gemälde,
n. pictura, subst. verb. zu malen
pingere, mhd. gemælde,
ahd. gimâlidi,
doch nur einmal bezeugt für laquear (
s. dazu 1,
a) Graff 2, 718
neben häufigem gimâli,
dem nhd. gemäl (
s. d.),
das aber dann umgekehrt zurücktrat vor gemälde,
man gab der volleren und darum deutlicheren form den vorzug, wie bei gebäude, gebräude
u. a. von der form und nebenformen s. weiteres unter 3. 11)
der begriff ist ursprünglich allgemeiner als jetzt, wo wir bei gemälde
an ein kunstbild in farben, ja ganz besonders an ein ölgemälde denken (
vergl. 2,
a),
es ist ursprünglich wesentlich wie heute zeichnung,
jede darstellung mit zeichen,
einerlei ob mit farben im engern sinne, wie denn malen (
von mal
gleich zeichen)
noch von den kindern gebraucht wird, die sich z. b. auf ihre schiefertafel ein haus malen;
dazu ist gemälde,
wie gemäl,
eig. das allgemeine subst. verb. 1@aa)
daher z. b. auch von estrich: gemelde oder estrich mit gezierten steinen gemacht,
licostratum. voc. 1482 l ij
b,
das lat. wort (
eig. lithostratum)
in der gemma als ein gemalet estrich
Straszb. 1518 O iij
a,
vgl. Dief.
s. v. ähnlich als deckenzier, gleich jenem aus der antiken kunst überkommen, in dem ahd. gimâlidi
laquear oben, und diesz dann auf den himmel übernommen (
wol aus kirchen),
wenn Otfried V, 17, 34
die gestirne thes himiles gimâli
nennt (
vergl. himil
laqueare Graff 4, 938).
der alte begriff wird recht deutlich an gemäldnis (
s. d.)
von den buchstaben, an mhd. gemæle
auf münzen: nieman sol deheinen phenninc slahen der andern phenningen gelîch sî, si suln haben sunder (
besonderes) gemæle.
Schwabensp. 192
L. vergl. auch ahd. gimâli
für descriptio, schema. 1@bb)
daher im 15. 16.
jahrh. auch von bildern in holzschnitt oder kupferstich. im jahre 1539
erschien z. b. zu Wittemberg ein lehrbuch der ringerkunst von Fab. Auerswald,
nach der vorrede mit artigen und lustigen gemelden,
es sind holzschnitte von Cranach, welche die künste des ringkampfes darstellen, s. M. B. Lindau
Luc. Cranach Leipz. 1883
s. 322.
auch folgendes geht auf ein bild in einem buche, also einen holzschnitt: da maleten sie ein grosz schiff, das hiesz die heilige christliche kirche, darin sasz kein leie, auch weder könige noch fürsten, sondern allein der bapst mit den cardineln
u. s. w. ... solch gemelde war ein bilde und kurzer begriff irer lere
u. s. w. Luther 6, 9
b.
ebenso gemähl
in einer gegenschrift vom Dr. Eck: zum andern entschüldiget er sich seines leppischen wagen, des gemelhs (
so) halb. ich hab nicht klagt über das gemehl, denn ich achte, er sitze selbs auf dem untern wagen
u. s. w. das. 1, 156
a. 1@cc)
uns befremdet es jetzt auch von farbigen bildern der art, z. b. im 17.
jh. in einer kunstkammer, darinn schöne raritäten waren: unter den gemählden gefiel mir nichts besser als ein ecce homo! .. darneben hieng eine papierene karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser abgötter .. der herr im haus fragte mich, welches stück in seiner kunstkammer mir am besten gefiele? ich deutete auf besagtes ecce homo, er aber sagte, ich irre mich, das Chineser gemähld wäre rarer und dahero auch köstlicher.
