überfallen,
v. incidere. ahd. nicht belegt, auch mhd. wenig gebraucht (Lexer
handwb. 2, 1671). II.
untrennbare verbindung. I@AA.
transitiv. I@A@11)
bedecken, obruere Diefenbach
gloss. 389
a; Alberus (1540) Yiiij
b;
oben darauf fallen, supercidere Maaler (1561) 442
b;
supercorruere Frisius
dict. 1271
b; Calepinus
undecim ling. 35
b; 243
b; 970
b; Schönsleder
prompt. O i
b; Pharao uberfiel das rote meer, ehe denn er hynaus kam Luther 11, 324
Weim.; wie er (
Jonas) in die tieffe geworffen und mit den fluten umbgeben, mit wellen mit wogen uberfallen ward 19, 228
Weim.; die von binnen machten, das sich die thürme auswärts neigten, und also die heyden ... darvon überfallen wurden Hennenberger
erclerung d. preuss. landtafel (1595) 381; dasz Aetna zerberste und Sicilien überfalle Opitz
Argenis (1626) 1, 274.
verengt in der bergmannssprache: so ein zwerchgang den andern überfallen möchte, ... da soll der jünger dem ältern, der vierung nach, zu weichen schuldig sein
samml. d. baierischen bergrechts (
a. 1608) 440
Lori. part. prät. überfallen,
bedeckt Diefenbach
gloss. 389
a s. v. obrutus; die greber Honorii und seiner gemahlin sind mit der zeit durch vilfaltigen fal ... gantz überfallen und verloren Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 190
a;
landschaftlich für schattig Staub - Tobler 1, 753
a. a. o. I@A@22)
anfallen, heimsuchen, seit dem 16.
jahrh. aus 1
entwickelt, in weitem umfange verwendet und meist mit dem nebensinn der überraschung, häufig auch des unangenehmen verbunden. unversähenlich etwar zu kommen, supervenire Frisius
dict. 1273
b;
tacite accedere Steinbach
a. a. o.,
vgl. auch de Vreese
woordenboek 11, 2157
f. und Rumpf (1809) 503
s. v. überfallen, überraschen, überrumpeln. I@A@2@aa)
mit persönlichem subject: I@A@2@a@aα)
jemanden unerwartet besuchen, in der älteren und neueren sprache allgemein: ein edelmann ... behielt alwegen etwas besunders, es weren iunge hüner, oder wer wiltbret in dem saltz, ... wa er überfallen würd von ersamen gesten, das er auch etwas het inen für zusetzen Pauli
schimpf u. ernst 18; überfellt einen ein gast, so nimbt er für gut, was ... das hausz vermag Mathesius
hochzeitpredigten 115
a; so vertraulich sein, dasz man einander uber dem essen uberfällt Corvinus
fons lat. 705
s. v. obrepere; eben jetzt überfällt mich unser gemeinschaftlicher freund Lessing 5, 62. I@A@2@a@bβ)
plötzlich an jemanden herantreten: wie wolten wir ... so plumblich und ungeschickt den könig aller königen uberfallen, ehe wir erstlich einen ausz seinem hofgesind angesprochen hetten Fischart
binenkorb (1588) 208
a; er (
Nathan) kömmt hier wiederum vorbei. er möcht' uns überfallen. geht! Lessing 3, 109. I@A@2@a@gγ) jem. mit etwas überfallen: einen mit dienst und gutthat überfallen und überschütten Maaler
a. a. o.; ym buch Hiob findt man eyn disputation, ab gott nicht alleyn die sunder ... sondern auch die frommen ... mit unglück uberfalle Eberlin von Günzburg 3, 191; uff das aber k. maiestät mit vil worten uberfallen und bemühet werd, ist ir solichs erstlich in der kürtze anzuzeigen Hutten
