wi(e)dersehen,
n. (
s. unter wi(e)dersehen,
vb. 3 a). 11)
nach vereinzelten mhd. belegen (
s. Lexer 3, 854)
setzt die kontinuierliche bezeugung erst im 17.
jh. ein. 1@aa)
die eigentlich-optische bedeutung '
wiederanblick'
tritt ziemlich rein zutage, wenn das objekt sachlicher natur ist (
s. auch die unter f,
abs. 1
angeführten belege): glänzte durch die kronen der pinien uns das rothglühende feuer des Vesuvs entgegen und unsere musik verstummte bei dem wiedersehn Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 152. 1@bb)
namentlich beim einander-wiedersehen (
doch s. Schubart
unter c)
tritt der weitere sinn von persönlicher begegnung und beisammensein nach einer trennungszeit in den vordergrund (
s. auch die belege unter f,
abs. 2): himlische rosen, von thränen erzogen, die bey dem wiedersehn einander liebende weinten (1748) Klopstock
oden 1, 60
M.-P.; während die christen sich trösten mit dem wiedersehen in einer andern welt Schopenhauer
w. 2, 593
Gr.; Winckelmann wollte ihn auf seiner letzten fahrt nach Deutschland besuchen, seine ermordung zerstörte dieses wiedersehen Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 492; es hat wenig freude gegeben beim wiedersehen Ina Seidel
labyrinth (1922) 151. das wiedersehen feiern: beide brüder feierten bis in die nacht das wiedersehen (1822) Grabbe
w. 1, 35
Franz-Zaunert; wenn sie ein weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und feierten ein wiedersehen G. Keller
ges. w. (1889) 4, 149.
personifiziert: zwischen leid und freudenthränen spannt das wiedersehn sein zelt Brentano
ges. schr. (1852) 2, 84. 1@cc)
die geläufigen gegenbegriffe (sich trennen, scheiden, abschied nehmen
u. dgl.)
gehören daher nicht dem optischen bereich an: die trennung im tode wird ... durch die hofnung des wiedersehens im himmel erleichtert Miller
pred. f. landvolk (1776) 2, 343; einen abschnitt (
im buch d. liebe) macht die trennung. wiedersehn! ein klein capitel, fragmentarisch Göthe I 6, 51
W.; beim wiedersehen nach einer trennung fragen die bekannten, was mit uns ... vorgegangen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 42. — man trennte sich in freundlicher hoffnung morgenden wiedersehens Göthe I 24, 105
W.; man trennte sich mit fröhlichen versprechungen für das wiedersehen Holtei
erz. schr. (1861) 5, 82. getrennt sein
bei G. Keller
ob. unter b. — das wiedersehn ist froh, das scheiden schwer Göthe I 3, 20
W.; scheiden bringt leiden, wiedersehen freuden Binder
sprichwörterschatz (1873) 170. — ich hatte mich etwa eine halbe stunde in den schmachtenden süszen gedanken des abscheidens, des wiedersehens geweidet Göthe I 19, 82
W.; abschied von meinem lieben grafen, auf dessen wiedersehen in der ewigkeit ich mich innig freue Schubart
leben 1 (1791) 236; wurde rasch abschied genommen, natürlich mit dem vorbehalte dereinstigen wiedersehens G. Keller
ges. w. (1889) 2, 268.
vom wiedersehen im jenseits (
ebenso ob. bei Schubart
und Miller): des wiedersehens nach dem tode (1856) A. Stifter
briefw. 2 (1918) 309; das wiedersehen nach dem tode Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 325. 1@dd)
adj. bestimmen wiedersehen
näher; zeitlich (
s. Göthe I 24
und G. Keller
ob. unter c): freude, welche bey ehestem wiedersehen unsere hertzen beseligen wird Ziegler
asiat. Banise (1689) 323; beym ersten wiedersehen Lavater
verm. schr. (1774) 2, 218; hoffnung baldigen wiedersehens (1818) Göthe IV 29, 61
W.; gewiszheit des nahen wiedersehens Ina Seidel
labyrinth (1922) 64.
modal: trost eines frölichen wiedersehens Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 10; das überraschende wiedersehen
Athenäum (1798) 1, 2, 12; glückseligkeit ... beim unverhofften wiedersehen G. Keller
ges. w. (1889) 5, 264; das von dem mädchen so sehr gefürchtete wiedersehen (1878) Storm
s. w. (1898) 5, 295; dann gab es ein freudiges wiedersehen mit den übrigen alten freunden Mühsam
namen u. menschen (1949) 182. 1@ee) wiedersehen
als genitivattribut. namentlich: freude des wiedersehens (
gedichtstitel) Blumauer
ged. (1782) 175; die erste freude des wiedersehens Storm
s. w. (1898) 2, 253; nach so vielen jahren war die freude des wiedersehens grosz Carossa
winterl. Rom (1947) 9;
s. auch unten wi(e)dersehensfreude.
