sticheln,
vb. ,
iterativbildung zu stechen (
grundform *stichilon),
in einzelnen bedeutungen auch herzuleiten von stichel 5,
verschiedentlich im wechsel mit stochern. 11)
eigentl., '
mit spitzem instrument in etwas einstechen'
; dabei mannigfache bedeutungen im einzelnen. a)
die überhaupt älteste nachweisbare verwendung des vb. ist '
umgraben, boden, bes. einen weinberg behacken'
: pastinare idem est quod fodere uel plantare uel finare ... idem est quod paxillare uitem, quod uulgariter dici potest stichelon (
alem. glossar, ca. 1300)
in: ztschr. f. dt. wortf. 5, 17;
ähnlich paxillare (
obd. 15.
jh.) Mone
anz. 6, 221;
synon. mit grübeln
als übers. von lat. fodicare Corvinus
fons lat. (1623) 323. b) '
jmdn. mit einer waffe (
fortgesetzt)
stechen'
; erst seit ende 18.
jh.: der schauspieler Stich ist ... von einem verehrer seiner frau auf den tod verwundet worden ... wenn ich so etwas hätte übelnehmen wollen, wäre ich zum siebe gestichelt (1823) Zelter
an Göthe, in: briefwechsel (1833) 3, 297; Masetto ... streckte funfzigmal die hand aus, so oft die spitze des dolches ihm durchs hemde drang ... als Michali aber doch gar zu empfindlich stichelte ... Gaudy
s. w. (1844) 15, 69;
ebenso mit nadeln: andere stichelte man vom kopfe bis zu den füszen so lange mit nadeln, bis sie abschworen Fr. Schulz
gesch. d. camisarden (1790) 7;
ähnlich: den wachholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt ..., die feinen nadeln stichlen auf ihn B. v. Arnim
Günderode (1840) 1, 180. c) '
in etwas herumstochern',
z. b. in zähnen: wer zahnweh hat, stichle mit einem höltzlein die zähne, das sie blutten
receptheft des 17.
jh., elsäss., in: Alemannia 11, 197;
in speisen, und infolgedessen nur wenig davon genieszen: Unger-Khull
steir. 576
b. d) '
mit einer spitzen stange einen schlitten vorwärts treiben': alles machte ihr freude ... die buben, die auf den weihern stichelten P. Dörfler
d. lampe d. tör. jungfrau (1930) 262. e) '
mit dem stichel gravieren': (
die menschheit) war und ist so, wie ich sie gestichelt habe (
von Hogarth gesagt) H. Eulenberg
letzte bilder (1915) 137. f)
zum sachgebiet 1stich B 1
gehörig '
stiche machen, emsig nähen',
seit anfang des 19.
jh. belegt: neben dem jungen grafen kann er nicht den ganzen tag sticheln und flicken Holtei
erz. schr. 18, 231; ich sahe auf Renaten, die am fenster sasz und an einem namentüchlein stichelte Storm
ges. schr. 12, 46;
subst.: Ulrike (
ist) küchenartig, doch auch mit sticheln in bunter wolle wenigstens nicht zurückbleibend (1824) Göthe IV 38, 34
W.; im bild: in der nacht, wo ich wie Penelope alles reichlich wieder auftrenne, was ich an dem narrenkleide der fröhlichkeit gestichelt habe H. Marggraff
bücher u. menschen (1837) 248. g)
kundensprachlich, '
schlachten': Fischer
schwäb. 5, 1752. 22)
abseits davon, zum bedeutungsbereich 1stich A 1 c, '
ein kartenspiel spielen, welches sonst der letzte stich genannt wird' Schmeller-Fr. 2, 725; Fischer
schwäb. 5, 1752;
subst.: ich ... gab ihnen in den gewöhnlichsten spielarten unterricht, im färbeln, im kauflabeten, sticheln, im saufaus und kuhschwanz Jean Paul
w. 3, 210
Hempel. vgl. auch stichbrand, stichbrändeln. 33)
selten, nur in älterer sprache, zum sachgebiet stichel 5 (
s. d.), '
mahnend auffordern, antreiben': dornach wart gestichelt vnd genötigt Lucas von dem heiligen geist das er schraib das ewangelium in den teylen Achaye das ist in Krychen land
erste dt. bibel 1, 190, 29
lit. ver. 44)
übertr., '
jmdn. mit spitzen reden verspotten oder kränken',
in dieser bedeutung schon spätmhd., bis heute durchlaufend; mit dem vb. verbindet sich in der regel der beischmack des verstohlenen: unsere freunde, die immer respekt gehabt haben vor uns, würden zischeln und sticheln und spotten
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 3, 400; (
Luther), der auf gekrönte häupter nicht stichelte, sondern schimpfte Lessing 5, 54
Muncker; die handlung kann alle register des spottes, neckens und höhnens umfassen, vom feinsten bis zum gröbsten: scharf, grob, schimpfisch, subtil, spitzfindig, artig, klug, lächerlich stichelen
M. Kramer 2 (1702) 920
b; '
einen mit piquanten, d. i. mit spitzigen, empfindlichen worten anzäpfen' Sperander
handlex. (1727) 472
b; '
reizen' Brendicke
Berliner wortsch. 178
b;
ähnlich wb. d. lux. ma. 420; Rovenhagen
Aachener ma. 139; '
anzüglich sprechen' Mi
meckl. 86
b;
oft, indem man hämisch auf etwas anspielt: Klein
dt. provincialwb. (1792) 2, 171 (
für Ansbach, Nürnberg, Pfalz, Württ.);
für Österr. bei Castelli
Österr. o. d. Enns (1847) 235;
als gleichbedeutend mit obd. stacheln, stochern
gebucht bei Adelung 4, 367;
ähnlich schon Stieler (1691) 2157.
