verschulden,
verb. ,
mhd. verschulden mhd. wb. 2, 2, 189
b. 190
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 220.
vgl. Graff 6, 473.
alts. farskuldian,
mnd. vorschulden Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
b.
nld. verschulden Kilian (1777) 2, 724
a,
dän. forskylde,
schwed. förskylla
stammen aus dem deutschen. die vielfach gleitende anwendung des wortes zeigt, wie eng dem deutschen sinn die vorstellungen von verpflichtung und leistung, von dankbarkeit und vergeltung, von guter oder böser that und lohn oder sühne verknüpft sind. auf die bedeutungsentwicklung ist bei den einzelnen abtheilungen rücksicht genommen. im mhd. berührt sich das wort mit versoln, verscholn.
eine wendung nach der pessimistischen seite zeigt sich im nhd. darin, dasz die anwendung im sinne von '
gutes verdienen'
untergeht, und dasz die bedeutung: schuld auf sich laden, schuld sein an etwas, strafe verdienen die beherrschende wird. 11)
etwas thun, begehen, das verurtheilung, strafe, sonstige schlimme folgen erwarten läszt; die vorstellung der verantwortlichkeit, der verstrickung in einen notwendigen zusammenhang von that und folge ist dabei meist deutlich, besonders bei dem reflexiven gebrauch. diese seite der bedeutung des verbums wird besonders in der neueren sprache ausgebildet. Adelung
irrt, wenn er meint, dasz sich verschulden
in diesem sinne wenig gebräuchlich sei und sich versündigen
vorgezogen werde. die beiden verben werden begrifflich scharf geschieden, bei sich versündigen
liegt der nachdruck auf der that und ihrer objectiven beurtheilung, bei sich verschulden
auf dem subjectiven verhältnis zur that und der zu erwartenden sühne. 1@aa) verschulden, sündigen,
peccare. Hulsius
dict. (1616) 354
b;
commereo, ich verschuld böses, ich sündige. Dasypodius; was hat er verschuldet, dass er so hart gestraft wird? Kramer
dict. (1702) 2, 679
b; was habe ich verschuldet,
quid culpae in me suscepi? Steinbach 2, 523; wer was böses verschuldet,
qui noxam nocet; des ersten gehören alle malefiz in unser burggrafenambt zu Tyrol, und wer die verschuldt, den soll ain richter in Passeyr vachen und in unser egenant burggrafenambt zu Tyrol antwurten.
tir. weisth. 4, 95, 33; (
ich) bin gequelet von meinen pfeilen, ob ich wol nichts verschuldet habe (
violenta sagitta mea absque ullo peccato).
Hiob 34, 6; was geschehen? was verschuldet? Göthe 3, 12
Weim. ausg.;
mit angabe der person, die durch die that betroffen ist: ich wil al den liuten künden, daʒ si lebt mit grôʒen sünden, der ich ie was undertân, die si hât an mir verschuldet.
minnes. 1, 154
b Hagen; etwas wider einen handeln und verschulden,
commereri (
also überleitend nach 2,
b)
aliquid erga alterum. Maaler 430
b; (
ich) will auch gegen die nichts verschulden, die sich freundlich und gut gegen mich benommen haben. Göthe
dicht. u. wahrh. 1, 5 (26, 336
Weim. ausg.);
das object ist zu ergänzen: wenn einer sich körperlich beschädigte, verschuldend oder unschuldig.
