verschlafen,
verb. durch schlafen versäumen, mhd. verslâfen,
ahd. farslâfan (Graff 6, 801),
mnd. verslapen,
starkes zeitwort. 11)
ursprüngliche, sinnliche bedeutung: also kan ein megdlin ja so viel zeit haben, das des tages eine stunde zur schule gehe, und dennoch seines gescheffts im hause wol warte, verschleffts und vertantzet und verspielet es doch wol mehr zeit. Luther 2, 478; die lieben kirchthurm cimbaln halten für uns wacht und superintendiren, wir verschlieffens sonst offt.
Garg. 299 (1590); um des minder verschlieff der mönch die mitternacht nit, also gar war er der mettenstund gewont. 486 (1590); aber ich verschlieff darum die rechte zeit nicht, sondern als mitternacht vorhanden, gehub ich mich gar übel im bett.
Simpl. 4, 70, 6
Kurz; ich dachte, mein Six, wir würden verschlafen haben, so sehe ich wol, wir kommen noch zur zeit genug. Schoch
studentenl. C; und nach diesem schönen seegen wolte er auch nicht die arbeit vergessen, sondern stäuberte das gesinde ausz den federn, damit sie bei leibe nicht die güldene morgenstunde verschlaffen möchten. Selaminthes
närrischer u. doch beliebter Cupido (1713) 10; für sich im stillen mögen sie wohl allenfalls manche flasche wein ausgetrunken und manche schöne stunde des tages verschlafen haben, fiel Luise ihm ein. Göthe 15, 107; lange oder ... viel schlafen ist freilich eben so viel ersparnisz am ungemache, was überhaupt das leben im wachen unvermeidlich bei sich führt, und es ist wunderlich genug, sich ein langes leben zu wünschen, um es grösztentheils zu verschlafen. Kant 1, 303; Hedemann, dasz wir morgen früh nur die zeit nicht verschlafen! Gutzkow
zaub. v. Rom 2, 95; Sepp hatte nicht nur die schrecken der nacht verschlafen, wie kinder ein gewitter. Felder
sonderl. 2, 273; ich weisz nicht recht wie ich die nacht und den folgenden tag zugebracht habe .. ich glaube ich habe sie verschlafen. Heyse
werke 7, 151; ich will mich lieber hier in meine höhle verkriechen, mein armseliges leben zu verbrüten und zu verschlafen.
buch d. freundsch. 223; aber sie verschlief mit dem leichtsinn ihrer 18 jahre alles, was sie quälte.
Meraner novellen 366; Uli ist noch ganz aufbegehrisch gewesen, hatte den rausch noch nicht verschlafen. Gotthelf
werke 2, 6; versuchen, ob ich mir meine kopfschmerzen verschlafen kann. Spielhagen 18, 41; hir diesem schlaf ligt er gesenket; des wercks er wol hernach gedencket, ob er gleich ietzund das verschlefft. H. Sachs 1, 3 (1, 27
Keller); kein mensch hat im (
dem feinde) thon widerstandt, die wechter verschlieffens allsandt, das diser groszer schadt ist geschehen. 3, 1, 150 (11, 55, 25
Keller); ich zu nacht itzund entwehn dein mönch, dasz sie spät schlafen gehn, faulentzen alsdenn in den betten, verschlefft er drüber oft die metten. Fischart
dicht. 1, 220 3478; nun zu bett, verschlaft, vergeszt, was wir gesprochen. Alexis
Dorothee 2, 38; sie verschläft des bräutigams ankunft. Voss
Luise 88; laszt mich meinen rausch verschlafen. Rückert
werke 4, 88;
part. prät.: es thut mir leid, dasz die reize des morgens schon oft beschrieben, sonst wolte ich ihnen diesen morgen ... malen. hier bereute ich so viel verschlafne morgenstunden.
