zunehmen,
v. ,
ahd. zuoneman Graff 2, 1073,
mhd. zuonemen
mhd. wb. 2, 369
a; Lexer 3, 1185,
mnd. tonemen Schiller-Lübben 4, 575
b,
nl. toenemen. II.
trans., veraltet: accensus ein zuogenomener söldner, oder ein kriegszmann, der an eines andern abgenden ... statt zur notturfft angenommen wirt Frisius 15
a.
ähnlich in neuerer zeit: weitre leute will ich jetzt .. nicht zunehmen, da ich pferde und wagen kaum vor frühjahr anschaffen .. werde Bismarck
an s. braut u. gattin 311.
bes. beim stricken, ggth. abnehmen Jacobsson 4, 725
a: ab- und zunehmen im stricken heiszet, wenn das weibervolck bey dem strumpff oder handschuch stricken eine schmaase mehr oder weniger nimmt, damit es die gehörige proportion bekommt Amaranthes 26.
auch bei der weberei das '
vermehren der warenbreite am wirkstuhl' Lueger 7
1, 1024.
weiter als fachwort: zunemmen an gebäuen,
exsurgere edificiis Dentzler 2, 368
a; nachmals werden
auch ... probiröfen ... also künstlich zusammen gebracht, dasz man auch solchen ofen, in fünf stück, von einander schrauben und zunemen kan (
zusammensetzen?) Ercker
beschreib. aller mineralerzt (1580) 6
b. IIII. zunehmen,
intr., für wachsen, gröszer werden. im ahd. nicht belegt, aber sicher alt, wie die allgemeine u. bes. die übertragene anwendung im mhd. wie im mnd. zeigt, entsprechend dem ggth. abnehmen,
s. th. 1, 80. zunehmen
hat im nhd. das gleichbedeutende aufnehmen,
mhd. ûfnemen,
ganz verdrängt, das im 16.
jh. aufhört, indes das subst. aufnahme
noch im 18.
jh. so gebraucht wurde, th. 1, 695; 697.
dabei wird ein object unbestimmt vorgestellt: die bäurin will nicht wissen was, sondern ob das kalb zunimmt. der umweg über eine refl. verwendung, den auch J. Grimm
a. a. o. für unnöthig hält, findet keine geschichtliche stütze. sich zunehmen
ist nur ganz vereinzelt u spät belegt: als ... sich ... sein kummer und leiden von tag zuo tag zuonam Wickram 1, 4
Bolte. ebenso vereinzelt mit unbestimmtem obj.: atrophus ... der macht- und kraftlos ist, nichts zunimmt Bas. Faber (1587) 92
a. zunehmen
ist nachgebildet in schwed. taga till,
dän. tiltage.
diese verwendung von zunehmen
ist augenscheinlich aus dem bereich des ländlichen lebens ausgegangen, und es bezeichnet das stetige, natürliche, nicht von auszen angefügte wachsthum. die art der zunahme wird durch die präp. an
angeknüpft, während das früher daneben übliche in
abgekommen ist. II@11)
von lebenden wesen. II@1@aa)
von thieren, bes. vom vieh, fischen, die der mensch hält: ettliche gleuben, wenn man dem rindvihe mistel im fuotter gebe, es solle darvon zuonemen und feister werden Heyden
Plinius 242; wenn ein pferd nicht zunimmet, so nimm foenum graecum, quelle das in guten wein J. Walther
pferde- u. viehzucht 98; darnach im sommer nehmen sie (
die kühe) an der milch immer mehr und mehr zu, wann sie gute und viel weyde bekommen und haben
viehbüchlein (1667) 23 (
ähnlich 10; 106;
fischbüchl. 99; 129); denn es ist zu merken, dasz ein hirsch über vier jahre in seinem wachsthum der höhe nach nicht zunimmt Göchhausen
notab. venatoris (1741) 33; wo er (
der kobold) ist, nimmt das vieh zu und alles gedeiht Grimm
dtsche sagen 1, 47.
