saite,
f. fides, chorda, mhd. der
und diu seite,
ahd. diu seita
und der seito. Graff 6, 159;
mnd. seide,
f. Schiller-Lübben 4, 173
a;
ags. sâda;
das wort ist auf das westgermanische beschränkt. es gehört zu dem stamme, dem auch seil
entsprossen ist, und als älteste bedeutung ist strick, bindfaden anzusetzen. vgl. Fick4 1, 558.
die schreibung saite
mit oberdeutschem ai,
die zum unterschiede von seite,
mhd. sîte (
s. dasselbe)
festgehalten wird, begegnet schon früh: darümb ist jugend ain süsze clingende sait, darümb so sei wir all in plob geclait.
fastn. sp. 729, 3.
vgl. auch Dief. 233
c.
andere oberdeutsche quellen zeigen sowol ai,
wie Megenberg (
s. unter saitenspiel),
die Zimm. chronik und H. Sachs: denn Hohemberg die saiten dir ufs hechst will spannen.
Zimm. chron. 2, 2, 40; ich musz jmb saiten besser spannen. H. Sachs 3, 3, 80
d,
als auch ei,
wie Aventin. (
s. unter saitenspiegel)
und Maaler 369
b.
in Mittel- und Norddeutschland erscheint meist ei.
so im Alsfelder passionsspiel, wie in quellen des 16.
und 17.
jahrh.: an den dinge ist seit, hant und list .. die seit klinget schone .. was aber clinges da geschiet, das thut die seit allein.
Alsfelder passionssp. 5160; Preussen und du Königsberg sing in meiner seiten werck. S.
Dach in ged. d. Königsb. dichterkr. 46
neudr. Luther
hat immer ei: Mathithja aber, Elipheleia .. mit harffen von acht seiten, jnen vor zu singen.
1 chron. 16, 21; lobet jn mit paucken und reigen, lobet jn mit seiten und pfeiffen.
ps. 150, 4.
auch niederdeutsch begegnet ei: syne (
Christi am kreuze) lede weren alse en seide up enen armborste.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 173
a.
bei Schottel 1391
finden sich noch beide schreibungen neben einander. dann aber hat saite
sich durchgesetzt. Bedeutung und gebrauch. 11)
eigentlich. 1@aa)
eine aus darm- oder metallfäden gedrehte schnur, die auf eine laute, harfe, zither, geige oder anderes saiteninstrument gespannt, klangwirkung hat: seitten auff die instrument, als lauten, harpffen, geygen und dergleichen seiten spielen. Maaler 369
b; ein psalm Davids, vorzusingen auff acht seiten.
psalter 6, 1; dancket dem herrn mit harffen, und lobsinget im auff ðem psalter von zehen seiten. 33, 2; lobet in mit paucken und reigen, lobet in mit seiten und pfeiffen. 150, 4; er schlug manch bewegliches trauriges liedlein auff der lauten, und netzte offt die saite mit thränen. Schuppius 138; am hofe zu Jerusalem ward des herrn wahrheit verkündigt auf den zehen saiten; es ward .. gott hoch gepriesen .. mit pfeiffen und saiten; der könig David liesz .. auch die buszsolopuia seiner sehr erschrockenen seele auf acht saiten vorsingen.
M. Claudius (1791) 1, 88; eine zytter geel gefärbet, bunte seiten oben drauf. Schwieger
geharn. Venus 34
neudruck; du mit liedern, spiel und saiten fahrest in den finstern schacht. Fleming 413; einst mit irdischer saite vor noch unmündigen völkern sang ich den sichtbaren gott im heiligthume der schöpfung. Voss
vorrede zur Ilias 30; du lebest in der saiten klang und traulich schwebst du im gesang vergnügt in unsre mitte. E. Stöber
ged. (1821) 112; der wind und des meeres wallen, gaben sie frischen klang? vernahmst du aus hohen hallen saiten und festgesang? Uhland 207. die saite wird gesponnen: Mira steht allein und sinnend, ihrem vater eine saite spinnend. Lenau 2, 73. man zieht die saiten auf und spannt sie, spannt sie ab: die saiten, so zu gewisser zeit nicht abgespannt werden, zuspringen. Butschky
Patm. 395; eine saite klingt um so heller, je mehr man sie spannt. Wander 3, 1841; auch die besten saiten dürfen nicht immer gespannt sein.
