kitz,
kitze,
n. auch kütz (kutz),
das junge der ziege u. ä., ein oberdeutsches, mehrfach merkwürdiges wort. ahd. kiz, kizzi, chizzi Graff 4, 537.
gramm. 3, 328,
mhd. kiz, kitze
wb. 1, 822
a. II.
Bedeutung und gebrauch. I@11)
die ahd. und mhd. glossen erklären zwar nur haedus
damit, aber es kann nach den übrigen zeugnissen nicht das böckchen nur gemeint sein, in den gl. des 15.
jh. wird das lat. wort auszer kitz
ausdrücklich auch als junge geisz, ziege
erklärt (Dief. 195
b),
man musz haedi
für zicklein überhaupt gebraucht haben; als ziegen überhaupt faszt es Notker 47, 12,
indem er oves ab hedis separas
übersetzt scâf fone geiʒin gescidôst (
s. 2,
a).
wenn der voc. inc. t. angibt kicz
edus, geiszel n 2
a,
der voc. 1482 kitz
edus, caprella q 4
b,
so soll offenbar der zweite zusatz die einseitigkeit des lat. wortes ergänzen, wie in Schönsleders
erklärung von kitzle
capella, hoedus. Die obige bed., die Schmeller 2, 347
aus dem heutigen Baiern für kitz
gibt, wird die ursprüngliche sein; soll das geschlecht unterschieden werden, so sagt man da bockkitz
und gaiszkitz;
ebenso aus Kärnten Lexer 158, kütz, gaiszkütz (
zur unterscheidung von rehkütz, gamskütz)
aus Österreich Höfer 2, 185.
auch das neutr. stimmt zur urspr. umfassung beider geschlechter (
s. sp. 707),
es ist wie bei kalb, lamm, füllen
und kind.
doch s. auch 2,
b und II, 2. von kitzen carnes sind guet festo pentecostes.
kalenderreim, Wack.
leseb. 1030, 5 (1206, 18); so wolt ich lieber essen von eim kicze dann von eim schweinlein. A. v. Eybe
ob eim manne u. s. w. 88; kam der wolf für die thür des kitzes. Steinhöwel
Es. (1555) 38,
s. weiter unter II, 3,
a; s. auch die stelle weisth. 1, 352
unter II, 1. I@22)
der begriff ist aber auch erweitert worden. I@2@aa)
ziegen überhaupt musz es in folg. sein: auch Jacob dient dürch kält und hitz in huot seins schwehers schaf und kitz (
gen.). Schwarzenberg 156
b,
das kann aus der hirtensprache sein, kitz
vielleicht als lockname (giz!
vorarlb. Fromm. 5, 486),
von den jungen auf die ganze herde erstreckt (
s. kitz! 3).
ebenso wol in folg.: (
gott) würt setzen di schof zu seiner gerechten, aber die kitzen zu der linken hand. Keisersb.
post. 2, 15
b; als der hirt scheidet die schaf von den kitzen.
evang. 1517 42
a,
nachher: wirt die schaf stellen zu seiner rechten und die kitzlin zu seiner linken hand. 42
b,
nach Matth. 25, 32. 33,
wo die vulg. hoedos
hat, Luther
u. a. böcke,
s. aber vorhin schon Notkers
auffassung, und Scherz
unter II, 3,
c. I@2@bb)
ob doch auch böckchen zur unterscheidung von den zicklein? so kann es scheinen nach folg.: also ist haimgangen Gideon und hat gekocht ein kitze und hat gemachet matzkuchen. Keisersb.
pred. 86
a,
richt. 6, 19,
wo die vulg. hoedum
hat (Luther ziegenböcklein),
aber es wird wol vom geschlecht eben abgesehen sein; gang hin und waidne deine kützlin, ausz wölchen kützlin werden grosz böck.
