ungefall,
m. (
n.?),
seitenstück zu unfall, ungefälle
und theilweise gegentheil von gefall.
von der reichen entwicklung des mhd. ungeval,
m. n. (
mnd. ungeval, ungevel,
mnl. nl. ongeval)
ist wenig übriggeblieben, das dann im 17.
jh. erlischt. Schmeller 1, 705; Staub-Tobler 1, 746.
wie unfall II 1
a,
gegentheil von gefall 2;
diffortunium Diefenbach
n. gloss. 134
b: des frewen sich die frommen all, die got allein vertrawen, im glück und allem ungefall auff seine hand nur schawen Waldis
psalter 104
b (
ps. 64);
buch d. liebe 278
d; Dedekind
christl. ritter K iiii a; Spee
tugendb. 53; klaget jhm jhr ungefall
Venusgärtlein 41
neudr.; der gott liebt überall, den stürzt kein u. Schottel 1130.
gegentheil von gefall 3 (
vgl.gefallen II 2 a;
mnd. wb. 5, 54
b); ungefall
miszfallen, verdrusz Henisch 1415, 24;
dazu th. 4, 1, 1, 2099 I 1 (= ungefalle): derowegen sey der ungmut und ungfall zu offtermalen zuverlachen, zu verachten, zu versingen ... auff dasz er nicht die menschen blöd mach, weibisch und verzagen Fischart
Eulenspiegel 15
Hauffen. —
schriftsprachlich bis ins 18.
jh. erhält sich das reicher durchgebildete ungefälle, ungefäll, n., selten (Sachs 14, 208, 23
Keller)
m.; mit vorliebe wird die gestutzte form ungefäll
verwendet; nicht umgelautet kein ungefalle
Heidelb. hs. 343, 11/12, 48
Kopp. der plur. von ungefall
flieszt mit dem unsers wortes zusammen (Schönbach
öst. weisth. 6, 656; Staub-Tobler 1, 746); ungfeler im stall (
ebd.).
ein dim. oggfelleli (
ebd. nl. ongevalletje
wb. 10, 1617).
mhd. mnd. ungevelle. Schmeller 1, 705; Westenrieder 601; Bühler
Davos 1, 186; 2, 120; Seiler
Basel 299; Dähnert 506
a; Schöpper
syn. d 8
a; Drechsler
Scherffer 42; Stieler 419; Frisch 1, 244
a/
b; Höfler 885
a.
begriffsentlehnung ebensowenig wie bei unfall
wahrscheinlich (
zs. f. d. wortf. 4, 128). II. unfall I
und gefälle 1
entsprechend, in mehr oder weniger sinnlicher grundbedeutung. I@11)
wie gefälle 1 c: das wasser trybt yetzund so schnel und bringt so vil kruts ungefell Murner
mülle 29, 831 (
hier eingefallenes verstopfendes unkraut). I@22)
wie gefälle 1 d
abhang, abgrund: ungevelle
abrupta Diefenbach
gl. 4
c;
mehrdeutig fels der ungefell J. Grünbeck
sp. d. sehungen b 3
b. I@33)
wie gefälle 1 e (krankes gefälle)
vom wasser: o du aller wolfahrt quell hie und dort in deinen ländern fleusz uns klar, kein ungefäll müsse deine flucht dir ändern S.
Dach 593
Österley. I@44)
wie unfall I 4
von krankheit und seuche; ansteckung mit krankheit Staub-Tobler 1, 746.
s. auch ungfeler (
oben). Höfler
a. a. o. vgl. mnd. mnl. ongevallich,
und de wylle ys vorgyfftiget myt quader begerlicheyt, de gedechtenisse myt deme ungeval der vorgetenisse Schiller-Lübben 5, 54
b: da sprach der hundt, ach lieber gsell, es ist kein ander ungefell, das mich so mägert und verseucht Waldis
Esopus 3, 93, 26; o morbe durch dein ungefell musst sterben der fromm trew gesell Scheit
heimfart G 1 a; das uch gott allzyt bhuoten well vor semlicher plag ouch ungefell (
fallende sucht) Gengenbach 355
Gödeke; er lies ja seinen muth in keinem fall erkalten, wie schwehr ihm auch gewest des leibes ungefäll Rompler
erst. geb. 99.
vgl. II 3. I@55)
wie unfall I 1: in solchem laster und ungfell thut sie (
die gefallene) umbwüten Sachs 17, 443, 28
Götze. vgl. mnl. wb. 5, 719 ongeval
fornicatio. I@66)
wie unfall I 6: doch nim mich auch nicht all zu schnell von hinnen durch ein ungefell Ringwaldt
chr. warnung M 1
b;
vom erdbeben Staub-Tobler
a. a. o. mnl. ongeval
geldelijk nadeel (
wb. 5, 719, 4). IIII.
wesentlich unsinnlich wie unfall II, gefälle 2. II@11)
geschick, ereignis; fast als vox media wie casus: umb das ungefell desz gelückes Steinhöwel
ber. fr. 117, 4 (
casus fortunae); fällen des ungefäls (
vgl. 2) Franck
moriae enc. 66, 16; die fabel und die sprichwörter leren, ... das wir alle ungefell, ein mann seines weibs unbill und unverstand .. von oben herab verlach
sprüchw. (1541) 1, 110
a; ein new wunderbarlich zufallendt ungefell Carbach
Liv. 43
a; ehe denn mich das feindtselige ungefell verknüpfet hette einem harten und groben mann
buch d. liebe 113
c (
vgl. 2 c). II@22)
gegentheil von gefälle 2 b (
vgl.d gefälle = unge fälle). II@2@aa)
objectiv unglück, unheil, schaden, verderben, not, widerwärtigkeit, böses u. dgl.: so vallen wir ... von eim ungefell in das ander
buch d. beispiele 98, 11
Holland; aus rechtem u.
