verwundern,
vb. ,
bewundern; sich wundern. seit etwa 1200
bezeugt (
s. u. II A
und mhd. wb. 3, 816; Lexer 3, 314).
mnd. vorwundern,
mnl., nl. verwonderen.
frühe lexikalische nachweise: admirari verwundern (15.
jh., obd.) Diefenbach
gl. 13
a; 12
c;
obstupere gar verwondern (15.
jh., md.)
ebda 390
c;
reuiuiscere verwondern (15.
jh., md.) 497
b;
stupefieri vOerwondern (15.
jh., md.), verwonderen (16.
jh., ndrh.) 557
c;
stupere verwondern, -wundern, -wonnern (15.
jh.) 558
a;
torpere verwondern (15.
jh., nd. u. md.) 589
a;
mlat.-hd.-böhm. wb. 12; 261;
ammirari, mirari, voc. theut. (1482) kk 3
b;
obstupere verwundern oder geprechen an der vernunfft
ebda kk 1
b; verwundern
admirari, valde mirari, voc. inc. teut. (
um 1485) ii 6
b; verwundern und erschrecken
obstupere, obstupescere ebda; admirari vast verwundern
gemma gemm. (1508) a 4
d; verwonderen
ebda a 8
a; A 4
b;
affici admiratione sich verwunderen oder
in grosser achtung seyn Frisius
dict. (1556) 58
a;
agere animum in admirationem zeuerwunderen machen, das gemt treyben sich zeuerwunderen
ebda 66
b; 38
a; 135
b; 386
a; 578
b; 907
b; 933
b.
auch mundartlich durchaus geläufig: sik verwunnern Dähnert
plattdt. wb. 529; Mensing
schlesw.-holst. 5. 447; ferwundern Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 472; sik verwünnern Woeste
westf. 297; s
ek f
erwund
er
en Bauer-Collitz
Waldeck 32; sek verwongern Leithäuser
Barmen 166; verwongere Rovenhagen
Aachen 156; seΧ fərwøŋərn Hofmann
niederhess. 253; verwonneren
lux. ma. 468; verwundere
n Martin-Lienhart
elsäss. 2, 839; Fischer
schwäb. 2, 1419; zum verwundere schön
wunderschön Seiler
Basel 115.
ob die bedeutung '
bewundern'
oder '
staunen, sich wundern'
vorliegt, ist in vielen einzelfällen zweifelhaft. wenn der gegenstand des verwunderns positiv gewertet wird, fallen die beiden grundbedeutungen zusammen oder sind wenigstens vielfach kaum zu unterscheiden. doch ergibt sich aus dem gesamten material, dasz im gegensatz zu verwunderlich
bei verwundern
in älterer und neuerer zeit der sinn '
staunen, sich wundern'
häufiger ist. II.
die bedeutung '
bewundern'
ist deutlich oder liegt wenigstens näher. I@11)
transitiv. I@1@aa)
im sinne von '
bewundern': die schöne vnd hüpschkait der gestalt dins buolen, die du yetz verwunderst Niclas v. Wyle
translat. 100
lit. ver.; sy (
die augen) verwundern die werck der welt A. v. Eyb
spiegel (1511) c 7
b; unser altvordern, die wir doch mit so grossem lob tund verwundern und erheben (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 2, 59; das vil schönheiten hie auf erden gelobet und verwundert werden Weckherlin
ged. 1, 158
Fischer; es ist
auch dieses spiel ... von vielen hohen standespersonen betrachtet, von nicht weinigen verwundert, von den meisten aber weit ber seine wrdigkeit gelobet und erhoben worden Rist
friedewünsch. Teutschl. (1647) 16; alles was ich zuvor an ihr verwunderte und liebte Olearius
persian. rosenthal (1696) 67
a; dasz man nun allererst, nachdem sie bey den todten, was sie gewesen sind, verwundert und erkennt. nun lebet erst ihr ruhm, nachdem ihr leib begraben Besser
schr. (1732) 1, 77. '
zur bewunderung veranlassen': mich verwundert sein (
Christi) ler und zeichen
altdt. passionssp. 12
Wackernell. I@1@bb)
oft in wendungen wie eine person oder sache ist oder bleibt zu verwundern, läszt sich verwundern
u. dgl.: der sieg, den könig Alexander Magnus gegen den könig Darium erhalten, ist kaum so grosz und zu verwundern, als dasz er gegen sich selbst ein starcker überwinder gewesen Kirchhof
wendunmuth 2, 16
