Wossidia
Gasten Gast, Jäst
m., selten
f. Gerste: hordeum 'Gersten' Chytr. 509; 'Gerste' 486; Gasten hordeum Niem. Idiot. 8; Wred. Flora 1, 98; Mi 25
a; Wigg. Gr. 60; Gast, Gasten Schill. Kr. 3, 31
b; Leng. Landw. 2, 238; Gast E. Krüg. 44; Gast
f. Schmidt Gad. 1, 74;
Gasten, Gast, Jäst, Jästn Teu. Teuth. 10, 13; die Ähre der Gerste heißt Pip, die Bezeichnungen für die Grannen
s. unter
Eil. 1. Anbau: geschah bei uns 'gemeiniglich nur auf Boden erster und zweiter Classe,
d. i. ... solcher, von welchem ... 75 bis 91 Quadratruten auf 1 Scheffel Rostocker Maß veranschlagt sind' Leng. Landw. 2, 241; Bär. Gr.-Ges. 1074; Gründe für den verringerten Anbau zu Anfang des 19. Jahrh. Leng. Landw. 2, 238. a. der Saatzeit nach werden unterschieden Sommer- und Wintergerste; zur ersten Gattung gehören: 'die große oder zweizeilige Gerste (hordeum distichum) ... und die kleine vierzeilige Gerste (hordeum vulgare). Erstere hat längere Ähren und größere Körner, scheffelt also mehr wie diese; ist auch nicht so zärtlich im Anbau, weswegen sie der vierzeiligen vorgezogen wird' 241; 'die zweizeilige Sommergerste oder große Gerste (tweischurigt) ..., die vierzeilige Sommergerste oder kleine Gerste (vierschurigt), ... Sie kann auf einem leichtern Boden als die zweizeilige gebauet werden, deswegen säen unsere Wirthe sie auf solche Stellen, die sie für Hafer zu fett oder zu gut, für die zweizeilige Gerste aber zu leicht halten'
N. Monschr. 3, 107; Schum. Vieh. 464
f.; Gem. Aufs. 1802, S. 151; die Wintergerste, sechszeilige Gerste (hordeum hexastichum) erst seit Anfang des vor. Jahrh. bei uns kultiviert Leng. Landw. 2, 239. b. Bestellung, Saat und Ernte: zur Gerste 'muß der Acker im Herbste gestreeket, im Frühjahre gewendet und die Saatfurche dazu gearbeitet werden. Mit dieser pflegt man die Gerste unterzubringen und lieber den Pflug als den Haken dazu zu wählen' Schum. Vieh. 133; Land. Ann. 1815, S. 453; Nützl. Beitr. 1771, S. 156; bei günstigen Wetter- und Bodenverhältnissen kann man es wagen, 'Gerste in zwey Fahren zu säen' Schum. Wirtsch. 162;
s. Fohr; die Einsaat soll auf möglichst trockenem Lande geschehen: 'Wer Gerste und Roggen unterstäubt, Den Hafer unterkleibt, Den Weizen säet in Schollen, Der hat alles im Vollen' Bartsch 2, 163; als günstigster Termin gilt der Urbanstag (25. Mai) Schill. Kr. 3, 32
a; Fachschriften nennen die Zeit vom 25. Mai bis zum 10. Juni Land. Ann. 1817, S. 732; als spätestes Datum wird Vitus (15. Juni) angegeben Nützl. Beitr. 1717, S. 74; für den Landmann gilt 'das Hervorkeimen und Auflaufen des Hederichs' als Signal zum Gerstesäen 62; eine andere Regel lautet: wenn de gäl Wäpstiert kümmt, möt Gasten seig't warden Schill. Kr. 3, 31
b; Gerste wird dünn ausgesät: 'auf 80 sechzehnfüßige Quadratruten rechnet man einen kleinen Scheffel Einsaat' Land. Ann. 1817, S. 733; der Volksmund sagt: de Gasten sall so seig't warden, dat in ein Pierspor sœben Küürn tau fallen kamen SchöSchönberg@GrevesmühlenGrev; RoRostock@HeiligendammHDamm; Sperlinge fressen die Saat nicht, wenn man beim Säen drei oder mehr Gerstenkörner in den Mund nimmt und diese nach vollendeter Arbeit an den Ecken des Feldes in die Erde steckt Schill. Kr. 3, 32