Wilhelm Meisters wanderjahre 2, 1 (24, 240). 1@bb)
reflexiv, oft mit näheren bestimmungen, die durch präpositionen angeknüpft sind: sich uneerlich an gott verschulden,
fraude impia obligari. Maaler 430
b; ouwê, daʒ sich diu reine verschulde an mir, des vürhte sêr ich tumber.
minnes. 1 343
b Hagen; das sie die welt nit brächt zuo fal und sie villicht verschuldten sich. Brant
narrensch. 41, 9; und sich verschuldt mit wort. 112, 41; und haben mit solichem werck got gelestert und sich mer darmit verschuld, dan hetten sie ain grose todsind than.
d. städtechron. 23, 216, 2; es verschuld sich ain mensch minder, der ainen andern menschen umbringt. 218, 21
var.; der sich vil in ainem grösern verschuldt und übertretten hab. 239, 5; die verschuldent sich grosziglich, unnd thuont es gott selber.
der ewigen wyszheit betbüchlein (1518) 184
a; das sie jrgent wider ein gebot des herrn gethan hetten, das sie nicht thun solten, und sich also verschuldeten, und darnach jrer sunde innen würden, die sie gethan hetten.
3 Mos. 4, 13; der ist unrein, und hat sich verschuldet. 5, 2; so wirds jm vergeben, alles was er gethan hat, daran er sich verschuldet hat. 6, 7; alle könige, ausgenomen David, Ezechias und Josias, haben sich verschuldet.
Sirach 49, 5; wie sie sich an jrem nehesten verschuldet hatten.
Susanna 62; denn jener land hat sich hoch verschuldet, am heiligen in Israel.
Jerem. 51, 5; du verschuldest dich an dem blut, das du vergeussest.
Hesek. 22, 4; darumb, das sich Edom am hause Juda gerochen hat, und damit sich verschuldet mit jrem rechen. 25, 12; muestens mit der haut bezalen, das si sich an christlichem glauben vergriffen und verschuldt haben. Aventinus
bair. chron. 2, 40, 4; (
sich) gröslich an iren gueten freunden verschulden. 439, 12; du weiszt, dasz die götter (sie redet als ein heydin hiemit) verzeichen denen, die sich gegen ihnen verschuldet haben. Kirchhof
wendunmut 4, 71
Österley; am glauben, das ist an Christo, hab ich mich verschuldet. Reiszner
Jerus. 2, 83
b; so schwer sich der pfalzgraf gegen das haus Oesterreich verschuldet hatte. Schiller
gesch. des dreiszigj. krieges 2.
buch (8, 114). 1@cc)
das part. verschuldet
auf personen bezogen kann '
schuldig, schuldbeladen'
bedeuten, doch ist diese anwendung in neuerer sprache ungewöhnlich, wo verschuldet
gewöhnlich in eingeengtem sinne ('
mit schulden belastet',
s. unten)
gebraucht wird: oder ist Admetus haus verschuldet, liegt ein geheimer fluch auf seinem kleinsten gut. Herder 28, 372
Suphan; die bankeruttirer sind nicht alle verschuldete schuldner. mancher von ihnen verlor nur deshalb, weil sein geist reger ist als der des philisters, der nichts wagt und deshalb immer gewinnt. Gutzkow
ritter v. geist 7, 386. fursculdit edo fortane sint,
rei sunt. Graff 6, 473; daʒ der vorschult mensch etwenne erlœset wirt ab dem gerihte, ainweder mit ainem guoten fürsprechen alder mit gâbe alder mit bet.
predigten hrsg. von Grieshaber 1, 60.