Ö.; solche und dergleichen kOepfe, die auch mitten im todte sich kOennen ergetzen, seyn billig zu verwundern
Reinicke Fuchs (1650) 150; von der kostlicheit der gebeüw kan ich nit gnugsam sagen, es laszt sich mer verwundern dann glauben S. Franck
weltbuch (1534) 232
b; Arminius bleibt ... mehr mit verdecktem munde und angesicht stillschweigend zu verwundern, als durch eine ohnmAechtige feder abzuzirckeln Lohenstein
Arminius (1689) 1, b 2
b (
zuschrift). I@22)
reflexiv: aines unnützen pracht verwundert sich niemandt mer dann die narren G. Mayr
sprüchwörter (1567) 3
b; die thorhafftigen hassen das geringe vermOegen vnd verwundern sich der reichthumb Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. (1577) e 1
b; der kOenig Priamus darob verwundert sich mit hohem lob sprach, selig Agamemnon bist, auch reich vnd mAechtig zu der frist Spreng
Ilias (1610) 33
a.
belege aus späterer zeit lassen mehr und mehr die bedeutung '
staunen, sich wundern'
anklingen: es sind fast die meisten so geartet, dasz sie vor einheimischen dingen einen eckel haben, sich ber alle frembde sachen verwundern Morhof
unterricht v. d. dt. spr. (1682) 3; sie ist vollkommen mit euch ausgesöhnt, seit ihr so gütig wart, euch über ihre frischen blauen augen zu verwundern Bauernfeld
ges. schr. (1871) 5, 131.
ähnliches s. u. II. I@33)
der substantivierte infinitiv im sinne von '
bewunderung, hochschätzung': (
die könige) werden ... dich nachmals in besonderm werth vnnd verwundern halten Ambach
vom zusauffen (1544) F 1
a; dessen tugenden nicht weniger als sein hohes alter verwunderens und aller ehren würdig Grimmelshausen 2, 836
Keller. IIII.
mit der grundbedeutung '
staunen, sich wundern'. II@AA.
mit perfektiver funktion der vorsilbe '
zu ende, vollkommen, ausreichend (
sich)
wundern'
; besonders mhd. und durchweg in negativem zusammenhang. II@A@11)
unpers. einen nicht verwundern '
ihn mit staunen nicht fertig werden lassen': wie ir mugt belîben ein also wætlîcher man, swie mich des niht verwundern kan Hartmann v. Aue
Erek 9436
Haupt; niemer mich verwundert die wîle ich geleben mac daz geburtlîcher tac ein ander was gemeine und ich nû alters eine als ein weise muoz leben Konrad Fleck
Flore 2248 (
Berliner hs.)
Sommer; dâ von kan mich verwundern nimmer, wie der mensche den wîn müge immer verdöuwen Hugo v. Trimberg
renner 10023
E. II@A@22)
reflexiv, '
mit dem staunen gar nicht fertig werden, sich nicht genug wundern können': ez ist ein wunderlich geschiht, ichn kan mich sîn verwundern niht
Mai und Beaflor 187, 12
Pf.; da die Walhen (
Welschen) sein wesen und springen sachen, kunden sy sich nit verwundern Füetrer
bayer. chron. 262
Spiller; mich wundert dryer ding also fast an den dorechten menschen, die nun uff ertrich lebent, das ich mich kum kan verwundern
d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 73
a. II@A@33)
nhd. 'sich nicht genug verwundern können, mögen'
u. dgl.: ich mag mich nit gnuog verwundern Riederer
rhetoric (1493) a 8
b; dasz man sich ab sinen gnaden nimmer gnuog verwundren mag Zwingli
dt. schr. 1, 33
Sch.; noch kan ich mich nit genugsam verwundern, das dye mnchen ... dem evangelio alszo vyl wyder seindt (1523)
reform. flugschr. 1, 41
Clemen: er stund vnd kundt sich nie genug verwundern der grossen schOene vnd desz liechten glantzes, so von der frauwen glastet
buch d. liebe (1587) 98
c; ich sah hernach die weisze pracht von einer schnee-blum' an, worber man sich nicht genung verwundern kann Brockes
ird. vergnügen (1744) 2, 19; über den närrischen tod der weisen Dido weisz sich der gute Heinrich nicht genug zu verwundern Gervinus
dt. dichtung (1853) 1, 274.