ohne obj.: mancher wann er beym trincken sitzt von klugheit wird also erhitzt, dasz er alszdann all irrig sachen beym wein und bier will richtig machen, sitzt stichlen als ein neydisch hund Moscherosch
gesichte (1650) 2, 754; jedes wort, das den zweck hat zu sticheln, ... ist eine neckerey Lavater
verm. schr. (1774) 2, 27; es ist doch ein groszes glück um einen gleichmütigen sinn, stichelte die mutter Immermann
w. 5, 84
Boxb.; Botho hörte wohl heraus, dasz dies von Lene mit absicht und um zu sticheln gesagt wurde Fontane
ges. w. I 5, 189;
mit accus. d. person, selten, aber bereits sehr alt: er wirt geheissen Nazarenus, sy werden gesechen in, den sy gestichelt haben
erste dt. bibel 3, 39, 6
lit. ver.; ich verstehe genung, dasz ihr mich stichelt und auszholippert Gryphius
lustspiele 143
lit. ver.; sie will ihn sticheln Börne
ges. schr. (1829) 2, 158.
in der regel jedoch ist das objekt der sache sowohl wie der person präpos. angereiht, zumeist mit auf: man darff nirgent unter die leut gehen, man stichelt auf sie, wie die vogel auff die eule G. Welman
hochzeitpred. (1580) E c 8
a; da mich unterschiedliche neidhämmel und hündisch gesonnene zweiffels ohne werden mit ihrer gifftigen natterzunge auff mich sticheln Prätorius
philos. colus (1662)
vorr. 3; Otto ... stichelte mit einigen worten fast auf einen jedweden über der tafel A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 4, 477; er stichelte bey aller gelegenheit auf ihn, als auf den undienstfertigsten bibliothekar, der zwischen himmel und erden zu finden Lessing 13, 382
L.-M.; er stichelte mit solchen worten zugleich auf den umgang, den ich mit einem jungen officier angefangen hatte Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 2, 54; Jost stichelte auf des fremden kleidung Cl. Brentano
Godwi (1801) 1, 54; ein transparent ... stichelte ziemlich vorlaut auf Oesterreichs zaudern Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 321;
auch mit über: der adel, die hohen beamten der früheren zeit, hatten bei jeder gelegenheit über ihre unerfahrenheit zu sticheln Gervinus
gesch. d. 19.
jh. (1855) 4, 254.
öfters formelhaft gepaart mit anderen, gleiches oder ähnliches bedeutenden verben: laster entstehen, bis alles vergehet, was stichelt und schmähet Ph. Zesen
verm. Helikon (1656) 2, 114; neid wird durch rüffeln und sticheln noch schwächer, frisset, verletzet, verzehrt sich allein C. Knittel
poet. sinnenfrüchte (1677) 31; sticheln und hecheln heiszt, jemand mit anzüglichen worten vorsetzlich tort und verdrusz anthun wollen J.
F. Thierbach
diarium Herrnhuthianum (1751) 2, 418; (
wenn das junge volk merkt, dasz man unterm pantoffel steht), so lacht es hinterm tuche und foppt und stichelt dann Müllner
dram. w. (1828) 7, 135;
lautmalend-ablautend mit stacheln: es ward auf schöngeisterei gestichelt, auch wohl gestachelt J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 18;
dazu auch redensartl.: fix kumm! sâ de schäpker van Riepe to sien hund, as de pastor aver de miethling preekde, t sticheln un stacheln geit all wer lös Kern-Willms
Ostfriesl. (1869) 13. —
subst. in gleicher bedeutung: das stochern und sticheln kann ich durchausz nicht leiden J. B. Schupp
schr. (1663) 655; es ist nie kein rechtes wahres zutrauen unter ihnen, und des stichelns wird kein ende J.
M. Miller
briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 363; das witzige sticheln kann ich nicht leiden J. Schreyvogel
ges. schr. (1829) 2, 2, 42.