unendlich,
unendelich,
adj. adv. ,
im allgemeinen gegentheil von endlich (endelich).
ahd. unentlîh (Gröger
compositionsfuge 95. 109);
mhd. unendelich, unentlich;
mnd. unendelik, unentlik (anendelik Frisch 1, 226
c);
mnl. onen(ein, in, hen)delijc;
nl. oneindig
s. unendig; oneindelijk
veraltet; dän. uendelig;
schwed. oändlig; Falk-Torp 193; Staub-Tobler 1, 318; Schmeller 1, 102; Westenrieder 601. 128; Crecelius 843;
lux. 314
a; unenlich
städtechr. 15, 148, 15: unendelichin W. Gerstenberg
chr. 85; onentlich Hedio
chr. Germ. 207
a.
vgl. mhd. unendeclich, unendehaft, unendehafti
und oben unende, unendig.
voller, stärker, weniger abstract. überhaupt weniger durchgebildet endlos Weigand
syn. 3, 854. obgleich man diesen begriff (unendlich) auslegen kann, wie man will, so ist er seiner eigentlichen bedeutung nach doch mathematisch. er bezeichnet das verhältnisz einer grösze zu einer andern als dem maasze, welches verhältnisz gröszer ist als jede zahl Kant 6, 117. 11)
ahd. für interminabilis, infinitus, incircumscriptus, endlos von zeit, raum, zahl bezeugt: des únéntlichen lîbes
interminabilis vite Notker 1, 348, 18; die únéntlichen uuîtinâ
infinita spatia 352, 30; in dia únéntlichun manegfaltî
in infinitam quantitatem 351, 14; unéntlîch manigî 2, 413, 3; unentlihaz
incircumscriptum Steinmeyer-Sievers 2, 304, 7;
mhd. unendelîchen doln
minnes. 1, 292
b;
inexhaustus, ἀπείριστος,
ἀπειρέσιος Alber 55
a: frouwen list unentlich ist (
vgl. 6) Stainhöwel
Es. 327; zuo unentlicher trübseligkeit Wyle
tr. 338, 8
K.; die tollen Deutschen sollen unendlich todstocknarn bleyben Luther 6, 419
Weim.; die unendtliche zeher
buch d. liebe 111
c; unendlich und unabsterblich Fischart
oben sp. 85;
vgl. unsterblich und unendlich Leibniz
d. schr. 2, 39; mit unendlicher arbeit Lehman
flor. 4, 42; in einem unendlichen sack Albertin
hirnschl. 209; unendlich drungen ein die fürstlichen trabanten Besser 1, 47; unter den unendlichern (
zahlreicheren) millionen Herder 5, 365; unendlicher (
dauernder) als sie
ders. bei Sanders
erg. 367
b; erde, ferne, weg, nacht, ocean, kette, schlaf
u. s. w. Göthe
bei Bohner 63
f.; unendlich geschlafen IV 3, 198, 23
Weim.; ἄσβεστος Achill. 206; die unendlichen götter
ἀεὶ ἐόντες 19, 23, 35
Weim. u. ö.; alles wohl noch ohne zuhilfenahme der bed. 8
aus der grundbedeutung ohne ende zu erklären; ein unendliches einverständnis Novalis 4, 176; unendliches volk Varnhagen
tag. 1, 186; ein kalter, langweiliger, unendlicher winter-nachmittag Hebbel
br. 1, 152; er .. gosz .. unendlichen wein in das gefäsz
der ohne ende zu flieszen schien Seidel
vorst. 63; unendliches hatten sie sich zu sagen Raabe
Hor. 196.
ungewöhnlich von lebenden wesen: selten prädicativ Morhof
ob. sp. 208; eine schlittenfahrt .. unter den flügeln der unendlichen fledermaus (?) Göthe IV 5, 38
Weim.; die knixt drauszen mit dem unendlichen inspector O. Ludwig 3, 467.
vgl.schraube ohne ende
th. 9, 1651, 3. unendtlich mahl Spee
trutzn. (1649) 18; unendlichemal Rabener 6, 254; unendlich-mal unendliche gröszen Nicolai
litbr. 1, 141; unendlichmal mehr Wieland
Luc. 1, 315; schöner noch, unendlichmal Schiller 13, 359. gott, den unendlich-namigen Hegel 6, 65.
zum naheliegenden miszbrauch des wortes: lächeln musz man über die hyperbolische gewaltthätigkeit, welche den wörtern ewig und unendlich so oft angethan wird. durch das erste pflegt man gewöhnlich eine dauer von fünf minuten und durch das letzte eine weite von ein paar fusz auszudrücken Matthisson
schr. 8, 207.
