steife,
f. ,
ableitung zu steif,
s. das. 11)
zunächst im sinne eines abstractums, eigenschaft oder zustand eines dinges, da es steif ist, steifsein. in vornhd. zeit nicht sicher nachzuweisen, denn in folgendem mnd. belege ist wohl das substantivierte adj. anzunehmen: in den schüren unde schoppen mach ik mi wal mit stive bestoppen Gerhard v. Minden 55, 24
Leitzmann, vgl. d. anm. der älteste bekannte beleg stammt aus einem liede von Th. Murner (
um 1520),
s. unter e. die nhd. wörterbücher haben das wort von anfang an: steiffe,
firmitas, firmitudo Dasypodius;
firmitas, veste, steiffe Schöpper
synon. d. 6
b; steyffe (
die)
stabilitas Maaler 388
a,
firmitudo, firmitas ... steiffe, bestendigkeit Calepinus
dict. VIII
ling. (1584) 515;
soliditas ... veste, steiffe, oder gAentze 1256
b; steiffe, festigkeit,
fermezza, stabilita Hulsius (1618) 823
b; steif[e], steifigkeit,
f. rigidezza, rigore, saldezza, fermezza, it. intirizzamento Kramer
dict. 2, 945
c; steiffe,
firmitas, stabilitas. steiffe der dingen,
soliditas Denzler 274
a; steife (
die)
fulcimentum, rigor, firmitas Steinbach 2, 691.
in neuerer zeit durch die gleichbedeutenden bildungen steifheit
und steifigkeit
zurückgedrängt, s. das. (
mundartlich fast nur in der bedeutung 2,
d, s. auch 2,
a.)
im einzelnen: 1@aa)
von stoffen, vgl. steif II, 2: steife der leinwand
u. a. steife eines hutes
apprêt, stiffening Beil
technol. wb. 1, 569.
dazu: die steife benehmen,
levare la rigidezza. die steife geben,
dare la salda Kramer
dict. 2, 945
c; einem zeuge die steife benehmen Adelung; einem hute steife geben Campe. — steife einer feder
elasticität: allein wegen der vierfachen entfernung des punktes B vom ruhepunkte C ist die steife der feder CB dennoch viermal schwächer als die steife der feder C2A Kant 1, 111
Berl. ak. 1@bb)
zu steif II, 3: steife der glieder,
rigore, assideramento etc. delle membra Kramer
a. a. o.; Adelung: sie machten ihm ein feuer an; die steife der glieder wärmte da der weisze mann Chamisso 4, 87 (
rede des alt. kriegers Bunte-Schlange). steife des rückens, der arme, beine, der finger
u. s. w. '
in einigen gegenden wird auch die lähmung oder der schlag, sofern er nur ein oder das andere glied steif macht, die steife
genannt' Adelung. 1@cc)
dickflüssigkeit, vgl. steif II, 4,
a: der schlamm verbleibt in den kästen solange, bis er hinreichende steife gewonnen hat, um sich verarbeiten zu lassen Muspratt
chemie4 8, 455. 1@dd) '
in der schifffahrt ist die steife
oder steifheit
eines schiffes die kraft, mit welcher es bei einem seitenwinde strebt seine wagerechte lage im wasser zu erhalten' Campe,
nach Röding 2, 702,
s. Kluge seemannsspr. 749, 1,
wo auch belege beigebracht sind; steife eines schiffs,
stabilité d'un vaisseau, stiffness Beil
technol. wb. 1, 569,
stabilität Stenzel 401
a (
vgl. 395
b),
vgl. steif I, 5,
b. 1@ee)
gewöhnlich ins seelische gewendet, so in der älteren sprache zu steif II, 8,
b: steiffe des gemts,
obstinatio Dasypodius;
gravitas ernsthafftigkeit, dapfferkeit, steyffe und standhaffte Frisius
dict. (1556) 613
a; steiffe desz gemühts,
ostinatione Hulsius (1618) 238
b;
so in d. ältesten belege: mein steife und mein herte erbit ich alle welt dasz niemans die verkerte, in üblem mir erzelt Uhland
volksl. no. 349, 32 (Murner
v. d. undergang des chr. glaubens.) 1@ff)
in neuerer zeit gewöhnlich zu steif II, 9: eine gewisse unbeweglichkeit und steife in ihren reden und manieren J. E. Schlegel 5, 247; eine nation, ... bey welcher also diese steife auf der schaubühne, dieser frost, dem temperamente widerspricht Sonnenfels
br. üb. d. wienerische schaub. s. 23
neudr. (1, 3); indesz der englische geistliche seine vernünftelnde rede mit einer gewissen gleichgültigkeit und steife der gemeinde vorliest Forster
schr. 5, 13.