ders. granatapfel 1511 (
geistl. spinn.) M 6
a,
d. h. es werden auch böcke mit draus. eine ahd. glosse allerdings lautet hircelli vel hedi, chizzi Dief. 278
a,
aber auch das könnte doch nach a zu verstehen sein. s. jedoch unter 4
und kitzlein 1. I@2@cc)
auch vom schaflamm kommt kitzlein (3)
vor, mit Keisersbergs kützlin
vorhin könnten solche wol mitgemeint sein, ziegen und schafe werden ja viel zusammen geweidet. I@33)
von dem hausthiere erstreckt auf ähnliches wild, wie kalb. I@3@aa)
auch die jungen der gemse, des steinbocks (
s. kitzlein 2)
und des rehes heiszen bair., tirol., kärnt. kitz (
vgl. Höfer
u. 1),
wie auch bock
und geisz
auf sie angewandt wird. schon ahd. rêchkizzi Graff 4, 538,
mhd. (
alem.) rêchkitze
J. Haupts hohes lied 50, 25. 31, 21, diu zwinelîn chitze der rêchgaiʒe (duo hinnuli caprae gemelli
cant. 4, 5) 112, 14.
vom reh hat sich das auch über die eig. heimat des wortes vorgeschoben: kitz
junges reh gibt Kehrein 225
als mittelrh. aus der jägersprache; das kleine kitzchen.
M. Waldau
nach der natur 3, 282.
doch auch kitzlein
zicklein kommt auszer seinem eigentlichen gebiete vor. I@3@bb)
auch auf den hirsch ist es angewandt worden: eine hirschkuh kommt mit ihren kitzen an den bach. Auerbach
schatzk. des gevattersmanns 28. 35; an etlichen höfen und jägereien ... der hirsch ein tannbock, das thier eine tanngeisz und das kalb ein tannkützle benennet wird. Döbel (1754) 1, 23
b. I@3@cc)
als unterscheidung der geschlechter gibt Frisch 1, 517
a kitzböcklin
und kitzgeisz '
rehekitzlein'
; östr. kützgoasz
von einer gemse. A. Schosser
naturbilder 57. I@44)
schwäb. auch kitze,
das da fem. ist, gleich knabe, unbärtiger jüngling Schmid 314;
das macht doch die bed. böckchen wol notwendig. ähnlich tirol. kitz
n. junges flatterhaftes mädchen Fromm. 6, 295, Schöpf 318 (
vgl. gitsche mädchen).
schwed. kidde
m. zicklein ist auch vorlauter junge Rietz 317
b. IIII.
Formen und verwandtschaft. II@11)
zunächst die nebenformen kütz
aus Österreich vorhin, kützlin
bei Keisersberg (
s. mehr unter kitzlein);
über das ü
s. sp. 855
mitte. auch hier das unsichere u
statt ü: wer ein geisz hat, der sol von (
je) zwei kutzen ein pfening geben, von verlin sol man zehenden geben was billich ist.
weisth. 1, 352,
aus d. 15.
jh. vom südl. Schwarzwald; hedus, ein klein geiszlin, ein kutzlin. Melber
varil. l 1
a.
die schwäb. kitzbohnen,
ziegendrecker (Schmid 314)
heiszen nach Birlinger
Augsb. wb. 279
b aber wirklich auch kuzabonelen;
also wirkliches echtes u
neben i? II@22)
es gibt neben dem vorherschenden neutr. doch auch ein fem. kitze (
wie ja geisz, ziege
f. sind),
es ist die schwäb. form Schmid 314,
von jungen ziegen, rehen ohne unterschied des geschlechts (
sogar von knaben, s. I, 4).
diesz fem. mag alt sein, schon ahd. bestand chizzila
capella neben chizzili
n. (
s. kitzlein);
isl. ist kida
f. als weibliches zicklein von kid
n. hoedus unterschieden. schwed. aber gibt es auch ein m. kidde (I, 4). II@33)
die formen kitze, kitz,
und kitzi, kitzin. II@3@aa) kitze
n. ist der nachkomme des ahd. chizzi,
wie küsse
der von küssi
sp. 852
mitte, und kitzi
findet sich noch nhd. anfangs (
wie küssi
dort, vgl. mhd. kitzivel
wb. 3, 294
a): do ein geisz gekitzet het und usz wolte gen an die weide .. warnet sie ir kitzy, niemand uf zu thun die schlosz irer wonung ... kam der wolf für die thür des kitzes und begert von dem kitzy, im die thür uf zu thund. Steinhöwel
Esop (1555) 38; aber das kitzy entran. 91.