auf die sache bezogen, durch die man schuld auf sich lädt, formelhaft; die vorstellung der folge z. b. der sühne, strafe mischt sich oft ein, besonders bei unverschuldet,
s. unten 2,
b, ζ: dardurch dann das gantz Britanien inn dem glauben ist, ich lig umb verschuldte sachen hie in diser gefengknisz. Wickram 1, 135
Bolte-Scheel; er hat es auch mit offentlichen wunderzeichen bewisen, dasz beides, das glück wünschen und das segnen, darnach auch das fluchen und unglück wünschen, so ausz verschulter sachen geschieht, sein krafft und nachtruck haben. Gretter
erkl. d. ep. Pauli an die Römer (1566) 28. 1@dd) verschulden
transitiv in besonderer anwendung: betrübt also der frauen gdult, das sie jr händ mit plut verschuld (
ihre hände durch blutvergieszen in schuld bringen). Fischart 2, 100, 3788
Kurz. 22)
die vorstellung der zu erwartenden sühne ist unmittelbar mit der der begangenen that verknüpft: demereri, verschulden. Diefenbach
gloss. 172
c;
die unter 1
nachgewiesene anwendung des wortes berührt sich vielfach mit den hier unter 2
zu besprechenden gebrauchsweisen; die ältere sprache bewegt sich insofern freier, als sie auch die für den handelnden zu erwartenden guten und angenehmen folgen mit in den gebrauch von verschulden
hineinzieht, während die neuere ihn mehr und mehr auf die vorstellung der zu erwartenden sühne, busze, strafe einschränkt. 2@aa)
für thun und verhalten etwas gutes erwarten dürfen, es verdienen, dann mit weiterführung des gedankens: etwas gutes erwerben, erhalten, auf das man anspruch hat, oder auch zurückgreifend: etwas thun, wodurch man anspruch auf belohnung erwirbt (
vgl. die mhd. wörterbücher a. a. o.): lânt mit hulden mich den gruoʒ verschulden, der an friundes herzen lît. Walther v.
d. Vogelweide 14, 36; wol im, der verschulden kan ir senften umbevanc.
minnes. 2, 318
b Hagen; die gerne wolten mit ir kraft verschulden werder wîbe gruoʒ. Konrad v. Würzburg
troj. krieg 30547;
die zu erwartende belohnung ist durch einen satz mit daʒ
ausgedrückt: diu daʒ vērschulden künde, daʒ ir der apfel würde. 1580;
es wird näher bestimmt, um wen, um was man sich verdient gemacht, woher gute folge, belohnung zu erwarten ist: (
gott,) sende ir dînen süeʒen segen, daʒ hât si verschuldet gar wol gegen al der werlte gemeine.
minnes. 1, 11
a Hagen; unde eʒ hât der künec Artûs verschuldet umbe mich wol daʒ ich gerne ledegen sol mîne vrouwen sîn wîp. Hartmann v. Aue
Iwein 4641; dein steter diener ebigklîch sô wil ich sein, dû mynniklîch ... das hâstû wol verschuldet zbâr umb mich, durchleuchtigs freulîn klâr. Oswald v. Wolkenstein 34, 2, 13.
in der wendung umbe einen verschulden
kann sich die vorstellung des verdienens mit der des vergeltens eng verknüpfen, s. unten. reflexiv: sich wol umb einen verdienen, verschulden. Corvinus
fons lat. (1660) 397
b. 2@bb)
für sein verhalten, thun, etwas schlimmes, böse folge, strafe, sühne zu erwarten haben, nach recht empfangen, hinnehmen müssen, verdienen: den tod, den galgen, den bann verschulden. Kramer
dict. (1702) 2, 679
a; du hast es verschuldet,
hanc poenam commeritus est, hac castigatione dignus es. Frisch 2, 233
a. 2@b@aα)
die schon eingetretene oder zu erwartende sühne, strafe, üble folge ist durch einen accus., einen infinitiv, satz mit dasz
oder andere syntaktische mittel ausgedrückt: er thet sich sträfflich nennen ein sune gots, darumb den todt verschultet hat. Wackernagel
kirchenlied 2, 899
b (1117, 8); das leidt er willigkleichen und het es nye verschuldt. 905
b (1125, 6); du hast vor zweintzig jarn verschuldt das man dich lebendig het graben. H. Sachs
fastnachtsp. 1, 127, 92
neudruck; bey meinem ayd so sag ich frey, das er verschuldet hat den todt. 8, 23, 6
Keller-Götze; ein newer galgen starck und hoch, daran hieng man in, welcher doch ein herbern todt verschuldet hett. 430, 13; drumb hat sie wol verschult das fewr. 126, 6; was ein richter verschuldet hab, der einem sprech sein leben ab und tödten lasz auff blose sag. 121, 30; darumb du wol ain bus verschuldst. Fischart 2, 224, 363
Kurz; das bringet uns gross leid, und klag, und zwar wir habens wol verschuld. Rollenhagen
froschm. (1595) G 8
b; wir haben zorn und tod verschuldt, du zahlest uns mit lieb und huld. P. Gerhardt
s. 9, 59
Gödeke; o helfer, voller hohn und spott, den du doch nicht verschuldest.