vgl. 8. onendig 1.
mhd. unendehaft. 22)
nicht vollständig, anomalus Diefenbach 36
c,
unfertig, nicht endgültig, unentschieden: aber auch wie unendehaft
nicht zu ende zu bringen. unendig 2.
gegentheil endlich 3: ez sî unendelîchen ein buoch ganvenget
j. Tit. bei Lachmann
Wolfr. xxxi;
j. Tit. 5911; so bleibt mein sach zu Franckfurdt bhangen gar unendtlich und ungeschlicht Waldis
Esop. 2, 154; handlung Sattler
phras. 446;
bei Göthe
lebendig: dasz in der kunst wie im leben kein abgeschlossenes beharre, sondern ein unendliches in bewegung sei 46, 50, 8
Weim.; 25, 90, 23
Weim.; weil nur das unendlich endliche mich interessiren kann IV 14, 34. Boucke 232; was anregt ist immer unendlich IV 28, 111
Weim. nicht zu vollenden: das ganze erscheint mir nicht mehr unendlich IV 10, 172
Weim. 33)
zwecklos, vergeblich, nichtig, unnütz, unzuträglich. vgl. unendig 3; Staub-Tobler 1: in tieffi unendlicher worten Suso 221, 22
B.; der bekümmert sich mit unendlichen sachen
germ. abh. 25, 553; zu unendlichen und verworffen dingen A. v. Eyb
d. schr. 1, 9, 24; derselbigen studium ist unendlich und vergeblich Luther
tischr. 1, 30; um eines unendlichen dings willen, das vielleicht einer dem andern ein hun gescheucht (1556) 5, 341
a; die unentlich juristerey H. v. Cronberg 28
neudr.; die todten alzu gar sehr beweinen ist ein unendlich und rahtlosz ding Lehman
flor. 4, 250.
veraltet. 44)
untüchtig, untauglich, faul, träge, nachlässig, langsam, ungeschickt, unwirthschaftlich. unendig 4; Staub-Tobler 2.
gegentheil endlich, endelich 1: der .. hielt sich also unendeliche
städtechr. 8, 399, 11; unendelich kalpfleisch Crecelius 843; die zarten, die lyszgebacknen, die unendlichen Keisersberg
bilgersch. 106
b; der was von halben synnen unde unendelichin in allin dingen Gerstenberg
chr. 85; Haltaus 1928; durch unentlich leute Fries
chr. 210; sie war unendtlich und untüchtig Waldis 2, 55; durch unentlich nachlassen verzeteln Barth
weibersp. c vii
a.
mundartlich erhalten. Kinderling 29
für langsam; unwirthschaftlich Westenrieder 128; net endelich
ungefällig Fischer 2, 712. 55)
nichtsnutzig, böse, niederträchtig, ehrlos, höchst verdorben Westenrieder 601,
liederlich, frivol, entehrend, verdammt, lästig, abgeschwächt ausgelassen. unendig 5.
mit eigener etymologie von W. Lazius Haltaus 1928: endelich
und unendelich Meiszner 3, 91
b, 20
v. d. Hagen; so werdent ir dann wol gewar, das si ist unendlich gar Kaufringer 14, 62; unendlich geste
fastnachtsp. 1, 489, 10; dye unendlichen winckl
Sterz. sp. 1, 244, 168; jr gotloser, unendlicher, ja verdümlicher handel Gruner
tentz (1521)
A 3
a; daz der sünder tAeglich nur mer unendlich wirt B. v. Chiemsee 254; und gingk unendlich zu
flugschr. 4, 165
Clemen; unendliche betrüg Gesner-Herold-Forer 2, 5
r.
beliebt als scheltwort im alten spiel: du verheiter, unendlicher man
fastn. 1, 41, 33; wicht 1, 45, 13; schmaichkoser 1, 89, 8; balg Sachs 14, 55, 19; bub 5, 58, 24; galgen-schwengel 4, 400, 18
u. s. w. nur noch mundartlich. 66)
an bed. 1
schlieszt sich natürlich der begriff der steigerung, nicht nur der zahl und ausdehnung, sondern auch der eigenschaft und dem wesen nach; so heiszt u.
übermäszig, beträchtlich, erheblich, auszerordentlich u. dgl. der hund springt u.