opera 5, 382; gegenwärtigen brief müssen sie ... halten ... vor den herold eines recht langen schreibens, womit ich sie nächstens überfallen will Schubart
briefe 1, 44; ein ... neufundländer ... überfiel ihn ... mit ... liebkosungen Fontane I 1, 12; er überfiel sie mit fragen Polenz
Grabenhäger 1, 309. I@A@2@bb)
auch mit unpersönlichem subject ganz allgemein: nacht, gewitter, regen, krankheit, traurigkeit
etc. überfällt jemanden,
wobei die bildliche vorstellung des erfassens durch herabkommen von oben oder durch überdecken theils noch deutlich, theils schon verblaszt ist: I@A@2@b@aα)
nox oppressit, die nacht hat uns uberfallen B. Faber
thesaurus (1587) 646
a; die vergässenheit überfallt einen,
obruit aliquem oblivio Frisius
dict. 895
a; darzwischen überfelt die junckfraw der schlaaff Boltz
Terenz deutsch (1539) 45
b; da hab ihn ein kurtz schnell scharpff feberlin uberfallen Ryff
spiegel u. regiment d. gesundheit C
b 2
a; der froist oberfil den win an den stocken
Limb. chron. 88, 25; (
der jüngste tag) würt kummen und würt überfallen die menschen nit anders weder als der sündtflusz überfiel die gantze welt zu den zeiten Noe Keisersberg
postille 4, 26
b; das uns nit uberfalle die listige böszheit, die tragheit zu gottis dienste Luther 7, 223
Weim.; schrecken und grosse finsternis uberfiel in (
invasit eum) 1
Mos. 15, 12; aber die gottlosen uberfiel der zorn (
supervenit)
sap. 19, 1; es werden bald grewliche straffen diese land uberfallen Mathesius
leichenreden 74, 17
bibl. deutsch. schr. a. Böhmen; do überfalt das fürstenthumb ein grosz unglück Münster
cosmogr. 45; grosz traurigkeit hat mein hertz überfallen
engl. comedien u. tragedien (1624) J 6
b; bald aber überfiel ihn die bitterste bekümmernüs Lohenstein
Arminius 2, 46
b; gestern abends überfiel mich mein alter schmerz mit einemmale wieder Rabener 6, 125; der schauder, ... der uns bei erblickung vorsetzlicher greuel ... überfällt Lessing 10, 98; neue ohnmachten überfielen mich Gerstenberg
Ugolino 245
deutsche nationallit.; eine wundersam alterthümliche stimmung überfiel ihn Göthe I 24, 17
Weim.; angst überfiel meine seele maler Müller 1, 35; hunger und durst überfielen ihn Engel
schr. 1, 316; im dritten jahre überfielen ihn bösartige blattern Dahlmann
gesch. d. franz. revolution 173; bisz das den menschen überfelt die forcht desz todts Hans Sachs 1, 395
Keller; am weynacht abend in der still, ein tieffer schlaff mich uberfiel
kathol. kirchenl. 1, 367
Bäumker; forcht, schrecken, angst unnd hertzenleyd, endtlich der todt zur bösen zeit uns plötzlich überfallen
evangel. kirchenl. 1, 144
Fischer-Tümpel; der mäszige wird öfters kalt genannt von menschen, die sich warm vor andern glauben, weil sie die hitze fliegend überfällt Göthe I 10, 153 (
Tasso 1223); wie wird ihm erst, da in so wilden gründen ... zuletzt die nacht ihn überfiel! Wieland 5, 8 (
Oberon 1, 14); mich überfällt ein schauer. laszt uns fliehen! Uhland
ged. 169.