s. 42, 7; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.
s. 50, 27; darumb sie den tod wol verschuldt hand.
d. städtechron. 5, 310, 26; darumb frisset der fluch das land, denn sie verschuldens die drinnen wonen.
Jes. 24, 6; sihe, die jenigen, so es nicht verschuldet hatten, den kelch zu trincken, müssen trincken.
Jer. 49, 12; wir haben nicht verschuldet unglücklich zu werden; aber auch nicht verdient zusammen glücklich zu sein. Göthe
wahlverw. 2, 14 (20, 368
Weim. ausg.); welches elend haben wir nicht verschuldet? Campe. 2@b@bβ)
die strafe steht im genitiv (
vgl. alts. giskuldian
mit dem gen. im Heliand)
; ebenso im sinne von vergelten mit dem gen., vgl. unten 3,
a: he ne breke den vrede unde ne sculde (verschulde) bannes.
Sachsensp. 1, 53, 4,
vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 439
a;
gestützt durch nit: o lieber son, leid mit gedult, ob du ir (
der marter) gleych nit hast verschuldt. H. Sachs 11, 111, 22. 2@b@gγ)
bezeichnung des verhaltens, der that, die die sühne, strafe, üble folge nach sich zieht: wâ mite verschulde ich ouch ir haʒ? Hartmann v. Aue
büchlein 1, 1235; o herre mit unsern sunden haben wirs verschult dasz du sulch burde uber uns so lange hast gedult. Schade
sat. u. pasqu. 1, 1, 15; (
wir juden sind) ein gespött aller völcker schar, zerstrewet hin und her in landen, gefangen in des keysers banden. durch sünd wir das verschuldet han, das wir Christum nit namen
an. H. Sachs 1, 172, 24
Keller-Götze; so wirt sich gott auch dein erbarmen, mit deinen sünden habn geduldt, darmit du die straff hast verschuldt. 11, 47, 4; der hat einen gott bettet ahn wieder dein küniglich mandat, darmit den todt verschuldet hat. 59, 19; ich hab den dot nienen mit verschuld, dan das ich mein fraw nie lieb hab gehabt. Pauli
schimpf u. ernst 108
Österley; das vergehen war allgemein, warum soll es die strafe nicht seyn? was die rebellen durch ihre thaten, haben die übrigen durch ihr unterlassen verschuldet. Schiller 7, 246.
mit an: waʒ touc ditz schelten unde dreun, ode war an verschult ich daʒ. Hartmann v. Aue
Iwein 6111. 2@b@dδ)
es ist näher bezeichnet, gegen wen oder was man sich so verhalten hat, dasz man strafe, übel als natürliche folge hinnehmen musz; an: das haben wir an unserm bruder verschuldet ... darumb kompt nun diese trübsal uber uns. 1
Mos. 42, 21; du gifftigs, böses thier, hab ich ein solchs verschuldt an dir? B. Waldis
Esop 1, 7, 16
Kurz du hetst an mir verschuldet wol, das ich dir schlüge die haut voll. 1, 8, 5;
um: er tuet den von Augsburg warlich ungüetlich und unrecht, sie hands umb sein fürstlich gnad nit verschuldt.
d. städtechron. 5, 326, 2; wo hab wir das verschüelt umb dich? H. Sachs 20, 182, 16
Keller-Götze; zu: wâ mite verschulde ich daʒ ze dir? ... mit unbescheidem muote. Hartmann v. Aue 1.
