vortreten,
verb. ,
vgl.fürtreten teil 4, 1, 1,
sp. 919;
mhd. vür-, vortreten
mhd. wb. 3, 97
b; Lexer 3, 588;
precellere vor-
vel ubertreten Diefenbach
gloss. 451
c; vortreten,
praecedere, anteire, praegredi, praeire, it. antecellere, praestare, eminere Stieler 2338; vortretten, voraustretten,
passare avanti Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1138
a; für-
et vorgetreten, ich trete vor,
progredior Steinbach 2, 850; vortreten Adelung; Campe. 11)
zunächst von menschen, weiter nach vorn, aus einer gruppe, menge, aus einem verbergenden ort, hinter etwas deckenden hervor, vor jemandem hin, näher an ihn heran treten; weiter, einen schritt, aus dem gebüsch, hinter dem schrank vortreten
u. s. w.: deswegen trat ich vor mit der lunte in der hand Göthe 43, 106
W.; jetzt trat ich vor und warf mich zu den füszen des königs hin Schiller 5, 1, 24
G.; tritt man durch diese querschlucht ... weiter gegen westen vor Ritter
erdkde (1822) 1, 796; als er (
der geistliche) nun vortrat und den segen sprach Fontane I 5, 110; (
dasz) der gefeierte liebling nochmals vortrat (
vor den vorhang)
jahrb. d. Grillparzerges. 2, 331; (
ich ersuche) diejenigen herren, welche nach der alphabetischen ordnung voraussetzen können, dasz ihre namen im aufrufe nahe bevorstehen, vorzutreten Bismarck
polit. reden 1, 228
Kohl; Reinke fing so an, wie er vorgetretten: dank sey, könig, euch
Reinicke fuchs (1650) 157; eben trat ein bürger vor und sprach Herder 26, 359
S.; du tritt vor! wer bist du und was hältst du diesen mann? Schiller
Wilh. Tell 3, 3; (
der dichter,) der oftmals schon im laufe des stücks vortrat Platen 2, 341
R.; wer hier im gotteskampf zu streiten kam für Elsa von Brabant, der trete vor R. Wagner 2, 72
volksausg.; aus seiner schlucht der wandrer tritt in seine öde fläche vor A. v. Droste-Hülshoff 2 (1878) 35. vor-
und zurücktreten: wir hätten dann auch ... immer etwas vor- und etwas zurückzutreten Göthe II 2, 44
W. —
mit dem fusz, bein vortreten
oder von diesen selbst, so auch bei bildwerken: und tritt man in denselben tempo mit dem rechten fusz wieder vor v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 246; wo sie mit den füszen vortrat, gähnte rings ein düstres nichts G. Keller (1889) 10, 186; dasz alsdann der linke fusz vorträte Göthe IV 26, 117
W.; nur das vortretende linke bein durch eine schiene gedeckt Niebuhr
röm. gesch. (1811) 3, 290; das linke bein ein wenig vortretend Herm. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 296. 22)
prägnant, zur konfirmation sich stellen Spiesz
henneberg. idiot. 273. —
vor gericht, zum verhör, vor einer behörde u. ä. erscheinen, sich stellen: beim gerichte vortreten,
ad judicium progredi Steinbach 2, 850; so laszt
die partheyen nur immer wieder vortreten
bei Gottsched
dt. schaubühne 5, 300; da auch dieses verhör geendigt war, ... liesz man auch sie endlich wieder vortreten Göthe 21, 75
W.; kommt kläger! tretet vor! A. Gryphius
trauersp. 514
Palm; so nimm, gerechtigkeit, denn deinen lauf! klägere trete vor H. v. Kleist 1, 356
E. Schm. 33)
von tieren, dann von gegenständlichem: rehe, die zierlich aus dem walde ins feld vortraten und ästen E. Strausz
d. schleier 62. —
sonne, mond: wie du vorgetreten, sonne, sichtbarlich Rückert (1867) 1, 469; über die vergoldten zinnen trat der mond soeben vor Eichendorff (1864) 1, 374; ein reizend weib im leichten silberflor, tritt Luna hinter dem gebirge vor Herwegh
ged. eines lebendigen (1841) 177. weil sie (
die verschobene linse des auges) im letzteren falle mit der zeit wieder vortreten kann
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 3, 199; das vortreten der stifte (
an einer maschine) Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 10, 768; das ist der leib, der jetzt, die grobe körperhülle durchschimmernd, wann sie fällt,
vortritt in klarer fülle Rückert (1867) 8, 607. 44)