zu allem unheil Teurdank 53, 92; in glück oder in u.
sat. 2, 251, 2029
Schade; des armen u. Sachs 22, 111, 9
G.; desz bösen mauls ungfell 19, 117, 30; u. nachreden 21, 277, 5; ungefell an ehr, an gut, an leib und seel 20, 291, 31; mit all sein ungefellen
zu allen seinen plagen Waldis
streitged. 36, 357
neudr.: ein herberg zorns und ungefäll (
gen.) Fischart
binenkorb 255
b; groszes kind, Emanuel, wende du diesz ungefäll Fleming
d. ged. 1, 234, 46; mein u. zu beklagen
Simpl. 14
Kögel; was mir damals vom künftigen tag für ungefäll ahnte Bodmer
Noah 12, 532; Reichel
Bodmerias 53;
alterthümelnd: sie ruft zu gott ... klagt ihm ihr ungefäll Arnim 21, 241.
dabei kann es dann sowohl das äuszerste, das höllische feuer (Folz
meisterl. 73, 20
Mayer; Sachs 18, 118, 11
Götze; mnl. wb. 5, 719)
wie einfaches pech, malheur, blamage, widerwärtigkeit, miszgeschick, verlegenheit (
vgl.unfall II 2
b)
bezeichnen (Steinhöwel
Äsop 341
Österley; Sachs 14, 201, 9
K.; Sandrub 80
neudr.)
oder sich zum euphemismus eignen (Staub-Tobler
a. a. o. für todschlag, bei kriegsandrohung, mnl. ongevel 5). durch ungefell
unglücklicherweise Frankf. ref. 2, 23, 12; Fries
Würzb. chr. 148; mit u. (
elendiglich) Sachs 1, 269, 18
Keller; mit grossem u. Fischer-Tümpel 3, 224;
bei H. Sachs
oft nur füllsel (18, 529, 11; 19, 243, 17;
die vorlagen versagen).
vgl. von u. II 3. II@2@bb)
mehr bezogen auf gefühl und willen, wie unfall II 1 b,
mnl. ongeval 3: gern leide ich ungefel und schmertzen Keisersberg
passion (1514) 42
a; des tüfels ungefel (
bosheit) Murner
badenf. 31, 34;
so wohl auch er furcht nit dein ungefelle
passionssp. 208, 482
Wackernell, nicht ungefälligkeit (
vgl.gefälle 4); der euch eur ungefelle (
leid) in freud verwenden kan J. Ayrer
singsp. 137
b; des Tantaly sein grosz ungefehl (
qual)
engl. com. 231, 32
Creizenach; lasz dir nicht seyn ein ungefäll
lasz es dir nicht zu herzen gehen Lehman
flor. 3, 344.
alterthümelnd: geselle, mein ungefälle ist nah und bringt mir schmerzen
wunderhorn 1, 386 (
Berliner hs. 719, 122.
Birlinger-Crecelius 1, 553). II@2@cc)
persönlich, bildlich, in sprichwörtern und redensarten. vgl. unfall III, IV: wann ungefell ist mein gesell und tuot nach zu mir hausen Hätzlerin 76, 99, 54; denn reyt den armen ungefell Sachs 9, 204, 14
Keller; so noch schweizerisch Staub-Tobler 1, 746; wir dachtn, uns treff der ungefel, ir het uns alle beidt auffgeben Sachs 14, 208, 23
Keller-Götze; wer flucht mit eil und wünschet schnel, der rufft seinem eigen ungefel Petri 2, F ff V
v. ellend ist über all ungefell Agricola
sprichw. 91
a;
klugreden (1548) 37
b; die hochzeit ist das gröszt ungefelle Frölich
Stob. 369; jung zu hofe und alt zu hell ist ein gewisses (
vgl.a) ungefell Friedrich Wilhelms
spr. D ij
β 3; ein halbes hausz macht dem herrn u. Petri 2, V v
r; was kan ich fur meyn ungefel? Murner
schelmenzunft 38, 30
neudr.; vgl.unfall IV; ich wag mit euch als ungefell Sachs 5, 216, 24
Keller; wie vil ungefäl ligt uns auf dem halsz? Franck
moriae enc. 56, 11.
in verwünschungen mnd. wb. 5, 54
b;
mnl. wb. 5, 717; Staub-Tobler
a. a. o. II@33)
auch der neuere unfallbegriff (
s.unfall II 2)
ist unserm worte nicht fremd: von brandes wegin oder von anderme ungevelle (1309) Varnhagen
Waldeck. urk. 135; es soll kain wiert ainigerlai frembt .. gesst .. beherbergen, es hab dann derselbigen gesst ainer redlich ... ursach oder dass ine ain ungewitter oder ander ungefell irre
öst. weisth. 6, 433, 39; grosz ungefell auff dem meer
buch d. liebe 249
c; es begab sich aber, das ainer ... von ungefell also gebrochen war und der pruch also heftig zunam, das er mit keiner mentschlichen hilf getrawete zu genesen
Zimm. chron. 2, 444, 5; redten vil von ungefällen (
vgl. II 2 a), von gewitter und gefahr Spee
trutznachtigall 104, 1, 7; Arnim 13, 163; so hat es der mensch, sein glück schreibt er seiner weisheit und kunst zu, sein unglück dem ung'fell oder dem neide Gotthelf 18, 250.
auch hier konnte wieder euphem. gebrauch anknüpfen. während das wort in der neueren schriftsprache unterging, hat es in schweiz. mundarten den ausdruck unglück
fast ganz verdrängt. Staub-Tobler 1, 747. —