zwilling,
m. ,
geminus. ahd. zwiniling,
vgl. ahd. gl. 2, 357, 50 (10.
jh.); 3, 233, 17-19 (12./13.
jh.); 3, 271, 53 (13./14.
jh.),
mhd. zwinelinc, zwinlinc
und mit angleichung des n > l zwillinc,
mit suffix -inga- (
dem nach Meissner
zeitschr. f. dtsch. altert. 70, 37, 42
ursprünglich gefühlston anhaftet),
abgeleitet vom ahd. adj. zwinal '
geminus', l-
bildung zu germ. *twi-na-,
idg. *di-no-;
vgl.drell <
*drinal Brugmann
distrib. u. kollekt. numeralia d. idg. sprachen (1907) 34.
auf varianten der gleichen grundform gehen zurück schwed. dän. tvilling '
zwilling'
aus altschwed. tvinlinger
mit assimilation von n > l (
vgl. norw. tvilling
neben tvinnling,
älterdän. tvinlingh),
gebildet von an. tvennr, tvinnr '
doppelt, zweifach'
aus germ. *twiz-na- (
vgl. zwirn);
mittelengl. tvinling (
heute noch dialektisch verbreitet)
zu ags. (ge)twinn '
doppelt, je zwei'
kann auf dieselbe grundform zurückgehen (
s. Weyhe
beitr. z. gesch. d. dtschen sprache 30, 59),
kann aber auch aus *twi-nja-
hergeleitet werden; beide möglichkeiten bestehen wohl auch für die ost- und nordfries. lautformen twenneling, twendeling Doornkaat-Koolman 3, 454; twenling Jensen
Wiedingharde 649; Mungard
Sölring spraak 232; twanling Schmidt-Petersen
nordfries. 143.
auszerhalb des germanischen ist lat. bīni
aus *disno-,
lit. dvynù (
dual.), doynaĩ (
plur.) '
zwillinge'
heranzuziehen; vgl. im übrigen zwier sowie Walde-Pokorny 1, 820; Walde-Hofmann 1, 106; Falk-Torp 1303
f.; Hellquist
21251
f.; Torp 824.
mnd. twêlink,
mnl. tweeling(h)
läszt sich als lautgesetzliche entsprechung von ahd. zwiniling (
über *twēneling),
aber auch als jüngere neubildung zum zahlwort twē- '
zwei' (
vgl. unter zweiling
sowie as. twê-ne
aus *twaina-)
auffassen, vgl. Franck
etym. wb. 715; twelinge
gemini (
ndrh. gl. 13.
jh.) Diefenbach 259
b; tweelinck
gemellus (
Deventer 1500) Diefenbach
nov. gloss. 190
a; Schiller-Lübben
mnd. wb. 4, 639; Verwijs-Verdam 8, 804.
hierher auch die mischformen tweiling(e)
gemini Diefenbach
gl. 259
b; twilənk
zwilling Leihener
Cronenberger wb. 127; twilink Bauer-Collitz
waldeckisches wb. 106
b; twîling
neben twilling Woeste
westfäl. ma. 278 (
vgl. dazu auch unten zweiling, zwieling
sp. 1205).
die eigentliche niederdeutsche form tweschen, twesken '
gemini'
geht zurück auf mnd. twese, tweseke, tweselink,
as. gitwiso '
zwilling',
s. Wadstein sprachdenkm. 186,
dagegen ist nd. twilling
im anschlusz an die hd. form entstanden und literarisch kaum belegt: gy sindt an lyff twilling allein, wy beyden sindt van herten ein (1638) Bernh. Nic. Ancumanus
rosarium 39
Lindqvist. die annahme einer umsetzung aus dem hochdeutschen wird noch gestützt durch eine weit zerstreute und örtlich nicht zusammenhängende bezeugung im niederdeutschen, vgl. twilling Mensing
schleswig-holst. wb. 5, 220 ('
vereinzelt'); Frederking
dorfwb. von Hahlen 148; Deiter
Hastenbeck, nachtr. 65; Schambach
Göttingen 238; Block
Eilsdorf 99;
durch mischung von twêling
und twilling,
bzw. zwilling
entstanden twelling
Elberfelder ma. 167; twelleng Leithäuser
Barmer ma. 162.
