zügel,
m. ,
ahd. zugil, zuhil Graff 5, 614,
mhd. zügel
mhd. wb. 3, 931
b; Lexer 3, 1168,
mnd. togel Schiller-Lübben 4, 561
b,
nnd. tögel,
mnl. togel Verdam
hdwb. 598
a,
nnl. teugel,
ags. tygel Bosworth-Toller 1028
b,
me. tüʒel Stratmann-Bradley 623
a,
an. tygill Fritzner 3, 737
a,
schwed. tygel,
dän. tøile.
nicht deutlich ist das verhältnis der nur bei Notker
vorkommenden nebenform zuol
dazu 1, 125; 292
P. (
Boethius II 52; IV 48). zügel
gehört seiner bildung nach zu einer umfangreichen gruppe alter bezeichnungen von werkzeugen und anderen gebrauchsgegenständen, wie beutel, griffel, gürtel, schlegel, stuhl
u. a. m., gr. 2, 98; Kluge
stammbildungsl. § 90; Wilmanns
gr. 2, 263
f.; wörter u. sachen 1, 20.
das suffix ist hier an die schwache stufe von *tiuhan
getreten. diese bildung ist älter als die spaltung des germ., u. das wort hat sich in allen germ. sprachen, auszer dem engl., bis heute erhalten. es ist eingeführt worden, als man lernte, dem pferde ein seil aus gedrehtem bast oder thierhaut durchs maul zu ziehen, um es damit zu lenken. gleicher zeit gehört zaum
an, das vom selben verb in anderer weise gebildet ist. beide haben zunächst dasselbe ding bezeichnet, und erst seitdem der einfache lenkriemen durch das metallene gebisz und den daran befestigten lenkstrick oder -riemen ersetzt wurde, haben sich die beiden wörter allmählich in die rollen getheilt, indem zügel,
dessen zusammenhang mit ziehen
nie ganz vergessen wurde, sich auf den lenkriemen, an dem gezogen wird, beschränkte, während der etymologisch undeutliche zaum
das allgemeine, mehr abstrakte wort für die ganze zäumung ist, auch das gebisz im gegensatz zum zügel
bezeichnet. so giebt es zaumzeug,
aber kein zügelzeug.
diese unterscheidung ist im mhd. noch nicht durchgeführt, wenn auch die glossen und wbb. zügel
für habena
und lorum
geben ahd. gloss. 4, 215; Diefenbach 272
a; 336
b;
n. gl. 200
a; 239
a.
dagegen steht sie im nhd. von anfang an fest: zügel die abhin hangend Frisius 782
b; der zügel an eim zaum Maaler 524
b; der zügel ... ist der zaum am pferde, daran das gebisz angeheftet ist, dabey man die pferde regieret Harsdörfer
t. secret. 1, 553; ich pin die schaid, ir seit das schwert, ich pin der zügel, ir seit der zaum, ich pin der ast, ir seit der paum
fastnachtsp. 2, 717
K. (
ähnl. P. Gengenbach 404
Gödeke).
nur in der paarung mit zaum
erscheint zügel
noch in der allgemeinen bedeutung '
zaumzeug': er kondt ... on stegreiff das pferd besitzen, ohn zaum und zügel das pferd nach seim gefallen leiten Fischart
geschichtklitt. 279
ndr.; nimm du dein röszlein am zügel, am zaum Uhland
volksl. 168 (Herder 25, 146
S.; Göthe 38, 240
W.); drum rasch dich in den wagensitz geschwungen, mit sichrer, fester hand von zaum und zügel besitz genommen Schiller 12, 235
G. II. zügel
im eigentlichen sinne I@11)
als sicht- und greifbarer gegenstand: do nam er ein ochsenhaut und zerschnitt sie zu einem zügel S. Münster
cosmogr. 53; die decke war schön purpurroth, und der zügel schien lauter gold Chph. v. Schmid 1, 216: nun schnaubt mein dampfendes pferd im stall mir zu, müde schaukeln sich gurt und zügel zu ruh Börries v. Münchhausen
beerenauslese 83.
