verscheuchen,
verscheuen,
verb. 11) scheu machen, wegjagen,
mhd. verschiuhen,
mnd. vorschuwen.
zusammensetzung mit scheuchen, scheuen.
diese beiden formen, ursprünglich in der unzusammengesetzten bildung dasselbe wort, trennen sich nachher, indem die form scheuen
für die intransitive und transitive, scheuchen
mit verdichtetem h
für das transitiv benutzt wird. in der zusammensetzung mit ver,
die stets das transitiv begünstigt, ist sie mir nur transitiv im nhd. vorgekommen, neben verscheuchen
auch verscheichen,
z. b: mancher verscheychet me dann er jagt. Brant
narrensch. 74, 15.
überhaupt hat sich nur das reflexiv verscheuen
bei Hippel
gefunden. ha, ha Kundlob mein freund, diese mucken hie werden mich noch gar blenden: reych mir etliche weidenbäume für ein muckenwadel oder fuchsschwantz her, sie zu verscheychen: dann er sah diese eisenmucken für roszbrämen
an. Garg. 455 (1590); da hingegen die freude mit ihrem bescheidenen gefolge auf der gebahnten strasze und überall anstöszt, durch jedes 'wer da' erschreckt und ach wie oft schon durch den schrecken verscheucht wird. Thümmel 1, 12; es darf auch nicht regnen, denn die Pariser fürchten nichts mehr als regen und dieser verscheucht die hunderttausende von männern, weibern und kindern die meistens geputzt und lachend nach den wahlstätten ziehen. H. Heine 8, 46; man sieht, dasz die nunmehr, die freyheit vor gesuchet, verscheucht, verstreut, versteckt, gekerkert und verfluchet. A. Gryphius 2, 419
Palm; nimmer vergisset die heerde, von jenen höhen verscheuchet, deiner hürde; sie denkt ihrer im dunkelsten thal. Herder
phil. u. gesch. 1, 20 (1820);
bildlich: warum mit ihr die groszen bilder der wahrheit, götter und heldengestalten oder die zaubertafel historischer wahrheit, das gemählde verwirren und zu schatten verscheuchen.
lit. u. kunst 11, 346; den geist ganzer gesellschaften, familien, ämter und stände bilden oder miszbilden sie (
die sitten); an ihnen erhält sie die schönste zier der menschheit, die moralische grazie, oder wird durch sie verscheucht, verunziert, abgeschmackt verderbet. 12, 479 (1821); zwar hat der krieg seine blutigste bühne unter uns aufgeschlagen, und es ist eine alte klage, dasz das allzunahe geräusch der waffen, die musen verscheucht. verscheucht es sie nun aus einem lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige freunde haben ... so können sie auf eine sehr lange zeit verscheucht bleiben. Lessing 6, 2; reichen filzen ein drittheil ihrer sorgen vom hals schaffen, die ihnen nur den goldnen schlaf verscheuchen ... siehst du das heis ich erlich sein. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 42 (
räuber 1, 2); ein mehr körperliches als geistiges unbehagen ... würde mich mit den andern freunden ebenfalls von hier verscheucht haben, aber mein bester freund lag hier krank darnieder. H. Heine 8, 168; ich musz mein list gar eben spitzen, das mir der vogel thu auff-sitzen, den ich vor gar verschewet hab. da kumbt gleich der einfeltig knab. H. Sachs 3, 3, 23
c (14, 92, 30
Keller-Götze); gott! welche sprache, Sir, und welche blicke! sie schrecken, sie verscheuchen mich. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 506 (
M. Stuart 3, 6);
part. prät.: gaben ihm darfür ein gebletzten armseligen küttel, welchen ein müllerknecht da inn rauch gehengt hat, die läusz darausz zu räuchen und zuscheychen: also zog der arm bitterkoderisch tropf darvon, wie ein verscheichter hasz.
Garg. 522 (1590); du trippelst wie ein verscheucht huhn in den straszen herum. Fr. Müller 2, 48;
übertragen: lassen sie uns diesen gesichtspunkt festhalten, und wir werden .. eine reihe andrer schöner vorstellungen bemerken, womit Griechen und Römer sich das andenken des bittern todes versüszten oder verscheuchten. Herder
lit. u. kunst 11, 437; aber wehe, wenn diese grabengel, die man der menschlichkeit als denkmahle der liebe und milde gabe zuliesz, ein hauptwerk der kunst werden sollen und gar gelehrte abstractionen und allegorien wie gespenster alles verscheuchen. 11, 343 (1821); das doch .. mir ein mann in die nähe kommen .. und die hohen gedanken .. verscheuchen muszte. Thümmel 3, 179; ich bitte dich, verscheuche diesen starren, in sich nagenden blick mit einigem lächeln. Klinger 1, 3; meine gegenwart verscheucht das glück und die gute that wird ohnmächtig, wenn ich dazu trete. Göthe 19, 12; aber wie das erhabene von dämmerung und nacht, wo sich die gestalten vereinigen, gar leicht erzeugt wird, so wird es dagegen vom tage verscheucht, der alles sondert und trennt. 25, 14; o wer den ring, den ring der göttin hätte, der jeden wahn verscheucht, der freundlich vor dem der falschen kunst, der Gorgonette, die larv entfällt .. Herder
lit. u. kunst 12, 145 (1821); aber die geweihten kerzen des jahrhunderts flackern lustig, und das licht verscheucht die bösen mittelalterlichen schatten. H. Heine 17, 63. 22) sich verscheuhen,
sich selbst scheu, wirr maehen: er gewöhnte ihm sein: wie so? auf eine so auffallende art ab, dasz er sich bei jeder frage verscheute. Hippel
lebensl. 4, 393.