hierher wohl auch mnl. tuellinc
gemitus (
d. i. geminus) Diefenbach
gl. 259
b (
aus dem 14./15.
jh.).
in den hochdeutschen mundarten ist die schriftsprachliche form zwilling
seit mhd. zeit gebräuchlich, vgl. die einschlägigen wbb. lautliche spielformen gehen auf die oben genannten mhd. varianten zurück, vgl. zwinling (
neben zwiling)
mhd. erzähl. II 1023
Euling; voc. ex quo aus Hall im Inntal 1429,
s. Diefenbach
nov. gloss. 190
a;
voc. inc. theut. (1471) qq 9
a;
ferner die varianten zur ersten dtschen bibel 3, 123
Kurr.; 3, 176; 8, 128; von zwinlingen (1538) A. Lauterbach
bei Luther
tischr. 4, 176
W.; mit dentaleinschub zwindling
voc. v. 1419
bei Schmeller-Fr. 2, 1177; zwendling (14./15.
jh.)
bei Grimm
mythologie1 anhang xlviii, 28.
vielfach haben sich diese spielformen frühnhd. in anlehnung an zwie-,
bzw. zwei-
neu gebildet (
vgl. teil 16, 1061): zwiling
bei Jelinek
mhd. wb. 1008 (
belege aus der Wenzelbibel);
geminus, gemellus ein czwyling (1470) Diefenbach
mittellat.-hd.-böhm. wb. 138; zwylinge
erste dtsche bibel 3, 123
var., vgl. ebda 176
var.; wer das kind ein töchterlin oder zwyling (1513) Eucharius Röszlin
rosegarten 29
Klein; zwiling Dasypodius (1556) 1407
a.
mundartlich bei Seiler
Basel 330;
neben zweiling
bei Fischer schwäb. 6, 1457; Martin-Lienhart
elsäss. ma. 2, 922; zwieling
als technischer ausdruck (
wohl aus der mundart)
bei Mothes
baulex. 4, 405. zweiling,
das wie vielleicht mnd. twēlink (
s. o.)
auf anlehnung an das zahlwort zwei
beruht, begegnet auszer in den vorgenannten mundartlichen wiederholt in historischen quellen: gemellus zweyling (
md. 1414) Diefenbach
gl. 259
a;
erste dtsche bibel 3, 176
Kurr.; Esau ist auch nit allein nun ein bruoder Jacobs, sonder ist sein zweiling B. Hätzer
d. prophet Maleachi (1526) b 2
b;
vgl. ferner die unten angeführten belege; zweiling
neben zwieling (zwyling)
bei (1513) Eucharius Röszlin
rosegarten 20
Klein; Dasypodius
dict. lat. (1536) 4
a;
neben zwilling
bei Aler
dict. (1727) 2, 2291
a;
mundartlich als zweierlingche
bei Hönig
Köln 211.
in einer sonderbedeutng und dadurch von zwilling '
geminus'
geschieden bei Golius
sextans zweyling, 2 pfenning oder ein creutzer
onomast. (1579) 426
neben zwilling '
gemini'
ebda 104;
noch bei Frisch zweyling '
zweipfenniger'
teutsch-lat. wb. (1741) 2, 487
neben zwilling
geminus ebda 488;
vgl. ferner teil 16, 7,
sp. 1061/2
und ältere belege bei Ch. Schmidt
elsäss. ma. 446,
s. v. zweigeling.
auf formale lautmischung aus zwinling
und zweiling
geht zweinling
zurück, vgl. Schmeller-Fr. 2, 1178; zwaineling
neben gleichbedeutendem zwailing
im voc. inc. theut. (1471) qq 7
b; Fischer
schwäb. 6, 3529 (
Ulm 1487);
daneben zwenling
erste dtsche bibel 3, 123, 46
Kurr. zwirling '
geminus'
ist eine durchsichtige bildung zu mhd. zwir(e),
ahd. zwiro '
zweimal' (
s. zwier): czwirling (
obd. 1502) Diefenbach-Wülcker 920;
nd. twerlinck
ebda; für die heutigen mundarten vgl. Fischer
schwäb. a. a. o. und Crecelius
oberhess. wb. 941. zwigling Birlinger
schwäb. wb. 411
ist wohl dialektische nebenform zu zwieling (
vgl. zweigling neben zweiling
teil 16, 7, 1061),
ebenso zwidling
bei Schmeller-Fr. 2, 1176. —
mit suffixvariante cwyllung (
obd. 1421) Diefenbach
nov. gloss. 190;
häufiger ist die endung -lich (
mundartlich -lach, -let, -lit),
durch die formale vermischungen mit zwillich,
adj. und subst., eintraten (
s. o. sp. 1198
und 1200),
vgl. zwillichkint
gemellus voc. opt. 14
a Wackernagel: zwyllig
gemini voc. alph. (1421) Diefenbach
nov. gloss. 190
a; zwillich kint
gemellus (
md. 1440) Diefenbach
gl. 259
a; (
obd. 15.
