unverschämt,
part. adj. adv. zu verschämen 2
b. gleichsetzung von verschämt (
th. 12, 1056 verschämen 2
a)
mit u.
ist nur bei äuszerlicher betrachtung möglich; in der that gehört verschämt 2
a zu 3 (
pudorem abjicere)
und entspricht ausgeschämt Staub-Tobler 8, 759. unverschämentlich, -schämig, -schämlich
sind zu gunsten von u.
veraltet. erst im spätern mhd. unverschamet;
mnd. unvorschemet;
mnl. onverschaemt;
nl. (
als germanismus) onverschaamd;
dän. uforskammet;
schwed. oförskämd,
umlautlos noch z. b. discourse der mahlern 2, 45.
vgl.ungeschämt.
für insolent Spanutius, Campe;
für effronté, effrontirt Kinderling, Campe. aa)
ohne scheu: angesehen die groszen schand, so wir bishar unverschamt über uns habend lassen gon Zwingli
d. schr. 1, 48; Ringwaldt
evangelia D 7
a;
confidens Frisius 291
a;
rückhaltlos, unerschrocken Eyering 1, 179; es ist ein anzeigung eines unverschämten, sicheren gemütes Opitz
poeterei 23
ndr. veraltet. bb)
ohne scham in bezug auf geschlechtliche ehrbarkeit, wohlanständigkeit, sittlichkeit; Staub-Tobler 8, 760;
obscoenus Frisius 895
a: und (
d. hure) erwisschet in und küsset in unverschampt
spr. Salom. 7, 13; behüte mich fur unverschampten hertzen
Sirach 23, 6; ein unverschampte nun, münch oder pfaff, so sie zuo der unee sitzen und kinder machen, mit einem hie, mit dem andern dort Gebwyler
beschirmung des lobs Mariä (1523) 34
a; ein unverschampte, wste hur Fischart
bienenkorb (1588) 32
a; Petri Y 5
b; T t 7
a;
Susanna seye sola cum solo mit einem unverschämten buhler in der grüne ertapt Abr. a
s. Clara
merks Wien (1680) 85; El. Charl. v. Orleans 4, 178
H.; Lichtwer
fabeln (1748) 49; die dirne, die landstreichend unverschämte! H. v. Kleist 2, 252
Schm.; das weibliche geschlecht (
Turkestans) ist ganz u., an jedem orte giebt es sich preis Ritter
erdkunde 7, 436; ich mag mich mit keinem feigenblatt inkomodiren, ich bin der unverschämteste kerl der welt Bettine
Günderode 2, 45. solchen unverschampten sinn
b. d. liebe (1587) 355
a, übung Stumpf
Schweizerchron. 9
a, geilheit Prätorius
Blockesberges verrichtung 57.
von thieren Heyden
Plinius (1565) 126.
dichterisch vom licht Hebbel I 1, 143
W.; 1, 67
W. cc)
im fordern u. nehmen; '
die billige und wohlanständige genügsamkeit in hohem grade verletzend' Adelung: unvorschampt fodern Luther
adel 37
ndr.; nieman stellet unverschamter nach rychtagen dann alle kutten und platten Zwingli
d. schr. 1, 331; sey unverschampt genuog Scheit
Grobianus zu 2545
f. ndr.; u. wuchern Ringwaldt
christl. warnung A 5
b; sie ... dise latwerg ... für ire falsche, unverschempte (u.
teuere?) bittere entzianlatwergen verkauften Ryff
confectb. (1548) 55
a; die grosze, unverschamete geitzigkeit Schütz
historia rer. pruss. (1592) 2, L 4
a; unverschämte forderungen, preise (
vgl. a) Göthe IV 27, 112
W.; IV 37, 203
W.; betrug A. v. Arnim 7, 16
Gr.; der prinz weiset den vorschlag als u. zurück Holtei
erz. schr. 1, 68; H. v. Barth
Kalkalpen 531; die einheimischen würden immer unverschämter in ihren forderungen v. Polenz
Grabenhäger 1, 40. u. wie eine fliege Wander 4, 1488, wie ein metzgerhund Staub-Tobler 8, 760.
in der spr. volksthümlicher höflichkeit sagt man bei annahme einer einladung, belohnung, einer dargebotenen erfrischung: so will ich so u. (
frei) sin Staub-Tobler
a. a. o.; Fischer
schwäb. wb. 6, 269. dd)
allgemein; perfrico frontem vel faciem, pudorem exuo, pudet nihil bin unverschembt Alberus (1540) 24
b;
pudorem deponere alle scham verlieren, unverschampt werden, sich verschämen Frisius 392
b.
α)
von personen: unverschampte buben Luther 18, 255
W. (Lexer 2, 1961), leute J. Agricola
sprichw. (1534) S a 2
b, gast
griech. dramen 1, 127
Dähnhardt, bösewicht Dedekind
papista conversus (1596) C 5
b, gesellen Guarinonius
greuel (1610) 931, kerl Schoch
stud. leben (1657) G 6
b, bettler Herder 3, 219
S., naseweis Göthe 2, 207
W.; einer der unverschämtesten charlatans Hufeland
kunst d. m. leben zu verlängern 14.
beliebt als schimpf und rüge; els. wb. 2, 413
b; Pansner 74
b; yhr unverschempte federleser Carlstadt
von bepstlicher heilickeit (1520) C 2
b; du unverschembter mensch, lötsch, schandtvogel, schlüffel, ruffianer, flegel, schlingel, beamtenpack
u. dgl. Boltz
Terenz (1539) 41
a; H. Sachs 17, 109, 21
G.; 9, 149, 15
K.; 21, 37, 21
G.; Amadis 1, 76
K.; Stranitzky
ollapatrida 103
Wiener ndr.; Meisl
theatr. quodlibet 4, 10; G. Hauptmann
einsame menschen 73.