part. präs. in attribut. function ungewöhnlich: mit dem begriff der einbrechenden, überfallenden nacht liesze sich leicht die vorstellung eines geräusches verknüpfen J. Grimm
kl. schr. 2, 407; bist du geneigter zu glauben, ein überfallender unsinn habe dich wachend entzückt Wieland I 2, 54. I@A@2@b@bβ)
passiv gewendet: (
weibespersonen,) welche ... plötzlich von der geburtsstunde überfallen worden Thomasius
gedancken u. erinn. 1, 61; wo sie (
die fliege) von der nacht überfallen wird, da findet sie ... eine lagerstelle Wieland
Lucian 4, 469; am 4. august wurde die entkräftete von einem ... blutsturz überfallen
schr. d. Göthe-gesellschaft 6, 91; eine windstille, von der wir ... überfallen wurden G. Forster 2, 4; der eine schaut dem andern in's gesicht, und alle sind von staunen überfallen Gries
Bojardo's verliebter Roland 1, 344. I@A@2@b@gγ)
unpersönlich: nun überfiel es mich so, dasz ich die feder liegen lassen muszte Caroline 2, 108
Waitz; sie sah, wie mich's überfiel Hölderlin 2, 149; uns ... überfällt es heisz und kalt Raabe
Horacker 26; bleiern überfiel es ihn da Ompteda
Sylvester von Geyer5 1, 301. I@A@2@b@dδ) jem. mit etwas überfallen: und ob ihn (
den christen) gleich das irdische fleisch ... mit einer gewissen falschen lust überfället Böhme
schr. (1620) 4, 77; so man ihn (
den wein) unmässig trinckt, verletzt er den leib und überfellet ihn mit grosser kranckheit Agricola
bergwerckb. (1621) 16.
passiv: mit kranckheit begriffen oder überfallen werden,
intercipi morbo Frisius
dict. 719
a; sie stellete sich, als würde sie mit einem schlagflusz überfallen
polit. maulaffe (1679) 12; wenn ein bergmann mit kranckheit überfallen wird Herttwig
bergbuch (1734) 247
b; unser kranckheit und dürfftigkeit, damit wir alle ... überfallen sein Luther 11, 471
Weim.; so der gebrechen vor handen, und das kind damit überfallen ist Gäbelkover
artzneibuch 2, 123; mit geschäften beladen und überfallen sein Frisius
dict. 227
b; mit arbeit überfallen sein Schönsleder
prompt. a. a. o.; Stieler 423. I@A@33)
angreifen. verengt aus 2: ich überfall,
impetum facio in aliquem Alberus (1540) Yiiij
b;
occupo, invado, vi teneo, einnehmen, überfallen Garthius 513
b; die feind in irem läger .... uberfallen Maaler 442
b;
impetere Schönsleder
prompt. a. a. o.; eine stadt ü.,
invadere urbem Dentzler
clavis ling. lat. 294; der Türcken künig ... die stat überfiele Arigo
decam. 117, 31
Keller; wenn ich weyb und kind, haus und gesind habe ... und eyn dieb oder mörder uberfiele mich Luther 18, 390
Weim.; die feindt ... besorgten er wölt sie überfallen Carbach
Livius 42
a; hertzog Hermann ... überfiel die statt Straszburg, zerstört sie gar Tschudi
chron. Helvet. 1, 2; sie (
die Normänner) stiegen in den flüszen ans land, überfielen die wehrlosen dörfer Haller
Alfred 3; beide Doria werden in ihren pallästen überfallen Schiller 3, 97; mörder überfielen mich maler Müller 3, 238; der geistliche herr ist heute nacht überfallen und ... ermordet worden Ebner-Eschenbach 5, 8; er überfiel in wüstheit meinen vater, voll speis', in seiner sünden mayenblüthe
Shakespeare 3, 267. mit etwas: wir sy mit gewapenter hant überfallen wöllen Arigo
decam. 319, 26
Keller; er uberfule sie mit der kreutzstangen ... so dobend ..., dasz er sie niderschlachtet wie die schwein Fischart
geschichtklitterung 324
neudr.; den feind mit reutern und knechten uberfallen
nachtbüchlein (1559) 119
Bolte; andere wurden mit morgensternen, spiessen und anderem gewehr überfallen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 31.