jh.)
ebda; ich gedachte, Berg und Gülich, die wären gute zwillich
bei Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 341; zwillig (1747)
bei Fischer
schwäb. 6, 1457;
mundartlich zweulig
der zwilling Hunziker
Aargauer wb. 315.
die form zwilach
ist vornehmlich schwäbisch (
Augsburg): Diefenbach
nov. gloss. 190
a (
Augsburg 1468);
vgl. Fischer
schwäb. 6, 3529; sy gebar zwai cwilach (15.
jh.)
bei Schmeller-Fr. 2, 1178; sie waren auch zwai zwilach
städtechron. 25, 310 (
Augsburg 1456);
schwäb. zwilet,
s. Diefenbach
nov. gloss. 190
a (15.
jh.); waren diese zwey geschwistert und zwiletlen geboren (
Memmingen 1584)
bei Fischer
schwäb. 6, 1457;
heute mundartlich aus Füssen bezeugt, vgl. ebda. eine gröszere selbständige gruppe läszt sich von dem mhd. neutrum zwinelin
herleiten, das schon ahd. als (
substantivierte?)
ableitung des adj. zwinal
erscheint: civvinelin
aus einer Innsbrucker handschrift des 11./12.
jh., s. Mone
anzeiger 7, 589; gezwinelin
gemini (2.
hälfte des 12.
jh.)
ahd. gl. 3, 415, 41
St.-S.; gemini gezuuilini (
lies: gezuuinili?) (13.
jh.)
ebda 3, 246, 12.
in der form zwinlein
bei Konrad v. Megenberg: an welhem stain man vint zwai zwinlein oder ain wazzermensch, daz ainen kruog mit wazzer auzgeuzt, der ist sunnennaigich, alsô daz er sein kraft hât nâch der sunnen underganch
buch d. natur 466
Pfeiffer; daz dritte zaichen haizzt die zwinlein, wanne der sunnen schein ist danne zwivaltig
dtsche sphära 18, 9
Matthäi; die namen ... der himelzaichen die sint also: wider, ohs, zwinlein, krebs, leo
dtsche sphära 18, 1
Matthäi; vgl. ebda 27, 32; 28, 3; 28, 12; 31, 23; und sich zwei zwinlein sint funden in ihrem leib (14.
jh.)
1. Mos. 25, 24
in cgm. 341.
auf dieses ältere zwinelîn
geht anscheinend die im ganzen alpenländischen süden verbreitete form zwin(d)l(e),
n., zurück, s. Schöpf
tirol. idiot. 834; Lexer
kärnt. wb. 268; Bacher
Lusern 432; Tschinkel
Gottschee § 14; Bergmann
Schmellers sog. cimbrisches wb. 181 (zbinelo, zbindelo, zbindela);
in der Schweiz zwindli,
n. Bühler
Davos 1, 218; Hotzenköcherle
ma. von Mutten 373;
neben zwingli,
n. Stalder 2, 487, zwîli,
n. Stucki
ma. von Jaun 137; 235,
und zwîni,
n. Streiff
Glarner ma. 58; Wipf
Visperterminen 78;
daneben steht ein vb. zwindeln '
zwillinge gebären',
s. Hintner
Deferegger ma. 250; Bühler
Davos 1, 305.
vereinzelt begegnet zwinlein
auch im mitteldeutschen: zwaa zwienle L. Riedel
erz. in vogtländ. ma. 3 (1885) 106. 11) zwilling
ist zuerst in spätahd. glossen des summarium Heinrici überliefert: zvinilinc (zvinelînch, zwinilinch, zvinelinc, zuinelinc, zwinlinc)
didimus, geminus ahd. gl. 3, 233, 17
St.-S.; ebda 271, 53,
offenbar als bezeichnung eines einzelnen lebewesens. im 16.