ähnlich: kann man sich satt verwundern, dasz zwar alle grosze wahrheiten in jeder weise bejaht werden, nur nicht mit der that? Bettine
d. buch gehört d. könig (1843) 1, 303. II@BB.
ohne deutlich hervortretende eigenfunktion der vorsilbe meist in annäherung an die bedeutung von '(
sich)
wundern',
doch von diesem durch bestimmte gebrauchsweisen unterschieden (
vgl. wundern).
s. auch verwunderung 2. II@B@11)
transitiv. II@B@1@aa)
einen zum staunen bringen, in verwunderung versetzen. II@B@1@a@aα)
nicht sehr häufig mit inhaltlich bestimmtem subjekt: die zil verwunderte den hôhen adelar Johannes meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 303
Pfeiffer; verwundert dich der erden last oder der liechten sunnen glast? Hans Sachs 1, 23
lit. ver.; so verwundert uns z. b. der natürliche krystall durch seine regelmäszige gestalt Hegel
w. (1832) 10, 1, 168; wie er mich anlächelte und seine groszen schwarzen augen mich verwunderten, dasz ich darüber den stock fallen liesz Bettine
Günderode (1840) 2, 50; eine schrift, die die machthaber um so mehr verwundern musz, da sie mich nicht persönlich beleidigt haben J. Kerner
bilderbuch (1849) 83. II@B@1@a@bβ)
gewöhnlich unpersönlich mit unbestimmtem subjekt: in diesem hause darf sie gar nichts verwundern Deinhardstein
ges. dram. w. (1848) 1, 46; du muszt mich fragen, wenn dich etwas verwundert Frenssen
Hilligenlei (1905) 465.
in älterer zeit auch mit dem genitiv: doch verwundert in an massen ser seiner zuekunft (
ankunft) Füetrer
bayer. chron. 61
Spiller; als der pfarherr diesen brieff ... las, verwundert es yhn seer solchs gebots Luther 18, 234
W. auf einen satzinhalt bezogen: da stacken eitel mnch darunter, Dominici bruder besonder, welchs sehr Dominicum verwundert Fischart
s. dicht. 1, 206
Kurz; lieder ..., die, was dich vielleicht verwundern wird, von drei violinen ... begleitet wurden Fontane
ges. w. (1905) I 1, 313.
mit abhängigem satz: das mich verwundert, das ein clein vrsach diser verhindrung ist ein kurtzer wollust und fröud
buch d. beispiele 20
lit. ver.; in sollicher miner fürgsetzten arbait verwundert, ergrust und erschreckt mich ser, das vormals kainer die burde, besonder weder maister Hans ..., noch maister Hainrich Blant ... nit beladen und understanden haben Oheim
chron. v. Reichenau 1
lit. ver.; das ich ... mich zu schreyben unterstanden habe und zu dem ehlichen leben von der unkeuschen keuscheyt zu radten, las sich ewr liebe nicht verwundern Luther 12, 232
W.; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn aus dem ... zaubergefäsze jetzt wieder jene gestalt hervor geblüht wäre Tieck
schr. (1828) 4, 412; und dasz Gottfried ihm abgeneigt war, verwundert uns nicht Scherer
litteraturgesch. 170.
mit infinitiv: nicht wenig muszte es ihn daher verwundern, hier einen gnädigsten herrn fürsten und einen hof zu finden E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 37
Gr. II@B@1@bb) etwas verwundern, '
sich darüber wundern': doch wil ichs nit sonderlich bestreiten, sondern gern etwas nit wissen und verwundern Kepler
opera 1, 459
Frisch; denn was wir stets vor uns haben, verwundern wir nicht Thomasius
artzenei wider d. unvernünfft. liebe (1696) 115.
