summen,
vb. ,
lautwort. im hd. seit dem spätmittelalter bezeugt; als summe
aus dem nd. in das dän. entlehnt, s. Falk-Torp 1204.
vgl. das elementarablautende simmen,
teil 10, 1, 1059;
ferner engl. simmer '
leise singend kochen' Murray 9, 1, 60
c. —
mundartlich hauptsächlich wmd. und nd. verbreitet, vgl. die wbb. das schweiz. id. 7, 974
bezeichnet summen
als nicht volkstümlich, vgl. sumsen. summen
bezeichnet die vibrierende klangart eines tones, ohne ursprünglich an eine bestimmte stärke geknüpft zu sein. erst das überwiegen des gebrauchs von 2
und 3
engt das wort dann auf die bedeutung '
leise, verhalten oder dumpf zitternd tönen'
ein (1 b
und 4). 11)
bei klangstarken subjekten. 1@aa)
bei schwerem, fülligem ton in älterer sprache synonym mit dröhnen, brausen: so alle dunderschleg und pliczen, was ir ye wart und werden pis der welt zu end, wart nie erschröcklichers gehort allsz so die stim der fier horn werden sumen H. Folz 5, 73
M.; laszt summen und brummen das grobe pedal
bei Fischer-Tümpel 1, 341; knalle donnerndes geschütz! krache mit beflammtem blitz! klage mit erzürntem summen, dasz dich Fridrich heisch erstummen
bei Weichmann
poesie der Niedersachsen (1721) 1, 66; vor dem sausen und brausen, von dem summen und brummen (
des meeres) erschrecken J.
M. Meyfart
d. jüngste gericht (1637) 1, 247.
ebenso: den wind man höret, wan er sumpt, weisz aber nicht, von wann er kumpt Eyering
proverbiorum copia (1601) 1, 423; ihm (
gott zum lobe) saust und summt es überall. ihm wehen die winde bald hefftig bald linde A. Silesius
heilige seelenlust 166
ndr. bei glocken lebt die möglichkeit, einen starken ton als summend
zu bezeichnen, am längsten nach: so bezeugen ja die groszen und summenden glocken, dasz unser vaterland keinen stummen nachklang hinter sich verlassen wolle Chr. Weise
politischer redner (1677) 127; es war ein starker, summender glockenklang von einem alten heiligen tempel in ihr ohr (
als aufrüttelndes zeichen) Herder 7, 401
S.; das tiefe, dröhnende summen, das so lang anhielt, war nicht mehr der verhallende glockenton (
sondern der beginnende sturm) O. Ludwig
zwischen himmel u. erde (1856) 287.
z. t. besagt hier summen
einfach '
schlagen, läuten': kaiser Karl! mit dieser einzigen sylbe will ich sie niederwerfen, dasz in ganz Genua
auch keine glocke mehr summen soll Schiller 3, 67
G.; wenn die glocke neun uhr summte W. Hauff
sämtl. w. (1890) 2, 96. 1@bb)
daneben greift die eingeschränkte bedeutung von 2
und 3
her platz und bestimmt den schweren ton als verhalten, dumpf oder ähnlich; vorerst bei glocken: welch tiefes summen, welch ein heller ton zieht mit gewalt das glas von meinem munde? verkündiget ihr dumpfen glocken schon des osterfestes erste feierstunde? Göthe 14, 41
W.; traulich summen benachbarte abendglocken zusammen Hölderlin
dichtungen 1, 62
Litzmann. oft ist gerade das dem schlage nachhallende verklingen gemeint: in ihm zitterte jede erschütterung lange ... und zwar darum nach, weswegen eine sturmglocke länger summt als eine schafglocke Jean Paul
s. w. 21, 16
R.; bis das letzte summen (
vom schlage der turmuhr) verklungen war O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 351; noch wann lange der schall der hohen glocken verklungen, summt ihr gewaltiger ton in der erschütterten luft
M. Greif
gedichte (1889) 431.
bei naturlauten: (
am stillen abend) tönen die gärten — die luft summet — die vögel durchkreuzen sich rufend Jean Paul 8, 247
R.; ein ton, so tief, wie ihn das menschliche ohr eben noch erkennen kann, summte leise, aber gewaltig durch die stille Moltke
ges. schr. (1892) 6, 187; wie ein sturmwind, der aus der ferne kommt. zuerst summt er nur dumpf W. Alexis
Roland von Berlin (1840) 1, 396; der donner summt weit ab, schwillt jedoch rasch näher H. Watzlik
d. wilde Eisengrein (1927) 61.