jh. erscheint jedoch ein vereinzelter gebrauch des singulars für das zwillingspaar, in dem vielleicht etwas älteres steckt: damit gewan sie 2 sone, das was eyn tzwilling Wigand Gerstenberg
chron. 69
Diemar; mein mutter hat auch nicht ein zwilling getragen, sondern ich bin ein kindt Luther 47, 705
W.; sind do die eeleut zusammen kommen und haben ... ein zwilling geboren, ein kneblin und ein meytlin Seb. Münster
cosmographia (1550) 42.
im übrigen verwendet das mhd. und nhd. für das zwillingspaar den plural: und sunder sant Jacob, der gottes bruder hies, wan er siner muter swester sun was und im so gelich was als ob si zwilinge wærind, geboren von ainer muter schweizer Wernher
Marienleben s. 1
Päpke-Hübner; so haben die nit wolgeschriben, die da von Castore und Pollutzen gebrüdern zwylingen schribende Niclas v. Wyle
translationen 358
Keller; gebar im 4 söhn, Carolum, Pipinum, Ludovicum und Lotharium die zweyling Stumpf
Schweizerchron. (1606) 229
b; warumb sind ir zwey (
mann und frau)? auff dasz, wo sie zwilling bekommen, ein jedes eins auff seiner seit nachts zu wagen und zu wiegen hab Fischart
Gargantua 97
ndr.; was er für glück oder unglück von seinen neugebohrnen zwillingen zu hoffen hätte Lohenstein
Arminius 1 (1689) 262
a; so erzeugte die söhne sich Mars. die zwillinge tränket eine wölfin, und Rom nennt sich die fürstin der welt Göthe I 1, 236
W.; und ist er erst aus dem dünkel heraus und sitzt an der wiege, vielleicht sind es zwillinge, was meinst du, Christine? Fontane
ges. w. I 6, 32. 22)
seit mhd. zeit begegnet die (
tautologisch anmutende)
verbindung mit dem zahlwort zwei,
dessen flektierte formen das geschlecht der zwillinge bestimmen: da riten in dem ringe zwene zwillinge des mutes fro, des gutes fri Herbort v. Fritslar
liet von Troye 7486
Fr.; (
zu sehen) in, von dem sú hortent jechen das er Jhesu wære also gelich sam zwen zwilinge aigenlich schweizer Wernher
Marienleben 132 74
Päpke-Hübner; zween zwilling, die einander gleich sehen, welcher hats vom andern, dasz er dem andern gleich sicht? Paracelsus
opera 1 (1616) 6
H.; das sie ... zwaier zwiling, ains herrn und ains fröles ... gepare
Zimmerische chron. 1, 169
B.; Heraclius, der grosz keyser ... mit dem ich zwen zwilling gebar Hans Sachs 8, 185, 27
lit. ver.; mit bewuszter kennzeichnung des geschlechtsunterschiedes noch heute in der mundart: zwa zwilling,
gewöhnlich statt zwilling
gebraucht, es wird dadurch auch der geschlechtsunterschied (
knabe und mädchen)
gekennzeichnet Hügel
Wiener dialekt (1873) 200;
oft scheint die hinzufügung des zahlwortes nur die zweiheit in zwilling
unterstreichen zu wollen: eine scene aus dem duodrama zweyer zwillinge in mutterleibe Lichtenberg
verm. schr. 1 (1800) 344;
schon M. Kramer
ist dieser grund nicht mehr verständlich: zwillinge (
male: zwey zwillinge) gebären
dict. 2 (1702) 1496
a;
notwendig wurde solch ein verdeutlichender zusatz, sobald zwilling
überhaupt von der mehrgeburt gebraucht wurde: welche ... söhne und döchter zur welt bringet, biszweilen auch zween zwilling, selten drey zwillinge Comenius
janua (1644) 180. 33)
abgesehen von den unter 1
erwähnten fällen bedeutet der singular den einzelnen zwilling: diszer Isaac ... hatt ein sohn, der hisz Jacob ... was ein tzwilling (1522) J. S. Egranus
ungedr. pred. 153
Buchw.; da sprach Thomas, der genennet ist zwilling, zu den jüngern
Joh. 11, 6; Thomas, der da heisset zwilling
Joh. 21, 1; der mahler ... führte die abbildung also köstlich und künstlich, als wär es mit dem original ein blutsverwandter zwilling Abr. a
s. Clara
Judas 1 (1686) 47.
