Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
kindisch Adj.
1.1 bezogen auf Säuglinge (hier von Herodes’ Kindermord zu Bethlehem)
1.2 bezogen auf Jugendliche, junge Erwachsene
1.2.1 meist bezogen auf junge Männer
1.2.2 selten bezogen auf junge Frauen
1.2.3 übergehend zu ‘unerfahren, unwissend’
1.2.4 übergehend zu ‘unvernünftig, verantwortunglos’
1.2.5 in Wendungen, die auf die Jugend oder Kindheit einer Person anspielen
2 ‘kindlich, als Kind, wie ein Kind’
3 ‘Kindern angemessen’
1 ‘jung, im Kindesalter’ (Altersspanne vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen, vgl. kint ) 1.1 bezogen auf Säuglinge (hier von Herodes’ Kindermord zu Bethlehem): er sazte in sein æhte / die kindischen barn, / die vnschuldik waren Wernh A 4215; do fvͦren des kvniges vndertane vnde slvͦgen die kindischen marterære Spec 31,4 1.2 bezogen auf Jugendliche, junge Erwachsene: wahsen begunde do der chint [Ismahel] / [...] / do begunde er vaste proͮten nach chindischen loͮten [sehnte er sich nach jungen Leuten] GenM 39,20; do riten mit der broute / chindische loute, / riter gemeite, / herlich gereite Hochz 302 1.2.1 meist bezogen auf junge Männer: man sprichet dich also kindes, / daz in der niuwe si din bart Frl 7:42G,3; ich müeste mich sîn iemer schamen, / ob ich ze man kür einen kneht, / wan ez ist hie ze lande reht, / daz frouwen niht getürren haben / zer ê sô kindische knaben, / sam du, vil trût geselle, bist KvWPart 1906; nu Môrolt der hôrt allez an / und verdûhte in sêre, daz Tristan / sô vaste nâch dem kampfe sprach, / dô ern sô kindeschen sach, / und truog im in dem herzen haz Tr 6224. – i.d.R. attr. zu man, seltener degen, recke, vereinzelt helt, ritter), oft zur Hervorhebung der Unwissenheit und Unerfahrenheit oder des Kontrastes von Jugend und Können, Wissen o.ä.: do sante Servacius erloste die seine, / der phalenzgrave von Reine / bevalh si einem chindischen man [ iuvenem ] Serv 2945; si enkunnen niewan triegen vil menegen kindeschen man MF:Namenl 11,5; mir erwelten mîniu ougen einen kindeschen man. / daz nîdent ander vrowen MF:Meinl 1:8,1; eya, kindischer man, / ich behilde iv gerne daz leben Herb 924 u.ö.; Bit 2288. 3649. 4019 u.ö.; UvZLanz 6903; Flore (S) 5017; Flore (P) 2553; Wernh 1547 u.ö.; Tr 6623; da begonde lude ruffen der kyndesche degen: / ‘noch bestet mych besonder! myn junger dot sy uch vergeben. / begent an myr rytters ere und gerucht mych besonder bestan’ Alph 1188; UvZLanz 565. 844; Bit 2109. 2827. 4699; GTroj 6367; kindischer recke, dîn swert muoz ich hân. / nu gip dich gevangen, ez mac anders niht ergân WolfdD (J) 4:17,3; ‘diu rede ist unendehaft’ / sprach der kindische helt UvZLanz 2705; ein kindisch ritter Herb 5420 1.2.2 selten bezogen auf junge Frauen: der kunec was von gefuoger jugent, / schône gnuoc von reiner tugent, / die kunegîn was ouch kindesch gnuoc, / unt daz sichz doch darzuo getruoc, / daz sie entsamen lâgen / und ie doch kuscheit phlâgen / und bliben alsô reine EbvErf 1235; von Maria: an dem kindischen weibe / heten si ze neide / daz si was so veste, / die schoniste vnde div beste Wernh A 1447; Konr 8,19 1.2.3 übergehend zu ‘unerfahren, unwissend’ ir sint noch so juͦng und so kinnesch das ir nit enwißsent was zu starcker ritterschafft höret Lanc 137,18. – adv.: dô greif ab er sô kindisch zuo / daz von sîner tumben hant / vil der schefte wart verswant Bit 2128 1.2.4 übergehend zu ‘unvernünftig, verantwortunglos’ der kûne Alexander / der tût als ein tumber / unde alse ein kindischer man, / der sih versinnen nit ne kan SAlex 1442; in Persia da was ein site, / da versuchte man die boten mite. / [...] was er den [d.i. denne ] dem wine holt / [...] / davon prufte man zu hant / daz jener der in hat gesant / were ein kindischer man Secret 2603; o daz du so kindesch bist / und mich mit herter arbeit / hast bracht in so manic leit Pass III 262,36; Tr 12428 1.2.5 in Wendungen, die auf die Jugend oder Kindheit einer Person anspielen: er schueff pey kindischen tagen / das man in nicht hieß ainen zagen HvNstAp 407; in dinen ersten kindschen jaren MarlbRh 94,30; des liz er sie irn willen han, / wen daz die frauwe wol getan / zu kindes was der jare: / des hatte er weizgot vare / daz sie arbeit swechte, / ob sie zu lange wechte Elis 1543; ich ermstü der götlichen genaden [an göttlichen Gnaden Ärmste] , / kinndisch an tugend und an jaren, / ain minnste dienerinn unnsers herrenn HvHürnh Vorr. 8 2 ‘kindlich, als Kind, wie ein Kind’ Tantrîsel ûz kindischem site / sprach: hêrre, er zôch den tôren / gar vaste bî den ôren, / dô gap der tôre im einen slac / und vlôch dâ her in disen hac HvFreibTr 5634; swaz er begât und swaz er trîbet, / daz ist allez kintlich spil; / durch daz man in sô kintlich schrîbet: / er hât kindscher tücke vil KLD:Alex 7:11b,94; daz der himeltrager [Jesus] so gross und so klein ist, so schoͤn in dem himelrich und so kintsch in ertrich Seuse 30,12; kindesch, arm, nakent, blos Mechth 5: 25,26. 1: 22,59 3 ‘Kindern angemessen’ diu guote maget in liez / belîben selten eine, / [...]. / swie starke ir daz geriete / diu kindische miete [hier: Geschenke] , / iedoch geliebete irz aller meist / von gotes gebe ein süezer geist AHeinr 346. – vom Verhalten: er [Jason] was zv gote reine, / [...] / kindisch den kinden Herb 141
MWB 3,1 248,1; Bearbeiterin: Baumgarte