Sophiens reise 1, 32. verschlafen
wird auch adjectivisch gebraucht; zunächst ist verschlafen,
der zu lange geschlafen hat und dann durch dieses schlafen sich wachend noch nicht recht zurecht finden kann, überhaupt durch den schlaf beeinfluszt: da, so halb verschlafen, nahm ich das oberste buch vom tische. Heyse
kinder d. welt4 1, 70; von einem verschlafenen kellner im öden wartesaale hörte Leo, dasz .. Spielhagen
werke 17, 47; bleibt hier, war der befehl, bleibt, betet wacht und steht; wer dieses nicht bedenkt mag nur von Christo scheiden, denn kein verschlafener wird unter ihm erhöht. Chr. Gryphius
poet. wälder 1, 334; mir lähmts die zung', die worte wollen wie verschlafne kinder nicht ans licht. Kleist 1, 43; seine tugendwächter von schmerz berauscht, verschlafen an der pforte. Lenau
Faust 44; wie verschlafne bajaderen schaun die berge, stehen fröstelnd in den weiszen nebelhemden die der morgenwind bewegt. H. Heine 17, 46; die leute waren halb verschlafen, hatten kaum gewuszt, was sie abluden. Gutzkow
ritter v. geist 1, 113;
selten von sachen: er rieb sich die augen. 'dummes zeug' sagte er, 'es war am ende nur eine verschlafene einbildung'. Freytag
verl. handschr. 2, 375 (1883). 22)
durch schlafen verlieren: Samson schlief bei Delila und verschlief sein haar und stärcke, solcher schlaf bringt auch noch heute solche beut und solch gemercke. Logau 3, 66, 52 (500
Eitner). 33) verschlafen,
in übertragener bedeutung '
versäumen'.
ohne object: ach! antwortete Lucifer, ach, ach wir haben allesamt verschlaffen und durch unsre eigene faulheit zugelassen, dasz das terna malorum unser liebstes gewächs .. aus den teutschen gräntzen gereutet .. wird!
Simpl. 2, 129, 22
Kurz; mit folgendem accusativ: noch verschlieff der herr sein fürsorg nie an jn. S.
Frank chron. 57; dann weil ich sahe, dasz meine göttel mehr aus den immen an wax und honig vorschlug als mein weib hiebevor aus rind viehe, schweinen und anderm eroberte, konnte ich mir leichte einbilden, dasz sie im übrigen nichts verschlaffen würde.
Simpl. 2, 45, 11; manch werck, das schauenswürdig ist, verschlaffen und versäumen. Chr. Weise
kl. leute 363; gleichwohl schien es auch nicht rathsam seine zeitliche wohlfahrt also zu verschlaffen.
erzn. 30; glückt es uns mit den erfindungen, so verläszt uns doch zuweilen der geist der lebhaftigkeit .. wenn wir sie ausführen .. wollen .. bald verschlafen wir mitten in der arbeit die gelegenheiten zu guten einfällen und zierrathen und bald suchen wir sie gar zu mühsam auf. Gellert
fabeln 2, IV (1767); es gab noch später patricier, welche die zeit verschlafen hatten und in ihren träumen von dem groszen Q. Fabius forderten, dasz er den plebejischen bewerber verdränge. Niebuhr 3, 81; desgleichen warne ich (
der hahn) in gen dem tag das er bei zeit entrinnen mag, der mancher sunst die schanz verschlif, wenn ich im nit so treulich aufrief.
fastnachtssp. 377, 1; Sodome und Gomorre straff, ain yeder weyser nit verschlaff. Schwartzenberg 101, 2; darumb jn gott gar schwerlich strafft, ir hohen ständ sölchs nit verschlafft. 108, 1; auch Lucifers und Adams straff mit rechter merkung nit verschlaf. 157, 2; das ist der riese, frag' ich mehr? verschlafen hab ich sieg und ehr, drum musz ich ewig trauern. Uhland 361 (1834). 44)
ohne nähere bezeichnung: wolan wenn gott den bischoff lest verschlaffn, ihn nit thut umb das übel straffn, so musz ich selbst bekennen frey, dasz gott zu viel langmütig sey. Ayrer O 123
a (1, 620
Keller). 55)
im schlafe tödten: ein kind verschlafen,
zu tode drücken. Hupel (
Esthland) 248.