subst. inf.: das überfallen,
angriff, sturm Alberus (1540)
a. a. o.; er ... durch eyszerlich vervolgung und findischem uberfallen die kirch hat unrüwig gemacht Hedio
chron. Germ. (1530) D 5
b.
in der theolog. prosa des 16.
jahrh. für prüfung, anfechtung: ich fall dyr hüt zu fusz und dancken dyr dynes erschrockenliches überfallens und lydens
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 116
b; in dem trübsal und überfallen, das über uns gangen ist (
in tribulatione et impetu) 2
Makkab. 1 a
Zürcherbibel (1531). I@A@44)
über etwas hinaus fallen, nur in der jägersprache: die hirscharten überfallen einen zaun, einen weg, einen bach,
wenn sie darüber wegspringen Dombrowski 8, 34
a;
vgl. auch Heppe (1779) 372
a. I@BB.
intransitiv: obrui. nur in der älteren sprache und formelhaft beschränkt: auf disem tag überfällt unser doctor ... mit einer schweren kranckheit Mathesius
Luther (1580) 115
b; sein weib überfiel mit vil kinden Agricola
sprichw. (1541) 36
b; gibt gott nicht kinder, so werden sie unmutig auff die weiber, wenden sich anderszwohin, da es ihnen nicht gebürt, uberfallen sie mit kindern, so ist es auch nicht recht Mercator
eheteufel 1, 248
a; mein mann, mit kinden wir uberfallen, und du heltst ubel hausz in allen Hans Sachs 17, 145
Keller-Götze; aber so ich gedenck darneben der armen jungen ehleut leben, die bald mit kinden uberfallen, find ich in iren dingen allen so viel der wiederwertigkeyt 5, 190
Keller. IIII.
in trennbarer verbindung. II@AA.
hinüberfallen Stör 496
b; ich falle über,
part. übergefallen,
translabor Steinbach 1, 375; Campe 5, 14
a. II@A@11) die neigung nach der rechten seite überzufallen Thär
beschreibg. d. ackergeräthe 1, 24; die teller sind ... mit ... rändern versehen, um das überfallen der kohlen zu verhindern Muspratt
chemie 4, 470; tödtung durch eine überfallende wand J. Grimm
rechtsalterthümer4 2, 277.
mundartlich: d' milch is überg'falle
übergeflossen Staub-Tobler 1, 752.
part. präs. überfallend
für nach auszen gebogen: um den organischen schönheitssinn der Griechen ins licht zu setzen, fügen wir ... nur noch hinzu, wie naturgemäsz ... die kymatien mit blumen und überfallenden blättern ... verziert sind Vischer
ästhetik 3
2, 290.
prägnant für das hinüberfallen des obstes auf den grund des nachbars Follmann
lothr. ma. 262
b;
vgl. auch lux. ma. 194
b; Staub-Tobler
a. a. o. II@A@22)
verengt: zum feind überlaufen, tot den vyand overvallen, overgaan, overloopen Kramer
hochniederd. wb. (1719) 218
b;
vgl. auch de Vreese
woordenboek 11, 2159; ein abtrünniger, der zum feind uberfället Corvinus
fons lat. 368
s. v. transfuga; alles, was auszer der stadt war, zum feind überfiel
fischbüchlein 181; (
sie sind) so bald trünnig worden und zu dem feind übergefallen Harsdörffer
gesprechsp. 1, L 4
a; ey warumb wolt ihr (
soldaten) dann ... entlauffen und zu dem erschröcklichen feinde uberfallen? Moscherosch
ges. (1650) 1, 362; (
ein kriegsfürst musz) verdächtige personen und, die vom feinde ubergefallen, unterstecken oder im fall der noth bei seit schaffen Mengering
kriegsbelial (1633) 30. II@A@33) seine rede ... von liebe zum hasz, von hasz zur liebe überging oder überfiel Hippel
sämtl. werke 8, 320. II@BB.
bedeckend über etwas herabfallen: sie liesz den schleier überfallen und ging Stifter 1, 35.