in nicht eigentlichem sinne: es ist nicht jedermanns sache, ein siamesischer zwilling zu sein Gottfried Keller
ges. w. (1889) 7, 184;
zur entstehung der redewendung vgl. Ladendorf
schlagwörter (1906) 288.
zur unterscheidung des geschlechtes wird auch vereinzelt der feminine artikel gebraucht, vgl.: der zwilling und die zwilling ..., die zugleich geboren werden Harsdörffer
teutscher secretarius 1 (1656) M m m 6
b; Artemis, die zwilling des gottes, die hoch einher strahlt mit der fackel in jeder hand Stolberg
ges. w. (1820) 14, 101.
aus dem gleichen grunde erscheint ganz vereinzelt im 15.
jh. zwilling
mit weiblicher endung: czwillingynne (15.
jh. md.) Diefenbach
gl. 259
a. 44)
übertragungen. 4@aa)
die übertragung auf tierjunge erscheint zuerst in der bibel: wie die herde ... die aus der schwemme komen, die allzumal zwilling tragen Luther
hohes lied 4, 2,
vor ihm schon junge czwingling der rechgeizz
erste dtsche bibel 8, 122
var. Kurr.; ferner ebda 128
var. zu vers 3 (
in der vulgata: dentes tui sicut greges tonsarum quae ascenderunt de lavacro, omnes gemellis fetibus et sterilis non est inter eas cant. cant. 4, 2;
ferner: duo ubera tua sicut duo hinnuli capreae gemelli, qui pascuntur in liliis ebda 4, 5).
selten in der profanen literatur: acht monde lang tregt das gewildt und setzt zuweilens zwilling miteinnander Heyden
Plinius (1565) 172; allda sind schafe und zwillinge tragende ziegen Ramler
einleitung 1 (1756) 343.
ebenso selten ist die anwendung auf früchte und pflanzen, während in allen diesen fällen zwillings-
composita gern gebraucht werden: es sind ouch fürwar zwo ander (
arten von reben), die zwylinng gehaissen werden, darum das sy zwyfeltige ber geben Österreicher
Columella 1, 168
lit. ver.; (
die prinzessin) liesz jedem prinzen, der um ihre hand warb ... die hälfte einer doppelmandel darbieten, und sie speiste den andern zwilling G. Freytag
ges. w. 7 (1887) 49;
von doppelpflaumen, s. Fischer
schwäb. 6, 1457;
noch ganz bildlich von der blüte der tuberose: der stiel ... gebiehrt und bringet wunderbar die schönen kinder paar bey paar als zwillinge hervor Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 372. 4@bb) zwilling
als sternbild. das tierkreiszeichen der zwillinge
wird neben anderen sterngruppen der ekliptik wie stier, löwe, waage, skorpion, fische
schon im altbabylonischen Gilgameschepos (
um 2300
v. Chr.)
