streitig,
adj. , '
uneins, umstritten'
; in älterer zeit auch '
eifrig strebend', '
widerspenstig'
und '
kriegerisch, kampftüchtig'.
ahd. strîtig,
mhd. strîtec, -ic;
vgl. strittig.
mundartlich über grosze gebiete des dt. sprachraums verbreitet; im alem. vereinzelt mit jüngerer kürzung strittig (
vgl. dazu Leo Jutz
d. alem. maa. 164): Staub-Tobler
schweiz. id. 11, 2406;
Fischer schwäb. 5, 1856; Schmeller-Fr.
bayer. 2, 820; Mensing
schlesw.-holst. 4, 888
s. v. strieden; Doornkaat Koolman
ostfries. 2, 336
b.
eine eigene entwicklung der wortbedeutung ist nicht zu erkennen; die einzelnen gebrauchsweisen knüpfen unmittelbar an verschiedene verwendungsbereiche der wörter streit und streiten
an. 11)
schon ahd., häufiger aber im mhd. wird streitig
im sinne von '
hartnäckig oder emsig strebend'
gebraucht (
vgl. streit G 1
und streiten G 2): stritigor (
si tamen)
contentiosius (
adversus ea quae bene sunt decreta perstiterint, conc. Antioch. 79,
patrologia Latina 67, 159)
ahd. gl. 2, 111, 5
St.-S. (10.—11.
jh.); stritigo (
illae [
apes] ...
in tectis)
certatim (
tenvia cera spiramenta linunt, Vergil georg. 4, 38)
ebda 642, 31 (11.
jh.); ter nâh tero gûollichi strîtigo (
precipiti mente) fehte, unde si imo dunche dingo heuigôsta, ter sehe ûf an dîa uuîti des himeles, unde nider an dîa smali dero erdo Notker 1, 118, 6
Piper; daz diu werlt nie gewan zwêne strîtiger man nâch werltlîchem lône Hartmann v. Aue
Iwein 6950; Franzeyser sint niht gîtec, und doch nâch prîse strîtec Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 246, 14; ein grimmer löuwe noch ein ber nie wurden alsô gîtic noch ûf ein vihe sô strîtic sô si der hunger sêre twanc Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 12 766
Keller; nu het ouch Kurvenal vernomen daz sinem herren was sin muot stritik, willich unde guot gein Britanie in daz lant Heinrich v. Freiberg
forts. d. Tristan 1470
v. d. Hagen. vereinzelt noch im 16.
jh.: das jr auch nicht wöllet so streitig sein weiter zu lernen Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. 184 C
Huser. im mhd. sehr beliebt (
vielleicht in anlehnung an bedeutung 6)
für einen eifrigen, tüchtigen jäger: ain stolzes tier haben wil ain stritigen jeger, das ist war
minnereden 1, 623
Matthaei; ein jager sol vil stritick wesen
kleinere mhd. erz. III 166, 79
Rosenh.; ich hör doch sprechen manigen man, daz ye ein streitig yeger, werd mder unde treger daz wild, wen erz die lenge yeit, daz ez an lauffen wirt vertzeit Suchenwirt 26, 59
Primisser. so auch: dv (
kater Dieprecht) maht verlisen wol din leben, bestet dich ein stritiger hvnt (
um 1180)
Reinhart fuchs 343
Baesecke; vgl. auch die noch heute im bair. und hochalem. übliche verwendung für '
angestrengt, unablässig': damit hab ich acht tag streitig arbeit Schmeller-Fr.
bayer. 2, 820; er hed stritig g'werched Staub-Tobler
schweiz. id. 11, 2408. 22)
im mhd. und frühnhd. ist die mit der vorigen historisch zusammenhängende (
vgl. streit G 1
und streiten G)
bedeutung '
starrsinnig, widerspenstig'
verbreitet, die sich noch heute in den obd. maa. hält. ein streitig kind
un fanciullo inquieto Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1009
c: du bist mir ungehôrsam, daz ist vil übele getâ
n. strîtic ist der wille dîn, den lâ durch den willen mîn
Laubacher Barlaam 13 104
P.; (
ich) redet mit im und hett in geren von seinem unwillen geweist; er was aber zu streitig, ich kunt in nit wenden (15.
jh., Augsburg)
städtechron. 5, 203; dergleichen hetten die schwiger iren döchtern drei underweisungen fürgehalten, nemlich das sie (
in der hochzeitsnacht) sollten sein schemig, demietig und streitig
Zimmer. chron. 23, 271
Barack; ist nit anders zueuersteen, dann wie ain ... guetiger vater mit seimm senften vnd langen vbersehen, daz er seinn ... streytigen sun nit zeitlich strafft Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. 254
Reithm.; sterb jetzt also, du halsstarrig, mit deinem streitigen kopff
Amadis 1, 188
Keller; wie Johannes Paulus Windeck ... solches gantz steiff unnd streitig fürbringt Röslin
mitternächtige reise (1618) 149; wolt aber der (
beklagte) so streitig sein und das vich nit ausznehmen (
aus der koppel), so mag nun der, dem solcher schaden geschechen ist ..., dem richter das verkünten (
Steierm., hs. 2.
hälfte d. 17.
jhs.)