von pflanzen Frisius 1396
a; Kramer 2, 125
a: darum soll man ... die wurtzeln mit iren eygenen ästlin ... belegen und zudecken, dann dadurch erfrischen sie sich, und nemmen wol ... zu Sebiz
feldbau (1579) 347; auch die astern vor meinem fenster haben tüchtig zugenommen und zeigen die wunderbarste mannigfaltigkeit ihres wachsthums Göthe IV 31, 204
W. weiter von der natürlichen entwicklung: sintemal .. der rheinwein ... unaufhörlich an stärke und geschmack zunimmt Lohenstein
Armin. (1689) 2, 301
b. II@1@bb)
von menschen. II@1@b@aα)
vom natürlichen wachsthum der jugend Frisius 40
a; Kramer: und der knab nam zuo
Züricher bibel, richter 13, 24 (Luther: wuchs); aber der knabe Samuel ging und nahm zu
1. Sam. 2, 26 (nam zuo und wuchs
erste dtsche bibel); wenn er (
der mensch) nun geboren, zunimpt und auffwechset J. Ruoff
hebammenb. (1580)
vorr. 3
b; indem sein körper zunahm, ward er der schönste jüngling von Rom Göthe 43, 274
W.; du wirst dich wundern, wie er zugenommen hat (
Fritz v. Stein) IV 6, 202
W.; sie zeugten ein kind .., aber das wollte nicht wachsen und zunehmen Grimm
dtsche sagen 1, 68; an kräften, alter, jahren zunehmen,
ebenso von vorübergehenden vorgängen, sich erholen, genesen: als er (
der aus dem wasser gezogene) nun fein wider zunum und zu sein krefften kam der man H. Sachs 21, 160
G.; doch es geht etwas besser, ich nehme an backen wieder zu Göthe IV 1, 165
W. II@1@b@bβ)
von der zunahme des leibesumfangs: wenn der (
leib der wassersüchtigen) zunimmet, so nehmen die glieder ab Lehmann
florileg. (1662) 2, 694; eine von unsern mägden wird wie der mon zunehmen Grimmelshausen 2, 569
Keller; ich erinnerte mich gehört zu haben, dasz alle vom geschlecht der nixen und gnomen bei einbrechender nacht an länge merklich zunähmen Göthe 25, 144
W. insbesondere von unerwünschtem fettwerden: davon sy überflüssig an faisstigkait zuonemmen Schaidenreiszer
Odyssea 57
b; mit seiner tochter Emerentia, die seit dem eintritt in die stehenden jahre so sehr an fülle zunahm Immermann 1, 65
H.; ihr nehmt zuviel zu Kramer. II@22)
allgemein für '
gedeihen'. II@2@aa)
vom äuszeren gedeihen an glück, wohlstand u. ansehen Frisius 141
a; 535
a; 632
a; Kramer 2, 125
a: wenn irgend ein frembdling oder gast bey dir zunimpt, und dein bruder neben ihm verarmet
3. Mos. 25, 47; David aber gieng und nam zu, und das haus Saul gieng und nam abe
2. Sam. 3, 1 (
vgl. 1 b
α); schau, mein Fabi, solicher art hab ich in reychtumb zugenummen H. Sachs 14, 142
K.; doch eh wir zugenommen und recht zur blüte kommen, bricht uns des todes sturm entzwey A. Gryphius
ged. 219
Palm; zunehmen in seinem handel und gewerb Kramer; daraus schlossen sie, dasz sie dasz folgende jahr zunehmen werden an hab und gütern J. Grimm
dtsche sagen 1, 90. II@2@bb)
vom geistigen gedeihen, bes. der lernenden jugend Kramer 2, 125
a: Jesus nam zu an weisheit, alter und gnade
Luk. 2, 52; und wenn sie (
die schüler) nu was zugenomen, seind bis zum decliniren komen Barth. Ringwaldt
die lauter warheit v. 202; um zu untersuchen, ob die officiers auch zunehmen und was lernen Fleming
vollk. t. sold. 76; (
ich, Stella) lehre kleine mädchen stricken und knüpfen, nur um nicht allein zu sein, nur um was au zer mir zu sehen, das lebt und zunimmt Göthe 11, 149
W. (
ähnl. IV 15, 249; 8, 284; 26, 15
W.); zunehmen an tugenden Frisius 1062
a, an gelehrsamkeit J. G. Neukirch
anfangsgründe d. t. poesie (1724) 42, an wissenschaft und einsicht Göthe 24, 131
W., in den freyen künsten Kramer, in der französischen sprache Gottsched
dtsche schaubühne 2, 441, im tanzen Joh. El. Schlegel 3, 407. II@2@cc)
in diesem sinne ist zunehmen
zuerst von den mystikern geprägt und dann in der frommen sprache beibehalten: wer dis het und me an diseme zuonimmet, der ist allermeist und aller enpfenglichest der enpfenglicheit des heiligen geistes Tauler
pred. 92
Vetter; wachssen und yn der gnade zunehmen, gehort es nit allen christen zu? Luther 8, 488
W.; auf dasz in allem, was ich thu, in deiner lieb ich nehme zu P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 418.
das zuonemen
wird ausführlich erläutert dtsche myst. 2, 639
Pf., s. auch u. 6 a
und b. II@2@dd)
auch umgekehrt vom bösen: wan ie mehr der mensch volget und zunympt yn seym eigen willen, so vil er von got und dem waren gut verrer ist
theol. deutsch 63
Mandel; wenn die menschen ... würden in fleischlicher hurerey und unzüchtigen leben zunehmen und böse werden J. Böhme (1620) 2, 598. II@2@ee)
vom reiche gottes, der kirche: denn sein reich stehet ym wachsen und zunemen bis an den jüngsten tag Luther 23, 553
W.; das wort gottes nam zu Kramer; die ganze christenheit, welche zu der zeit wuchs und zunahm Jung-Stilling 3, 49.
