch noch den mhd. vocalcharacter wahrenden belege zeigen: iederman begert des fridens, niemans schuicht darab. Keisersberg
bei Scherz-Oberlin 1445; ich schüch, hab keinen lust, es ist gantz wider mein gemüt zuschreyben. Maaler 362
c.
zu diesen formen bildet nun schon die übergangszeit zwischen mhd. und nhd. auch andere mit ch,
in denen die zwischen vocalen stehende spirans im ahd. und classischen mhd. ihre alte gestalt h
wahrt, nhd. dagegen meist schwindet: mes und predig du scheuchest, di guoten werich du fleuchest. Suchenwirt 39, 113; Seneca spricht: 'du solt den arkwan scheuchen eben, wildu nicht vortichleichen leben'. Vintler
pluemen der tugend 3764. scheuchen
und scheuen
sind also zunächst nur lautlich verschieden. mundartlich, besonders auf oberdeutschem sprachgebiet, hat sich schüchen, scheuchen
vielfach bis heute im weiteren bedeutungsumfange von scheuen
erhalten Hügel 136
a. Hunziker 232. Schöpf 604. Lexer
kärnt. wb. 217. Seiler 264
b.
näheres darüber s. unter scheuen.
in der nhd. schriftsprache aber werden dann die beiden verben auch dem sinne nach differenziert, indem scheuchen
auf die bedeutung '
verjagen, durch erregung von furcht vertreiben'
eingeschränkt wird, während scheuen
in dieser anwendung allmählich seltener erscheint und schlieszlich ganz verschwindet. belege für einen derartigen gebrauch von scheuen
aus früherem nhd. s. dort unter II, 5.
nach Stielers
bemerkung: scheuen
etiam est pellere, fugare, timorem incutere, pro quo tamen communiter dicimus scheuchen 1673
scheint es, als ob zu seiner zeit scheuchen
auch im sinne von '
bange machen'
gebräuchlicher war als scheuen. Adelung
bezeichnet diese bedeutung, für die er das beispiel gibt: die kinder in der jugend mit dem knecht Ruprecht scheuchen,
als mundartlich. heute ist jedenfalls sowol scheuchen
als scheuen
in solcher anwendung ungebräuchlich. die alte form scheucht
gebraucht Luther
noch neben schewet: das jederman sich fur mir schewet.
ps. 31, 14.
im sinne von scheut: meinstu nicht, es sey unglücks gnug, ein solch verstockt, verblendt, verhertet hertz haben, das weder sihet noch höret, .. und scheucht den segen, als einen fluch? 3, 311
a;
in verbindung mit dem reimworte fleucht: aber die unehre hat des (
todten) menschen leib, das jederman dafür scheucht und fleucht, und die nasen zuhelt, und damit zum grabe eilet, so seer er jmer kan. 6, 261
a.
auch sonst erscheint sie und ähnliche formen in älteren nhd. quellen in solchem gebrauch: dieweil dann ein zeither etlich vom adel und andere, den solche gericht eigner person ampts halber und sunst zu besitzen gebürt, sich bei solchen gerichten zu sitzen geweigert, und jres stands halber gescheucht.
Carolina art. 1; ich hass und scheuch euwre fest. Reiszner
Jerus. 2, 37
b; und wenn es (
das wild) in dem springen steht, so scheuchts weder hecken noch dornen.
Ambras. liederb. 119, 11; thut offt, das jm nicht will gebürn, scheucht weder menschen oder gott. Ayrer 115, 2
Keller; weil jr scheucht bey uns zu sein. 430, 35.
im übrigen ist aber schon in Luthers
bibelübersetzung die scheidung der bedeutungen im heutigen sinne durchgeführt. 11)
am häufigsten mit bezug auf thiere: dein leichnam wird ein speise sein allem gevögel des himels, und allem thier auff erden, und niemand wird sein der sie scheucht.
5 Mos. 28, 26; die stedte Aroer werden verlassen sein, das herde daselbst weiden, die niemand scheuche.
Jes. 17, 2; wo ist nu die wonung der lewen, und die weide der jungenlewen, da der lewe, und die lewin mit den jungenlewen wandeleten, und niemand thurst sie scheuchen?