österr. weist. 6, 57.
so auch: die runden etwan thalersgrosse plassen (
weisze flecken an der stirn der pferde) zeigen einen eigensinnigen, streitigen und bösen kopff Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 130; wenn eine kuh 'streitig' war,
d. h. ausschlug ..., stellte sich A. zu ihr B. Auerbach
schr. (1892) 9, 5.
vereinzelt (
vgl. streit G 1 a): streitig
rebellus, voc. incip. teut. (
Speyer um 1485) ee 6
a; (
er) fiel auf ain zeit, als sich die streitigen, ungehorsamen leut solchs zum wenigsten versahen, mit aim wolgeristen raisigen zeug ... in die stat
Zimmer. chron. 21, 267
Barack. —
dazu die mundartlichen zeugnisse: streitig
hartnäckig, eigensinnig, jähzornig; wer sich sträubt, geschenke anzunehmen Fischer
schwäb. 5, 1856; ə streidi's kind
hartnäckig, schwer zu beruhigen, zu lenken Schmeller-Fr.
bayer. 2, 820; streiti(ch)
zu weinen und schreien geneigt Jakob
Wien 186
a. —
nur schweiz. ist die bedeutung '
schwierig (
zu bearbeiten)',
von der beschaffenheit eines landstückes; wohl von hier aus auch 'steil',
s. Staub-Tobler 11, 2408: der weg ... war etwas streitig, führte durch wohlgeschonte wälder ... endlich ins urbare land hinaus J. Gotthelf
ges. schr. (1855) 11, 100.
vgl. ähnl. unter streitbar 1. 33) '
uneinig, im streit befindlich',
auch '
widerstreitend, gegensätzlich'.
contrarius widerig, streitig, entgegen gesetzt Calepinus
XI ling. (1605) 328
a;
venire in controversiam streitig werden Corvinus
fons lat. (1623) 871; über etwas streitig werden Adelung 4 (1780) 822.
so schon im ahd.: unde strîtîc ungezumft (
discors bellum) flihet fone himele Notker 1, 291, 20
Piper; sô man dâr umbe in strîtîgemo râte sizzet
ebda 1, 100, 9.
später nicht selten auch in der verbindung streitige parteien,
vgl. die streitige partheyen
le parti litiganti Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1009
c: de streitige parthien guetlich tho vergelichen vnd tho verschieren (
versöhnen)
qu. bei Schiller-Lübben 5, 435
b s. v. vorschiren; es ist schwer zween herrn dienen, gott vnd der welt, die da gentzlich streitig vnd wieder einander sein Barth
weiberspiegel (1565) X 5
a; fürwar, ich vnd eur schwester send heut mit einander streittig worn Ayrer
dramen 1, 293
Keller; dasz ihrer viel streitig seind und teils bejahen, teils beneinen, dasz das h ein buchstab sei Zesen
rosenmând (1651) 89; wenn beide streitige teile also angesehen werden, das sie im rechten gleich, so seyn folgende mittel, dieselbe zu vergleichen Butschky
Pathmos (1677) 372; wo man mehr eine geschichte der streitigen meinungen und erzehlungen von dieser oder jener begebenheit, als die begebenheit selbst vortragen zu können, hoffen darf Nicolai
literaturbr. (1759) 3, 115; über die eigentlichen ursachen dieser krankheit sind die arzneyverständigen unter einander noch sehr streitig Rabener
s. schr. (1777) 2, 234; fern und nah musz er (
der advokat) die texte streitigen partheien ordnen Brentano
ges. schr. (1852) 3, 193; streitige wünsche theilten seine seele; was er der liebe, was er seinem stande schuldig Arnim
s. w. (1853) 1, 155; (
ein) vertragbuch ..., worin die entscheide der streytigen partheyen in allen bergsachen registriret Veith
bergwb. (1870) 541; über die grenzen (
des landes) war man streitig Ranke
s. w. 30 (1875) 85.