a; eine gleiche Wirkung soll es haben, wenn man die Gerste am Abend sät, sie frei liegen läßt, damit der Tau des Nachts darauf fällt und sie am Morgen vor Sonnenaufgang untereggt Nützl. Beitr. 1767, S. 264; das Mähen der Gerste geschah früher häufig sehr früh: 'die Gerste wird von manchen Landwirthen im unreifen Zustande gemähet und muß in diesem Zustande 6 bis 7 Tage auf Schwaden liegen; sie soll dann am besten keimen, also zu Malz und zur Saat am tauglichsten seyn' Drev. Acker. 112; die Regel war jedoch: 'viele Landwirthe lassen die Gerste erst völlig reif werden, ehe sie solche abmähen; dann liegt sie nur 2 bis 3 Tage auf Schwaden, wird in Garben gebunden und eingefahren' ebda; 'man läßt sie gerne 8 Tage lang im Schwade liegen, sobald man sie in Hocken hat, muß sie eingefahren werden' Land. Ann. 1817, S. 734; auch hier war das Volk anderer Meinung, indem es die Alten sagen läßt: de Gast möt nägen Dag' int Swadd liggen un nägen Dag' in de Hock stahn GüGüstrow@SchlemminSchlemm; RoRostock@HeiligendammHDamm; das Binden geschieht im eigenen Stroh, 'welches man so künstlich zu legen weiß, daß der Ähre kein Schade geschieht' Land. Ann. 1817, S. 734; Drev. Acker. 61; die Garbenaufstellung geschieht meist in halben Stiegen; über das Laden der Gerste
s. Fäuder; das Dreschen der Gerste geschah keim Flegeldrusch in de Stuklag',
s. döschen (2, 428); danach wurde sie 'gebaket' Land. Ann. 1818, S. 245;
s. baken
1 (1, 586); zum Ganzen
vgl. Wred. Flora 1, 98 ff.; Eng. Landw. 3, 433 ff.; Land. Ann. 1823, S. 676 ff. 2. wirtschaftliche Verwendung: in früherer Zeit besonders zur Gewinnung von Malz zur Bierbrauerei angebaut: 'altera vero pars ordeaceum brasium esse debet' (WaWaren@RöbelRöb 1239) UB. 1, 492; 'medietatem brazei ordeacei' (Gü 1273) 2, 455;
s. begeiten (1, 716); Bier (850), Molt, mülten; späterhin auch zur Branntweinbrennerei verwendet: 'vom Rostocker Scheffel Gerste werden 10½ Pott ... Brandwein gezogen' Instrukt.
f. Pfandträg. v. 1825; im Haushalt zur häuslichen Brauerei und zur Grütz- und Graupenbereitung wichtig: 'Trink- und Grützkorn 5 Scheffel Gersten für jede Person' ebda; das Federvieh wurde meist mit Gerste gefüttert,
s. Fedderveih; als Zusatz zum Brotkorn zuweilen in Notzeiten. 3. Preise und Ausfuhr: Gerstenpreise im 14. Jahrh. UB. 12, 415
a; 17, 530
b; im 16. und 17. Jahrh. Siemss. Nat. 2, 192; 'daß verschiedene Wagen auf dem Markt bis Mittag mit Gersten gehalten und keinen höheren Bot als 10, 11 bis 12 ßl. bekommen, da doch in den benachbarten Stralsund und Wismar der Preis des Gerstens bis 17 und 18 ßl. gestiegen' (Ro 1666) Spald. Land. 4, 177; 'der Scheffel Gerste Rostocker Maße 26 ßl'. Instruktion von 1825;
s. Kuurn; Ausfuhr von Gerste um 1860 Arch. Landesk. 15, 568. 4. als Bede-, Pachtund Zehntabgabe: 'de kornebede an roggen, ghersten unde haveren' (StaStargard@StrelitzStrel 1475) Jb. 25, 120; (Wi 1308) UB. 5, 388; 9, 116 u. öft.; 'de theghede dat sint seven drømet korns, half gharste unde half havere' (Wi 1323) 7, 123; 'eynen wispel kornes, half rogghe unde half gherste' (WaWaren@PenzlinPenzl 1337) 9, 9; 'achtein dromet renthe ... garsten unnd haveren geliker mathe' (Ro 1341) 348; 'dar he af plichtich is ... to allen sunte Michelis daghen twelf půnt kornes, alse veer půnt rogghen, veer půnt ghersten unde veer půnt haveren' (1396) 23, 137; 'ein jeder bawman (in dem Kirchspiel HaHagenow@BlücherBlüch) ... gibt ... ½ schefel garsten' (1579) Tess. Boiz. 1, 138; 'das nötige Pachtkorn, Haber und Gersten' Nützl. Beitr. 1771, S. 156; viele Belege UB. 17, 450