Simpl. 1, 86
Kz. (1, 24).
so im anfang des 15.
jahrh. von bildern in einer hs., die dem 14.
jahrh. angehören wird, bei einem dichter, der von den vaticinia des abts Joachim von Calabrien spricht als einem buch, da ich dreiszig pebst innen find .. an der (
gen. pl.) es keinem hat gevelt umb ein apex (
so l.), geschrift und gemelt (
so l.). Liliencron 1, 231
a,
d. h. die alle vollständig da zu finden waren, dasz kein strich (
apex)
fehlte, sowol text wie bilder. so nennt noch im 18.
jh. Bodmer
die bilder in der Pariser minnesingerhandschrift gemählde
richtig: die prächtigen mahlereyen, die vor jedem poeten stehen, machen das werk besonders kostbar .. zu desselben (
des colorits) erhaltung mag nicht wenig beygetragen haben, dasz jedes gemählde mit einem vorhange von taft ... verwahret war. die vorstellungen in diesen gemählden
u. s. w. proben der alten schwäbischen poesie s. v
fg. 1@dd)
als subst. verb. zu malen
stand es denn auch für unser malerei,
von gemälden begrifflich als ganzes (
ebenso gemähl 3,
a): er macht ouch (
im kloster) ... vil und mangerley buw an muren, gewelben, sülen, ouch gemeld. G. Oheim 90, 6,
liesz malereien ausführen; darnach buwet er ein altar, beziert den mit gold und gemeld übercostlich. 91, 35;
in einem reimspruch zu einem bildnis Cranachs vom jahre 1542: schaw, Wittenberg, du werde stadt, schaw, wie dich gott erhoben hat ... auch Lucas maler lobesan, der .. dich mit viel und schön gemelt fein zieret für der ganzen welt. Lindau
Cranach 332,
d. h. mit malereien, die er im rathaus, in kirchen u. a. ausgeführt hatte. 1@ee)
auch für malerei
als kunst (
wie gleichfalls gemähl 3,
b): denn gemelde ist wie ein stillschweigende rede und schleicht sachte in die herzen des menschen. Barth
weiberspiegel S 7
a, gemelde (
ohne artikel),
die malerei. und malerei als arbeit (
vgl.gemäl 3,
c): 21 lb. maister Jörigen mauler für daʒ gemäuld in der rautstuben und anders (
d. h. gemäld) daʒ er der stat gemacht hett.
Augsb. chron. 1, 337
b,
s.gemäul
unter gemäl. 22)
der nun gewöhnliche begriff. 2@aa)
auch er ist doch natürlich alt: gemelde,
zagraphia, pictura. voc. 1482 l iij
a,
zagraphia ein tiergemelde Diefenb. 634
a,
d. i. ζωγραφία; daselbs umb (
im kreuzgang) ward auch ain costliches gemeld gemacht, die muotter Maria, tragende in ir schosz ir liebs kind Jesum
u. s. w. Oheim
chron. von Reichenau 91, 8; so nun ein solcher tropf wirdt, es sei was farben es woll, so macht er ein gemeldt daraus, damit man sich da bekümmere oder verwunder. Paracelsus 2, 100
b; ich finde, sagte er, hier so manche wohlgestaltete personen, denen es gewiss nicht fehlt, mahlerische bewegungen und stellungen nachzuahmen. sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche bekannte gemälde vorzustellen? .. man suchte nun kupferstiche nach berühmten gemählden
u. s. w. Göthe 17, 252 (
wahlverw. 2, 5),
zur darstellung von lebendigen gemählden
s. 277
oder lebenden bildern,
wie es gewöhnlich heiszt, franz. tableaux vivants.
dazu wandgemälde, deckengemälde, altargemälde (
gewöhnlich doch altarbild), staffeleigemälde
u. a., dann ölgemälde, frescogemälde, glasgemälde, aquarell- pastellgemälde (
gewöhnlich doch bild),
bei Stieler 1221
noch ölfarbes, wasserfarbes gemälde,
ferner landschaftsgemälde, schlachtgemälde, familiengemälde
u. a.; man denkt dabei jetzt an ein bild in farben das sich auf der höhe der kunst bewegt, wobei bemerkenswert ist, dasz man, sobald mehr der gegenstand als die kunst oder kunstweise in frage kommt, bild
vorzieht. im 16. 17.
jh. ist übrigens dafür tafel
das vorgezogene wort (
s. z. b. Fischart
unter gemäl 3,
b, auf holz gemalt),
wie jetzt noch volksmäszig z. b. in Baiern Schmeller 2, 563
und wie franz. tableau. 2@bb)
mit dem gen. des gegenstandes: auf ein gemähld der Amarillis. Wernike (1704) 56,
d. h. ein portrait; auf ein schönes gemähld des hl. Stephanus. 65; an Mathilde wegen ihres gemähldes (
im gedichte dafür bild).