erwähnt, vgl. Boll-Bezold
sternglaube u. sterndeutung (1931) 7;
über Ägypten (
vgl. die darstellung des tierkreises von Dendera)
gelangten die namen der sternbilder in das Griechenland des klassischen altertums, wo man die himmelszwillinge personifizierte als Κάστωρ und Πολυδεύκης,
söhne der Leda und des Zeus, lateinisch Castor und Pollux. innerhalb des germanischen sprachkreises ist die bezeichnung zwillinge
für das sternbild offenbar nicht altererbt; Tacitus, der Germania cap. 43
von einem germanischen Dioskurenkult spricht, erwähnt das sternbild nicht. da die frühesten belege erst in der mhd. literatur auftauchen (
in den ahd. glossen findet sich kein sicherer hinweis darauf),
musz es sich um eine späte lehnübertragung des lateinischen ausdrucks handeln. als tierkreiszeichen, vgl. zwillinge (
gemini)
heisset das dritte gestirne im thierkreis, wovon der dritte theil der sonnenstrasze seinen nahmen hat Wolff
mathem. lex. (1747) 1462: wanne nem wir daz viertail des tyrkraizzes, daz ist von dez widern anvang piz an daz ende der zwinlein Konrad v. Megenberg
dtsche sphära 28, 12
Matthäi; wag, wider, schorp, ohs, schütz, zwinlein die nehsten zwai veint sein, pok, krebs, leb, kruk, visch, jungfrau die nehsten zwei veint schau
ebda 28, 3; desz zwillings sigill Paracelsus
opera 2, 554
Huser. in schwacher flexion: S. Paulus ... sasz in ein schiff, da waren die zwillingen angemalt Luther 10, 3, 29, 11
W. zu apostelgesch. 28, 11: nach drei monaten aber schifften wir aus in einem schiffe von Alexandrien, welches in der insel gewintert hatte, und hatte ein panier der zwillinge (
παρασήμω Διοσκούροις); der lieb zeichen sein die zwilling, das stärckest zeichen ist der löw Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1003; die zwillinge die wollen, dasz wir umb diese zeit uns auch umbfangen sollen und gehen paar und paar Fleming
deutsche ged. 1, 62
Lappenberg; vom astronomischen standort der sonne oder des mondes: sô denne der sunnen strâm in den zwillingen gêt und ir zît darinne stêt Heinrich v.
d. Türlin
krone 311; 12. mai: die sonn im zwilling
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) a 6
a (
kalender); Phöbus fur umb den gestirnten schrein und kert bey zweyen brüdren ein: die waren zwilling und getrew Caspar Scheit
frölich heimfart a 4
b; aber so der mon im zwilling ist im auffgang des hundssternen, so würt vil weins und korns, auch aller anderer frücht
M. Herr
d. feldbau (1551) 19
a; im meyen kompt die son zuo zweien zwilling (dann drey hab ich nie gesehen) Fischart
aller praktik groszmutter 18
ndr.; der mond in den zwillingen soll guten ehstand und kinderzucht mit bringen Treuer
Dädalus 1 (1675) 415; den 4. juni trat die sonne in die zwillinge
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 6, 597
Gottsched. in fester formel zur zeitbezeichnung: zu einer andern zeit, die contrari ist, als in einem lüfftigen oder nassen zeichen, im zwilling, wag, wassermann Paracelsus
opera (1616) 2, 310
A Huser; und solche präcken (
bracken) soll man ... keiner ander zeit, wo es müglich ist, dann inn des zwillings und wassermans zeychen belegen ... lassen Sebiz
feldbau (1579) 578; in den zwillingen, im majen, ist alles doppelt fruchtbar oder wechset zweyfach mit blättern und den blüten Barth. Scheraeus
σύμμικτα ἱεραρχικά (1619) 214.
im heutigen volksglauben: in den zwillingen soll man keine kartoffeln stecken, im zwilling ist gut wandern, kaufen und verkaufen und kinder zur schule tun,
s. Fischer
schwäb. 6, 1457.
bei den vorstehend genannten belegen bleibt zu bedenken, dasz sich schon seit beginn unserer zeitrechnung sternbild und tierkreiszeichen der zwillinge
infolge des allmählichen vorrückens des frühlingspunktes auf der bahn der ekliptik nicht mehr decken. der allgemeine volksglaube hält aber unter einflusz astrologischer vorstellungen an der identität beider so fest, dasz belege, in denen das sternbild im streng astronomischen sinne gemeint ist, sehr selten sind: und wie des himmels zwillinge dem schiffer ein leuchtend sternbild, wollen wir mit trost dir nahe sein und deine seele stärken Schiller 14, 124
G.; während ... die zwillinge, das sternbild, als menschensöhne galten, welche sich in den himmel gerettet hatten, weil sie ihre trennung fürchteten Ratzel
völkerkde (1885) 2, 311. 4@cc)
anwendungen auf doppelungen gleicher art und beschaffenheit; vgl. zu diesem abschnitt auch die composita, in denen die übertragene bedeutung weit häufiger ist. 4@c@aα)
in der technik von korrespondierenden linien, röhren und dergl.: zu solchem wil ich dir hinach auffreyssen ein sunder figur der zweier linien, die wil ich nennen den zwiling, darumb das man zweyerley linien zu einem ding braucht Albrecht Dürer 4
bücher von menschl. proportion (1520) q 4
e; circulatorium ... das gefäsz, welches man zur circulation gebraucht, solches ist ingemein ein pelican oder auch zwilling, welche zwei kolben mit ihren helmen sind, deren schnautze in den kolben gehet J. J. Woyt
thes. (1696) 106,
vgl. dazu auch Jacobsson
technol. wb. (1793) 8, 297
a.
