stiefmütterchen,
n.,
name der viola tricolor. älteste form (16.
jh.) stiffmuttrigen,
etwa gleichzeitig stiefmüterlein, stiefmutterle,
s. u., im 17.
jh. auch stiefmutter,
s. o. der name wird gewöhnlich als bildhafte, auf dem pejorativen nebensinn von stiefmutter (1 b)
beruhende ausdeutung der gegenseitigen stellung von blumenblättern und kelchblättern erklärt: '
die viola tricolor heiszt stiefmütterchen,
weil jedes der gelben blätter unter sich ein schmales, grünes blättchen hat, wovon sie gehalten wird, das sind die stühle, welche die mutter ihren rechten lustigen kindern gegeben; oben müssen die zwei stiefkinder, in dunkelviolett trauernd, stehen und haben keine stühle' W. Grimm (1819)
kl. schr. 1, 334; '
das unterste blütenblatt, das am buntesten gefärbte, ist die stiefmutter,
die sitzt auf zwei stühlen (
den grünen kelchblättern).
oben sind ihre beiden rechten kinder und haben jedes ihren besonderen stuhl. in der mitte die beiden gröszten blätter sind die stiefkinder;
sie haben dunkle kleider und müssen sich beide mit einem stuhle begnügen' Hoffmann v. Fallersleben
volkswörter in: Wagners arch. 1 (1874) 276.
diese erklärung ist heute im volksglauben anzutreffen, s. hwb. d. deutschen aberglaubens (1937) 8, 480. —
die gleiche oder ähnliche anthropomorphe bezeichnungen der viola tricolor sind weit verbreitet. im deutschen mundartlich neben stiefmütterchen: stiefmühmchen Campe 4, 655,
mecklenburg. steefmömekens
bei Pritzel-Jessen 441,
zu nd. stefmome
stiefmutter; stiefkinder (
Pinzgau), stiefkindlar (
Zillerthal)
a. a. o. in den andern germanischen sprachen: isl. stjúpublomi.
mit dem worte für '
stiefmutter'
: norw. stifmór, stifmórsblóm, stykmorsblom,
schwed. styfmorsört, styfmorsfioler
u. ä., dän. stifmoder
u. ä. Jenssen-Tusch
nordiske plantenavne 265
f., Lyttkens
svenska växtnamn 553
f.; so auch im italienischen: nordit. madrigne,
plur. Pedrotti e Bertoldi
nomi dialettali delle piante 440;
besonders verbreitet im slav.: obersorb. macoška Majewski
słownik nazwisk zoolog. i. botan. 2, 824
b;
tschech. maceška,
schon im 14.
jh., s. Gebauer slovník staročesky 2, 301;
poln. macoszka, -i
plur. seit dem 15.
jh., s. Rostafiński
symbola ad hist. natur. medii aevi 1, 239; Majewski
a. a. o.; sloven. mačuha Šulek
iugoslov. imenik bilja 216;
im russ. mundartl. mačimačicha Annenkov
botan. slovar2 382;
es ist besonders bemerkenswert, dasz das deutsche nicht nur die bezeichnung als '
stiefmütterchen',
sondern auch die form des deminutivums mit den westslav. sprachen gemeinsam hat. Brückner
słown. et. jęz. polsk. (1927) 678
hält das polnische wort für eine lehnübersetzung aus dem deutschen. im slav. und balt. ist auch die bezeichnung als '
waisenkind'
zu hause, vgl. o. stiefkinder:
obersorb. syrotki,
plur. demin., Majewski
a. a. o.; poln. sierotki
ebda; ukr. syritky Makowiecki
słown. bot. 403;
serbokroat. sloven. sirotica Šulek
a. a. o. 353;
lett. bārenĩte,
zu bārene '
waise' Mühlenbach-Endzelin 1, 184; 273.
andere anthropomorphe bezeichnungen sind: poln. wdowki,
plur. demin., eigentlich '
witwe',
im 15.
