verwesen,
v. ,
zu dem nur im prät. erhaltenen wesen,
sein; ahd. firwesan, ferwesen Graff 1, 1063;
mhd. verwesen
mhd. wb. 3, 768; Lexer 3, 305;
in älteren nhd. wbb. gewöhnlich: presidere Diefenbach
nov. gloss. 302
a;
procuratio gloss. 462
a;
prodesse 462
b; v., versorgen,
accurare voc. (1482) kk 3
a;
preesse, prodesse, vices gerere voc. inc. teut. ii 6
b; Frisius 356
b; 905
a; 1376
b; v., verwalten Hulsius-Ravellus (1616) 361
a; v.,
amt versehen Schönsleder LI 5
a; Kramer 2 (1702) 1337
a; v., verwalten,
administrare, procurare, gubernare Dentzler 316
b; ein amt, eine stelle
etc. v. Ludwig (1716) 2192; verwalten, v., regieren, vorstehen Belemnon 9; Steinbach 2, 982;
als '
nicht bräuchlich'
bezeichnet allg. d. bibl. 88, 2, 43; '
veraltet' Adelung. in der
literatur seit dem 18.
jh. nur noch vereinzelt, auch in den maa. wohl durchweg veraltet: Schmeller-Fr. 2, 1023;
schweiz. id. 1, 905;
schwäb. Fischer 2, 1412; Martin-Lienhart 2, 866; Müller-Fraureuth 2, 619.
das ursprünglich starke v.
flectiert vereinzelt schon im spätmittelalter schwach: verwesete Keller
altd. ged. 207, 16.
frühnhd.: 3.
sg. präs. verwist Xylander
Polybius (1574) 336; Ayrer 1, 535
K.; verwest Golius
onomasticon 10; verweset Montanus
schwankb. 46
B.; sg. prät. verwas Oheim
Reichenauer chr. 12
B.; Brennwald
Schweizerchron. 1, 98; verwass Tschudi
chron. helv. 1, 85;
chron. d. d. städte 23, 26; Seb. Franck (
s. u. 2 b); Stumpf (
s. u. 2 c); verwase Alt
buch d. chron. (1493) 164
a;
plur. verwesten Schade
sat. u. pasqu. 2, 28;
schwacher sing. und starker plural unbelegt. part. prät. meist verwesen:
Wilwolt v. Schaumburg 17
lit. ver.; Seb. Franck
chron. (1531) 76
b; Joh. Nas (
s. u. 2 a); Ayrer, Dannhawer (
s. u. 1 b);
seltener verweset Fischart (
s. u. 2 d); verwäst Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 165.
die spärlichen belege aus neuerer zeit zeigen schwache formen: 3.
sg. präs. verwest J. E. Schlegel,
plur. prät. verweseten J. Grimm (
s. u. 2 b). 11)
mit persönlichem object. 1@aa)
für einen eintreten, ahd.: thoh Adam ouh bi nótizi thiu eínen missidáti, thaz sulih úrlosifora góte unsih firwási Otfrid II 6, 54;
mhd.: wan könd und möht ich nu ellú minnenden herzen mit klag verwesen Seuse
d. schr. 208
B. verteidigen: got nicht bedarf uwer lugen, also daz ir in mit trugen vervechtet und verweset
Hiob 4877
K. für jemanden sorgen, ihn unter seiner obhut und leitung haben: sô die alten brîster, von den wir lesen, die daz gotes liut solden verwesen Heinrich v. Melk
priesterleben 435
H.; das die solten fúrsten sein und solten verwesen die senger
erste d. bibel 7, 241
K.; nhd.: o Adonei, Adonei, wir iren! ir Jüden, wie wöll wirs nu angeschiren? ich (
der rabi) hab euch lang verwesen und vertretten
fastnachtssp. 2, 815
K.; die vormünderschaft und tutel annemmen und die kinder verwesen und beschirmen
d. stadt Worms reformation (1513) 40
b. 1@bb)
einen vertreten, seine stelle versehen; mhd. seit dem 13.
jh.: beleg aus Ulrich v. Türheim
bei Lexer; im 15.
und 16.