vom hadern in glaubenssachen: wie seid ihr doch so streitig in dem, was gott gethan? (17.
jh.) Sacer
bei Fischer-Tümpel
dt. ev. kirchenlied 4, 509
a. 44) '
zum streit aufgelegt, zänkisch, händelsüchtig'
; vgl. Fischer
schwäb. 5, 1856; Schmeller-Fr.
bayer. 2, 820; Unger-Khull
steir. 583
a;
luxemb. ma. 430
a; Follmann
Lothr. 507
a; Mensing
schlesw.-holst. 4, 888
s. v. strieden 1. — streitig mit worten
contentiosus, rixosus, voc. incip. teut. (
Speyer um 1485) ee 6
a; das man ... in alwegen dunke das ein ander rechter habe denne er (
man selbst), und (
man) weder stritig noch kibig si; sunder man sol sich leren lossen und stille sin Tauler
pred. 11, 234
Vetter; ist ieman hie der ein strîtic wîp habe (
um 1250) Berthold v. Regensburg
dt. pred. 326, 9
Pfeiffer; noch vil billicher vnd mehr soll man dise streitige vnd vorthailhaftige (
auf den eigenen vorteil bedachten) reden aus der ehlichen gemeinschaft verbannen Fischart
w. 3, 142
Hauffen. in der gelehrten auseinandersetzung: aber ich musz mich solcher vorblumeten spruch enthalten, ... den die streytigen feind mochten eynn auszflucht nemenn und sagen, weyn unnd silber deutte nit gotliche schrifft Luther 8, 142
W.; es hetten aber die (
in glaubensfragen) streittigen köpff abermal sagen mögen J. Gretter
erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 237; ir habt vil zu streittige köpffe under euch Kepler
opera omnia (1858) 4, 55
Frisch. — '
zankerfüllt': wir brachten die auf selbigen streitigen abend eingebrochene nacht in süsser ruhe hin Schnabel
insel Felsenburg 1, 129
Ullrich. 55)
sehr häufig wird streitig
auf dingliche oder begriffliche gegenstände bezogen, über die uneinigkeit besteht. 5@aa) '
umstritten, dem streit unterworfen, kontrovers',
vgl. strittig 3 a.
controuersus streitig, darumb man zanckt Alberus (1540) e 4
a; eine sehr streitige matery
una materia molto debattuta Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1009
c; die streitige sache
worüber gestritten wird Adelung 4 (1780) 822: dweil dises (
d. sündenvergebung) itzund streittig ist (1539) Luther
br. 8, 475
W.; dessenwegen (
um einen gemeinbrief anzulegen) mit der ganzen genachtborschaft semptlichen in ir gemein zu den streitigen orten gangen und solches an weg und steg gericht und verglichen (
Kärnten 1586)
österr. weist. 6, 520; Zesens erörterung der biszher streitigen frage Ph. Zesen
verm. Helikon (1656) 3, L 7
a; zu erst stand das gerichte des jüdischen königs Salomon, da er durch befehl, ein streitiges kind mitten entzwey zu hauen, die wahre mutter ... unterscheidet Lohenstein
Arminius (1689) 2, 817
b; Dandin ..., welcher diese eigennützige und unbillige theilung mit der streitigen auster vornimmt Triller
poet. betracht. (1750) 2, 610; beyde halten ... regelmäszige conferenzen, in welchen sie die streitigen punkte besprechen Göthe IV 19, 318
W.; minister Arnswaldt ist hier, um den streitigen bauplatz selbst in hohen augenschein zu nehmen J. Grimm in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 28
Ippel; das gebiet ... war streitiges grenzland Mommsen
röm. gesch. 1 (
61874) 122; der ursprung des schwachen präteritums ist streitig H. Paul
dt. gramm. (1916) 1, 56; so würde es schlechterdings unmöglich sein, das vorhandensein des streitigen gegenstandes zu beweisen Ric. Huch
d. grosze krieg (1920) 3, 418.
so auch in der neueren rechtssprache: der fremde (
in Rom) ... konnte keine gültige geschäfte noch streitige rechte geltend machen Niebuhr
röm. gesch. 1 (1811) 391; in allen übrigen streitigen rechtssachen ... vertrat den grafen ... auch die gemeinde Eichhorn
dt. staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 217; (
das haus) war nicht in den verzeichnissen der streitigen gegenstände aufgenommen gewesen Stifter
s. w. 4, 1 (1911) 190; ist die berichtigung einer verbindlichkeit zur zeit nicht ausführbar oder ist eine verbindlichkeit streitig, so darf die verteilung des vermögens nur erfolgen, wenn dem gläubiger sicherheit geleistet ist
allg. dt. handelsgesetzb. v. 1861, § 301; ist das bestehen oder die dauer eines pacht- oder mietverhältnisses streitig, so ist der betrag des auf die gesamte streitige zeit fallenden zinses ... für die wertsberechnung entscheidend
zivilprozeszordnung v. 30. 1. 1877, § 8.