jh., s. Rostafiński
a. a. o.; lit. našláite '
witwe'
oder '
waisenmädchen' Niedermann-Senn
wb. d. lit. schriftspr. 2, 120;
lett. atraĩtnĩte,
zu atraĩtnis '
kleine witwe'.
durch wörter für '
schwiegermutter'
und '
schwiegertochter'
bezeichnet: osttirol. schwiegermüatterl,
s. Wiener zeitschr. f. volkskde 40, 81;
südtirol. schwigerlen,
s. Schlern 4, 255;
schweiz. schwigerlischwägerli,
s. Staub-Tobler 9, 1795; schnureli
ebda 1286;
italien. (
Toscana, Abruzzen, Neapel, Sizilien) suocera e nuora Penzig
flora populare italiana 1, 525.
ferner: grootmoderbloom Mensing
schlesw.-holst. 2, 490;
niederrhein. olle wiewer,
s. zeitschr. d. allg. dt. sprachver. 32, 233;
poln. siostra z bratem,
eigentlich '
bruder und schwester',
im 15.
jh., s. Rostafiński
a. a. o.; poln. und russ. bratki,
s. Brückner
słownik et. jęz. polsk. 39; Makowiecki
słownik bot. lać.-małoruski (1936) 402;
engl. godfathers and godmothers,
eigentlich '
gevattern und gevatterinnen',
s. Britten and Holland
dict. of engl. plantnames (1886) 208. —
gegenüber der auf die blütengestalt zielenden erklärung (
s. o.)
sah Jac. Grimm (
kl. schr. 5, 239
ff.)
die ursache der angenommenen übertragung aus den namen für stief- und schwiegerverwandte darin, dasz das nicht leibliche verwandtschaftsverhältnis im brauchtum durch bunte tracht gekennzeichnet wurde, und die buntheit der blüte das auffallendste merkmal der viola tricolor ist. das verhältnis der aufgezählten germ., slav., balt. und roman. bezeichnungen zueinander ist noch zu klären. die parallelen machen wahrscheinlich, dasz der deutschen bezeichnung stiefmütterchen
eine anthropomorphe vorstellung als ursprünglich zu grunde liegt. jedoch ist für eine erklärung von stiefmütterchen
vielleicht die bedeutung der pflanze für die volkstümliche heilkunde zu beachten, sowie das gleichbedeutende, ebenfalls noch unerklärte hohemutt:
herba trinitatis, jacea, viola tricolor, herba clavellata, dreifaltickeittblomen, freysamkraut, hohemutt Caspar Ratzenberger
herbar. (
v. 1592) 56
Kessler, dafür später stiefmutterle,
s. u. mundartlich stiefmütterchen
auf nd. und md. gebiet, gegenüber dem obd. stiefmütterlein,
s. Mensing 4, 816; Frischbier
preusz. wb. 2, 345
b; Federking
Hahlen b. Minden 30; Nieszen
rhein. volksbotanik 1 (1936) 240;
zeitschr. d. ver. f. volksk. 10, 213 (
nordthür.); Kehrein
Nassau 1, 392. —
seit dem 16.
jh. bezeugt: jaceam vocatam quibusdam herbam, vulgo trinitatis herbam ... Germani vocant stiffmuttrigen Mich. Barth in:
Virgilii bucol. comment. (1570) 112; stiefmüttrichen Steinbach (1734) 2, 95; art des gebrauchs der stiefmütterchen wider den ... milchgrind
allg. dt. bibl., anh. zu 37-52 (1771) 187; wie ein vieh, ... das mit den hörnern vorwärts sich immer weiter in die fette wiese hineinfriszt, ohne rechts und links von den moralischen und allegorischen kuhblumen, stiefmütterchen, vergiszmeinnicht, je länger je lieber notiz zu nehmen Tieck
schr. 3, 262; ein blumenflor sproszte im schloszhof in reicher fülle und seltener farbenpracht; es waren stiefmütterchen Gaudy 5, 17.