gleichmut,
m. ,
älter auch f. seit dem 17.
jh. neben älterem gleichmütigkeit (
s. d.)
bezeugt, dem es im 19.
jh. und namentlich im jüngsten gebrauch den vorrang abgewinnt. als fem. verhältnismäszig nur selten, aber z. b. durchweg bei Herder,
vgl. deiner gleichmuth 11, 379
S.; mit solcher gleichmuth 16, 337
u. ö., gelegentlich noch bis tiefer ins 19.
jh. hinein: mit eben der gleichmuth Tieck
schr. (1828) 8, 3; 11, 290; jene ... gleichmut Platen 1, 198
Redlich; s. auch H. Paul
dtsche gr. 2, 105. 11)
fast ausschlieszlich als bezeichnung einer gleichbleibenden seelischen verfassung, einer gleichmäszig festen inneren haltung im sinne der gelassenheit, wie gleichmütig 1
von gleich III E 4 b
aus, gelegentlich wohl auch mit der vorstellung gleich VI E 5 '
mäszig'
gekreuzt. 1@aa) '
gelassenheit, geduld, innere ruhe und festigkeit, besonnenheit, leidenschaftslosigkeit',
vor allem als kennzeichnung einer angeborenen oder erworbenen grundhaltung, seltener auf ein bestimmtes verhalten in einer besonderen situation eingeschränkt; vorwiegend positiv gewertet: ihm wird wohl und weh behagen; denn mit gleichmuth kann ers tragen J. Rist
bei Campe 2 (1808) 399
b; gleichmut
animus placidus, sedatus, ab affectibus liber Stieler
stammb. (1691) 1299; nimm zuflucht, Saiphoddaulah, zur geduld! und kämen berge deiner gleichmuth bei? abwechselung der zeit erfuhrst du viel; bei allem wechsel blieb dir stets ein muth Herder 11, 379
S.; Meyers gleichmuth, als Adele ihm seinen rock zu verbrennen drohte: 'das will nicht viel heiszen!' Göthe III 3, 195
W.; sehr verwundert über den gleichmuth des kleinen weibleins mitten im kugelregen Holtei
erz. schr. (1861) 25, 205; der schlusz dieses briefes zeigt den hoch über die äuszeren widerwärtigkeiten des geschickes erhabenen gleichmut einer für die schönheit und wunder der natur empfänglichen seele W. Förster
bei A. v. Mackensen
briefe u. aufzeichn. (1938) 379.
als weltmännische tugend: an diesen beiden männern ist verstand, gleichmuth, gewandtheit, beharrlichkeit nicht genug zu bewundern, und könnte jeder weltmann sie auf seiner lebensreise als muster verehren Göthe I 7, 215
W.; Stosch hatte ... gelegenheit, den gleichmuth des weltmannes zu zeigen Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 259.
speziell für die stoisch-philosophische haltung: wer bewundert nicht ... den gleichmuth eines Epiktets und Seneca? Schiller 1, 142
G.; einen bedeutenden grad stoischen gleichmuths herbeiführen Schopenhauer
w. 1, 409
Grisebach. mit kennzeichnendem attribut, namentlich: ihrem unerschütterlichen gleichmuth in der gefahr Ranke
s. w. (1867) 14, 324; vielleicht wegen ihres einfachen, treuherzigen wesens oder wegen heitern gleichmutes und gutartiger laune oder irgend anderer guten eigenschaften G. Keller
ges. w. (1889) 6, 336.
in synonymer verbindung: in der that strebte die kunst der ältern zeit wenig nach dem ausdruck heftiger leidenschaften, es vertrug sich ... mit der würde des hohen styls ruhe und gleichmuth besser H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 2, 70; dasz ... Siddharta ihn, den kaufmann, übertraf an ruhe und gleichmuth H. Hesse
d. weg nach innen (1932) 78; geduld und gleichmuth fachten seine lebenshofnung unausgesetzt an Jac. Grimm
kl. schr. (1864) 1, 166.
ungewöhnlich mit abhängigem infinitivsatz: das menschenleben ist nur etwas werth, wenn man den gleichmuth hat, dasselbe bei passender gelegenheit zu quittieren G. Freytag
ges. w. (1886) 5, 245.
vereinzelt neben unpersönlichem beziehungswort: schwören laszt bey bösen händeln volk, dem man nicht traut. entehrt nicht so den gleichmuth unsrer handlung und unsern unbezwinglich festen sinn
Shakespeare 2, 44 (
Jul. Cäsar 2, 1). 1@bb)
seltener im sinne von '
gleichgültigkeit, teilnahmslosigkeit',
entsprechend gleichmütig 1 b,
auch, trotz Adelungs
gegenteiliger ansetzung wb. 2 (1796) 716,
mit tadelndem beisinn: gleichmuth für alles, was den eignen herd nicht trift, für jede groszthat, widersetzlichkeit, — o Wittafrohn, und dies volk soll ich führen! Fouque
altsächs. bildersaal (1818) 1, 52; der erhabene gleichmuth der deutschen nation in dingen, welche die nation oder die kunst betreffen Fr. Schlegel
s. w. (1846) 5, 157; dasz er (
Sulla) mit demselben nachlässigen gleichmuth strafte, mit dem er verzieh Mommsen
röm. gesch. (1874) 2, 375; es war ein glück ..., dasz Wingen wenigstens seinen gleichmut gegen den klatsch wiedergefunden hatte K. Kluge
der herr Kortüm (1938) 101. 1@cc)
nur vereinzelt klingt die für gleichmütig (
s. d. 1 c)
und gleichmütigkeit (
s. d. 1 c)
häufiger bezeugte bedeutung einer vorurteilslosen, unparteiischen haltung als voraussetzung eines gerechten urteils wenigstens an: (
je) nachdem sie das wort wärme und billigkeit nehmen. ists gleichmuth zu prüfen, so hatte ich sie, dünkt mich, auch gestern; solls aber jene schlaffe kälte seyn, der alles gleichgültig ist ... Herder 15, 261
S. 1@dd)
oft in adverbialer bestimmung '
etwas mit gleichmut
tun'.