im bergbau bezeichnet zwilling (zwillig)
die gabel zum auflegen der gestänge, s. ebda 4, 733
a.
in der medizin geschwulstbildungen: es entstehet auch ein anders und auszwendigs geschwer umb die ohren, parotidas oder gemellos, das ist zwilling genannt, dann gemeiniglich zwey mit einander auffwüschen Wirsung
artzneybuch (1584) 119.
ganz üblich in der kristallographie: zwillinge, welche aus crystallen des regulären systems zusammengesetzt sind Oken
naturgesch. 1 (1839) 65,
näheres s. unter zwillingskristall.
allgemein verbreitet ist zwilling
als bezeichnung des doppelläufigen gewehrs, s. Kehrein
waidmannssprache (1871) 338; Fischer
schwäb. 6, 1457;
zeitschr. f. dtsche wortforsch. 12, 130. 4@c@bβ)
gelegentliche oder regional beschränkte übertragungen: in der Benedictinerregel des cgm. 639,
f. 12 (
a. d. j. 1540)
werden die Sarabaitae 'zwinling'
genannt, offenbar, weil sie vielfach zu zweit ein gemeinsames leben führten, s. Schmeller-Frommann 2, 1178;
von wort- oder consonantendoppelungen: zum andernn ist die artt der schrifft, das sie durch solch tzwillinge der wort odder spruch deuttet die gewiszheyt und sicherheytt (
in '
abba pater') Luther 10, 1, 1, 375
W.; als fachausdruck für die consonantendoppelung, s. zeitschr. f. dtsche wortforsch. 5, 275;
von den gleichziffrigen zahlen 11, 22, 33
u. s. w. in der gaunersprache, s. Avé-Lallemant 3, 140;
mundartlich von zusammengebackenen broten, s. Schmeller-Frommann 2, 1178
oder einem doppelten bienenschwarm, s. Fischer
schwäb. 6, 3529. 4@dd)
im geistig-seelischen bezirk von eng zusammengehörigen, sich gegenseitig bedingenden vorstellungen: ehr und hoffarth sind zwilling Lehman
flor. pol. 1 (1662) 176; die straff und schuld sind auch bey uns noch zwillinge Lohenstein
Epicharis (1685) 93; (
ihm,) dem verstand und muth, der zwilling hoher gaben, den krantz der ewigkeit vorlängst geflochten haben Günther
ged. (1735) 729; da wo verstand und stand als zwillinge gezeugt
ebda 775; das leben und das elend des menschen sind zwillinge, die zu einer zeit gebohren werden und sterben Chr. Scriver
seelenschatz (1737) 1, 12
a; des gedankens zwilling, das wort scheint hall nur, der in die luft hinflieszt Klopstock
oden 2, 37
M.-P.; sind die zeiten nicht geordnet wie die räume geordnet sind? und beide sind ja die zwillinge eines schicksals Herder 13, 8
S.; schlaf und tod sind nur zwillinge Schiller 2, 76
G. (
räuber II, 2); alle kraft (
trägt) zwillinge im schoosze, das verbrechen und die heroische that Laube
ges. schr. 4, 182; orthodoxie und häresie, glaube und zweifel, theologie und metaphysik sind bekanntlich zwillinge Justi
Winckelmann 1 (1866) 64.
rein bildhaft: böse zeitungen sind zwillinge, weilen sie insgemein zu paaren gebohren werden
d. pol. Jesu Syrach (
o. j.) 73; das unglück gebiert nur zwillinge Hebbel
tageb. 2, 71
W. 55)
die composita zeigen bis ins 18.