deckend, schützend, auch übertragen: damit man ihn nicht sehen sollte, traten sie vor Campe; vortretend wandte sie den todespfeil und wehrt ihn ab von deinem leibe (
ἥ τοι πρόσθε στᾶσα βέλος ἐχεπευκὲς ἄμυνεν Il. 4, 129) Bürger 157
b Bohtz; schützend tratest du vor, dasz nicht mich verletzte der zufall Göthe 1, 277
W. den empfindungen, die in den psalmen herrschen, trete man weder als feind entgegen, noch als blinder vertheidiger vor Herder 12, 209
S.; mir mit ein paar worten vorzutreten und mich zu vertreten beim lesepublikum E. T. A. Hoffmann
briefw. 2, 1, 159
H. v. Müller. —
in gegenteiligem sinn, hindernd, zurückdrängend; übertragen: als ob ich irgend einer gangbaren philosophie vor- oder zwischentreten, sie verdrängen ... wollte Herder 16, 403
S. 55)
vor jemandem hergehen, besonders auch vom antreten zum vorausschreiten: etliche lackeyen tretten ihrem fürsten oder herren vor Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1138
a; einem vortretten, '
feyerlich und langsam vor ihm hergehen' Adelung;
vgl. vortritt: (
gassen und plätze) voller lackeyen, trabanten und hofgesind, die ihnen (
bischöfen) vor und nach tretten Rätel
Curäi chron. v. Schlesien (1607) 255; schergen, dergleichen doch den vestalischen jungfrauen vortraten Lohenstein
Armin. (1689) 2, 978
a; bey den engeln, die dem gerechten in dem paradiese vortreten und seinen sitz bereiten Klinger (1809) 6, 15; ich bin erstaunt, dasz niemand im vorzimmer gewesen seyn sollte, ihro durchlaucht vorzutreten Iffland
theatr. w. (1827) 6, 154. —
in allgemeinem sinne von vorangehen: als ein herr trat Reinecke vor, es folgten die andern Göthe 50, 184
W. so auch übertragen: will darauff ich der erst sein, der euch allen hinausz vortreten wil, und wie ich im thue, also thut auch ihr mir nach
M. Schrot
wappenbuch (1581) 265
a; wie auch diejenige (
ein ende) genommen, welch ihnen in gleichmäsziger vermessenheit und gottlosigkeit vorgetretten Fickler
Hosius (1591) 357; die älteste griechische geschichte verräth zu viel spuren, dasz fremde in dem lauf ihrer erfindungen ihnen oft vorgetreten Herder 2, 123
S. —
von namen, worten, silben: des nahmens Banise halber, da er ihrem nahmen vorzutreten die dreistigkeit hatte Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 50; dasz das verbum im singular stehen könne, wenn es den subjekten vortritt Adelung
umständl. lehrgebäude d. dt. spr. 2, 372; wo eine länge dem anapäst vortritt Voss
zeitmessung d. dt. spr. (1802) 156. —
zeitliches vorausgehen: aber eine düstere zwischenzeit trat diesen heitern ausgängen vor Immermann 7, 105
B. —
in besonderer anwendung: der himmel steh euch bey, wenn es darum geschieht (
dasz ihr einem hofmann auf den fusz tretet), ihm vorzutreten (
und so dem fürsten näher zu sein) Klinger (1809) 11, 111. 66)
die in der eben angeführten stelle hervortretende bedeutung wird dann weiter entwickelt zur bezeichnung höheren ranges, mit dem eben auch das recht des vortritts verbunden ist, eines besseren oder auch eines angemaszten rechtes, ferner zur bedeutung des vorzuges; '
zuweilen auch, obgleich seltener, dem range nach vor oder über ihn gehen' Adelung;
precellere vor-
vel ubertreten Diefenbach
gloss. 451
c;
antecellere, praestare, eminere Stieler 2338: dasz ja niemand, den sie nicht dafür ansehen und dem es ihrer meinung nach nicht zukommt, ihnen vortrete
Reinicke fuchs (1650) 244; dasz Mustafa, der von einer sclavinnen geboren, ihren kindern ... in der herrschafft solte vortreten Er. Francisci
d. hohe traursaal (1665) 1, 386; die propheten treten an fülle und lauterkeit den meisten gnomologen der Griechen weit vor Herder 12, 81
S.; keine (
zeitschrift) in Deutschland wird ihr in aufrichtigkeit, eigener empfindung und gedanken vortreten Göthe IV 2, 13
W.; (
die frau steuereinnehmerin,) die der alten, würdigen frau muhme beym heiligen liebesmahl durchaus vortreten will Kotzebue
dram. w. (1828) 18, 65; ich trat im kayserthum dem ältern bruder vor Canitz
ged. (1727) 76.