überhaupt vom gemeinschaftsleben: denn dasselbige keyserthum war da zu mal ym schwanck und nam ymer zu Luther 19, 366
Weim.; durch fried sein alle reych auffkummen, groszmechtig worden, zugenummen H. Sachs 3, 329
K. (
ähnl. 6, 253; 18, 187
K.; 19, 39
G.).
alles dies ist jetzt veraltet. II@33)
heute tritt die vorstellung des gedeihens zurück, u. es bleibt die früher darin mit enthaltene der zunahme des umfanges, der zahl oder des grades übrig. II@3@aa)
am deutlichsten ist die anwendung auf wahrnehmbare erscheinungen in der natur: nach dem mond rechent man die feste, es ist ein liecht, das abnimpt und wider zunimpt
Jesus Syrach 43, 7; dann etlich meinen, man soll nichts bei abnemmendem mon, sonder alles, wann er zunimmt, pflantzen Sebiz
feldbau 9; manigerley horologia .., in den man ... sehen kan ..., wie der tag ab und zuo nymbt A. Dürer
underweis. der messung (1525) k 1
a;
increbruit auster hat zuogenommen Frisius 147
a; das mer ... nimpt zuo 343
b; sein ansehn nimmt zu wie ein strom, der nur einmal ein paar bäche gefressen hat Göthe 8, 131
W.; man lasse in das eine gefäsz ... essig tröpfeln, so wird ... die durchsichtigkeit ... zunehmen II 2, 291
W.; die trompetenklänge, das blasen der hörner, das wirbeln der trommeln nahm in der nähe zu Stifter 5, 1, 370. II@3@bb)
von allem, was sich zählen und messen läszt: nimbt der preis der müntz zu, so nimbt gottesfurcht und redligkeit ab Lehmann
floril. (1662) 1, 281; das geld nimmt eher ab als zu Kramer; drumb so dörff wir uns nit schemen, uns selbst weiber mit gwalt zu nemen, dasz das menschlich geschlecht nem zu J. Ayrer 1, 89
K.; die kirche nahm an zuhörern gewaltig zu, man muszte neue stühle machen J. B. Schupp
freund in der not 27
ndr.; die tage, deren anzahl ... unmöglich zunehmen kann
vernünft. tadlerinnen 2, 6; und erwähnt seiner zunehmenden bekanntschaften Göthe 46, 47
W.; mitten in den verderblichsten unruhen nahm Florenz zu an umfang und bevölkerung H. Grimm
Michelangelo 1, 13. II@3@cc)
von äuszeren menschlichen zuständen: wann die kranckheit zunimpt Hulsius 2 (1618), 49
a; das fieber nimbt zu
nomencl. Hamburg. 209; die thewrung nimbt zu 402; 531; je mehr zunimpt desz reichen gut, je geytziger ihme wird sein muth Lehmann
floril. (1662) 1, 277; die verwirrung nimmt zu Ramler
einl. in d. schönen wissensch. 2, 237; so wie die kaiserliche gewalt abgenommen, hat die gewalt der fürsten zugenommen E.
M. Arndt
an u. f. s. l. Deutschen 2, 77; sobald seine kräfte wieder zugenommen hätten Th. Storm 1, 158.