jh. teilweise noch nicht das -s-
in der fuge, vgl. unten an alphabetischer stelle die belege unter zwillingsart, -ast, -brüderlein, -buchstabe, -geburt, -kind, -lamm, -reim, -stern, -tochter, -vers. 5@aa)
sie gehen zunächst aus von zwilling
in seinem eigentlichen sinne und haben als zweites glied sehr häufig eine verwandtschafts- oder geschlechtsbezeichnung, vgl. unten zwillingsbruder, -enkel, -geschwister, -kind, -knabe, -schwester, -sohn, -tochter;
ferner: zwillingsjunge Meta Moller
an Giseke in: br. an Klopstock (1867) 130
L.; -mädchen v. Sömmerring
menschl. körper 5, 301; -mutter H. Federer
berge u. menschen (1911) 54; -vater Holtei
erz. schr. (1861) 10, 237. 5@bb)
allgemein von doppelungen gleicher art und herkunft. 5@b@aα)
üblich in naturkunde und medizin, besonders in der botanik; s. unten zwillingsapfel, -beere, -binde, -kristall, -muskel, -pflaume, -veilchen, -zapfen,
ferner: zwillingsähre (
am roggen) L. Strackerjan
aberglaube u. sagen 1 (1909) 28; -birn
pera gemella Kramer
dict. 2 (1702) 1496
a; -brust Weckherlin
ged. 1, 471
F.; -eiche A. Schreiber
poet. w. 1 (1817) 254; -erle maler Müller
w. (1811) 2, 339; -frucht Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 398; (
eines ahorns) Rilke
br. 1902 -06 (1909) 206; -halm L. Fr. Breszk
merkwürdigk. d. natur (1708) 177; -kern (
der mandel) Spielhagen
s. w. (1877) 3, 238; -kirsche
cireggia gemella Kramer
dict. 2 (1702) 1496
a; -korn (
der stärke) Muspratt
chemie (1888) 7, 1880; -rose
rosa gemella Holl
pflanzennamen (1833) 306
a; -zweig Ratzeburg
waldverderbnis (1866) 2, 22. 5@b@bβ)
in der länder- und völkerkunde: -gipfel (
des Parnassus) Eschenburg
beispielsamml. (1788) 4, 149; -insel Peschel
völkerkde (1874) 189; -land (
Europa und Asien) Droysen
Aischylos 455; -quell Harries
Thomsons jahreszeiten (1796) 114; -see Overbeck
verm. ged. (1794) 32; -stadt Mommsen
röm. gesch. 5 (
51904) 428. 5@b@gγ)
von gegenständen, die aus zwei gleichartigen teilen bestehen oder doppelt gefertigt sind, besonders in der technik; vgl. unten zwillingsbögen, -büchse, -fenster, -flinte, -gefäsz, -kapelle, -karabiner, -pflug, -topf, -tür, -turm,
ferner zwillingsbrenner (
beim gaslicht) Karmarsch-Heeren
techn. wb. 8, 474; -durchlasz (
für durchflieszendes wasser) Lueger
lex. 3, 359; -gewölbe (
eines tempels) G. H. Schubert
reise durch d. südl. Frankreich 2 (1831) 323; -propeller (
am schiff) Karmarsch-Heeren 7, 611; -schacht Veith
bergwb. 401; -schleuse Lueger
lex. 5, 401; -schraube (
am schiff) Karmarsch-Heeren
techn. wb. 7, 660. 5@b@dδ)
zum gebrauch auf geistigem gebiet vgl. unten zwillingsbuchstabe, -gedicht, -reim, -vers, -wort. 5@cc)
die zahl der composita erweitert sich noch dadurch, dasz das zweite glied auch in übertragenem sinne verstanden werden kann, vgl. zwillingsblume (
von frohsinn und zufriedenheit) Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 6, 232; -knospe (
von schlaf und traum) Gaudy
s. w. (1844) 20, 69; -licht (
von den augen) Weckherlin 1, 478
F.; -rehchen (
von den brüsten, vgl. unten zwillingspaar) Herder 8, 505
S. 5@dd)
mitunter liegt schon im voraufgehenden der accent nicht so sehr auf der doppelheit, als auf der engen verwandtschaft zweier begriffe: zwillingsähnlichkeit (
der handschrift) Hamann
schr. 6, 238; -herz (
der liebenden) Pfeffel
poet. vers. 3, 163; -seele Stolberg 1, 221; -volk (
der Hellenen und Italiker) Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 3.