ABWESEND adj. part. präs. von abwesen,
s. absein vb. seit anfang des 15. jhs., zunächst nur nd., für lat. absēns
bezeugt, geläufig seit dem 16. jh. 1
nicht gegenwärtig; entfernt häufig substantiviert. a
räumlich, in der regel von personen: 1446 wer ock sake de vorg. entschedere alle offt er welk affluvich offte doch affwesende were, so sall men dan ander personen weder in de stede keysen
meppener urkb. 209 W. 1473 durch die
(buchstaben) schiken wir unsern willen in andere land und enpfahen oͮch durch sie geloͤplich der abwesenden mainung Steinhöwel
de claris mulieribus 99 LV. 1526 glych als da einer den abwesenden keiser fürgebe für einen gegenwürtigen keiser Zwingli
5,225 E./F. ⟨1529⟩ nicht alleine der gegenwertige, sonder auch der abwesende mag zuͦ einem anwalden gesetzt werden Rotschitz
processus (1530)C1b. 1605 es wird selten ein kanne wein getruncken, da man nicht frommen vnd abwesenden jhr gut gerücht beschmitzet Petri
weissheit Dd4b. 1679 im auditorio war er fleißig und niemals abwesend Riemer
maul-affe 52. ⟨1697⟩ du machst mich roht, wenn ich zugegen;/ und schwartz, wenn ich abwesend bin Wernicke
epigr. 467 P. 1751 des abwesenden
(delinquenten) verlassenschaft
cod. jur. bavar. criminalis 133. 1760 indessen die Athenienser ihn und seine mitgenossen abwesend zum tode verurtheileten Heilmann
Thucydides 839. 1832 ein statut der facultät .., wonach sie abwesende nur promovieren darf, wenn sie in öffentlichen ämtern stehen
in: br. nachlaß Wackernagel 9 L. ⟨1866⟩ Lutz, der seit einigen jahren auf universitäten abwesend war Heyse
[1924] I 5,75. 1918 der herr sei auf einen tag abwesend Döblin
Wadzek 99. 1971 eine person von eiskalter hübschheit, deren mann tagsüber abwesend ist Böll
gruppenbild 221. – sich abwesend machen
oder abwesend werden
sich wegbegeben: 1508
absentare, se absentem facere sich abwesend machen
(Straßb.) voc. gemma gemm. a3a. 1597 kam es in kurtzer zeit dahin, daß schier keiner mehr anheymisch bliebe, sonder alle von hauß abwesend wurden
laleb. 14 HND. —
seltener mit sachlichem bezugswort: 1541
longinquos respicit montes sicht die weyt abwaͤsende oder verr gelaͤgne berg an Cholinus/
F. dict. 522b. ⟨v1683⟩ der nu mehr fast volle mond ersetzte an dem heuteren himmel bey nahe die stelle der abwesenden sonnen Lohenstein
Arminius (1689)1,33a. 1720 es stellen mir aber meine gedancken entweder gegenwärtige oder abwesende dinge vor Ch. Wolff
gott 101. 1740 der mahler und der poet haben einerley vorhaben, nemlich dem menschen abwesende dinge als gegenwärtig vorzustellen Breitinger
dichtkunst 1,14. 1864 weil das gegenwärtige immer mehr kraft und recht hat als das abwesende Stifter
ges. w. (1959)3,597. b
zeitlich (selten) 1829 das abwesende wirkt auf uns durch überlieferung Goethe
I 42,2,180 W. 1954 das künftige ist das noch abwesende, das vergangene ist das bereits abwesende Heidegger
denken 41. 2
geistig nicht präsent, in gedanken verloren; häufig in verbindungen wie in gedanken abwesend, abwesenden geistes (
vgl. geistesabwesend) sein, wie abwesend dasitzen
u. ä.: 1665 der mit einem trunckenen hadert, der zancket mit einem abwesenden Seybold
adagia 12. 1741 diejenigen .., deren gedanken immer distrahiret und abwesend, und keiner sache sich recht erinnern Justi
memoires 1,249. 1803 Diego von Ordoño,/ der dem königlichen leichnam,/ wie abwesend in gedanken,/ traurigstumm zu füßen saß Herder
28,467 S. 1819 der ist wohl ganz abwesenden geistes und gedenkt nicht des wiesenplans, .. seht nur .., wie er in den engen waldweg hineinschiebt Hoffmann
7,24 G. ⟨1836⟩ als er .. noch immer wie abwesend da saß, stieß ihn Th. an Immermann
7,10 B. ⟨1855⟩ er sah verstört mit abwesenden gedanken umher Heyse
[1924] I 3,57. ⟨1903⟩ du scheinst nachdenklich, zerstreut, abwesend Halbe
[1917]5,140. ⟨1920⟩ der graziöse gütige mann, der, während er las, .. die an der wand sitzenden herren mit sonderbar abwesenden blicken grüßte Döblin
Wallenstein (1970)138. ⟨1944⟩ die neue
(häftling) lachte laut auf eine ausdruckslose, abwesende art und pfiff weiter Rinser
gefängnistgb. (1967)63. 1961 er klopfte mit der flachen hand leicht auf den tisch, als Jewers’ augen einen abwesenden ausdruck annahmen Zeiske
flucht 293. —
auch vom geisteszustand schwerkranker: ⟨1795⟩ als ich in sein zimmer trat, war sein geist abwesend, und er erkannte mich nicht, er kämpfte mit phantomen seiner einbildungskraft Tieck
(1828)6,187. 1805 die phantasien des verstorbenen (er war die 3 letzten tage fast immer abwesend) waren heitere jugenderinnerungen Göchhausen
br. 148 D. —
die umgebung vergessend (als ausdruck der konzentration) 1916 dann beginnt er unter einem inneren diktat zu schreiben, gleich ins reine, vertieft, ganz abwesend A. Zweig
geschichtenb. 139. ⟨v1957⟩ Franz öffnet langsam das klavier, setzt sich, beginnt abwesend zu improvisieren, ganz leise, verhalten, verloren Fürnberg
4,373 ak. 3
in sachbezogener verwendung häufig ‘
fehlend, nicht vorhanden’: 1714 daß angebrachte seine tugenden ein ursach der noch abwesenden seyen: folget daß die noch ausständige ihm als eine belohnung der vorgehabten gebühren
in: Abraham a
s. Clara
kramer-laden (1710)2,628. ⟨1783⟩ der stechende schmerz ist ganz abwesend, außer wenn sie stärker einathmen
Stoll, heilungsmethode (
1787)
1,149. 1808 es sieht sich .. als ein bloßes werkzeug betrachtet, und dies empört sein zwar dunkles, aber dennoch nicht abwesendes gefühl, daß es durch sich selbst einen werth haben müsse Fichte
reden 319. 1855
(er) fuhr sich an die augen, und trocknete ein paar abwesende thränen Kürnberger
d. amerikamüde 62. 1883 jede überraschung des scharfsinns, jedes spiel der einbildungskraft waren abwesend C.
F. Meyer
12,113 Z./Z. 1972 das große unbekannte/ das fortdauernd vermißte/ das schmerzhaft abwesende Kunert
ausgang 9.Braun