über die maszen, dasz es nicht zu sagen ist Staub-Tobler 1, 318, 3.
vgl. 8: in einer ungeenten hOech,
var. unentlicher grOesz
erste d. bib. 4, 327, 20; wan die götter die gestalt deines leibs also unmässig und unentlich gemacht hetten Zinkgref
ap. 414; u. verpflichtet v. König
ged. 641; ein unendlicher unterscheid Liscow 42; mir liegt daran unendlich Lessing 3, 76, 84; die ruhe hierhaussen ist unendlich Göthe IV 3, 62, 15
Weim.; Louise ist eben ein unendlicher engel 3, 107, 2
Weim.; wenn .. sich dann das fürtreffliche vom guten so sehr, ja unendlich absondert 8, 323
Weim.; unendlichste verachtung Fr. L. Schröder 3, 337; die unendliche (
entschiedene) mehrheit Peschel
völkerk. 240; einfachheit Mommsen
red. 11; unendliches auf die spitzbuben halten Bettine
d. buch 2, 347; um ein unendliches verschönern Seidel
vorst. 26.
bes. zur steigerung von adj. und adv.: unnentlich grosz Brant
narr. 14, 22; vil Albertin
Luc. 26, 7; unendlich verbundnesten danck
med. maul. 164; unendlich sehr (
infiniment beaucoup) Gottsched
ged. 168; u. mehr Lessing 3, 175, 654; so u. einfach Göthe IV 28, 121; Bohner 64
f. auch zusammengerückt: das unendlichwenigere Herder 7, 244;
vgl. 159; unendlichschön J. J. Engel 2, 12.
oft aber sind die begriffe nur gleichgeordnet: in der ewigkeit unendlichtiefem meere Schwabe
bel. 3, 495; ein unendlichunbegrenztes lichtwellen-meer Nietzsche 1, 379. 77)
auch der terminologische gebrauch knüpft an bed. 1.
gegentheil endlich 5. 6.
philosophisch summus, absolutus, infinitus, vgl. mhd. unendehaft (Eisler
wb. 2, 552): der do sündet, der kert sich von dem unentlichen guot zuo der entlichen und zytlichen creatur Keisersberg
bilgersch. 5
c; man käme in ein unendlichs
regressus in infinitum Zwingli
d. schr. 1, 278; das endliche kan das unendliche nicht verstehen Dannhawer
cat. 4, 206; so ist gott ... ohne alle einschränkungen oder unendlich Wolff
v. gott 585; dem unendlichen geiste A. G. Kästner 1, 10; unendliche (
infinita, limitativa) urtheile Kant 1, 434; Eisler 1, 602; ausbildung (
vgl.unbegrenzte entwicklung) Göthe II 6, 5
Weim.; stengel II 6, 77
Weim.: natur I 5, 265; Tieck 6, 42; Brentano 2, 299; ich Fichte 1, 256; werden Raabe
hungerp. 1, 2; unendlich
wird von nichtendlich, das unendliche der vernunft
von dem unendlichen des verstandes (Hegel
log. 1, 139)
unterschieden; unendliche melodie
zeitschr. f. d. unt. 24, 563. der unendliche
gott Silesius
wand. 109, 147
neudr.; Keller 1, 275;
nl. de oneindige; beim unendlichen gott Schiller 3, 411; das einzige, unendlich-persönliche ist gott Ad. Müller 1, 391. das unendliche,
aditi, ἄπειρον,
infinitum, het oneindige
det absolute, bei Spinoza Göthe II 11, 315
Weim., die vollständige existenz u. s. w. Eisler 553
ff.: Anaximander .. habe doch durch sein
ἄπειρον, unendliches, oder
ὕλην nicht anders als die körperlein verstanden Leibniz
d. schr. 2, 332; denn ich weisz, du liebst, das droben, das unendliche zu schauen Göthe 6, 220, 11
Weim.; willst du in's unendliche schreiten, geh im endlichen nach allen seiten II 11, 46, 3
Weim.; das unendlicheinige Hölderlin 2, 135, 10.
mathematisch ∞ (Schirmer 74): das mathematisch unendliche Mendelssohn 1, 216; unentliche zal Dürer
underw. C 1
a; die schlangen lini ist unentlich zuoverendern
A 2
b; unendliche auflösungskunst
analysis infinitorum Zedler 49, 1257 (J. Wallis
arithmetica infinitorum 1655, Leibniz
scientia infiniti); anfangsgründe der analysis des unendlichen
allg. d. bibl. 13, 547; rechnung des unendlichen
infinitesimalrechnung Campe
verd. 375
a; parabel, quantität, reihe, brüche, gröszen
u. s. w. Schirmer
a. a. o.; Krünitz 195, 508; unendlichmachung
allg. d. bibl. anh. 25—36, 1013.