als terminus techn. streitige (
d. i. streitende, prozessierende) gerichtsbarkeit (
für die zivil- und strafrechtsprechung im gegensatz zur freiwilligen gerichtsbarkeit): dagegen die streitige gerichtsbarkeit kommt allerdings ... nicht sämmtlichen höchsten beamten zu Mommsen
röm. staatsrecht (1871) 1, 118; die ordentliche streitige gerichtsbarkeit wird durch amtsgerichte ... ausgeübt
gerichtsverfassungsgesetz v. 20. 5. 1898, § 12; nach einführung des gerichtsverfassungsgesetzes von 1850 ... haben auch die kirchspielsgerichte die streitige gerichtsbarkeit ganz eingebüszt, es ist ihnen nur die freiwillige gerichtsbarkeit verblieben Allmers
marschenbuch (1900) 352. 5@bb)
seit dem ende des 16.
jhs. in der wendung (jmd.) etwas streitig machen '
anfechten',
vgl. strittig 3 b.
ducere aliquid in controversiam ein ding streitig machen Faber
thes. (1587) 929
b; einem etwas streitig, disputirlich machen
disputare contendere, controvertire qualche cosa ad uno Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1009
c; einem etwas streitig machen
den besitz desselben bestreiten Adelung 4 (1780) 822: da er ... nicht allein die kirchen ceremonien ..., sondern auch die lehrpuncta selbst fechten vnd streitig machen ... wolte Micraelius
altes Pommerland (1639) 3, 597; unterdessen so hat sich seit der zeit ein andrer gefunden, welcher ... demselben die folge der herrschafft streitig machen wollen Warnecke
poet. versuch (1704) 403; die schöne selbst, die durch den klugen sinn Minerven oft den vorzug streitig machte Gottsched
ged. (1751) 1, 356; beide (
fürsten) machen sich die ehre streitig, uns zu unterjochen Göthe I 9, 363
W.; die zahl der an der küste befindlichen einwohner war zu gering, um uns dieselbe (
d. ungestörte landung) streitig zu machen J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 204; im ersten sommer ... machte ein bauer ihnen einen weg über seinen acker streitig, den der hof bisher genossen hatte
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 3, 156; kein anderer ... vermag ihm diesen ruhm streitig zu machen J. Schlosser
präludien (1927) 340. —
hierzu die vereinzelte bildung streitigen, vb.: wer streitigt dir die oberstelle? Pfeffel
poet. versuche (1816) 7, 30. 66)
vom mhd. bis ins frühnhd. '
kriegerisch, kampftüchtig, kampfbegierig',
vgl. Diefenbach
gl. 71
a s. v. bellaticus; 71
b s. v. bellicus; streytbar, streytig
pugnax, bellicosus, militaris Maaler
teutsch spraach (1561) 392d: thie grimmigen Sorbîten, unt Beire thie strîtegen mit ire scarphen swerten, ... sie muosen ime alle nîgen
Rolandslied 6840
Bartsch; er was des muotes vester denne anders manec strîtec man, der wol in strîte tûren kan Wolfram v. Eschenbach
Parzival 376, 23; al den, de stridich weren, den behagede desse rad wol (14.
jh., Magdeb. schöppenchron.)
städtechron. 7, 15; de erste Karolaman edder Karl, Pippines sone van Begga, de heit de stridige
ebda 20.
so auch: die wider, welche schöne grosse hörner haben, ... dieweil sie gewapnet streitig vnd brünstig sint, ... sein ... allwegen besser dann die one hörner: dan solche sein gemeynlich nicht so kriegisch Sebiz
feldbau (1579) 136.
im sinne der ecclesia militans: wenn fromme christen noch in der streitigen kirchen seyn, können sie in das himlische Jerusalem nicht sehen wegen desz dicken vorhangs jhrer leiber Meyfart
himml. Jerusalem (1630) 1, 187.
vgl. auch: die kirche, heilige veter und concilia haben viel beschlossen und geortert in streitigen artickeln wider die ketzer (1525) Luther 17, 2, 29
W.