ders. in Bodmers ausg. 45;
das entspricht noch dem eigentlichen werte des wortes als subst. verb., während man jetzt bei dem gen. nur an den maler denken kann, daneben doch noch der alte gen. bei bildlicher verwendung, s. c, γ.
allenfalls auch noch z. b. gemälde einer schlacht
o. ä., doch zieht man bestimmt vor gemälde das eine schlacht darstellt
o. ähnl. 2@cc)
übertragen auf andere darstellung, die mit der des malers verglichen wird oder sie nachahmt. 2@c@aα)
im 16.
jahrh. gleich dem heutigen bild,
mit dem etwas geistiges dem inneren auge in anschauung übersetzt wird: und sihe, wie
s. Paulus hie ein köstlicher maler wird, malet und schnitzet die auferstehung in alles, was da wechst auf erden, fassets alles in das wort, was du seest, nemlich allerlei korn und gewechs, das nimpt er alles zum exempel oder gemeld, darin er diesen artikel wil einbilden (
als deutliches bild in den geist prägen) und allenthalben für augen stellen. Luther 6, 256
b,
nachher ebenda gleichnis und bilde
oder gleichnis
allein, dann auch gemeld oder bild: sihe, das ist das gemeld oder bild, so
s. Paulus uns christen für die augen stellet .. und nimpt fast die ganze creatur dazu .. das wir allenthalben, wo wir hin sehen, exempel und gleichnis gnug finden. 258
a; sehr scharfe gedanken gibt disz gemelde, denn des sons gottes gleichnus gleichen und reimen sich wol (
sind treffend). Mathes.
Sar. 158
a; hie haben wir, lieben freunde, ein schön gemelde und feine lere. 159
a. 2@c@bβ)
auch sonst von darstellung in schrift und wort, mit der malerei verglichen: das die weisesten auf erden, beide unter jüden und heiden, auch in der christenheit, sich sehr gerne auf dise art beflissen und die höchste weisheit ... in solch bildwerk und gemelde der unvernünftigen creaturen und thierlein gefasset und den leuten fürgehalten haben. Mathes.
Luther 93
a; ich zweifle nicht, das urbild sei schöner gewesen, als mein nach-gemählde, welches ich allhier vor augen stelle. König
zu Caniz (1727)
s. cxcv,
von dessen lebensbeschreibung, als portrait gedacht; nur eine warme sonnenhelle stelle war für ihn in Karls historischem gemälde, es war die hoffnung
u. s. w. J. Paul 22, 205 (
Titan),
schilderung von dem gang und der lage der dinge. 2@c@gγ)
mit dem gen. des gegenstandes (
vgl. b): ein hauch unsres mundes wird das gemählde der welt. Herder
ideen 2, 225 (9, 2),
vorher den gedanken zum malenden schall zu machen,
von der wunderbaren leistung der menschlichen rede; ich kenne nichts abgeschmackteres, als den schicksalskampf der menschen mit den bürgerlichen gesetzen unserer tage als den stoff eines poetischen kunstwerks zu bearbeiten. es ist das widerliche gemälde einer schwachen raupe, die sich gegen die tückische nadel bäumt. Börne 1, 210.
man sagt, ein werk biete z. b. ein gutes gemälde der socialen
o. a. verhältnisse eines landes, ein gemälde der römischen welt, sittengemälde
u. ähnl., eine anschauliche schilderung, und schildern
selbst heiszt eigentlich malen. 2@dd)
besonders auf dichtung angewandt nach der ästhetischen theorie der Schweizer: J. G. Bodmers critische (
d. h. ästhetische) betrachtungen über die poetischen gemählde der dichter, mit einer vorrede von J. J. Breitinger.
Zür. 1741; diese (
die einbildungskraft) übertrifft alle zauberer der welt, sie stellet uns nicht alleine das würkliche in einem lebhaften gemählde vor augen ..
s. 13; diese natürlichen gaben, welche derjenige besitzen musz, der in poetischen gemählden und schildereyen der gedanken vortrefflich werden will .. 16; er (
der epische dichter) thut hinzu, er nimmt weg, er versetzt, er malt aus dem kopfe, und giebt uns nichts, als vollkommene gemälde. Ramler
einl. in die sch. wiss. 2, 129; die dichtkunst hat auch ihre art zu zeichnen und ihr colorit, wie die mahlerei, überhaupt ist fast jedes gedicht ein gemählde
u. s. w. Sulzer
theorie 2, 349
b; meine gemählde sind alle noch ohne styl, sehr wild und nachlässig auf einander gekleckt. Lenz
in Mercks br. 2, 52,
er meint wesentlich seine trauerspiele, wie im folgenden von Gellerts lustspielen: es sind wahre familiengemälde, in denen man sogleich zu hause ist
u. s. w. Lessing 7, 97.