in weiterer verwendung: Faust hat diese tage immer zugenommen Göthe IV 13, 123
W.; wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn unsere cultur im ganzen dadurch einigermaszen zugenommen hat IV 42, 126
W.; die erzählung schien ihm immer mehr an wahrscheinlichkeit zuzunehmen W. Hauff 1, 151. II@3@dd)
von seelischen zuständen: busze odder rew und leyd und glauben ... sol yn uns beydes wachssen und zunemen Luther 26, 203
W.; heimlich sein lieb nam immer zu H. Sachs 2, 198
K.; sie (
anr.) werfen mir vor, immer dasz ich ab und zunehme in liebe Göthe IV 3, 157
W.; sein interesse für weltbürgerliche ideen nimmt ... immer zu Hegel 19, 1, 13; das vertrauen Ruszlands auf die zuverlässigkeit unsrer nachbarlichen politik hat ersichtlich zugenommen Bismarck
ged. u. er. 1, 391
volksausg. II@44)
neben dem zunehmen
steht das abnehmen,
wie viele belege zeigten. so bes. in allgemeinen sätzen: was bald zuonimpt, das nimpt bald ab S. Franck
sprichw. (1541) 1, 118
b; im wachsen und zuonemen nemen wir ab 1, 159
b; wer nicht zunimpt, der nimpt ab Petri 2, p pp 7
b; ein theil kann also nicht zunehmen, ohne dasz der andere abnimmt Göthe II 7, 14
W. II@55)
das stetige des zunehmens zeigt sich darin, dasz es zu einem anderen vorgang oder einem zeitablauf in verhältnis gesetzt wird: je mehr die vernunft ... der menschen zunimmt, desto seltner müssen sie (
die revolutionen) werden Herder 16, 117
S.; in eben dem masze, in welchem das blatt ... an ausbildung zunimmt Göthe II 6, 34; aber der held (
des buches, Napoleon) wird dadurch nicht kleiner, vielmehr wächst er, so wie er an wahrheit zunimmt
gespr. 7, 53
Biederm.; dasz die lieb von tag zu tag zugenommen Kirchhof
wendunmuth 2, 34
lit. ver.; von dem topas schreiben die naturkündiger, dasz die tugend desselben mit dem mondschein ab- und zunehme Harsdörfer
gesprechsp. 1, f i
a; etwas nimmt mit dem alter, den jahren zu; mit dem wissen nimmt das nichtwissen in gleichem grade zu Fr. Schlegel
Athenäum 1, 2, 73. II@66)
die nominalformen haben sich früh selbständig gemacht. II@6@aa)
der inf. Frisius 141
b: es wúrket der herre der natur so tǒgenliche in mengem schönen bǒme ein wúnkliches zuonemen Seuse 300
Bihlm.; nachfolget will ich durch ein hol zirckeltrum die linien in irem ab- und zuonemen vergleichen A. Dürer
underweis. d. messung (1525) d 4
a; sein tägliches zunehmen an scharfsinnigem urthel Lohenstein
lobschrift (1690) j 1
a; im, am, mit dem zunehmen des monds.
die mystiker unterschieden das zuonemen
als den zweiten grad vom anfang
und der volkomenheit,
vgl.b: disú nagendú (
nahe gehenden, treffenden) bild (
abbildungen) bezeichnent ... den ersten begin eins anvahenden menschen und sinen ordenlichen durpruch dez zuonemens und den allerhöhsten úberswank úberweslicher volkomenheit Seuse 52
* Bihlm. danach: umb zuonemen und bestand im rechten glauben ein gebät Luther 10, 2, 474
W.; wie unser fürsatz ist, also ist der lauf unserer besserung und zunehmens Joh. Arnd
nachf. Christi d. Th. a Kempis 23; über das zunehmen der frommen im Herrenhuther sinne nachgedacht Göthe III 8, 215
W. alles dies nicht mehr üblich, auszer im zunehmen sein: der mond ist im z. Kramer 2, 122
b; Gaudy 14, 91; die mattigkeit ist im zunehmen J. Grimm
an Dahlmann 1, 294; Gibraltar ist in beständigem zunehmen, aber seine eiserne rüstung erlaubt ihm nur, in die höhe zu wachsen Moltke 1, 199. II@6@bb)
part. präs., zuerst von den mystikern geprägt, s. a: und seit im do den underscheid eins anvahenden, zuonemenden und volkomen menschen Seuse 113
Bihlm.; und umb des angefangen, zunemenden glawben willen verterben sie nit Luther 8, 528
W. in neuerer zeit geht es nur auf den umfang und den grad: ein zunehmend übel Kramer; spuren einer zunehmenden humanität Herder 17, 93
S.; die zunehmende neigung ihrer schönen freundin Göthe 21, 302
W.; dem zunehmenden mangel an lebensmitteln einhalt zu thun 33, 289
W.; die rasche entwickelung und die zunehmende vielseitigkeit des verkehrs Bismarck
polit. reden 4, 51.
in festen verbindungen: der zunehmende mond,
s. th. 6, 2499; bei, im zunehmenden mond; zunemenden mon wil jederman han S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 84
b; die ersten zwen tag des zunemenden mons Mich. Herr
feldbau (1551) 26
a; die sichel des zunehmenden mondes Spielhagen 2, 158; das zuonemmend alter Frisius 54
b.
selten als adv.: möge es zunehmend so fortgehen (
das befinden von mutter und kind) Göthe IV 14, 200
W.; die deutsche prosa wurde zunehmend eine schöne prosa Scherer
dtsche literaturgesch.7 616.
zunehmer, m.: darnach wird er Joseph genant, welchs heiszt ein zunemer C. Goldwurm
hist. v. Joseph (1551) e 3
a; es gibt einnemmer, es gibt auffnemmer, es gibt zunemmer, es gibt übernemmer Abr. a St. Clara
Judas d. ertzschelm 2 (1689), 334. —