büchlein 1245. 2@b@eε)
das object (
sühne, üble folge)
ist zu ergänzen: wer nöthig ist, der hab gedult, gedenck dʒ er hab wol vor verschuld umb gott den ewigen schopffer. Wackernagel
kirchenlied 3, 179 (206, 14); wer bescheiden ist, musz dulden, und wer frech ist, der musz leiden, also wirst du gleich verschulden, ob du frech seist, ob bescheiden. Göthe 2, 284
Weim. ausg. 2@b@zζ)
das part. perf. auf strafe, sühne, üble folge bezogen bezeichnet sie als verdient: demeritum, verschult ding. Diefenbach 172
c; nun geh hernach gmach fusz für fusz und nimb ein dein verschuldte busz. H. Sachs 8, 355, 15
Keller-Götze. verschuldetes unglück ist weit schwerer zu tragen als unverschuldetes. Campe.
auf personen bezogen, insofern ihr verhalten als üble folge der verfehlung eines andern bezeichnet wird: die feinde des fürstlichen hauses mögen verschuldete sein. Gutzkow
ritter v. geist 1, 369.
besonders häufig ist unverschuldet (
s. dieses)
im sinne von '
nicht verdient'
in adverbialen wendungen, wobei die begriffe von ursache (
vgl. oben 1,
c)
und folge oft nicht zu scheiden sind (
unschuldiger, unverdienter weise); er hat unverschuldeter weise leiden müssen. Kramer
dict. (1702) 2, 679
b; einen unverschuldet dem tode übergeben,
immerito alicujus morti aliquem dedere. Steinbach 2, 523; voller wunden, welche si unverschulter weise zu vergeltung ihrer getreuen dienste empfangen hatten. Grimmelshausen
Simpl. 1, 217, 21
Kurz; vgl. mhd. wb. 2, 2, 190
a. 2@b@hη)
das wort verschulden
kann leicht die bedeutung von '
verwirken'
annehmen, wenn die strafe, sühne, üble folge in dem verlust eines gutes besteht; verschulden
und verwirken
verbunden: fragt sie desz urtheils, was der verschuldet unnd verwürcket, der das haupt der welt, den rö
m. keyser verwarloset ... hätte. Moscherosch
gesichte 2, 557 (1650). verschulden
allein in dem sinne '
von rechtswegen verlieren, verwirken'
: perdidit, farsculda Wadstein
kleinere alts. sprackdenkmäler 60, 24; die fore uns ubelo tâten presumptione longioris vitae, die fersculton sia. Notker
ps. 89, 9; spiritum prophetiae, den ich fore habeta, souuieo ih in nu fersculdet habe. 50, 13; das sie leib und guet verschuldt hetten.
d. städtechron. 5, 232, 7.
vgl. mhd wb. 2, 2, 189
b.
in neuerer sprache ist diese anwendung ungewöhnlich: jedermann, der nicht völlig damit einstimme, dasz geld verdienen besser und mehr werth sey, als alle gottesfurcht, anfahren, wie wenn man das leben verschuldet hätte. Pestalozzi
Lienh. u. Gertrud 2, 288 (1790). 2@b@thθ)
eigenthümlich im sinne von büszen: so hat er dieses vergehen mit einen langwirigen arrest verschulden mussen.
beleg von 1755
bei Diefenbach-Wülcker 566. 33)
sehr gewöhnlich ist in älterer sprache die anwendung von verschulden
im sinne von vergelten, die sich bis ins nhd. hinein erhält zuletzt noch in erstarrten formeln (
z. b. am schlusz von briefen, vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 439
a);
der gebrauch geht aus von der bedeutung '
verdienen' (
vgl. oben verdienen 2
sp. 223
und beschulden
th. 1,
sp. 1597),
mit der er sich in einzelnen wendungen (etwas um einen, gegen einen verschulden)
eng berührt; die empfangene wolthat, verschulden
braucht man in dieser beziehung nur in gutem sinne, wird durch gegenleistung zu einer verdienten. dabei kann sich die bedeutung des verbums verengen auf leistungen und gegenleistungen in geldeswert, so dasz der sinn wird: geliehenes wieder bezahlen, geschenktes vergüten. im dän. und schwed. hat sich diese bedeutung des verbums erhalten, dän. forskylde,
schwed. förskylla
bedeuten '
vergüten, vergütigen, vergelten'.