ähnliches s. I 1 a. II@B@22)
reflexiv. II@B@2@aa) sich verwundern
steht gleichbedeutend mit dem simplex sich wundern: da das Jhesus höret, verwundert er sich Luther
Matth. 8, 10 (
ähnlich erste dt. bibel); das wir uns nicht verwundern, warumb die welt so arg ... ist
ebda 28, 324
W.; sein vatter und mutter haben sich vorwundert von den dingen, di do vom kindt gesagt sein
ebda 9, 537
W.; daruber ich mich seer vorwundert vnd gantz besturtzt byn worden U. v. Hutten
opera 2, 186
B.; etliche (
haben) sich nit wenig, das jch noch lebte, vorwundert
ebda 1, 408
B.; so hat sich ja billich niemandt zu verwundern, wie diser so mühsame feldbaw ... auff die allergeringsten vnnd vor der welt vnachtbaren menschen kommen vnd erwachsen sey
M. Herr
feldbau (1551) 6
a; es möchte sich einer verwundern, wie doch ein menschlich hertz nur immermehr so grausam wühtig vnd boshafftig sein ... könne Rätel
Curaei chron. (1607) 353; selbst der neid hat sich verwundert, wenn der liebe funken-gluht in der liebsten herzen zundert Stieler
geharnschte Venus 106
ndr.; der einsidel verwunderte sich mit seufftzen Grimmelshausen
Simpl. 25
Scholte; es darff sich aber niemand darumb verwundern, dasz dieser streich von so kräfftiger würckung gewesen
ders., vogelnest 1, 31
Scholte; ich verwundert mich mit bekreutzung
ders. 2, 557
Keller; wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die aufgebundene serviette einen verworrenen haufen spannenlanger puppen sehen liesz Göthe I 21, 14
W.; du würdest dich verwundern, die gränzenlosen fascikel zu sehen, die immerfort geheftet werden
ders. IV 33, 239; sie werden sich verwundern, dasz die verlassene stelle eigentlich keine stelle ist
ders. IV 30, 129
W.; helden unsrer art ziemt's nicht sich übermäszig zu verwundern Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 135; Edelbert verwunderte sich, sie so gerührt zu sehen Ch. v. Schmid
ges. schr. (1856) 7, 96; verwundern sie sich nicht, dasz ich ihnen mein letztes buch nicht schicke Pückler
briefw. (1873) 6, 52; wie verwunderte ich mich, als sie den schleier zurückschlug Storm
s. w. (1898) 1, 239; als ich ... weiter nachdachte, verwunderte ich mich aufs neue, wie es überhaupt möglich gewesen sei, dasz ich ... meinen unberatenen willen so leicht habe durchsetzen können G. Keller
ges. w. (1889) 3, 11. II@B@2@bb)
wie bei den sonstigen verben des affekts wird der gegenstand des verwunderns gern mit über
angeschlossen (
mit nachfolgendem akkusativ, in älterer sprache auch mit dem dativ): das sind sie, die sich vorwundern ubir den sprchen der propheten Luther 10, 1, 1, 387
W.; ich verwunderte mich ber dieser begebnisz S. v. Birken
lorbeerhayn (1657) 16.