noch appenz. chitzi Tobler 101
b. II@3@bb)
diesz kitzi, chizzi
ist aber, was ja zur bed. stimmt, nichts als ein demin., von der einfachsten art wie sie in alem. mundart noch herschend sind (
z. b. unter 4,
a gitzi),
wie kessi
gleich kessel (1,
c);
s. J. Grimm
gramm. 3, 684, Weinhold
al. gr. s. 233. 449. II@3@cc)
dazu stimmt denn der antritt eines n,
wie al. kessi
auch kessin
heiszt (
und wie in den dem. auf -ili): kizzîn
hoedum, hoedos Graff 4, 537. 538; (
das einhorn) ist deme chitzîne gilîch.
fundgr. 1, 24, 14 (
daneben dem chizze gelîch
das. z. 41); got stellet diu schâf bî der zesewen und die (diu?) kitzîn zuo der winstern (
gedr. vinstern). Scherz 791.
selbst im nom.: hoedus chizzin Mones
anz. 7, 595 (11.
jh.), kytzin
und kutzin Dief. 195
b, 15.
jh. auch das einfache kitz
liesze sich als dem. denken, mit dem verkleinernden, kosenden z (
sp. 367),
das hier im stamme schon ein ʒ
vorfand, welches dadurch zu z
wurde. II@44) kitz, kitzi
gehört nämlich doch wol zu geisz,
mhd. geiʒ,
trotz der abweichenden lautstufe des k. II@4@aa)
alem., aber nur da heiszt es wirklich gitzi,
dem. gitzeli;
so schweiz., bei Hebel,
vorarlb. Fromm. 5, 486,
und so von jeher. schon Maaler
gibt nur gitzlin,
mhd. in Wackernagels
voc. opt. 38, 30 gitzi,
ahd. im voc. des h. Gallus (8.
jh.) hedi gizi Hattemer 1, 14
a.
das steht mit seinem vocal zu geiʒ
in ablautsverhältnis (î ei i),
ganz wie ricke
rehgeisz zu mhd. rêch
reh (
mit ê
für ei
vor ch);
die endung ist gestaltet wie in zicke,
ahd. zikki
junge ziege im verhältnis zu ziege,
ahd. zigâ,
mit ableitendem i, j,
das den wurzelauslaut steigerte (
eig. giʒji, zigji?).
wer will aber das gleichgebildete kitzi
von diesem gitzi
trennen? II@4@bb)
die gemeinhd. form mit k
findet sich aber in den nord. sprachen wieder, freilich wieder mit einer abweichung der lautstufe, im auslaute. das zicklein heiszt altnorw. kið
n., altschw. kiþ,
isl. kid (
neben geit
f. geisz),
schwed. dän. kid (
neben get, ged,
auch von den jungen des rehes und rennthiers),
und engl. kid (
neben goat),
im Ormulum kide,
sicher schon ags. II@4@cc)
von solcher abweichung der lautstufe findet sich aber eine spur auch hd.: kittele
n. weibliches zicklein, in Tirol Schöpf 318,
schon aus dem 12.
jh. bezeugt in einem glossar zu Insbruck: '
chapellae, chetele' Mones
anz. 7, 595 (
dicht neben '
hoedus chizzin').
es heiszt tirol. aber auch gittel
f., ziege die noch nicht gezickelt hat, gittele
n. weibliches zicklein Schöpf 192, Fromm. 3, 331. 5, 435.
das ganze wort ist ein rechter beweis für das dasein der bewegung in den lautstufen auch auszer der lautverschiebung, im auslaut wie im anlaut (
s. sp. 3).
im anlaut fehlt auch die dritte stufe nicht: wetterauisch hitz, hetz
f. ziege (
lockruf hitz! hetz!),
westf. hitte,
bair. hett, hettel, huttel,
vorarlb. hattla Fromm. 5, 486,
mhd. hatele,
d. h. es ist wie bei keichen
sp. 438
unten, vgl. 661
mitte. II@55)
zu erwähnen sind auch auswärtige anklänge, wie ehstn. kiddo
junge ziege, kits
ziege, finn. kuttu
ziege (
beide sprachen haben aber kein anlautendes G);
lappisch gitze
zicklein, ungr. gödölye.
s. ferner bei Diefenbach
goth. wb. 2, 385
alban. kidh
junge ziege u. s. w. II@66)
endlich s. auch kisel
bock, kuse
ziege, worin wie im sl. und bei katze (I, 3)
ein s
statt des dentals auftritt.