zu norw. forskylda,
gjengjœlde, vederlœgge bemerkt Aasen (
norsk ordbog unter dem wort): '
mest om en erstatning, som gives efter godtbefindende uden nogen aftale'.
nld. verschulden,
vetus, verghelden,
rependere. Kilian (1777) 2, 724
a;
für das ältere deutsch vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
b.
mhd. wb. 2, 2, 190
a. Lexer
mhd handwb. 3, 221 Schmeller 2, 403. 3@aa)
perpetrare, verschulden. Diefenbach
gloss. 429
a; es steht zu verschulden,
es ist zu vergelten. Schmeller
a. a. o.; er wird es reichlich verschulden,
fœnerato retribuet, officium cumulate reddet. Stieler 1941; ich wills wieder verschulden; gott verschulde euchs; es ist schon lang wieder verschuldet. Kramer
dict. (1702) 2, 679
a b; ich will es wieder verschulden,
hoc compensabo. Steinbach 2, 523; verschulden, wieder vergelten,
referre, compensare Frisch 2, 233
a; verschulden, '
vergelten, in welchem verstande auch verdienen
ehedem gebraucht wurde; eine nur noch hin und wieder im gemeinen leben übliche bedeutung'. Adelung. er hieʒ iu sagen wie erʒ verschulden welle. Walther v.
d. Vogelweide 12, 14; wand er daʒ wol verschulden kan. Hartmann v. Aue
Greg. 2241; daʒ triuwe ich wol verschulden. Frauenlob 155, 6; dat men jo guder dât gehoge unde vorschulde als men moge. Gerhard v. Minden 23, 64
Seelmann; mochte ich juwe golt vorschulden, dat ik bleve bi juwen hulden, dat wete got van himmelrike, dat ik dat neme sekerlike.
Flos unde Blankflos 837; gnedige fraw, wie kan ich das verschulden? H. Sachs 20, 83, 9
Keller-Götze; schickt jm dabey ein ungrisch glden, damit sein mhe jm solt verschlden. B. Waldis
Esop 4, 23, 16
Kurz; wie kündt ich verschulden die gnad? mein sohn nichts mehr zu eigen hat und ist nicht wert eins königs kindt, Ayrer 1, 22120
Keller; wills wider verschulden in nächsten tagen. Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 421, 181; er sprach, jr nachtbarn tragt gedult, ich es bald widermb verschuld, wils besser machn das solt jr sehen. Eyering
sprichw. 2, 78 (1601); drum bin ich hertzlich gern zu deinem gastmahl kommen, verschuld' auch solche gunst, so viel ich immer kan. Rist
Parnasz (1668) 719; und kOenen de arbeit wol verschlden, wen se dem drücker besalen einen glden. Lauremberg
scherzged. 4, 123
neudruck; woldat nicht vorschuldene.
mnd. katechismus (
zeitschr. f. d. phil. 13, 22); ich bevele dy mine frunde, der ick noch erer woldat genete, welck ick nycht kan vorschulden noch betalen.
beleg bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
b; (
object im gen., vgl. oben 2,
b, β und unten unter b H Sachs 8, 270, 31): wiewohl ich zu gering bin solches fleiszes e.