im allgemeinen ist diese anwendung in der sprache der gegenwart veraltet, vgl. aber vom rangverhältnis der hypothekengläubiger: in der rangänderung ist die einigung des zurücktretenden und des vortretenden berechtigten ... erforderlich
bürgerl. gesetzb. § 880. —
in besonderer wendung: das erste selbständige gaunerwörterbuch, in welchem höchst bezeichnend die spezifisch deutsche 'spitzbubensprache' in starker läuterung vor das judendeutsch vortritt (
die deutschen ausdrücke überwiegen) Avé-Lallemand
dt. gaunerthum (1858) 3, 123. 77)
bei jemandem zum besuch sich einstellen: gedenke, schwester Pette, jetzt trat der ohm Hans Schweinichen vor und bat um dich Schweinichen
denkw. 56
Ö.; Johannes Lutz aus Herisau in der Schweiz trat bey mir vor Göthe III 12, 328
W.; vereinten gatten beyzustehen, trat einst die lieb im himmel vor Joh. El. Schlegel (1761) 4, 191; denn alle jahr, nur wenig augenblicke, pfleg ich bei Manto vorzutreten Göthe
Faust 7449.
dann auch übertragen: nach kurzer zeit, mein guter, trete ich wieder vor (
brieflich) und zwar dieszmal mit wunsch und ansinnen IV 38, 73
W. 88)
auszerordentlich häufig wie hervortreten
im sinne von vorragen, herausragen, im gegensatze zu einem zurückliegenden, mit dem etwas zusammenhängt; zugrunde liegt die vorstellung einer gedachten bewegung. 8@aa)
von bauwerken, gegenständen aller art: dies haus tritt vor den übrigen um eine elle vor Campe; ein vortretendes giebelgesims Welcker
alte denkm. (1849) 1, 10. — an den enden des kastens vortretende arme Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 1, 440; vorstehende leiste
u. ä. 8@bb)
von körperteilen: das kinn tritt vor A. W. Schlegel (1846) 9, 32; scharf trat die feine adlernase vor Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 222; mit den vortretenden backenknochen Ritter
erdkde (1822) 1, 218; das tiefliegen oder vortreten des augapfels Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers (1839) 5, 619; die weit vortretenden brauen (
gorilla) Brehm
tierleben 1, 60
P.-L. —
an pflanzen: mit vortretenden adern (
des blattes) Schlechtendal
flora v. Deutschland (1880) 27, 296. 8@cc)
in der landschaft: die nähe des in der kleinasiatischen halbinsel vortretenden östlichen continents A. v. Humboldt
Kosmos (1845) 2, 154; wo das Breithorn als eckpfeiler des gewaltigen felsenbaues frei vortritt H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 23 (
und natürlich sehr oft in diesem buche); in steiler, kecker linie trat ein felsiger bergrücken aus dem gehügel des ufers vor Scheffel (1907) 1, 170. —
in besonderer wendung, wobei die vorstellung an die unter 1
behandelte bedeutung anknüpft: und, gleich dem wilden harme, tritt dort die fichte vor, und streckt die dunkeln arme zum weltengeist empor Tiedge (1823) 2, 102. 99)
der übertragene gebrauch des verb. ist im nhd. sehr verbreitet, doch ist zu beobachten, dasz in neuerer sprache in vielen wendungen das deutlichere hervortreten
vorgezogen wird. zunächst wird bezeichnet, dasz sich etwas abhebt, sich vor anderem schärfer den sinnen oder dem verstande aufdrängt. in diesem sinne kann das verb. sich auf personen, sachen oder unsinnliches beziehen. diese bedeutung kann dann aber abgeschwächt, der gegensatz nicht mehr so betont werden, so dasz vortreten
den sinn annimmt: sich zeigen, in erscheinung treten, sich der wahrnehmung darbieten u. a. diese anwendung ist allmählich veraltet. natürlich ist die grenze zwischen beiden anwendungen nicht immer scharf zu ziehen. 9@aa)
von personen: (
herr N.) trat im ersten aufzuge offenbar zu sehr vor Grillparzer 15, 106
Cotta; (