namentlich etwas mit gleichmut ertragen
oder tragen (
s. ob. Rist
unter 1 a): wenn es mir möglich wäre, sein vordrängen mit gleichmuth zu ertragen Thümmel
reise (1791) 10, 259; muszte es sein ... so wollte er gern das verwundern und flüstern, das kopfschütteln und das spöttische lächeln hinnehmen, und er würde es mit heiterem gleichmut ertragen A. Winnig
wunderbare welt (1938) 258; eins erkenn in dem andern des vaters lieblichste gabe! jedes trage die last des geliebten mit zärtlichem gleichmuth! J. K. Lavater
handbibl. (1793) 1, 175; er trug die unfälle der letzten jahre mit gleichmuth, wie das glück der frühern Göthe IV 23, 275
W. anderes mehr gelegentlich: diesz aber fällt ihr (
Pallas) schwer mit gleichmut zu ver schmerzen
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 107; endlich ... erwartet er den tod mit gleichmuth
allg. dtsche bibl. (1765) 7, 26; hört es mit gleichmut an, was er euch bringt Schiller 12, 428
G. ein teil dieser verbalverbindungen drückt neben der inneren haltung zugleich das entsprechende äuszerlich sichtbare verhalten aus (
s. auch f): die worte, die du so mit gleichmuth sagst, sind mir entsetzlich A. v. Arnim
s. w. (1853) 16, 218; der erste dieser tropfen traf den fürsten selbst, der indessen mit stoischem gleichmut den schmerz verbisz E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 23
Grisebach; ohne seine schleppenden schritte zu beschleunigen, mit höchstem gleichmut über die ihn umschwärmenden buben wegblickend, näherte sich der wahrsager R. Beitl
Angelika (1939) 175; Welzel (räumt mit gleichmut gläser zusammen) (
szenische bemerkung) G. Hauptmann
d. weber (1892) 66. 1@ee)
andere verbalverbindungen umschreiben bewahrung oder verlust des gleichmuts: in hartem unglück suche dir gleichmuth und im glück den mäszigfrohen, von übermuth entfernten sinn stets zu erhalten Herder 26, 247
S.; (
er) brachte die leute in harnisch, um in dem entstandenen lärm dann einen kalten gleichmut zu behaupten und sich nichts anfechten zu lassen G. Keller
ges. w. (1889) 1, 315; Martin Wessel gewinnt seinen gleichmut am raschesten zurück Hans Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 652; hier erst verliesz den sohn des Klinias seine bisherige gleichmuth A. G. Meiszner
Alcibiades (1781) 3, 122; dasz ich stets das bedürfnisz habe, ... solange ich den gewöhnlichen gleichmuth nicht verliere, höflich zu sein Bismarck
polit. reden 4, 39
Kohl; seine angst, die ihn überhaupt am leichtesten aus seinem gleichmuth bringt O. Jahn
Mozart (1856) 4, 662. 1@ff) gleichmut
als äuszerlich wahrnehmbarer ausdruck einer wirklich entsprechenden oder auch vorgetäuschten inneren verfassung: die letzte wolke des unmuths war von seiner stirn gewichen, und diese wiederum zum spiegel des unerschütterlichen gleichmuths ... geworden Gaudy
s. w. (1844) 13, 99; die augen des Buddha blickten still zu boden, still in vollkommenem gleichmut strahlte sein unerforschliches gesicht H. Hesse
d. weg nach innen (1932) 46; während der ... vater sich grosze aber vergebliche mühe gab, gleichmut zu heucheln H. Seidel
Leber. Hühnchen (1899) 315; Nelius merkte, wie der deutsche beamte unter scheinbarem, höflichem gleichmute empfindlich wurde Hans Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 223. 1@gg)
gelegentlich, wie bei gleichmütig 1 e,
in vermenschlichender anschauung auf naturhafte vorgänge bezogen: ich überlasse mich der zeit mit eben der gleichmuth, mit dem ein berg sich von schnee und mit blumen bekleiden läszt Tieck
schr. (1828) 11, 290; fürchte dich nicht, sind die astern auch alt, streut der sturm auch den welkenden wald in den gleichmut des sees R.
M. Rilke
ges. w. (1927) 1, 363. 22)
als bezeichnung angemessener, maszvoller, gleichbleibender haltung oder gesinnung, die frei ist von überheblichkeit, der komplexen anwendung gleichmütig 3, gleichmütigkeit 3
entsprechend: dasz Althans sittsamkeit, den über alle gaben, des glücks und der natur die gleichmuth hält erhaben, dasz sein bescheidner sinn gar keinen lobspruch leidt ... Heräus
ged. u. latein. inschr. (1721) 117;
vgl. 80.
vereinzelt in jüngerem gebrauch, stärker an 1
gebunden: da sie ... die hände ... noch ebenso unter die schürze steckt, wie sonst, so zeigt das, dasz sie gleichmut des geistes besitzt, und sich durch das glück nicht zu stolz und übermut verleiten läszt E. T. A. Hoffmann
s. w. 14, 154
Grisebach.