ebenda; ein liedlein süsz wollt stimmen an, ihr wohlgespannte saiten. Spee
trutzn. 105
Balke; doch bald ermattet sinkt die hand, sie hat der leier zarte saiten, doch nie des bogens kraft gespannt. Schiller 11, 241; auf der harfe laut und leise sind gespannt der saiten viel; jede tönt nach ihrer weise, dennoch giebt's ein klares spiel. Geibel 4, 209.
der sänger stimmt die saiten: drauf er rasch die geige nimmt, scharfgenau die saiten stimmt. Lenau 2, 67
Koch; er weckt die saiten aus der ruhe: frisch! weck' die saiten aus der ruh! greif' ein mit keckem finger. Geibel 2, 107. spielt auf den saiten: David aber spielet auff den seiten mit seiner hand, wie er teglich pflegt.
1 Sam. 18, 10; so bringet mir nu einen spielmann. und da der spielmann auff der seiten spielet, kam die hand des herrn auf ihn und er sprach. 2
kön. 3, 15. man greift, schlägt die saiten: die saiten greyffen, schlahen,
movere fides. Maaler 369
b. man fällt, greift in die saiten, greift auf den saiten:
mnd. harpen, rotten, wedeln, pipen unde wat me mach up seiden gripen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 173
a; ja! ich höre sie von weiten: ja! sie greifen in die saiten. Göthe 2, 25; und der sänger rasch in die saiten fällt und beginnt sie mächtig zu schlagen. Schiller 11, 384; da schlug der greis die saiten, er schlug sie wundervoll. Uhland 390; da schlägt des buches seiten einer um, den andern hörest du die saiten schlagen. Rückert 11, 538; in die saiten greift er bebend und beginnt zu phantasieren. H. Heine 1, 132; es lebe der Rhein! es lebe der Rhein! so schallt es heraus in das weite. da griff in der laute saiten und sprach mit blitzendem auge der zweite. R. Keil
commerslied. man streicht durch die saiten: plötzlich streicht er durch die saiten alle. Lenau 2, 78. die saiten rühren: daher man mich auch den anderen Orfeus pfleget zu nennen, dieweil auch offtermahls, wenn ich die saiten rühre, ein gantzer hauffe ochsen, esel, seue und andere bestien .. üm mich her sitzen oder stehen. Rist
friedewünschendes Deutschland (1647) 97; ich will die saiten rühren, und augen-klar die angst der herben welt ausführen. A. Gryphius 2, 82; mein lied sey Daphnis, der die süszen saiten rührt des sängers aus der fremden flur. Ramler 2, 8; die sänger, schon in träumen, rührten die saiten bang. Uhland 406. in die saiten singen: wo der frommen engel schaar gottes lob erklingen, werd' ich frölich immerdar in die seiten singen. S. Dach
in ged. des Königsb. dichterkr. 82
neudr. mit einem object: ein lied, sein herz in die saiten singen: mein Bardenhold entheb mein spiel dem eichenspröszling, dasz ich mein herz in die saiten singe. Hölty 210
Halm; also sangen sie beid' an der schwebenden wieg' in die saiten hold einschläfernden laut. Voss 2, 21; dein weib, der inbegriff von deinen seligkeiten, holdlächelnd spricht sie dann: ich habe dich belauscht! und singt dein neues lied in ihrer harfe saiten. Schubart
schriften 2, 346.
der sänger rauscht in die saiten: und stärker rauscht der sänger in die saiten, der töne ganze macht lockt er hervor. H. v. Kleist 5, 29;
seine hand gleitet über die saiten hin, der finger durchläuft die saiten, meistert durch die saiten: des groszen barden finger durchliefen leicht die saiten.