a ff. unt. Hufenzins; wurde zum Hartkorn gerechnet: 'neghen scepel hardes kornes, half rogghen unde half ghersten' 23, 137; zur Erhaltung der Gilden gaben die Genossen jährlich 'etlikenn gersten edder molt' (1516) Jb. 57, 297. 5. sprachlicher Niederschlag a. ä. Belege: 'dat se my avemeeden ... drierley saet an roggen, garsten und haver' (1358) UB. 14, 284; 'die bure ... schollen alle erhen gersten ... in die negeste koepstadt ... tho margkte bringen' (1516) Jb. 57, 287; 'nhademe ock de gerste na sinem wassen im kope stiget und felt' 288; 'wann man den gersten vermultzen will' (1560) Kern Hof. 1, 200; 'Un maak den Gasten rein, seeg ook to mine Fruen, Dat see den Vörsprang mi all laten schall toor Saat, Dat anjer mag se denn man bruken to den Bruen' (Ro 1715) Kohf. Hg. 16, 2; Mit Gasten hen na Rostock föhrn (1742) 28, 2
a; 'Up usem felde werd de garste wol dyen' Nd. Jb. 54, 45. b. Redewendungen, Volksreime und Ähnl.,
z. B. im Bezug auf ihr Wachsen und Gedeihen: dei Gast smitt all Pipen (setzt Ähren an) Schmidt Gad. 1, 157; he waßt as de rip Gast er wächst nicht aus der Stelle, bleibt klein Schill. Kr. 3, 31
b; Latend. Agr. 225; de Gast is in nägen Wochen ut 'n Sack Wa; Gast is 'n lüünsch
Kuurn mißrät häufig Gü Güstrow@GülzowGülz; vör Johannidag man keinen Gasten laben mag Schill. Kr. 3, 31
b; aber: Gasten kann dreimal erfrieren un doch noch gaut warden RoRostock@KlockenhagenKlock; de Gast seggt: Smittst du mi unner 'n Krut, Dor kam ick woll ünner rut, Smittst du mi œwer in de Supp, Denn stah ick nich wedder up Ribn; HDamm;
s. ob. 1 b; eine alte Bauernregel lautet: Lichtmissen hell un blank Ward de Gasten un Hawer nich lang Gü; der starke Trinker ißt nicht viel, daher: dar Gasten ligt, kan keen Rogge liggen Mantz. Ruh. 20,31; Ostmeckl. Heim. 4, 123; im Gespräch der Gänse: kumm, willn nah 'n Gasten gahn Wo.
V. 2, 562 a; c; wenn Vader un Moder nah de Gast geiht, willn wi ok mit d; im Anruf an die Weihe: Dor steiht 'n Sack mit Gasten, Dor kannst du di mit masten 2, 1154; 1155; im Reiterlied: Mit 'n Schäpel Weiten Willn wi de Mœhl
begeiten, Mit 'n Foder Gasten, Donn füng' se an to knasten 3, 474; öft. im Neckreim: Koorl Koorl Kasten, De Gäus' gahn in 'n Gasten 4, 119; Se gahn den Gasten up un dal ebda;
s. Gassel. 6. Aberglaube und Sage: in einem Bauerndorf bei MaMalchin@StavenhagenStav herrschte der Glaube, daß derjenige, der die Kirchenglocke in der Neujahrsnacht zuerst läute, im künftigen Jahr die größte Gerste ernten würde Bartsch 2, 232; Flöhe verschwinden, wenn man Maitag vor Sonnenaufgang drei Hände voll Bettstroh nach dem Gerstenacker trägt 266. 7. FN.: Gastenhoff, 'Groß Gerstenkoppel'; Zss.: Kül-, Pott-, Saatgasten; als Bestimmungswort wechseln Gast- und Gasten- in den Zss. — Mnd. gerste, gersten
m. — Br. Wb. 2, 489; Dä. 143
b; Kü. 1, 544; Me. 2, 305; Schu. 6.