herrschen,
verb. imperare, regnare. ahd. hêrisôn
dominari, principari (Graff 4, 999),
mhd. hêrsen, hêrschen, herschen (Lexer
wb. 1, 1262),
wie die vorigen worte direct von hêr
almus ausgehend, aber an herr
dominus angelehnt; daher Notkers
schreibung hêrresôn (
ps. 71,
Hattemer 2, 250
a)
neben hêrisôn (
ps. 88,
das. 324
a).
es ist noch ein nachklang alter verhältnisse, wenn gloriari herschen, hirschen, herszen (Dief. 266
a)
glossiert wird, wobei hehr 1
sp. 789
zu vergleichen. die vergröberung des ableitenden zischlautes läszt sich bereits aus dem 14.
jahrh. nachweisen: hêrshin
dominari. fundgr. 1, 376
a,
woneben sich schwankend das ursprüngliche s
hält: dominare herschen, hersen, herszen, heirsen, hirschin. Dief. 190
a,
was auch noch in der zweiten hälfte des 16.
jahrh. erscheint: von der stolzhaiten seuch das si mich hersen nit. Melissus
ps. G 7
b.
Bedeutung von herrschen. 11)
herr sein, als herr befehlen, gewalt eines herrn haben. in neueren schriften wird ein erst spät scharf ausgebildeter unterschied von regieren
angegeben, der sich dahin bestimmen läszt, dasz herrschen
das vermögen betont, seinen willen als herr geltend zu machen, regieren
dagegen eine oberleitung, die nach gesichtspunkten des verstandes geschieht: er kann sich selbst nicht regieren, wie wird er klüglich in seinem hause zu herrschen wissen. Gellert
bei Adelung; autokratisch herrschen und dabei doch republicanisch .. regieren ist das, was ein volk mit seiner verfassung zufrieden macht. Kant 1, 289; die frau soll herrschen und der mann regieren, denn die neigung herrscht und der verstand regiert. 10, 347.
das wort gilt zunächst von dem einzelnen menschen oder einer gesammtheit und steht 1@aa)
absolut, herrscher, regent sein, die höchste macht haben: daʒ Archêlaus hêrschite in Judea.
Behaims evang.-buch, Matth. 2, 22 (Luther könig war); her sal hêrschen êwiclîchen in Jâcobis hûse.
Luc. 1, 32; der besitzt sin sele in tugenden, der do durch gedult ein gerüwiges herschen und gewaltiges regieren het syner selen. Keisersberg
bilg. 61
b; seinem son Semaja wurden auch söne geborn, die im hause irer veter herrscheten. Luther
1 chron. 27, 6; denn es wird allenthalben vol gottlosen, wo solche lose leute unter den menschen herrschen.
ps. 12, 9 (
variante: wo die bauchdiener regieren unter den leuten); er (
gott) herrschet mit seiner gewalt ewiglich, seine augen schawen auf die völker. 66, 7; er wird herrschen von eim meer bis ans ander. 72, 8; die weltlichen könige herrschen, und die gewaltigen heiszet man gnedige herrn.
Luc. 22, 25; dann es (
das Schweizerland) für sich selbs frei herrschet und niemand underworfen sein will. Frank
weltb. 64
a; dasz du vor diesem bei dem flusz Lano herrscheste. Schuppius 762;
im part. herrschend: demnach so bewilligen wir dir von unser aller herrschender macht wegen, und geben dir vollkommen gewalt .. Ayrer
proc. 2, 2;
ein rabbi spricht ir cristen, do tret an ein ort, weicht in die winkel da und dort und laszt uns auch herschen ein weil, wann er ist nit von hinn ein weil, hie stet er (
der falsche Messias) der fort wirt regiren.
fastn. sp. 172, 4; von solchem (
der zu hause gut ist) glaub ich auch, dasz er vor allen dingen wol herrschet, und sich (
acc., s. unten d) auch wol herrschen lassen kann. Opitz 1, 183; herrschen freundlich und mit willen, macht viel zwist und hader stillen. Schottel 1133
a; zu herrschen, ist das meiste muster, durch waffen, nicht durch pater noster. Logau 2, 111, 62 (
überschrieben: gewaltsame herrschung); er ... überzeugte mich, dasz euch allein gebührt, in Engelland zu herrschen, nicht dieser afterkönigin. Schiller
Maria Stuart 1, 6; wie im reich der lüfte könig ist der weih — durch gebirg und klüfte herrscht der schütze frei.