F. Müller 2, 403; ist der rohe schwere thyrsus keine bürde für die hand, auf zarten saiten nur gewöhnet hinzugleiten? Göthe 2, 29; wenn dein finger durch die saiten meistert — Laura, itzt zur statue entgeistert, izt entkörpert steh ich da. Schiller 1, 216.
man sagt: die saiten beben, zittern, ertönen, klingen, rauschen, schallen: die element giengen durch einander, wie die seiten auff dem psalter durch einander klingen, und doch zusammen lauten, wie man solchs an der that wol sihet.
weish. Salom. 19, 17; wenn eine violinsaite gestrichen wird, so klingen die saiten einer daneben liegenden unberührten geige mit. Grillparzer 15, 192; die saiten klangen aus; es war allgemeines schweigen. Mörike
maler Nolten (1877) 2, 114; swem diu seite ze rehte erklinget.
Mariengr. in Haupts zeitschr. 8, 282
v. 215; (der herolt haischt den tanz:) pauk auf und mach die seiten klingen, ob sie vor faulkeit mogen springen.
fastn. sp. 566, 7; und deren tugent grosze ehr, von deren meine saitten klingen, erleuchtet mein gemüht so sehr, dasz ich kan muhtiglich fortsingen. Weckherlin 369; die saiten ertönen, es singen die schönen.
F. Müller 2, 384; drüben auch aus gartenhallen hör' ich frohe saiten schallen. Uhland 15; dort ja wird ein holdes fräulein, wann die saiten lieblich rauschen, augen senkend, zart erglühend, innig atmend, niederlauschen. 270; weh euch, ihr stolzen hallen! nie töne süszer klang durch eure räume wieder, nie saite noch gesang. 391; die saiten klingen! ein heldenlied, voll flammen und gluten. H. Heine 1, 328, horch, wie rauschen Mischkas helle saiten unter diesen halmen. Lenau 2, 71; dieses zittern seiner saiten ist das schwanken einer brücke, drauf zurück zum erdenglücke sehnsuchtsvoll die geister schreiten. 2, 69. die saiten zerreiszen und springen: tugend stirbet in der Frynen schoose, mit der keuschheit flieht der geist davon, wie der balsam aus zerknikter rose, wie aus risznen saiten silberton. Schiller 1, 190; saite springt, und sang wird stumm. Uhland
ged. u. dramen (1885) 2, 312. 1@bb)
von der sehne der armbrust: syne (
Christi am kreuze) lede weren alse en seide up enen amborste.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 173
a.
vom zettel oder der kette beim garn, aufgespannt ähnlich den saiten einer harfe: durch die saiten des garns sauset das webende schiff. Schiller 11, 87. 22)
übertragen, von der menschlichen seele, deren regungen den angeschlagenen und schwingenden saiten eines saiteninstrumentes verglichen werden: dem scherzhaften tone ist weit schwerer etwas abzuschlagen, als dem ernsthaften — höchstens nur wieder im lustigen; aber zu diesem waren in Gustav alle saiten abgerissen. J. Paul
uns. loge 2, 96; so stand er bis zur nacht (
mit der kranken Liane) — in dieser sprang eine saite nach der anderen in Lianens leben, sie wurde schnell verändert, und am frühen morgen empfing sie schon das abendmahl.
Titan 4, 24; so handelt selbst der sonst gerechte herrscher, wenn er einmal dem gefährlichen beschwörer sein ohr geöffnet hat. dieser spielt dann so lange auf der saite seiner schwäche, bis er ihn in dem netze seiner eignen thorheit verstrickt hat. Klinger 7, 175; die liebe lief mit schaudernder hand tausendfältig über alle saiten seiner seele. Göthe 18, 111; empfindung ist schwingung einiger saiten, und das zerschlagene klavier tönet nicht mehr. Schiller
räuber 5, 1
schauspiel; und da auch sonst in seinem gespräche eine hypochondrische saite mehrmals vernehmlich anklang. Mörike
maler Nolten (1877) 2, 182; wer ist so tief in schmerz versunken, dasz .. nicht eine saite seiner brust mit ihrem sanften tone stimmte? Gotter 1, 228; wehmut reiszt durch die saiten der brust. Göthe 1, 321; in des busens tiefen klingen gleich gestimmte saiten nach. Grillparzer 10, 140. 33)
besondere übertragungen, formelhafte wendungen; eine saite berühren, anschlagen, treffen, unberührt lassen: aber schon zu viel eine saite gekniffen, die ich gar nicht berühren wollte. Lessing 11, 539; sachte, sachte, herr don Sylvio, fiel ihm Pedrillo ein, wir wollen diese saite nicht mehr berühren. Wieland 11, 175; eben die saiten der menschheit werden an ihnen gerührt, nur geben sie einen rohern klang. Göthe
an frau v. Stein 19.