später auch von gegenständen, die an sich nur einen leisen oder gedämpften ton von sich geben können: wie munter gleich beim singen die spinnräder wieder werden und den basz dazu summen K. Bücher
arbeit und rhythmus (1899) 85; zur seite summte der ... theekessel H. Seidel
vorstadtgeschichten 140; aus den telegraphenstangen, ... tönten summende akkorde G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 26.
als technischer ausdruck: summen ..., sausen ... der telegraphendrähte Hoyer-Kreuter 1, 752. 1@cc)
auszerdem mehr für ein helleres, zischendes geräusch, vgl.: tinnire, tintire zummen
voc. (1420) 3075; 2957
Schröer, als bezeichnung des pfeifenden fluggeräusches von geschossen. zu der damit verbundenen visuellen vorstellung vgl. die einer kreisbewegung: iz sal werdin getribin di sêle um und umme nâch schîbelehtir crumme ... als in einim summin gar und in einim ummeswenkirn des zirkils einir slenkirn Nikolaus von Jeroschin 2891
Strehlke; vgl. auch bei 2: siehe
da kam noch ein andere mandelkern gesummet, traff ihn uff die faust Bastel v.
d. Sohle
Harnisch aus Fleckenland (1648) 206; ich meyne die rechtschaffenen cavalliere, die sich vor (
zuvor) die kugeln müssen durch die haare summen lassen (
ehe sie offiziere werden) Chr. Weise
die drey klügsten leute (1675) 290; kugeln summten oft dicht um die ohren Tieck
schr. (1828) 2, 351; die bomben und die summen, dasz man seine freude hat Ditfurth
hist. volkslieder des preusz. heeres (1869) 73. 22)
vom fluggeräusch von insekten: ambizare summen (
apum) (15.
jh., obd.) Diefenbach 29
a; so müste ich ... solches so wenig als das summen einer fliege achten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1636
a; wo unterdesz die rüstge biene, was ihr zum süszen honig diene, bald summend sucht, bald sitzend saugt
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 6, 93 schwarze käfer, uns umgebt nicht mit summen! macht euch fort!
Shakespeare (1797) 1, 208; das summen eines vorüberfliegenden kerbtieres Brehm
tierleben (1890) 1, 314
P.-L. vom ganzen schwarm: hört ihr dort im forste jene bienenschwärme summen? Zach. Werner
kreuz a. d. Ostsee (1806) 30; wie das summen eines bienenvolkes W. v. Scholz
erzählungen (1924) 241.
der gebrauch neigt nicht selten zu stehender verwendung: wie die summenden heere der fliegen den vorrath des schäfers durstig umschwirren grafen zu Stolberg
ges. w. (1820) 11, 67; auf brauner heide, wo die summende biene zu tausenden arbeitet Holtei
erz. schr. 2, 147.
es wird als gedämpftes, zartes geräusch empfunden: nur leise, wie die biene summt, ganz leise scheint die luft zu beten A. v. Droste-Hülshoff
w. 2, 82
Sch.; ihr leises gespräch wird fast vom summen der bienen übertönt Holtei
erz. schr. 5, 196; ich ... streckte mich ... ermattet ... unter die blühenden bäume, wo mich die bienen gar bald in schlummer summten Eichendorff
s. w. (1864) 3, 282.
es wird selbst als leise, gedämpft charakterisiert: wechselndes harfenlied tönte nachts, wie die biene leis im lilienkelche summt J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 45; (
bienen) summen leis im frühlingsstral Tieck
schr. (1828) 1, 113; nur käfer summen hier mit sachten stimmen Platen (1839) 318.
mit der akustischen vorstellung verbindet sich oft die visuelle des schwirrenden umherfliegens, sprachlich vor allem in der wendung summen um, durch, über
etwas u. ähnl. hervortretend, vgl. herumsummen
teil 4, 2, 1183, umsummen
teil 11, 2, 1209: so brummet (
bienen) umb und umb, brummt, summet auff ihn losz, stecht, was ihr könnt Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 199; da summet mir eine wespe vor den ohren herumb Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 264; eine welt von geflügelten tierchen summte ungestört über ihm (
dem acker) G. Keller (1889) 4, 74; als ob die biene um ihren teller summe G. Hauptmann
einsame menschen (1891) 47.