mit dem akkusativ: Penelope verwundert sich über die dapferkait Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 4
a; dasz ich mich selbst über meine fortun verwundert Grimmelshausen 2, 329
Keller; so werde ich nicht aufhören, mich über ihn zu verwundern Lessing 8, 15
L.-M.; dasz ich mich gar nicht mehr über jene fabeln verwunderte, welche die heiden von ihren göttern des himmels erzählen Göthe I 43, 60
W.; daruber ich mich seer vorwundert vnd gantz besturtzt byn worden U. v. Hutten
opera 2, 186
B.; man darf sich darüber nicht verwundern Ranke
s. w. (1867) 1, 267; als aber ein jeder sich hierber verwunderte Happel
akad. roman (1690) 146; der weinstock ... sprosz zum theil mitten in den flammen, worüber man sich nicht verwundern musz Göthe I 49, 111
W. II@B@2@cc)
ältere sprache greift auch zu anderen präpositionen, die ein kausales verhältnis ausdrücken können. sich verwundern ab: ab seiner (
Christi) auffart Keisersberg
granatapfel (1510) F 2
a; ab der geschicht Luther 17, 1, 184
W.; ab der menschlichen thorheit Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 36
ndr.; ab diesem osterspiel Fischart
w. 2, 87
Hauffen; sich verwundern ob: ob seiner stercke und mannheit Schumann
nachtbüchlein 317
lit. ver.; doch auch sich verwundern an: wy sich das volck an Jhesu verwundert
erste dt. bibel 1, 431
lit. ver.; dasz sich nun alle menschen daran verwunderten Götz v. Berlichingen
lebensbeschr. 24
B.; vereinzelt sich verwundern auf: desz er sich nit gnug mer auff sein sun verwundern kan S. Franck
Germ. chron. (1538) 105
b. II@B@2@dd)
der genitiv wird nach sich verwundern
noch im 18.
jh. zuweilen belegt: der antwürt verwunderten sich die schuoler Steinhöwel
Äsop 45
Öst.; das sich ... die ROemer selbs verwunderten der mechtigen gebew und veste diser stat Luther 34, 2, 83
W.; den andern psalm fecht David an und redt samb in gottes person, samb verwunder sich gott der heyden, so handlen also unbescheyden Hans Sachs 18, 26
lit. ver.; ich verwundere mich dieses dinges Schottel
haubtspr. (1663) 751; man sich ... meiner unwissenheit verwundern mOechte
Leipziger avanturieur (1756) 1, 50; die, welche seine reden hören, verwunderten sich seiner lehren Cramer
s. ged. (1781) 3, 194; verwundert euch desselben nicht Tieck
schr. (1828) 10, 45. II@B@2@ee)
vereinzelt mit dem akkus. eines pronomens: ir herren sollen mir sagen, was ir euch aller meist uff ertreich verwundern Pauli
schimpf u. ernst 79
Öst.; ja sie kOennen sich das nimmermehr genug verwundern vnnd gott darfr dancken Mathesius
ausgew. w. 1, 52
L. II@B@33)
die verbindung unpersönlicher und reflexiver konstruktion mit fragesätzen kommt zuweilen der bedeutung '
etwas gern wissen wollen, neugierig sein'
nahe: ich verwundert mich, ob daz also hingieng Boltz
Terenz (1539) 6
a; und weil Schlesier ... bei dem haufen waren, so mich wohl kannten, verwunderten sie sich, wie ich zu diesem käme Schweinichen
denkw. 84
Öst.; dasz er sich verwunderte, wie sie sich auff dem pferdt erhalten möcht
Amadis 37
Keller; der stelt sich alsobald auch ein, verwundert sich, was mochte seyn, dasz er beym kOenig solte machen
Reinicke Fuchs (1650) 216; ihr herrn, mich verwundert, was euch darzu vervrsacht
schausp. d. engl. comöd. 247
Creizenach; mein herr, ich musz euch sagen, mich verwundert, wie ihr solch herrlich pferd so wohlfeil laszt Tieck
schr. (1828) 1, 203; ein bauer ... verwunderte sich, was doch die störchin alle tage zum brunnen flöge und badete br. Grimm
sagen (1871) 2, 112. II@B@44)
zu den nominalformen. II@B@4@aa)
der substantivierte infinitiv ist besonders in älterer zeit häufig, tritt aber später gegen verwunderung
zurück: swenne dich wil wundern einer bewegelicheit oder manicvaltikeit von einem menschen, sô sich an, war ûffe der mensche stande und waz sîn tuon sî. sô wirt geminret dîn verwundern meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 665
Pf.; dich solichs verwundrens vffzeheben, wOellest wissen, das min wyb vnd ich vns ordenlichs husshaltens gebruchend Riederer
rhetoric (1493) t 1
b; darumb kein frommer mensch sich in ein verwunderen stellen sol, dasz zuo disen unsern ziten ... die geistlichen höupter mit sampt iren verwanten der selbigen götlichen warheit widerwertig sind (1521)
bei Schade
satiren 3, 59; also dOerfte es keines verwunderns, dasz er diesem irrwische kein licht angezndet Lohenstein
Arminius (1689) 1, 653; die erste periode des überraschten verwunderns ist im ganzen ziemlich schnell vorübergegangen Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 113.