eine dichtung) verräth in dem vortreten des dichters ... das 13. jh. Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 77; so energisch war frau kommerzienräthin noch nicht vorgetreten Holtei
erz. schr. (1861) 36, 361. — erkühnen sich vorzutretten und ... processe zu führen Ettner
med. maulaffe (1719) 275; so tritt er (
Thersites) vor, so wird er abgefertigt Herder 3, 169
S.; vgl. 204; 18, 101; drama, in welchem die wesen jedes ranges vortreten: vom gott des himmels bis zu den geistern der finsternisz Göthe 41, 2, 190
W.; dasz er (
Lichtenberg) als ein hauptgegner und bekämpfer der thörichten propheten und wunderthäter ... öffentlich vorgetreten war Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 163. — vor-
und zurücktreten
in besonderer wendung, ansatz zur tat und zurückweichen wird bezeichnet: wie er (
Hamlet) sich windet, dreht, ängstigt, vor- und zurücktritt Göthe 22, 16
W. 9@bb)
von unpersönlichem; stärker ins auge fallen, scheinbares vortreten: die rundung der theile (
in einem bilde), richtiges vor- und zurücktreten derselben Göthe II 3, 359
W.; vgl. I 45, 280; IV 25, 49; welche (
farben) vortreten, welche zurücktreten müssen Vischer
ästhetik (1846) 2, 54. — altn. tritt die gutturalis noch stärker vor J. Grimm
kl. schr. 3, 119; (
einen) im facsimile zu stark vortretenden buchstaben 2, 10. 9@cc)
so auch von unsinnlichem: demnach weiset auch so gar die quart gewisse, besonders merkwürdige und vortretende fälle auf Mattheson
kl. generalbaszschule (1735) 228; dasjenige wieder vortreten zu lassen, was sich bey mir vielleicht in den tiefsten hintergrund zurückgezogen hat Göthe IV 37, 4
W.; wenn in einem volke das scharfe, das spitzige, das geistige, das schlaue und pfiffige durchaus vortritt Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 2, 358; (
das) deutlich werden der kausalität und des willens, jenes wechselweise vor- und zurücktreten beider Schopenhauer 3, 291
Gr.; die sichtlich vortretende unmöglichkeit Avé-Lallemand
dt. gaunerthum (1858) 1, 83. 9@dd)
in abgeschwächter bedeutung, vgl. die entsprechende entwicklung bei vorkommen: das hin und wieder vortretende z ist überall getilgt und durch s ersetzt J. Grimm
Reinhart fuchs (1834) clv.
in dieser abschwächung jedoch selten, meistens näher der ursprünglichen bedeutung etwa wie '
sich zeigen, in erscheinung treten': gesicht, auf dem ein finsterer zug vortrat W. Weigand
d. rote flut (1935) 194; so wie meine einfälle vortreten, stelle ich sie in die reihe Bode
Montaigne (1793) 3, 186; dasz sie die bisherige ordnung der dichtungen theils beschlieszen, theils die neu vortretende einleiten Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 14; die meisten ungeleugneten übel und gebrechen des alters treten dann als einzelangriffe vor J. Grimm
kl. schr. 1, 198. 9@ee)
mit dem dativ verbunden: leid und freude, süsze und bittere empfindungen ... treten uns in wohlgeordneten, erlesenen scenen vor Herder 20, 311
S.; vgl. 27, 167. 1010)
in älterer sprache mit dem akkus. eines objekts: (
gab ihm) einen wegweiser mit, der ihm den rechten weg ... vortretten muste A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 522; die beidenthalb ougen haten, den rechten wec uns vor traten Heinrich v. Hesler
apokal. 8578; sehet sie an, die uns vor creffteclichen trat daz spor
Daniel 2167
Hübner; hier hat Thuiscons sohn mit opfern und mit beten euch oft den heilgen weg zur wohlfahrt vorgetreten J. Chr. Krüger
schr. (1763) 181.
vom reigenführer (
vgl. vortritt 4): tritt uns den raien vor, ich tritt euch nach auf euren spor
fastn.-sp. 1, 399
K. auch ohne den akk.: gevatter Englmair, nun tritt aber vor 1, 419.