beliebt ist bildliche verwendung, die vielfach zu dem gebrauch von 4
hinüberführt: die falsche bienen und summende hummeln ihr süszes honig der liebkoserei manchem keuschen hertzen beibringen Neumark
musik.-poet. lustw. (1657)
zuschrift 8; und die deistischen fliegen und käfer flogen und summten fort, über glauben, philosophische bekanntmachung der religion Herder
w. 5, 269
S.; wie ich neulich hier in das wespennest der freiwilligen stach, und die entrüsteten hornissen auf mich her summten Bismarck
br. a. s. braut u. gattin 92; im bienenkorb der geistesarbeiter summte es ... tausendtönig W. H. Riehl
d. dt. arbeit (1861) 309. 33)
von menschlicher stimme, als anhaltender, gedämpfter, schwingender ton, vgl.: summen
lallare, mutire Stieler
stammbaum (1691) 2238. 3@aa)
melodisches summen,
im gegensatz zu vollem singen: der handwerker summt seinen strohbasz zum liede seines weibes Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 5; er summt mit der stimme ein allegro Göthe 45, 36
W.; sie summte leise ein altes lied Laube
ges. schr. (1875) 8, 204; wobei er (
Mozart) ohne es zu wissen oft summte, ja laut sang O. Jahn
Mozart (1856) 3, 440; ein mann ... summte eine zigeunermelodie zwischen den zähnen Th. Storm (1899) 1, 35.
die vorstellung des verhaltenen tons tritt in der wendung vor sich hinsummen
besonders zu tage: das (
kind) summte friedlich vor sich hin Hölderlin
ges. dicht. 2, 106
L.; doch vergasz ich mich immer mehr und summte anhaltender vor mich hin G. Keller 1, 151;
ebenso für sich: er summt für sich die alten lieder A. Pichler
marksteine (1874) 3.
auch: die stimme ..., die mich einst in den schlaf gesummt Th. Storm
w. (1899) 1, 282. 3@bb)
als undeutliches, murmelndes oder flüsterndes sprechen: ich summte schon gelegentlich meine hexameter Göthe
gespr. (1889) 6, 133
W. v. Biedermann; und gekrümmt gleich einem wurme beugt sich in des zirkels runde Apo, dunkle worte summend Brentano
ges. schr. (1852) 3, 388; er ... las halblaut ... die anfangsverse ... er summte sacht in seinem Vondel weiter Immermann
w. 2, 93
Boxb.; 'setzen sie (
anr.) sich auf die schwelle', flüsterte Gabriel, ... 'kann diese hoftoilette mir nicht erspart werden?' summte Hummel G. Freytag
verlorene handschrift (1864) 3, 178;
zu 4
überleitend, als gemurmel einer menge: ein beifälliges summen der offiziere bestätigte die worte G. Freytag
ges. w. (1886) 13, 10. 44)
von dem dumpf verworrenen getöse einer menschenmenge, von unverständlichem oder gedämpftem durcheinandersprechen vieler, das den eindruck eines gleichmäszig summenden tones ergibt: die flittergoldenen heiligenbilder an allen ecken, die summenden processionen Schubart
br. in Strausz
w. 8, 1, 202; die bürger sind zahlreich an den thoren, das volk summt in den gassen Göthe 8, 199
W.; die musikanten stimmten, die lichter blitzten, die menge summte Brentano
ges. schr. (1852) 5, 339; in der ... gaststube summte es durcheinander von bauern Herm. Schmid
gesch. a. Bayern (1861) 1; ein summen und schwirren der vielen stimmen durcheinander H. v. Kahlenberg
fam. Barchwitz (1902) 34.
vom dumpfen zusammenklingen verschiedenartigster geräusche, besonders gern von entferntem getöse und getriebe einer stadt: welches summende gewühl! ... wie müssen sie schaffen ..., um diese grosze stadt ... zu unterhalten! K. Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 349; das gewühl der stadt, das summen in der luft, das dumpfe rollen der wagen auf den straszen H. Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 205; ich hörte, wie ... die nachtruhe der kreatur eintrat, während das geräusch in der fröhlichen stadt herüber summte G. Keller
ges. w. 3, 62.