auch übertragen: eine unendliche reihe von dingen Gerstenberg
briefe d. n. lit. betr. 137, 31; meine zärtlichkeit ist noch lange im zunehmen, ja, sie ist eine unendliche grösze Bauernfeld 2, 226. eine unendliche kleine grösze Wolff
bei Schirmer 74; das unendlich (
infinite) kleine Gottsched
ged. 38; den styl des unendlich kleinen (des infinement petits) Herder 23, 54; was unendlich klein ist Heinse 4, 285; die methode des unendlichkleinen Lueger
techn. 4, 570; de oneindig (oneindige) kleinen
veralteter gallicismus für les inf. petits = differentialen
nl. wb. 10, 1563;
danach bis in's unendlichfeine Göthe II 1, 234
Weim.; vgl. IV 30, 152, 21
Weim. unendlich grosz Euler
bei Schirmer; vom unendlich groszen
allg. d. bibl. anh. 53—86, 2053. unendlichausgedehnt Herder 16, 449. ins unendliche, bis ins u., tot (in) het oneindige, à l'infini.
mathematisch und allgemein: eine ins unendliche fortgehende linie Kant 3, 60, 5; verkleinerung ins u. Reimarus
wahrh. 13, 6; ins u. wachsen Czuber
wahrsch. 1, 69. wenn ich anfangen will, komme ich ins u. hinein Klopstock
br. 42; die mittel und wege ... gehn ins u. Archenholz
Engl. 1, 242; ins unendliche begünstigt Göthe 48, 50, 22
Weim. vgl. unendlichkeit 6. 88)
so ausgebildet eignete sich unendlich
wie unbedingt
zum mode- und kraftwort, zum wort der genies (Lewes),
das auch ein höchstes, eigenthümliches, incommensurabeles u. dgl. bezeichnen kann. vgl. unendlichkeit 6.
zeitschr. f. d. wortf. 6, 118. 343. 1775, 1776 war das wort unendlich überall wiederkehrendes stichwort Böttiger
lit. zust. 1, 221. (
ähnlich die entspr. wörter der westlichen cultursprachen.)
die steigernde bed. 6
begünstigte den gebrauch. ihn auf ein homerisches beiwort zurückzuführen (
zeitschr. f. d. wortf. 6, 343),
geht wohl nicht an; die Göthe IV 3, 9, 16
entsprechende stelle der Od. (14, 458)
entbehrt des beiwortes. doch Bürger 185 mit unendlicher spende
für Il. 1, 13
ἀπερείσια.
manche stelle bleibt bei einem wort so unbestimmt buntschillernder inhaltslosigkeit unentschieden; z. b. Göthe
Iph. 680,
wo bed. 1
und 2 (
vgl. Iph. 689)
naheliegen: Leipzig hat ... einen rang erworben, welcher sonderbar ansehnlich und unendlich ist
Leipz. av. 1, 8; in allem, was schön ist, liegt ein unendliches Herder 24, 349;
für Göthe Bohner 64;
z. b. denn unser herz — ach! das ist unendlich Göthe 38, 188, 15
Weim.; um etwas unendliches zu unternehmen, habe ich mich an den Homer gemacht IV 10, 127, 24
Weim.; wenn ich empfinde ... und diese gluth, von der ich brenne, unendlich, ewig, ewig nenne, ist das ein teuflisch lügenspiel?
Faust 3065; gedanken
F. Schlegel
Ath. 3, 5; kalbsbraten
Mus. 4, 21; augen Novalis 2, 39; J. Paul 39, 36; zwei die einander verstehen, sind in einander unendlich Bettine
Göthes br. 3, 9; die lieblichste, unendlichste bedeutung Heine 3, 315; eigentümlichkeit Almers
marschenb. 1, 13; das geheime und unendliche Nitzsch
d. st. 305; Stifter 2, 140; durch ihn gelangte die persönlichkeit ... wieder zu ihrem unendlichen rechte Treitschke
aufs. 1, 49; unendlich unmöglicher R. Hildebrand
tageb. 144;
vgl. 6; mitten in dieser unendlichen ödigkeit Schnitzler
Anatol 149.
zusammens.: der schmerzensunendliche Werther, allunendlich, himmelunendlich Sanders
erg. 178
b. 1, 367
b. —