jh. gewöhnlich, später nur noch vereinzelt: (
die heilige Katharina) hett sy die jar alle on aller leut wissen in dem closter verwesen
winterteil d. heiligen leben (1471) 93
a; der prior schickt ein, solt ihn verwessn, und der münnich must frümess lessn H. Sachs 9, 398
K. du (
die laute) solt uns einen artz verwesen, der leid und kranckheit macht vergessen Fischart 1, 375
H.; der stadthalter Tullius, welcher den könig hat verwesen Ayrer
dramen 1, 258
K.; als hätten sie (
die Juden in Ägypten) gleichsam die schellenwercker und wasenmeister verwesen und den koht ausführen müssen Dannhawer
catechismusmilch 1, 101; diejenige könige, priester und propheten des alten testaments, die nicht nur seine (
Christi) fürbilder gewesen, sondern in ihrer verwaltung auch würcklich seine persohn verwesen J. D. Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 330. 22)
mit sächlichem object, versehen, verwalten. 2@aa)
die stelle eines andern; seit spätmhd. zeit (Konrad v. Megenberg
bei Lexer): item was man von der Beatrice sagte, sihe da hett niemant ihr yemals mängel gehabt, dann Maria iren standt dieweil verwesen hett Nas
antipapistisch eins u. hundert 6, 206; seiner tochter Constantie ehman soll (
er) mit gift beibracht haben, dasz er desto besser des mans statt verwesen köndte, dann sie im fast heimlich gewesen Nigrinus
papist. inquis. 4, 639; des wirtes stelle zu verwesen Zesen
rosenmând (1651) 30. 2@bb)
herrschaft, amt, dienst: nu haben wir den rechten könig funden, welcher kan beide, weltlich und geistlich regiment verwesen Luther 26, 548
W.; anno hundert und zwentzig verwasz Adrianus das keyserthumb eins und zwentzig jar Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 25; ob der oftgenannt werkmaister in den zwain jaren stürbe oder on geverd in dem land nicht gesein mochte, so sullen si darnach ainen monade das ambt verwesen (1354) Lori
bergrecht 15; daz ampt der hebammen verwesen Steinhöwel
Äsop 114
Ö.; darmit sol ich mein pfarr verwesen mit singen, predigen und lesen H. Sachs 9, 4
K.; das er den dienst noch eine zeitlang, bisz ein anderer angeführt würde, vorwesen solte B. Herzog
schiltwache g 5.
vereinzelt noch in neuerer zeit: man gebraucht es nur noch zuweilen für verwalten; ein amt verwesen,
demselben vorstehen, es bekleiden, verwalten Adelung; ein amt v. Schwan
nouv. dict. 2, 943
b; diesz treibt ihn, dasz er oft der zwietracht amt verwest J. E. Schlegel
w. 4, 130; die sänger verwalteten das gut der lieder, die urtheiler verweseten amt und dienst der rechte J. Grimm
kl. schr. 6, 154. 2@cc)
ein reich oder einen sonstigen herrschafts- und verwaltungsbezirk, durchweg im sinne einer verwaltung und regierung als beauftragter, als verweser: doch sol die herzoginne das alles regiren und vorwesen zu from ir, ires sones und des kunigs (1459)
lehnsurkunden und besitzurk. Schlesiens 1, 449; (
es) worden beide knigreich demselben bischoff mitsampt einem andern zu verwesen und regiren befolhen A. v. Eyb
d. schr. 1, 96; als ... fr. Agness die keyserin das reich mit ihrem jungen kind Heinrico dem 4. verwass Stumpf
Schweizerchron. 557
b.
in neuerer zeit: könig von England, und ihr, herzoge Bedford und Gloster, die das reich verwesen Schiller 13, 224
G. (
jungfrau 1, 11); das churfürstenthum verwesen Ranke 2, 246.
in sondergebrauch in der sprache des bergbaus: v., verwalten,
ist, wenn einer, zwey, drey oder viere aufs höchste eine oder mehr zechen bauen und dieselben zugleich oder einer aus ihnen solche zechen vermessen wollen, welches ihnen unverwehret Minerophilus
bergwerckslex. 691; Jacobsson
technol. wb. 8, 85; es soll auch keinem schichtmeister uber 6 zechen zu verwesen gestatt werden, doch dasz darunter nicht uber zwu fündig sein (1515) Lori
bergrecht 169; Herttwig
bergbuch 372
a.
im sinn von schützen, vertheidigen: die benachbarten herrn, so diszhalb der Donau die grenitz versehen und verwesen Lewenklau
chronica türck. nat. (1590) 132. 2@dd)
einen aufgabenkreis versehen: wann ich im solt all ding verwesen Murner
narrenbeschwörung 172
ndr.; er soll deine sachen verwesen Stieler
stammb. 172; ein proviantmeister in einer besatzung soll alle proviant unter seinem gewalt haben und verwäsen Fronsperger
von geschütz u. feuerwerck (1564) 33
a; wie könte on ehliche saat das land erbawet, die stätt besetzet, die dörfer bewohnet, die gemeynden versehen, die hauszpfleg verweset ... werden? Fischart
geschichtsklitt. 94
ndr.; zumahl, wenn das gesetz aus meinem munde spricht, das ich verwesen musz Zach. Werner
in: deutsches museum 2, 75
Schlegel.