verschmachten,
verb. schmachtend, d. h. in sehnsucht nach etwas zu grunde gehen. im ältern deutsch läszt sich, wenn auch selten, das zeitwort nachweisen; es sind hauptsächlich md. quellen, die es bringen, so z. b. Nicol. v. Jeroschin: nû wâren si alsô gar vorsmaht (
fame deficientes). 83
d (
Pfeiffer 260); alsus lach Tytus alvurwâr vor Jerusalem zwei jâr, er stifte roub unde brant .. zu iungest nam er uberhant, wande daʒ volc was versmacht (: cracht).
pass. 276, 20
Hahn. so scheint uns das wort mehr nach Niederdeutschland zu weisen, und obwol im mnd. wörterb. keine belege für die intrans. bedeutung sind, so kommt in den kölnischen erzählungen (Frommann 3, 53) versmaichden
ganz in unserer bedeutung vor. das wort geht auf altes smaht, das schmachten,
hoher grad von hunger und durst zurück, schmachten,
eigentlich starken hunger oder durst aushalten, bei verschmachten
hat die vorsilbe ver
den begriff noch verstärkt, bis zum nachlassen der kräfte ausstehen. nebenform verschmachen: darinnen sie verschmachen, in wee und unglück achen. H. Sachs 1, 458; auszdorren und verschmachen. 1, 462. 11)
sinnlich: die sie da verhindern oder antasten, so da nahrung und andere notturft dem römischen hofe zuführen (
dazu das marginale: das der bauch nicht verschmachte). Luther 2, 53
b; und vorschmachten als die vorwunten auff der straszen der stadt und gaben den geist auff ym schosz yhrer mutter.
adel 72
neudr.; aber die augen der gottlosen werden verschmachten und werden nicht entrinnen mögen, denn jre hoffnung wird jrer seelen feilen.
Hiob 11, 20; ich greme mich, das mir das hertz verschmacht, stercke mich nach deinem wort.
psalm 119, 28; deine kinder waren verschmacht, sie lagen auff allen gassen, wie ein verstrickter waldochse.
Jes. 51, 20; so uns doch gott in ihre hände gegeben hat, und müssen vor ihren augen vor durst verschmachten.
Jud. 7, 14; zur zeit, wenn sie die hitze drücken wird, werden sie verschmachten.
Hiob 6, 17; und da er das volck sahe, jamert jn desselbigen, denn sie waren verschmacht und zurstrewet, wie die schafe, die keinen hirten haben.
Matth. 9, 36; und Jhesus rieff seine jünger zu sich und sprach: es jamert mich des volcks ... und ich wil sie nicht ungessen von mir lassen, auff das sie nicht verschmachten auff dem wege. 15, 32; sie vergehen, wie eine schnecke verschmachtet.
ps. 58, 9; jre seele verschmachtet. 107, 5; was auff dem berge Libanon blühet, verschmacht.
Nah. 1, 4; was da stirbt, das sterbe, was verschmacht, das verschmachte.
Zach. 11, 9; das land Egypten und Canaan verschmachten fur thewrung.
1 Mos. 47, 13; wenn ich sie ungeessen von mir heim liesze gehen, würden sie auff dem wege verschmachten.
Marc. 8, 3; ward auch fro, wolt er nicht gar verschmachten, dasz er der sauren birn .. wischt und seinen magen möcht etwas stillen. Kirchhof
wendunm. 4, 330
Österley; verschmachten und verzappeln. Neander
menschenspiegel 112; unangesehen der arme Lazarus, den man damit hätte laben können in gestalt vieler 100 vertriebenen Wetterauer, denen der hunger zu den augen herauszguckte, vor unsern thüren verschmachtete, weil naut im schanck war (
weil nichts ausgeschenkt wurde).
Simpl. 1, 103, 26; die finstere nachteule mag in einem dunkelen gefängnisse verschmachten. Weise
Macchiavelli (1724) 6;
Hegio. wer redt hier?