bes. arten von zügeln:
trensen-, kandaren-, aufsatz-, kreuzzügel. I@22)
als lenkriemen für die hand des fahrers oder reiters: die zügel an sich ziehen Frisius 135
b; den zügel anziehen Stieler 2631; ein pferd, das des weges ... kündig ist, darff keiner lenkung mit dem zügel
ders. zeit.-lust (1697) 129; dasz er es nicht mache wie die bauren, wenn ihre pferde ... gehen sollen, da sie solche ... am zügel zucken Heppe
lehrprinz 49; wie .. sein gefährte höflich fragte, ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort zügel und peitsche und fuhr in schulgerechter haltung in raschem trabe durch das thor G. Keller 5, 22; alsdenn weiset ihm der bereiter, wie er ... mit der lincken faust den zügel zwischen den zwey mittelfingern ergreifen ... musz Fleming
vollk. t. soldat 25; am zügel stehen ('
das pferd hat die leichte faust gewonnen') v. Alten 1, 378; das pferd, das er schon seit einer viertelstunde kaum noch im zügel hatte Fontane I 5, 224; er laufft, wie wenn ein pferd die zügel hat durchrissen Gryphius
trauersp. 24
Palm. I@33)
für das nach- und loslassen des zügels
gab es früh feste verbindungen, von denen die meisten jetzt theils gar nicht, theils nur übertragen oder in gehobenem stil noch üblich sind: die zügel abwerfen, schieszen lassen (
vgl. II 3) Stieler; und wer den zügel nicht schieszen läszt, der habe das rennen verloren! graf v. Strachwitz
ged. (1850) 28; den zügel hengen Frisius 581
b, verhängen Kramer 2, 1484
a; ich gebrauchte mich aber des ... vortheils, dasz ich ... einen hügel besetzte, von dem ich die ... feinde spornstreichs und mit verhengtem ziegel ... anfiel Lohenstein
Arm. 1, 493
b; gestreckten laufs, keuchend, mit verhängtem zügel (
kommt ein bote) H. v. Kleist 2, 213
E. Schm.; weiter gings durch feld und hag mit verhängtem zügel Lenau 1, 107
Castle. I@44) am zügel
wird das pferd gehalten, geführt, angebunden: wann .. der papst reutten will, so musz der keyser ... das pferd ein zeitlang bey dem zügel führen Fischart
bienenkorb (1588) 145
b; ich ... erwischte das pferd also mit der lincken hand beym ziegel Moscherosch
ges. 2, 27; mehrere .. kriegsgenossen ... traten im kreise, hinter sich am zügel die pferde haltend, um ein feuer Göthe 33, 106
W.; und am nächsten morgen mit dankendem blick da bringt er dem grafen sein rosz zurück, bescheiden am zügel geführet Schiller 11, 385
G. I@55)
um das pferd eines reiters oder vorm wagen plötzlich anzuhalten, fällt man ihm in den z.
u. ä.: Jubilius ... fiele den pferden in den zügel A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 617; Armgart (greift in die zügel des pferdes) Schiller 14, 397
G.; Gottschalk (reiszt das pferd in den zügel). steh, mordmähre! H. v. Kleist 2, 273
E. Schm.; schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der diener zurückkam, leichenblasz und athemlos ihm in die zügel fiel und .. bat, ihn mitzunehmen Grimm
d. sagen 1, 104. I@66)
sprichwörtlich: zügel und pferd gehören zusammen: also ein edelmann und sporn Lehmann
floril. 1, 157; gar zu scharff macht schartig, und ein allzu kurtzer zügel macht das pferd unbändig Joh. Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 59. I@77)
die allgemeine bedeutung zaumzeug,
auch gebisz,
wie zaum,
s. o., hat es nur in ungenauem poetischen ausdruck: seid nicht so unverständig, wie gäul' und mäuler sein, die eh' nicht werden bändig, als wenn ihr wildes maul ein scharfer zügel zwingt Fleming
d. ged. 1, 5
Lappenberg; es ist verdrüszlich, ein rosz zu reiten, das nicht auch in den zügel beiszt Schiller 3, 389
G.; ob auch das rosz sich grauend bäumt und knirrscht und in den zügel schäumt 11, 277
G. I@88)
die im mhd. und auch später noch belegte verwendung für '
riemen, strick'
ist nicht mehr üblich: gombine (
riemen am dreschflegel) ein riem, ledern zügel Hulsius (1618) 2, 179
a; es sind ovch die strücklin den körblin zuogethovn und die zügel der dry aimrigen (
lora trimodiis) H. Österreicher
Columella 2, 293; (
der bauer) band mich den kindern an ein zügel, o wehe des vogels hertzeleid Rollenhagen
froschmeuseler (1603) 2, 179
a; wol auff her seckel, ziech den zügel und zal dem metzger Fischart
Eulenspiegel 283
Hauffen. IIII.