jan. 1778; ich danke ihnen, dasz sie bis jetzt diese saite nicht berührten.
werke 22, 111; doch diese saite berühr ich nicht gerne. Schubart
an seine gattin 12.
jan. 1787; ein sonderbarer mann! immer fällts ihm aufs herz, wenn diese saite berührt wird. Schiller 6, 283; wie viele saiten meiner seele bleiben nun unberührt. Heyne
an Joh. v. Müller 37; herzog, sie berühren hier eine saite — Schiller
dom Carlos 2, 13; traun, ihr trefft die rechte saite, die ihr nie noch traft. Uhland 165;
tempelherr. doch, Daja, wenn ich euch nun sage, dasz ich selber diese sait' ihm anzuschlagen bereits versucht?
Daja. was? und er fiel nicht ein?
tempelherr. er fiel mit einem miszlaut ein, der mich beleidigte. Lessing
Nathan 3, 9. einem die saiten spannen,
ihn scharf vornehmen: jezo zogen in die im haus an sich, dann die andern uf der gassen hinab, und warden dem pfaffen die saiten wol gespannen.
Zimm. chron. 2, 187, 5; denn Hohemberg die saiten dir ufs hechst will spannen. 2, 2, 40; ich musz jmb saiten besser spannen, das er noch musz wainen und flannen. H. Sachs 3, 3, 80
d. die saiten hoch, zu hoch spannen, anziehen,
hohe, übertriebene forderungen stellen, ansprüche machen: gleichwohl versichern mich alle, die ihn gelesen, und den Pr. kennen, dasz er mich nimmermehr gehen lassen werde, und dasz ich meine saiten immer so hoch spannen könne, als ich wolle. Lessing 12, 444. die saiten herunterstimmen,
in seinen forderungen heruntergehen: wiszt ihr sonst einen rath, als allgemach die saiten herunter stimmen? dies war's denn auch, was ihre tugend that. Wieland 4, 94. alle saiten anspannen,
alle mittel anwenden, um seinen zweck zu erreichen. ähnlich: shet jn vor ghricht die saiten spannen, kocht offt zwen brey in einer pfannen. H. Sachs 3, 1, 115
b. er hat gute saiten aufgezogen,
mit ihm ist gut auszukommen. einem gute saiten aufziehen,
ihn freundlich stimmen: das wetter schlegt offt eine (
der zorn meiner frau), der zeuch ich guette saiten auff.
meisterl. fol. 23
no. 89. andere, gelindere saiten aufziehen,
sanfter verfahren: worauf er denn gelindere saiten aufzog.
Salinde 243; wie demnach der wetterhahn sahe, dasz bey mir durchaus nichts zu erhalten war, fing er wiederum an, bey meiner schwester gelinde saiten aufzuziehen,
Felsenburg 1, 312; doch vermuthlich sollen sie bei wahrnehmung unserer anstalten und der gleichförmigkeit derselben mit unseren reden schon gelindere saiten aufziehen. Heilmann
Thucydides 98; die umstände zwangen ihn auch, gegen jene andre saiten aufzuziehn. Möser
osnabrück. gesch. (1819) 2, 179; als es (
das fieber) diesen ernst wahrnahm, zog es gleich gelindere saiten auf. Bürger 495
a; wenn nur der zopf bald kommen wollte, du solltest mir andere saiten aufziehen. Lenz 1, 110; vater und mutter ziehen gelindere saiten auf. Schiller
kab. u. liebe 3, 1. auf der letzten saite spielen,
wenn es zu ende geht mit leben oder auch mit vermögen, mit kraft, fähigkeit u. ä. die alte leyer mit einer neuen saite beziehen,
oft vorgebrachtes noch einmal wiederholen: doch die alte leyer wieder? — mit einer neuen saite nur bezogen, die, fürcht ich, weder stimmt noch hält. Lessing
Nathan 4, 6.