ferner: trost des wiedersehens,
s. Chr. Weise
oben unter d; hoffnung des wiedersehens,
s. Miller
und Göthe I 24
oben unter c
und diesen auch unter d; die feierliche scene des wiedersehens Göthe I 24, 163
W.; wann wird der goldne freudentag erscheinen, den das geschick mir aufbewahrt, der tag des wiedersehens bei den meinen, nach allzulanger fahrt? Platen
w. 1, 29
Hempel; gewiszheit des wiedersehens,
s. Ina Seidel
oben unter d. 1@ff)
ein attribut gibt das objekt des wiedersehens an. das wiedersehen
ist als ein einseitiges verhältnis formuliert (
s. auch Schubart
ob. unter c): jhre lippen, wangen, mund, schönste, sol ich auch jetzund, leyder, endlich meyden; weil ich reisen musz von jhr: aber dieser edlen zier wiedersehn macht frewden (1654)
Venusgärtlein 16
ndr.; ich beschwöre dich bei deinem leben, gib mich keinem andern mehr zur frauen, dasz das wiedersehen meiner lieben armen kinder mir das herz nicht breche! Göthe I 2, 51
W.; woher die freude, die man ... nach langer entbehrung beym bloszen wiedersehen einer menschlichen gestalt empfindet Haller
restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 287; das wiedersehen seiner besitzungen, der grabstätte seiner mutter hat ihn erschüttert Gutzkow
ritter vom geiste (1850) 3, 333.
auch gibt ein attribut an, wer einander wiedersieht. das wiedersehen
ist —
wie überhaupt in den meisten fällen —
als gegenseitiges verhältnis gefaszt: von der belohnung der tugend, vom wiedersehen der freunde und der liebenden, singt dann Eloa Klopstock
Messias (1780) 112; die freude unseres wiedersehens (1785) Schiller
br. 1, 263
Jonas; über unser wiedersehn läszt sich noch garnichts genaues sagen (1847) O. v. Bismarck
br. an s. braut u. gattin 11
H. v. Bism. ähnlich wiedersehen mit ... (
s. ob. Mühsam
unter d): das wiedersehen ... mit dir (1847)
br. von u. an Herwegh (1896) 52; wiedersehen mit der gräfin Ina Seidel
d. unverwesl. erbe (1954) 14. 22)
der grusz auf wiedersehen. seit dem 18.
jh. belegbare, heute ganz gebräuchliche abschiedsformel. in der älteren bezeugung begegnet bis auf(s) wiedersehen
wiederholt als organischer bestandteil einer umfassenderen wendung: adieu, bisz auf wieder sehen (1711) Stranitzky
ollapatrida 124
ndr.; gott befohlen bis aufs wiedersehen, meine tochter
theater d. Deutschen (1768) 1, 270; gehabt euch wohl, bis auf wiedersehn J. H. Voss
antisymb. (1824) 1, 167;
doch auch als selbständige interjektion: bis aufs wiedersehen
fino a rivederci Kramer
t.-ital. 2 (1702) 754
b; bis aufs wiedersehen Hippel
über d. ehe (1774) 228.
öfter, namentlich in belegen aus neuerer sprache, ist die partikel bis
abgeworfen. der der präpos. auf
angehängte bestimmte artikel begegnet nur mehr vereinzelt: aufs wiedersehn Meisl
theatr. quodlibet (1820) 1, 112.
wo, wie im folgenden beleg, ein anderer abschiedsgrusz zu der in rede stehenden gruszformel tritt, bleiben doch beide als interjektionen selbständig und unverbunden: leben sie wohl, aufs wiedersehen! J. E. Schlegel
w. (1761) 2, 399.
diesen zustand macht nebenordnendes und
bes. deutlich. der bestimmte artikel ist, wie in den meisten (
namentl. jüngeren)
belegen, weggefallen: adieu und auf baldiges wiedersehen (1847) Bakunin
in: br. von u. an Georg Herwegh (1896) 17; adieu, und auf wiedersehen Holtei
erz. schr. (1861) 1, 95; gott befohlen, mein lieber sohn — und auf wiedersehen Ina Seidel
d. unverwesl. erbe (1954) 181.
neben auf wiedersehen
tritt adieu (
oder dessen dialektformen), ade,
auch deren dt. entsprechung gott befohlen (
s. auch d. vorausgehende): adjes denn mitsammen, liebe liebchen, auf baldiges glückliches wiedersehn! maler Müller
w. (1811) 3, 14; ade, mein herz! auf fröhlich wiedersehen! Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 5, 90; auf wiedersehn! — adje Rosine Gerhart Hauptmann
Rose Bernd (1904) 17
und lebe wohl: lebe er wohl, herr Burlin, auf glückliches wiedersehen!