auch in der musik: man nennt diejenigen stellen einer melodie, dadurch man töne und bewegungen aus der leblosen natur genau nachzuahmen sucht, gemählde oder mahlereyen. Sulzer
theorie 2, 357
a. 2@ee)
zuweilen als gegensatz zur wirklichkeit oder sache selber (
vgl. unter gemalt): wannenhero diejenige, die hierinnen (
in den epigrammen) ihr eigen bildnüs finden solten, sich festiglich versichern können, dasz sie es nicht wie in einem gemähld, sondern nur als in einem spiegel zu gesicht bekommen. Wernike
vorr. a 7
a; graut dir vor diesem Karl? eckelt dir schon vor dem matten gemälde? geh, gaff ihn selbst an, deinen .. göttlichen Karl! Schiller II, 52 (
räub. 1, 3); gib mir die dolche! schlafende und todte sind nur gemählde, nur ein kindisch aug' schreckt ein gemalter teufel. XIII, 49 (
Macbeth 2, 4). 33)
zur form. 3@aa)
eigen ist oberd. gemalt, pictura, pictamen voc. inc. teut. h 7
b (g 5
a),
ohne den umlaut, bestätigt durch gemolt
pictura Dief. 433
c (ô
aus â)
aus einem md. voc. (
vgl.gemalcz
unter c).
die form mit verschlucktem -e,
im 15. 16.
jh. beliebt, zieht auch -t
nach sich, gemelt, auch md., s. unter 1.
im 17.
jh. wird dann das ä
hergestellt, um ihm die fühlung mit malen
wiederzugeben, aber das -e
bleibt oft noch aus, gemähld
Simpl. (
s. 1,
c),
auch noch im 18.
jh., auch bei Norddeutschen, wie Wernike
unter 2,
b. e, noch bei Wieland, Sulzer
theorie 2, 344
a. 357
a.
ein h
wird im 17.
jahrh. eingesetzt, ist auch im 18.
jahrh. beliebt (Adelungs
form),
aber schwankend, z. b. bei Göthe, Schiller
oben. 3@bb)
eigen ist auch gemählte,
im 17. 18.
jahrh.: als der bernheuter ausgab, er hätte diese gemählte selbst verfertigt.
Simpl. 4, 306
Kz., vorher: mahlete in selbigem zimmer alle contrafet nach dem leben der berühmtesten personen 305, 27.
noch im 18.
jahrh. z. b. Hahns
hist. 3, 186. 187.
ob es nur aus dem gemelt
des 16.
jh. unrichtig hergestellt ist? die nd. form war gemâlte, gemêlte Schiller
u. Lübben 2, 52
a. 54
b, Dief.
nov. gl. 22
b,
welchem hochd. das folgende entspricht. 3@cc)
bemerkenswert auch mhd. gemælze,
besonders md. gemêlze,
s. Bech Germ. 10, 396, Lexer 1, 835, Graff 2, 718 (
vgl. sp. 1616),
im 15.
jh. gemeltz,
auch gemilcze, gemilsche
pictura Dief. 433
c,
anaglipha ein gemalcz an einer kirchen
nov. gl. 22
b (
auch nd. ghemelte
das.),
noch im 16.
jh. gemelz: anaglipha, ein vorgebew oder gemeltz an der kirchen.
gemma bei Dief. 32
c (
in der Straszb. gemma 1518 A 8
c ohne gemeltz,
das lat. wort erklärt als picture eminentes in frontibus ecclesiarum).
dann aber gemälts geschrieben, man mochte an gemaltes
dabei denken: was sol man dann alhie sagen von dem groszen geschmück in den kirchen ... von den kostlichen gemälts darinnen, von bildung und tafeln
u. s. w. neu Karsthans bei Schade
sat. 2, 26,
also malereien, nicht gemälde (tafeln,
s. 2,
a am ende);
bei Alberus
im dict. gemelts,
effigies. nrh. 15.
jh. gemeels up duechen (
leinwand),
daneben taeflen Wierstraat 23.