in neuerer zeit nur noch im nominativ und in präpositionalen wendungen üblich: alsdann wird das verwundern bewunderung Herder 23, 178
S.; o diesz lallen, diesz kindische verwundern! maler Müller
w. (1811) 1, 28; o da ging das verwundern erst recht an Brentano
ges. schr. (1852) 5, 95; sie hört dem mutwill meiner scherze mit kindischem verwundern zu Mörike
ges. schr. (1905) 1, 41
Göschen; so mag es kommen, dasz ein künft'ger leser wohl einmal in Klopstocks oden, nicht ohn' einiges verwundern, auch etwelcher schnaken sich erfreut
ebda 1, 187.
ungewöhnlich ist reflexiver gebrauch: jetzt war die reihe des sich verwunderns am grafen Holtei
erz. schr. (1861) 20, 101. II@B@4@bb)
einen sonderfall bilden die verbindungen mit zu. II@B@4@b@aα) zum verwundern.
in neuerer zeit in adverbialer funktion, '
erstaunlich': (
die probe) gelang auch sogleich zum verwundern Heinse
s. w. 5, 35
Schüddek.; klarer und unumwundener ... hat sich — zum verwundern, wenn man will ... — Schleiermacher über diesen punkt ausgesprochen D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 6, 79; die fahrt habe ich zum verwundern gut bestanden
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 1, 160. II@B@4@b@bβ) es ist zu verwundern
und ähnliche wendungen: (
es) ist genug zu verwundern, das sollich gemuote des menschen ... ist so schnell und beweglich A. v. Eyb
dt. schr. 1, 46
Herrmann; das sie ... die heil. treifaltigkeit mit dreien angesichten in jhre meszbcher vnd kirchen gemalt haben, disz ist nicht zu uerwundern Fischart
binenkorb (1588) 144
a; es ist nicht zu verwundern, misz, dasz sie wider sie eingenommen sind Lessing 2, 332
L.-M.; ists zu verwundern, dasz ich den neffen für den onkel nahm? Schiller 17, 164
G.; so sah ich sie gestern in der flora. nicht zu verwundern. das wetter lockt ja jetzt täglich heraus Fontane
ges. w. (1905) I 5, 140. es ist zum verwundern,
selten und nur in neuerer zeit: es ist oft zum verwundern, wie gut es meinen provinsalen ... gelingt, mir ... das spiel des lebens nicht nur erträglich, sondern auch angenehm zu machen Thümmel
reise (1791) 7, 91; zum verwundern ist es, dass sie auf dem sprung stehn sollen, ihr selbsterdachtes neues haus schon wieder zu verkaufen J. Grimm in:
briefw. 2, 62
Ippel. bis ins 18.
jh. auch es ist sich zu verwundern: das ist sich noch vil mehr zu verwundern, das kein lerer mit dem andernn stimpt S. Franck
Germ. chron. (1538) 4
a; das sich darab ze uorwundern ist, das so vil pfaffen jn einer pfar ... gefunden werden Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 4
ndr.; dasz ... kein einziger unter den grossen lust hatte, sich um die oberherrschaft seines vaterlandes zu bewerben, ist sich gar nicht zu verwundern
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 72. II@B@4@cc)
das part. präs. selten reflexiv: wer? Scandor? fragte der sich verwundernde prinz Ziegler
asiat. Banise (1689) 42.