übertragen. II@11)
die übertragung auf gegenstände kam früher gelegentlich vor: so du des schefs zügel gar lasst, alsz denn ryndt das schef zuo schaden Berthold v. Chiemsee 541; der schnelle wind fährt ohne zügel P. Fleming
d. ged. 1, 79
Lappenberg. II@22)
die übertragung auf menschliche verhältnisse taucht im mhd. einmal auf: ich lâze dir den zugel ze tuonne guot oder ubel
Wiener genesis 25, 29
Hoffmann (
so auch in den stellen mit zuol
bei Notker
s. o.),
wird dann mit beginn der neueren zeit häufig und gehört jetzt zu den gangbaren bildlichen ausdrücken. in diesen flieszt es mit zaum
zusammen, mit dem es sich gerne paart: also das sie (
ein junges weib) wol eynes ... starken zäumes und zigels vonnöten hat Fischart
ehzuchtbüchl. 308
Hauffen; wann solch gedancken machen flüge wie ein adler on zaum und zügel H. Sachs 19, 328
G.; mein beruf stellte mich schutzlos einer masse gegenüber, die damals schon keinen zaum noch zügel mehr kannte L. Schneider
aus m. leben 2, 81.
ähnlich: Werner that sich etwas darauf zu gute, dasz er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich ausschweifenden geist Wilhelms mitunter zügel und gebisz anzulegen schien Göthe 21, 91
W.; oder er tritt in gegensatz zu oder verbindung mit dem antreibenden sporn: du bedarfst mehr eines zügels, als der spornen Liscow
sat. schr. (1739) 367; dieses volk will scharf am zügel gefaszt, scharf angespornt werden Gutzkow 11, 80. II@2@aa)
der zügel
bezeichnet die herrschaft über andere: eltern sollen den daumen oder zügel an der hand behalten, so lang sie können Petri 2, z 3
b; diejenigen .. lassen den weibern gewalt über sich, welche ihren weibern anfangs den zügel zu lang lassen Äg. Albertinus
hirnschleifer (1664) 152; izt hat der stolze strudelkopf den zügel in händen Schiller 2, 62
G.; sie (
die weisen) ergreifen die zügel der natur und lenken sie nach ihrer willkühr Tieck 8, 64; wenn die regierung die zügel der herrschaft aus ihren händen entschlüpfen läszt Moltke 7, 77; die zügel des reichs Schiller 8, 24
G., der regierung Novalis 2, 168
Minor; Ranke 14, 254
u. ö., der weltlichen, wie der geistlichen gewalt 1, 26, des regiments Kramer 2, 1484
c; Göthe 41, 2, 338
W. II@2@bb)
der zügel
hemmt die freie, natürliche bewegung: was ist es um eine tochter vor eine gefährliche sache, hält man ihr den zügel zu kurtz, so bricht sie durch: lässet man ihr etwas freyheit, so miszbrauchet sie solche
ollapatrida 301
ndr.; nun (
als er mündig geworden) fühlte er, dasz er ohne zügel war Rabener 4, 135; sein enthusiasmus kennt ebenso wenig zügel als die wuth des volkes Lenz
sizilian. vesper 29
Weinh.; den engen zügel löst die phantasie und folgt der neuen regung sonder leitung Droste-Hülshoff 2, 206. II@2@cc)
der zügel
hemmt das maszlose, verderbliche, böse: also hat er der welt und dem flaisch den zygel geben J. Nas
antipap. eins u. hundert 2, c 3
b; haltet eure lust im zaum, und verstattet eurer begierde doch nicht so den zügel Ziegler
as. Banise 602; den zügel der regel leicht tragend Bode
Montaigne 1, 345; damit er ja allen zügel gesunder vernunft abwerfe H. S. Reimarus
wahrh. d. nat. rel. 27; ein despotenstaat wird durch keine zügel der ehre und gerechtigkeit gehalten E.
M. Arndt
schr. f. u. a. s. l. D. 1, 479; und doch ist der zwang (
der assonanz) ... wieder ein kräftiger zügel gegen das nachlässige hinstolpern der verse Görres 3, 351.