Ergasilus. ich, den deine betrübnisz ganz abmergelt, ich veralte, verschmachte und verschwinde darüber. Lessing 3, 35; aus durst verschmachten. Klinger 5, 27; sein ansehn war sehr ungestalt und arg, man sah ihn fast für qual und pein verschmachten, dasz auch viel volck sein antlitz für ihm barg und wolte nicht im minsten seiner achten. Opitz 3, 116; wie seelig, der fürs heil des vaterlands verschmachtet. Lohenstein
Sophon. 13, 400; ja ich verschmachtete schier in der stäubenden dürre des sommers. Voss
id. 2, 60; wie wenn dein Jason .. heimlichen giftes voll, und von des todes eisernem arm gestreckt an deinem busen langsam verschmachtete? Gotter 2, 494; o hätte nie die sonn euch angelächelt! wär ich im kampfe der gebährerin verschmachtet! 2, 496;
part.: da sangen sie weiter das hohe lied, verhungert, verschmachtend in not und weh.
lieder zu schutz und trutz 101, 195; sind auch mir, als einem verschmachten, hungerigem schaf, das lange der weide gedarbet, die schrifft der rechten hirten, die Christus jtzund in diesen fehrlichen zeiten, seine schaf die durch die miedlingen verseumet, verhungert und verschmacht, dem wolffe in rachen gejaget, wider zu erretten, erwelet, fürkomen. Luther 2, 383
b; das evangelium ... verkündiget, das gott seinen einigen son uns armen sündern geschenckt habe, das er sol unser hirte sein, der uns verschmachte, verlorne und zerstrewte schafe wider suchte. 6, 343
a; meine gebeine sind verschmacht.
ps. 31, 11; so fur durst verschmacht waren.
richt. 16, 13; die fremden kinder sind verschmachtet.
2 Sam. 22, 46; verschmachtete augen. 5
Mos. 28, 65; frawen und jungkfraw seuffzet weinen, dergleich die seugling und die kleinen ligen verschmachtet in den gassen. H. Sachs 3, 1, 142 (11, 24, 19
Keller); manchmal ist hoffahrt und verachten, an statt herrlichen kost und trachten, gestrafft mit hunger und verschmachten. Kirchhof
wendunm. 4, 330
Österley; mein hertz ist wund und matt, wie ein verschmachter halm, der nicht mehr nahrung hat. P. Fleming 22; wie er (
Jacob) sagt, das er tag und nacht keine ruhe gehabt hat, für hitze und frost verschmachtet sey, das ist seine legende. Luther 4, 172; Sanct Christoffel, der ihn (
Christum) nur uber das wasser oder bach getragen: hette er ihn als oft hin und wider geketschet, als ihr heut davon geschwetzt, so were es lang zeit, dasz er nun zu morgens äsz, er solt doch gar nahe verschmachtet sein. Frey
gartenges. 66
c. 81;
substant.: er zog aus seiner kutte eine korbflasche, die er dem verschmachtenden an den mund setzte. Gutzkow
ritter v. geist 6, 140. 22)
übertragen auf andere gattungen von sehnsucht: damit er (
der teufel) die christen gerne wolt bringen, entweder zu misglauben oder verzweivelung, und jnen das leben so sauer machet, das sie für trawrigkeit möchten verschmachten. Luther 7, 129
b; er (
der teufel) ist ein solcher geist, den on unterlas dürstet nach unsern threnen und blutstropffen vom hertzen, das wir fur trawrigkeit verzagen und verschmachten sollen. das were sein lust und freude. 7, 158 (
randbemerkung); der teufel gehet damit um, das wir fur schwermut und groszen engsten verschmachten sollen.
ebenda; wo keine belohnung ist der tugend, daselbst ist kein antrieb zur tugend, wo kein antrieb zur tugend ist, da ist kein streit umb die tugend, wo kein streit umb die tugend ist, da verschmachtet dieselbe. Schuppius 712; elender! und auch wie beneide ich deinen trübsinn, die verwirrung deiner sinne, in der du verschmachtest. Göthe 16, 138; wenn mir verschmacht gleich seel und leib, dein hülff und sterck stets bey mir bleib. Wackernagel
kirchenl. 3, 204; verzag nicht, sehl, verschmacht nicht, o mein hertz! Weckherlin 328; wie dann es wird der gerechten tausendmal tausenden seyn: so war es der kleineren schar jetzt, die an dem grabe des herrn, vor hoffen und vor erwarten dessen, das kommen sollte, verschmachtet war. Klopstock
Mess. 13, 684; erwartung foltert mich — vor angst verschmacht ich fast. Gotter 2, 152; die bittere qualität waltet in dem corpus als ein verschmachtetes gift. J. Böhme
Aurora (
Stuttgart 1835) 122;
partic.: noch dieser zustand sträubt mein haar, er ist der gipfel der gefahr, den schon des todes schatten decken; wo unser geist durch nichts erfrischt, verschmachtend in sich selbst erlischt. Gotter 1, 224.