W. Tell 3, 1; nicht herscht durch fremder formeln düster hinfort gerichtsherr oder priester; das volksgesez wägt grad und gleich gerechtigkeit für arm und reich. Voss 4, 222.
in bezug auf häusliches walten: holdlächelnd herscht an ihrer quelle (
dem punschnapfe) die wirtin mit erhobner kelle. 4, 192.
ironisch: mein theurer groszpapa, der lauter wunder that, herrscht, seit ich jung ward, in den lüften (
ward gehängt). Lichtwer
fabeln 3, 5.
in den begriff hausen, wüsten überschlagend: do die Engländer alsus mit gewalte und one allen widersatz in dem lande (
Frankreich) herschetent.
d. städtechron. 9, 818, 19. 1@bb)
mit der praep. über
c. acc.: wan die vuorsten der heiden hêrschen ubir sie.
Behaims evang.-buch, Matth. 20, 25; abir sîne burgêre haʒʒiten en .. unde sprâchin: wir wollen nicht, daʒ diser hêrsche ubir uns.
Luc. 19, 14; laszt uns menschen machen, .. die da herrschen uber die fisch im meer, und uber die vogel unter dem himel, und uber das vieh, und uber die ganzen erde. Luther
1 Mos. 1, 26; du wirst uber viel völker herrschen, und uber dich wird niemand herrschen. 5
Mos. 15, 6; nicht du, sondern ein könig sol uber uns herrschen.
1 Sam. 12, 12; der herr hat seinen stuel im himel bereit, und sein reich herrschet uber alles.
ps. 103, 19 (
variante wird uber alles regniren); kinder sind treiber meines volks, und weiber herrschen uber sie.
Jes. 3, 12;
wechselnd mit dem gen.: aber uber ewr brüder die kinder Israel, sol keiner des andern herrschen mit der strenge.
3 Mos. 25, 46; — herschen uber ein kriegszhaufen,
ductare et ductitare exercitum. Dasyp.; ich wohne wo mirs wohl gefällt. ich herrsch übers wild und vögelheer, frücht auf der erden und fisch im meer. Göthe 13, 86; so nimm doch zuvor die krone, die du mir lieszest zum pfand! mit wucher ich dir lohne, sie herrscht nun über zwei land. Uhland
ged. 234; wenn du from bist, so bistu angeneme, bistu aber nicht from, so ruget die sünde fur der thür. aber las du ir nicht iren willen, sondern herrsche uber sie.
1 Mos. 4, 7 (
variante: sei du yhr herr). 1@cc)
mit dem dativ, gewalt haben über einen: hat dem herren gefallen, auch alles so das ertrich tregt und das wasser beschlüszet, alles leben in die hend des menschen zuo setzen, dem zuo herschen. Schade
sat. u. pasqu. 3, 2, 2; ein from weib herschet ihrem mann mit gehorsam. Schottel 1126
b; ein weiser herschet dem gestirn. S. Brant
bei Steinhöwel 139; sie wollen dir Olympus spitze räumen, dort sollst du wohnen, sollst der erde herrschen! Göthe 33, 246. 1@dd)
häufiger aber mit accusativ, wie sonst beherrschen: welche ihr weiber sich herrschen lassen, werden für verleümbt leichtfertig heilosz menschen geacht. Frank
weltb. 151
b; vormals war der Venediger landschaft durch die landszvögt, räth und hauptleüt zuo Venedig geherscht und handgehabt.
chronika 1531 167
a; etlich werden von yren knechten geherrschet. 101
b und ähnl. öfter; da schreibt er auch, dasz die vernunft ein brunn sei aller gesatz und rechten, billich wirt die vernunft nit von inen geherrschet, sonder die gesetz von der vernunft. Agr.
spr. 269
a; in was gestalt ens astrale den menschen zu herschen hab in seim leib. Paracels.
opp. 1, 4 C; ein weiser mann herrschet das gestirn. 2, 378 B; die hand kam hervor einst, und schrift stand: dich wog Jova! und es fand dich, der den weltkreis, wie er will herrscht, zu leicht, könig! Klopstock 6, 279. 22)
hieran angeschlossen, ist ein herrschender blick, ein herrschendes gesicht
ein solches, wie es einem gebieter eigen ist: aber mit herrschendem blick schaut ihnen Eloa ins antlitz. Klopstock 4, 109; ein solcher leib, ein herrschendes gesicht läszt häszlichen die knechtschaft kleiner sorgen. Hagedorn 2, 158; aber weder so schön sah ich noch einen mit augen, noch so erhaben als ihn. er hat ein herrschendes anschn. Bürger 208
b;
auch herrschender wille: diesz war mein herrschender wille. Klopstock 3, 69. 33) herrschen,
übertragen von zuständen, leidenschaften, einrichtungen, die für längere zeit vor andern sich geltend machen und einwirken: so lasset nu die sünde nicht herrschen in ewrem sterblichen leibe, im gehorsam zu leisten in seinen lüsten.