durch den dabei beliebten vergleich mit einem insektenschwarm entsteht vielfach berührung mit 2: es gehet uns, als wenn man in ein wespenloch gestochen, wie summet und zürnet die böse welt
V. Herberger
trawrbinden (1614) 3, 29; noch summt es dort unten (
in der stadt) wie in einem bienenkorbe G. Freytag
ges. w. (1886) 2, 22; die lastwagen rollten, hammerschlag und emsige arbeit tönte, die gegend summte wie von ungeheurem bienenschwarm
ebda 17, 327. 55)
übertragener gebrauch. 5@aa)
auf körperliches gefühl. nahe dem eigentlichen gebrauch als tonwort bei ohrensausen: ambizare summen vor den oren (
md., 15.
jh.) Diefenbach 29
a; das summen in den ohren Ludwig
t.-engl. wb. (1716) 1925; das summen,
sumsen, brausen der ohren Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 747
a; es war den ganzen tag so heisz, ... vor augen schwebt es wie ein flor, dann summts und sausts und zischt im ohr Göthe 15, 281
W. von hier für das in ohren oder kopf nachzitternde gefühl nach einem schlag, das wie ein ohrensummen wirkt: aber mich deucht, sie kriegte die instruction (
schläge), daz ihr die ohren summten Chr. Weise
erznarren 172
ndr.; auch summte ihm der kopf noch von den gewaltigen ohrfeigen Heinse
s. w. 6, 83
Sch.; (
er) schleuderte die grosze mit messing beschlagene bibel nach mir hin, dasz ich ... von der last getroffen zusammenstürzte ... der kopf summte mir A. v. Arnim
werke 10, 80;
für kopfschmerz an sich: schon hatte ich mein (
von einer beule) summendes haupt in das küssen gehüllt Thümmel
reise (1791) 2, 232; sein kopf summte sehr unleidig G. Keller
ges. w. 5, 227. 5@bb)
dieses körperlich-sinnliche gefühl wird bild für geistigseelische vorgänge. im übergang, als '
benommensein': da summt uns unser kopf den ganzen tag von lobe! (
das man zu hören bekommt) Göthe 9, 51
W.; dem fürstabt summte der kopf von verordnungen Kolbenheyer
Paracelsus 1, 111. — so vielerlei einem im laufe des lebens um die ohren summt — es ist unvergeszliches darunter
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 168.
vor allem für herumgehen von gedanken, erinnerungen u. ä. im kopf: meine lipp ist izt verstummet! denn vor meinem ohre summet Günthers letztes rufen noch Göckingk
ged. (1780) 3, 204; im ohr des alten summen noch die lieder, die dieser flöte einst so froh entquollen Lenau
s. w. 53
Barthel; diese verse summten mir unaufhörlich im kopfe Hebbel
w. 10, 168
Werner; überhaupt summten ihm die mannigfaltigsten pläne durch den kopf Immermann
w. 19, 30
Boxb.; als ich Laszbergs brief ... abgesegelt glaubte ..., summte mir die schönste reisebeschreibung im kopfe A. v. Droste-Hülshoff
br. (1893) 117
Schücking; das gewichtige wort komponieren (
von malereien) summte mir mit prahlerischem klang in den ohren G. Keller
ges. w. 2, 49. 5@cc)
anders vom sinnlichen moment ausgehend summen
als undeutliches, flüchtiges oder geheimes reden, munkeln, hörensagen, das unklare, nicht faszliche, schwankende daran bezeichnend, hierin an 3 b
und 4
erinnernd: von weitem summte ein gerücht um mich Klinger
w. (1809) 2, 21; ich bin neugierig zu vernehmen, was uns das intelligenzblatt bringt, schon gestern in der comödie hört ich davon summen Göthe IV 10, 316
W.; was an gesprächen darüber in der kleinen stadt gesummt hatte, verstummte allmählich Th. Storm
w. (1899) 5, 117;
vergleichbar ist: ein ... künstler, dessen name wohl jedem kunstliebhaber mehrmals um die ohren gesummt, dessen talent jedoch ... nicht immer verdiente anerkennung genossen hat Göthe 49, 1, 156
W.