gepaart: maasz und zügel Herder 15, 407; 20, 47
S. II@33)
in solcher übertragung sind einige wendungen heute ausschlieszlich oder fast ausschlieszlich in gebrauch. einem den zügel anlegen: wenn auch gleich die vernunft den handlungen der menschen zügel anlegt L. A. Gottschedin
briefe 1, 149; da legte er den ausbrüchen seines zornes keinen zügel an Ebner-Eschenbach 3, 54. einem den z. halten,
nicht mehr üblich: dem dapfern Hessenland den zigel zihmlich halten Weckherlin 2, 6
Fischer (
ähnl. 2, 431); ist es dir wahr, was du träumst? — wie mir, wo ... der traum mir selbst die zügel hält Bettine
briefw. m. e. kinde 3, 6. im z. halten: ain aygensinnige welt, wann man sie nicht visitieret und im zügel hielte J. Nas
antipap. eins u. hundert 3, 129
b; die reuter durch scharffe ordre und gute disciplin .. im zügel zu halten Chemnitz
schwed. krieg 1, 32; trotz ihrer siebzehn (
jahre), verstand sie es, seine wünsche im zügel zu halten Polenz
Büttnerbauer 3, 312.
sprichw.: der zorn kann die zunge nicht allemahl im zügel halten Joh. Hoffmann
pol. Jesus Syrach 71. den z. hängen, verhängen
u. ä., veraltet: dem zoren henget er den zigel Spreng
Äneis 255
a; wie weit hierinnen (
der staatsklugheit bei heiraten) der zügel zu enthengen? Lohenstein
Arminius 2, 7; viele ... poeten haben ihrer einbildungskraft den zügel verhängt, wenn sie engel beschreiben wollen Bodmer
vom wunderbaren 335. den z. lassen,
kaum über das 18.
jh.: fleisch und blut liesz ich den zügel auf der breiten höllenbahn B. Schmolcke
bet-altar (1741) 110; so glich .. Faust dem welterfahrnen manne, der seinen leidenschaften den zügel gelassen Klinger 3, 258.
siehe auch d. beleg aus Berthold v. Chiemsee
bei II 1. den zügel lang lassen,
bis heute: Kramer 2, 1484
a; wenn man dem knecht den ziegel zu lang lest, so wil er bald juncker werden Petri 2, Ccc 6
b; ihr seliger herr vater hat ihm die zügel lang gelassen Polenz
Grabenhäger 2, 92. den z. schieszen lassen,
im eigentlichen sinne nicht übl., s. o. I 3,
übertragen, seit ende 17.
jh. beliebt: so hat er seiner natur und eifer den zügel zu weit schieszen lassen Leibniz
d. schr. 2, 392; lassen sie aber ihrer strafbaren widersetzlichkeit .. den zügel schieszen ..., so werden sie als anführer und meutemacher angesehen Klopstock
gelehrtenrepubl. 288; der einbildungskraft den z. schieszen lassen Wieland
Agathon (1766) 1, 205; Ranke 29, 290, seiner laune Göthe 28, 60
W., seiner lust am grauenhaften und phantastischen Seidel
vorstadtgesch. 5. IIIIII.
der jäger und der zoologe nennen zügel
eine streifenförmige zeichnung am kopf von vögeln, die vom schnabelwinkel bis zum hinterkopf geht Behlen
forst- und jagdk. 6, 545; Hartig
lex. f. jäger 623; zügel und füsze gelb (
b. adler) Oken 7, 151; die sogenannten schnurrborsten an den backen oder zügeln Naumann 1, 31; zügel und vorderbacken lichtgrau (
kreuzschnabel) Brehm 4, 324
P.-L. dazu allerlei fachwörter zügelborsten, -federn, -flecken, -kante, -rand, -strich, -zwickel. auch sonst bei der beschreibung von thieren: schwärzlicher zügel (
an e. fisch) Oken 6, 239, zügel- und lippenschilder (
bei e. eidechse) Brehm 7, 32
P.-L. auch als pflanzenname habenaria zügel Grassmann
pflanzennamen 220,
zügelblume A. Martin 56. IVIV.
mit selbständiger, jüngerer anlehnung an ziehen
hat zügel
noch andere bedeutungen. IV@11)
ziehwerk, winde Diefenbach-Wülcker 918. IV@22) zügel
für zucht, aufzucht in Baiern u. Österreich: Schmeller 2
2, 1098; Lexer
kärnt. wb. 267; Höfler 859
b; ein rechte und zum zigl geschlachte stuoten Hörwart v. Hohenberg
kunst der reiterei (1581) 9
a; den zehent und die zehentrecht aller seiner guetter und besüzungen und alles seines zigls J. A. v. Brandis
gesch. d. landeshauptleute von Tirol 36; gieb mir von diesem zügel ein paar junge A. Nagel
bürgeraufruhr in Landshut (1782) 2; wem kann ... zügel für zucht gefallen?
allg. d. bibl. anh. zu b. 53—86, 1391; wir brauchen einen guten zügel von schullehrern und zuchtmeistern im lande A. Nagel
bürgeraufruhr bei Schmeller,
s.zügeln II.