f. g. demüthig zu verschulden. Luther
briefe 1, 518; die staffeln der danckbarkeit sind: die wol-(gut-)that erkennen. rühmen, vergelten (verschulden). Comenius
sprachenth. übers. von Docemius (1657) 877; ja ich thät unmügliche promessen, alles wie meine schuldigkeit erfordere, wieder danckbarlich zu verschulden. Grimmelshausen
Simpl. 1, 138, 30
Kurz; das ich solches zuverschulden mittel und wege suchen wolle. Butschky
hochd. kanzelley 119; ich habe mich davor um desto mehr zu bedanken, indehm ichs nicht verdinet: auch nicht zur verschulden weis. 170;
schluszformel: so wir auch allerseits bestens zu verschulden erbötig seyn. 590. bin solches jederzeit zu verschulden willig und erbietig. Bachel
sat. gedichte 4. 3@bb)
nähere angabe, wem man sich verpflichtet fühlt; um (
oft berühren sich hier die vorstellungen des verdienens und des vergeltens): ich vürhte sêre, und ist mîn klage, daʒ mir des guotes oder der tage ode beider zerinne ê ich die grôʒen minne ze rehte umb iuch verschulden müge alz eʒ den dieneste tüge den ir mir nû habt getâ
n. Hartmann v. Aue
Iwein 7985; vil gerne wil ich immer daʒ umb iuch verschulden unz ich lebe.
Erec 6208; unser wirdige frau sol dankperleich es weiter umb euer genad verschulden.
fastn. sp. 1, 190, 13; darnoch, so kumet der wihenahtobent, das erber lüte zuo hantgift gobent, einig latwerige, einig lebekuochen und beginnent balde herfürher suochen eime ein par hosen, eime zehen guldin, ders hernoch mag umb in verschulden. Konrad Dangkrotzheim
das heil. namenb. 384; wie kan ich das verschulden immer umb ewer fürstliche genad solcher hoher ehern, ampt und grad, der ich doch nie begeret hett? H. Sachs 8, 270, 31
Keller-Götze (
hier steht object-accus. und genit. neben einander, genit. allein ist unter a aus Luther
belegt); nun redt ain rat mit im gar güetlich und pat in, von seinem unwillen zu lassen und (dasz er) also bei in belib, des wolten arm und reich umb in verschulden.
d. städtechron. 5, 203, 3; er wolle das um ihn und seine kinder gern verschulden.
beleg bei Schmeller 2, 403; so wolle er solchs in aller brüderlichen treuw umb mich und meine kinder verschulden. Thurneisser
nothgedr. ausschreiben (1584) 2, 115; da ichs um dich nicht zu verschulden weisz. Grimmelshausen
Simpl. 1, 315, 14
Kurz; um e. gräfl. gn. werde ich solches wi schuldig, also willigst mit gebührenden dinsten, aller mögligkeit zu verschulden mich befleissen (
schluszformel). Butschky
hochd. kanzelley 907; solches wil ich um dich und di deinigen hinwider möglichst gern verschulden. 592; ich kan es um dich nicht wieder verschulden,
merita tua non assequor. Stieler 1941.
gegen: und ob esz immermer gegen im zu verschulten kom, so wolt er sein nit vergessen.
d. städtechron. 3, 413, 6; wolt em ein gantzer rat genediglich gen mir verschulden. 10, 378, 11; und wo mit ichs gegen eim jglichen zu verschulden weis, bin ich stets willig und bereit. Luther 5, 484
b; können wir es gegen die herren landsleute wiederumb verschulden, werden wir es nicht ermangeln lassen. Schoch
studentenleben H 4
a (1657).
wider: wîe ichʒ verschulde wider in. Hartmann v. Aue
d. arme Heinrich 1486.
andere wendungen s. bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 438
b.
zuden bisher angeführten belegen, in denen das mittel der vergeltung, die gegenleistung durch mit angeknüpft ist, vgl. noch: ouch kunden si mit dienste daʒ wol verschulden zwâre. Konrad v. Würzburg
Engelhard 661; dat wolde he vorschulden twâr mit sulvere unde mit golde klâr.