gewöhnlich verwundernd '
verwundert, erstaunt': zum dritten ist ein vnderscheid der verwundrung genant exclamatiuus oder admiratiuus, der wirdt gebrucht, wenn einer in siner red verwundrende ein scharpffen vszdruck tuot Riederer
rhetoric (1493) h 5
a; der feldherr ward ie länger ie mehr verwundernd über dieser königin tieffsinnigen schlüssen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 204
b; welche mich alle mit einander höchst verwundernd ansahen Chr. Reuter
Schelmuffsky 8
ndr.; in Salem sehn sie sich erst, verwundernd, dasz sie sich hier nicht fanden Klopstock
Messias (1780) 461; die nachtigall verwundernd lauscht Goekingk
ged. (1780) 1, 91; wie sie verwundernd aufstand Lenz
ges. schr. (1828) 3, 100; verwundernd blickt dieser auf ihn Klinger
w. 4 (1815) 198; Amalia kommt zurück und blickt ihn verwundernd an Schiller 2, 113
G. in attributiver verwendung: auf meine verwundernde frage E.
M. Arndt
w. (1892) 1, 150
R.-M.; ein grosser, verwundernder blick flog auf ihn Stifter
s. w. 1 (1904) 26; Sachs macht eine verwundernde bewegung R. Wagner
ges. schr. (1897) 7, 232.
substantiviert: Leszings lebensumstände dringen dem verwundernden die frage ab: nicht, warum er nicht mehr hervorgebracht, sondern wie er in seinen lagen das ... habe hervorbringen können, was er geleistet Herder 18, 181
S. in neuerer zeit kaum noch gebräuchlich. II@B@4@dd)
das part. prät.; mhd. vereinzelt im sinne von '
verwunderung erregend, erstaunlich': es ist nit eine verwonderte sache, als du wenest odir verstalte sache, sondern ist eine sache die notdurfftig ist allen den die da hant den list
pilgerf. d. träum. mönchs 4808
Bömer. sonst immer '
erstaunt, in verwunderung versetzt',
erst seit dem 18.
jh. häufiger gebraucht; als verbalergänzung: der fromme Joseph sitzt ... verwundert vber gott, wann er das kindt beschawt Opitz
teutsche poemata 182
ndr.; Gleim sah uns etwas verwundert an Fr. H. Jacobi
w. (1812) 41, 79; don Diego, der ganz etwas anderes erwartete, stand verwundert Göthe I 43, 277
W.; und alle die männer umher und frauen auf den herrlichen jüngling verwundert schauen Schiller 11, 221
G.; sie standen neugierig und verwundert um den schulmeister her Immermann
w. 1, 74
Hempel; verwundert höre ich, wie klug du die worte setzest G. Freytag
ges. w. 9 (1887) 79; verwundert fragte er Mommsen
röm. gesch. 5 (1894) 163; sie öffnete das fenster und guckte verwundert heraus G. Keller
ges. w. (1889) 5, 50; verwundert stehen bleibend Gerhart Hauptmann
weber (1892) 114.
als prädikatsnomen: es ist, als wenn bey ihrem erwachen die bäume verwundert wären, sich schon so weit im jahre zu befinden Göthe IV 33, 29
W.; attributiv: der verwunderten frage Herder 12, 393
S.; in dem verwunderten ohr Göthe I 1, 318
W.; ein verwundertes oder lachendes angesicht Tieck
schr. (1828) 4, 46; die gar verwunderten blicke Alexis
Roland (1840) 1, 36; verwunderte augen Scheffel
ges. w. (1907) 1, 138; er sprach verwunderte entrüstung aus Ranke
s. w. (1867) 9, 361; die Heunen in verwunderten und aufmerksamen gruppen um beide herum Hebbel
w. 4, 269
Werner.