Nahum 2, 12; auskleiden sollte man sie (
die puppe) und in den garten stellen, die vögel damit zu scheuchen. Göthe 14, 55; die wolken flogen vor ihm (
dem thauwind) her, wie wann der wolf die heerde scheucht. Bürger 36
a;
im bilde: keinem gärtner verdenk ichs, das er die sperlinge scheuchet, doch nur gärtner ist er, jene gebahr die natur. Schiller 11, 129; nun, des alten wunsch ist erfüllt; den losesten vogel scheucht er heute, der ihm gärtchen und nichte bestiehlt. Göthe 1, 284.
die ausdrücke gescheuchtes reh, wild
werden gern in vergleichen gebraucht: sie floh dem gescheuchten wilde gleich, wie ein gescheuchtes reh.
ähnlich: die falschen freuden fliehn, gleich den gescheuchten schafen. Uz 1, 231.
mit näheren adverbialen bestimmungen: und das gevogel fiel auff die ass, aber Abram scheuchet sie davon.
1 Mos. 15, 11; und die leichnam dieses volcks, sollen den vogeln des himels, und den thieren auff erden zur speise werden, davon sie niemand scheuchen wird.
Jer. 7, 33; wer unter die vogel wirfft, der scheucht sie weg.
Sir. 22, 25; (
Rübezahl) scheuchte mit grausendem getöse das scheue wild vor sich her. Musäus
volksm. 1, 6
Hempel. im bilde: während er nun den wolf aus der hürde scheucht, soll der marder in seinen hünerstall fallen. Schiller
Fiesko 1, 3; wir scheuchen die maus und ratte aus den mauern. Freytag
handschr. 1, 230; aber in ihrem fluge gescheucht, ruhn vier adler in den offneren wäldern! Klopstock 9, 200. 22)
mit bezug auf personen: daruff sich Fritzch von Maltzitz geweldiglichen eyner gmeyn iagt underzeucht, und am nechsten vor unnserm netze seynne netze ingeczogen und gstalt, den unserem swerlichen trawth, und mit unnutzen worten vorunglimpft .. und unns von der iagt gedenckt zu schewchin, die wyr dann ye und ye gehabt.
quelle v. 1444
bei Haltaus 1614; also schreibt Esaia vom könige zu Assyrien, das sie sollen gescheucht und verjagt werden, wie die arbe (
heuschrecken), wenn man unter sie rumpelt. Luther 3, 313
b; fing nicht schon an ein schönes licht zu leuchten? bis wir den edlen mann mit unsern reden scheuchten? Tieck 13, 252.
freier, mit abstractem subject: ein finster grausames verbot scheucht jedes mitleidige geschöpf aus unserm wege. Schiller
M. Stuart 3, 1. 33)
mit bezug auf wesenhaft gedachtes, besonders so von körperlichen oder geistigen zuständen, empfindungen, vorstellungen: was scheucht die ruh aus deinem herzen? Adelung; dort versüsze du dir dein leid durch wein und gesänge: sie scheuchen jede sorge weg, welche die stirne dir trübt. Ramler 2, 214; doch konnt' auch hörer deutsches gesanges seyn, desz ohre zauber war der tüdeske reim, durch den er jetzt des thrones launen scheuchte, und jetzo der schlacht gespenster? Klopstock 2, 29; nicht das auge gabet ihr euch; allein wenn ihr oft blickt, könnet, den schlummer scheuchend, dasz heller es sieht, ihr ihm geben. 199; der morgen kam; es scheuchten seine tritte den leisen schlaf, der mich gelind umfing. Göthe 1, 3; gott der den hunger scheuchte durch seine segensmacht, er möge nur die seuchen, die mit dem giftgen hauch her hinterm hunger kamen, nun gnädig scheuchen auch. Rückert 214. 44)
absolut: dort schwebt der wehegeist heran, .. ich sehe wie es die hand hebt, es scheucht, und mir graut vor der malerei meines gehirns. Freytag
handschr. 3, 201.
der beleg wirft licht auf die entstehung eines in der Zips üblichen unpersönlichen gebrauchs im sinne von spuken. Schröer 201
a.