substantiviert: vil weiszes in augen ist eins unverschammten zeychen Eppendorf
Plinius (1543) 231; D. v.
d. Werder
ras. Roland 25; ein unverschämter kann bescheiden aussehen, wenn er will, aber kein bescheidener u. Lichtenberg
verm. schr. (1800
ff.) 1, 208; unverschämter! ... wer heiszt dich horchen! Göthe 23, 308
W.; Schiller 12, 523
G.; bruder Unverschämt, Hans U., meister U. Lessing 3, 421
M.; Fr. L. Schröder 3, 33; Höfer
aus d. w. welt (1861) 1, 113; nichts unverschämters Gottschedin
briefe 3, 200; jener befahl ihm zu schweigen, wobei ein u. hörbar wurde Holtei
erz. schr. 2, 156; es sey keinr als unverschampt, das einr dem andern greif ins ampt Alberus
fabeln 205
ndr.; wann nur eine (
kunst) mir wolt ein, nämlich unverschämt zu seyn Logau 158
E.; S.
Dach 786
Ö.; er musz so u. werden, und die höchsten potentaten ... beschuldigen Chr. Weise
polit. redner (1677) 154; es kann doch niemand so u. seyn, ein buch herauszugeben, um ... Nicolai
Nothanker 1, 88; Göthe II 2, 282
W.; war er denn u. gegen deine dame? Storm (1899) 2, 131.
sprichwörtlich: je ungelehrter, je unverschampter Fischart
d. gelehrten die verkehrten 337
K.; der grob ... hat ein hülzin angesicht, ist unverschamet Lehmann
florileg. 1, 373.
β)
von nichtpersönlichem: unverschampte lugen, stirn, maul, triegerey, bracht, verdechtnusz, tadelsucht, wendung, anklage, groszsprecherei, betteley, ton, anspielung, offenherzigkeit
u. s. w. Luther 23, 80
W.; 28, 343
W.; 8, 487
W.; 32, 430
W.; Hutten 3, 456
B.; Carbach
Livius 245
a; Lessing 17, 112
M.; 8, 58
M.; Gellert 3, 78; Kant 3, 330
ak. ausg.; Nicolai
reise 2, 341; Laukhard
leben 2, 180; Holtei
erz. schr. 4, 89; Mommsen
röm. gesch. 2, 388; die beste, unverschämteste lunge J. G. Forster 8, 53; die gestohlenen rosen lieszen ihr verwettert gut zu ihrem feinen, unverschämten (
kecken) stumpfnäschen Storm (1899) 3, 97. fliege Brockes
ird. vergnügen 4, 35; sonne Spee
tugendb. 277; syntemal der neyd und geytz so grob unverschampt hie ist Luther 15, 307
W.; hoffnung ist unverschembt und blind Friedr. Wilhelm
sprichw. register (1577) D y
β; Deutschland in beziehung auf musik arm zu nennen, fand ich nur u., weil es kein gröberes wort giebt als u. Börne 5, 4.
γ)
adv.: u. antworten, leren, geifern, antasten, vorgeben, prahlen, wiederholen, sich hervordrängen, anglotzen
u. s. w. Steinhöwel
Äsop 256
Ö.; Luther 23, 358
W.; 28, 102
W.; Sattler
phraseologey (1631) 383;
Königsberger dichterkreis 256
ndr.; Gottsched
ged. 1, 427; Geszner 2, 57; Tieck (1828) 1, 88; Ebner-Eschenbach 4, 206.
vgl. unverschämter weise Hulsius (1618) 2, 313
b; auf die unverschämteste weise J. G. Forster 7, 283; auf eine ... unverschämte art J. J. Schwabe
belustigungen 1, 177. ee)
steigernd: Staub-Tobler 8, 761
f.; obers. wb. 2, 602
a.
vgl. Hugo v. Langenstein
Martina 197
c, 69
K.: das unverschämteste glück Nestroy 5, 230; unverschämte glückspilze Schiller 14, 192
G.; unverschämte kühnheit Meinecke
Boyen 1, 372. zwei tafeln, u. beladen Müllner 5, 131; nur ein dichter ist so u. galant (
in verbindung mit bed. d) Körner 4, 13
H.; kerl, wo hast du die u. schiefe nase her? Tieck (1828) 17, 91; eine u. bittere pille Raabe
hungerpastor 3, 5; dann geht es uns u. gut Hans Grimm
volk ohne raum 2, 452.
nach d umgebogen: sie (
d. bäume) befinden sich u. wohl, es sind anmaszend gesunde bäume Holtei
erz. schr. 7, 149. ff)
von den synonymen ist schamlos
stärker, frech
bestimmter als u. (Weigand 3, 623);
der unverschämte
und schamlose
scheut nur die urtheile anderer menschen nicht, der freche
trotzt ihnen (Eberhard-Lyon [1904] 488). ausverschämt (
mnd. ûtvorschamet,
nd. ûtverschamt),
in der umgangsspr. (Kretschmer
wortgeogr. 99
f.; Göttinger gel. anz. 1923, 28)
mit bed. c verbunden, früher ihm fast gleich (
th. 1, 1007),
tritt heute selten schriftsprachlich auf; Joh. Temme
gebraucht es als gesteigertes u.: das ist nicht mehr blosz u., das ist ausverschämt!
die schwarze Mare (1854) 1, 76;
ähnlich obers. wb. 1, 49
a.
auch das oberd. ausgeschämt (Kretschmer 100; 601; Staub-Tobler 8, 758)
ist nachdrücklicher, schriftsprachlich bezeugt von Wieland
attisches museum 2, 3, 20
und Leonh. Wächter (Veit Weber)
sagen (1811) 4, 238. —