Flos unde Blankflos 684; der greve bleif in sinen hulden der it mit schatze kunde verschulden.
d. städtechron. 12, 60, 1369 (Hagen
chron. v. Köln); mit neid der neidig thet verschulden, das jm der geitzig wünscht viel gulden. B. Waldis
Esop 2, 6, 29
Kurz; das wil ich stets mit trew und hulden gegen euch und die ewrn verschulden. 2, 57, 6; bin auch widerumb gantz willig und bereit e. l. solchs mit danck zu verschulden. Luther 1, 100
b; wormit ichs wüszte zu verschulden, bin ich willig und bereit.
briefe 4, 437; ich verschulde alles mit meinen diensten bisz aufs blut. verbleibend
etc. Weise
die drei klügsten leute 107 (1679); einen dienst mit einem gegendienst verschulden. Kramer
dict. (1702) 2, 679
a. 44)
in den bisher behandelten gebrauchsweisen des verbums verschulden
hat es sich um gute oder böse folgen gehandelt, die den verschuldenden selbst, ihn allein oder doch in erster linie treffen, die neuere sprache verwendet aber das wort auch in anderem sinne: veranlassung geben, die veranlassung sein, dasz andere ein übel, etwas unangenehmes trifft, oder dasz etwas objectiv-übles eintritt; das wort kommt hier nur in schlimmer meinung vor, aber es braucht sich nicht nur auf schweres übel zu beziehen, so kann man sagen: du hast es verschuldet, dasz ich heute zu spät zum essen gekommen bin;
mit dem accusativ: hübsch freundlich muszt du mit ihm umgehen, sonst stellt er die mühle und du verschuldest eine grosze mehlnot im lande. Anzengruber 2, 88 (1897); jenes apfels leichtsinnig augenblicklicher genusz hat aller welt unendlich weh verschuldet. Göthe
die natürl. tochter 4, 2 (10, 335
Weim. ausg.).
vgl. verschulden,
n. 55) einen verschulden
kann heiszen ihn verpflichten zu einer verbindlichkeit, so mhd. in folgender stelle: mich hât der künec verschuldet wol daʒ ich im îmmer wesen sol mînes muotes undertâ
n. Hartmann v. Aue
Erec 4960.
das wort wird dann eingeengt auf die verpflichtung, die durch ein empfangenes darlehen entsteht; wenn das part. verschuldet
in dieser engeren bedeutung im nhd. gebraucht wird, so ist dabei stets eine durch das präfix ver-
bewirkte verschlimmerung des sinnes vorhanden, verschuldet
heiszt, mit schulden überlastet; ein verschuldeter baron;
es kann sich auch auf güter beziehen, insofern sie für die schuldenlast haften: ein verschuldetes landgut
u. ä.; das verbum selbst im sinne von '
mit schulden belasten'
ist seltener: Cajus hat seine güter sehr verschuldet. Adelung; er hatte einen verschuldeten staat, ein elendes volk, und eine ewige fastnacht am hof gefunden. Pestalozzi
Lienh. u. Gertrud 2, 217 (1790); setzen einen verwalter über die verschuldeten häuser und güter. Gutzkow
ritter v. geist 1, 138;
von dieser im nhd. gewöhnlichen bedeutung des part. verschuldet
aus kann wieder eine allgemeinere anwendung sich entwickeln: thut nicht mein pferd sein bestes, werd' ich der nacht verschuldet werden müssen, für eine dunkle stunde, oder zween. Schiller
Macbeth 3, 2;
hier noch im engen anschlusz an die gewöhnliche bedeutung (
I must become a borrower of the night);
freier: denn ich bin euch mit jedem dank verschuldet. Beer
die bräute von Arragonien 25. verschuldet
auf die gegenleistung bezogen im sinne von fällig: (
zins soll man einfordern) to thiden, wan he vorsculd is.
beleg bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 439
a.