slg. v. schausp. (1764) 2, (
Burlin) d 7
b; ... lebt wohl! auf wiedersehn! Collin
Regulus (1802) 23; lebe wohl auf wiedersehn! Göthe I 4, 61
W. in den meisten fällen wird auf eine zusätzliche gruszformel verzichtet, so etwa bei Cronegk
schr. (1766) 2, 228, Göthe I 8, 63
W., G. Keller
ges. w. (1889) 6, 173
und H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 82: wenn menschen auseinandergehn, so sagen sie: auf wiedersehn!
bei Arnim
s. w. (1853) 21, 199.
mehrfach mit anrede der gegrüszten person: auf wiedersehen, liebe schwester Lessing 2, 20
L.-M.; nun, alter freund, auf wiedersehn! Göthe I 16, 12
W.; auf wiedersehen, fräulein Stine Fontane
ges. w. (1905) I 5, 48; auf wiedersehen, mademoiselle Feuchtwanger
Simone (1950) 45.
wiederholt mit ortsbestimmung: auf wiedersehn am Anio! Ayrenhoff
w. (1814) 2, 265; auf wiedersehen auf dem theater Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 415; auf wiedersehen in Napoli Immermann
w. 5, 8
Hempel; mit zeitbestimmung: auf wiedersehen in 8 tagen (1853) Stifter
briefw. 2 (1918) 128
oder zeit- und ortsadverb: auf wiedersehen, morgen! oder auf wiedersehen, jenseits! Holtei
erz. schr. (1861) 1, 95;
s. auch unten Brentano.
durch adjektive wird auf wiedersehen
wiederholt äuszerlich-zeitlich oder innerlich-seelisch näher bestimmt. auf baldiges wiedersehen: (1818) Gentz
schr. 1, 186
Schlesier; (1824) Göthe IV 38, 71
W.; s. auch ob. Bakunin; auf baldiges glückliches wiedersehn! maler Müller
w. (1811) 3, 14; auf glückliches wiedersehen!
slg. v. schausp. (1764) 2, (
Burlin d 7
b;
s. auch unten Pfeffel; auf frohes wiedersehn! Göthe I 4, 141
W.; s. auch unten Jacob Grimm; auf fröhlich wiedersehen Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 5, 90. —
ohne den charakter einer interjektion als glied vollständiger sätze, wie z. b.: der abschied, den anitzt wir unter uns genommen (
gemeint ist der tod), ist nicht auf wiedersehn, und nicht auf wiederkommen Besser
schr. (1732) 2, 379;
namentlich auf nimmerwiedersehen verschwinden
u. dgl.: und stossen sie mich auch hinaus auf nimmer wiedersehen Brentano
ges. schr. (1852) 2, 378; während der knecht auf nimmerwiedersehen vom hofe verschwunden sei W. v. Polenz
Büttnerbauer (1895) 325;
oder: die becher, die wir auf ewige freundschaft und glückliches wiedersehen austranken Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 5; freund, ich trinke dirs zu auf frohes wiedersehen Jacob Grimm
unter auf II A 4
teil 1,
sp. 608.
die fürs dt. etwa anzusetzende reihenfolge: adieu bis auf(s) wiedersehen > bis auf(s) wiedersehen > auf(s) wiedersehen
findet ihre entsprechung im frz.: adieu jusqu'au revoir (14.—17.
jh.) > jusqu'au revoir (
seit der mitte d. 17.
jhs.) > au revoir (
seit d. ende d. 18.
jhs.);
vgl. M. Senge frz. gruszformeln (1935) 84
f. vermutlich ist bis aufs wiedersehen
lehnübersetzung von jusqu'au revoir
an der wende zum 18.
jh.; s. auch W. Bolhöfer
grusz u. abschied in ahd. u. mhd. zeit (1912) 79.
entsprechungen im rom., germ. und slav. sind: it. a rivederei (
seit dem 16.
jh.; vgl. Senge
a. a. o. 86),
span. hasta la vista, hasta más ver, hasta otra vista,
ndl. tot we(d)erziens,
russ. до свиданиӧ (
in Österreich sagt man oft auch auf wiederschauen. auf wiederhören
hat erst der [
rund]
funk hervorgebracht; vgl. dt. wortgesch. 2, 390
Maurer-Stroh).
zur form des abschiedsgruszes im nhd. vgl. K. Prause
dt. gruszformeln in nhd. zeit (1930) 83—123.