Röm. 6, 12; der tod herrschete von Adam an bis auf Mosen, auch uber die, die nicht gesündigt haben. 5, 14; gleich wie die sünde geherrschet hat zu dem tode, also auch herrsche die gnade durch die gerechtigkeit zum ewigen leben. 21; anstatt dasz bei ihm das gute, wo nicht beständig herrschen, wenigstens die oberhand haben sollte, so herrschet das böse. Gellert 6, 48; sie konnte die ordnung, den geschmack, den geist, der hier herrsche, nicht genug rühmen. Göthe 19, 83; dieser .. saal, in welchem pracht und reinlichkeit bei der gröszten stille herrschten. 25, 168; liebster gott, wie angenehm, lieblich, sanft, vergnüglich, frisch, herrscht in dieser frühlingsblume ein verwunderlich gemisch von roth, purpur, weisz und blau. Brockes 2, 69; und ob ich schon aus schwachheit fehle, herrscht doch in mir die sünde nicht. Gellert 2, 123; doch allgemeine ruh herrscht weit umher im thal und auf den höhen. Wieland 10, 152; todesstille herrscht im lager. Herder
zur litt. 5, 125 (
Cid 29); Melinde ist nicht mehr! die schöne liegt erblaszt, rings um sie herrschet todesstille. Hölty 48
Halm; sein antlitz strahlt, wie morgenroth; auf nas und stirn herrscht machtgebot. Bürger 51
b; rings herscht ja dies naturgesez (
das recht des stärkern). Voss 4, 53; tiefe stille herrscht im wasser, ohne regung ruht das meer. Göthe 1, 73; wo sittlichkeit regiert, regieren sie (
edle frauen), und wo die frechheit herrscht, da sind sie nichts. 9, 143; was herrscht doch für ein hitzger stern. Uhland
ged. 67.
mit der praep. über
c. dat.: alles entsteht und vergeht nach gesetz, doch über des menschen leben, dem köstlichen schatz, herrschet ein schwankendes loos. Göthe 1, 318;
transitiv (
wie oben 1,
d): in was weg sie (
die krankheiten) das blut herschen. Paracels.
opp. 1, 722 C; unglück herrschet so die welt, dasz man auch sein toben, dasz es noch nicht ärger ist, musz mit danke loben. Logau 2, 232, 138; wo tugend herrscht das glücke, wo weiszheit zwingt die fälle, hat hochmuth kein gehöre, hat unmuth keine stelle. 3, 38, 95.
häufig im part. herrschend: herrschende vorurtheile; bei den jetzt herrschenden krankheiten; die augenblicklich herrschende ansicht; eine meinung, von energischen männern ausgehend, verbreitet sich contagios über die menge und dann heiszt sie herrschend. Göthe 23, 209;
vergl. vorherrschend; mein herz entglühet! herrschend und ungestüm bebt mir die freude durch mein gebein dahin! Klopstock 1, 16.
im part. geherrscht: nachrichten über den vom 25. zum 26.
d. geherrschten sturm.
Weserzeit. 1859, 4947. 44) herrschen,
von bergen, gebäuden, dominierend aufragen: in der mitte einer unzähligen menge kleiner lustwälder, über welche dieses zauberschlosz herrschte. Wieland 6, 225 (202); was aber auch sonst noch von geistlichen und weltlichen gebäuden dem auge begegnen mag, der Johannisberg herrscht über alles. Göthe 33, 256; rings um diesz paradies herrscht eine goldne balüstrade, worauf in urnen von rubin die seltensten gewächs und schönsten blumen blühn. Wieland 17, 218 (
Idris 4, 14).
vgl. beherrschen. 55) herrschen,
etwas auf gebietende, bestimmende weise thun: doch plötzlich brausest du auch mit deiner linken hinunter und herrschest zur oberstimme den basz. Zachariä 2, 259.
jetzt gewöhnlich auf gebieterische aufforderung bezogen: sei still! herrschte er.
vergl. zuherrschen.