von litteratur: durch die übersetzungen aus dem griechischen kam er (
d. jambische sechsfusz) in den ruf einer steife und starrheit, die ihm nicht wesentlich anhängen Freytag
technik d. dr. 280.
von musik: hier (
in der franz. seriösen oper) herrschte steife und frost R. Wagner
ges. schr. 9, 46 (
neben steifheit,
s. das. 2,
c).
in bezug auf bildende kunst geradezu als kunstwort: die steife einer figur Adelung;
dureté, roideur, stiffness Beil
technol. wb. 1, 569; einen diesem entgegengesetzten stil könnte man in einigen erhobenen arbeiten finden, welche wegen einiger härte und steife der figuren für hetrurisch ... zu halten wären Winckelmann 5, 266;
so auch: in diesem schweben nähmlich allein ist sie (
die bewegung) zwischen den beiden äuszersten, ... zwischen steife und übergiessender fülle Herder 8, 66 (
plastik). 1@gg)
ungewöhnlich ist die zusammensetzung geldsteife (
wenn es schwer hält, geld flüssig zu machen?): ich hörte, dasz er damals, als eine vorübergehende geldsteife eintrat, nur durch die energische intervention der ihm befreundeten bank über wasser gehalten worden sein soll
daheim 31, 183
b. 22)
concret, was dazu dient, einen gegenstand steif
zu machen, ihm halt und festigkeit zu geben. 2@aa)
so besonders als ausdruck der baukunst, für stütze, stützbalken; vgl.: 'stütze, stitze,
oder steiffe,
lat. fulcrum, franz. pointal. ... heiszt in der bau-kunst überhaupt alles, was eine last trägt, oder eine wand von einer seite zuhält, dasz sie nicht so leichte einfallen kan' Chomel
öcon. u. physic. lex. 8, 1764;
in der zimmermannskunst eine stütze, besonders eine schiefstehende, worauf sich eine last steift Adelung; steife,
f. étançon; stay, shore Beil
technol. wb. 1, 569: in welchen spillen formen (
beim schachtaufzug) ... ob dem haupt werden vier steiffen darauff die arme ruhen, mit klammern in einander geschlossen Agricola-Bech
bergwerckb. (1621) 126;
s. ferner 157,
dazu in der '
auszlegung der bergkwörter': steiffen
tignorum species; wenn ein haus zusammenfällt ..., da ist es thörig, dasselbe halten zu wollen mit steifen und stützen und untermauerung Alexis
Roland v. Berlin 3, 94; um der latte (
des springständers) einen festeren halt zu geben, bringt man steifen, stützen, streben oder knaggen an Kregenow-Samel
gerätk. s. 75; (
im bilde:) also wollt, ô princen, euch bedenken auf steiffen zu dem haus', es fehlet noch hierzu der rechten seiten stütz' W. Scherffer
ged. 77.
bei netzen zum rebhühnerfange: wenn eine forchel (
gabel) nicht feste stehet, setzet man eine steiffe darhinter Döbel 2, 186
b.
diese bedeutung (
miszverstanden als dünner baumstamm?)
liegt wohl auch in folgender stelle zu grunde: leicht setzt er (
d. hirsch) über stämm' und steifen Immermann 13, 58 (
Tristan, d. jagd).
auch stütze für die äste fruchttragender bäume, vgl. Jacobsson 4, 350
a.
im seewesen '
balken zur verhinderung seitlicher bewegung, auch spreize
oder stütze
genannt' Stenzel 401
a.
mundartl. in kgr. Sachsen: obers. steife,
stütze Anton 4, 12,
vogtl. šdaif Gerbet § 191, 1. Müller-Fraureuth 2, 558
a. —
es ist indessen zu beachten, dasz in diesem selben sinne eine anzahl wörter von sehr ähnlicher lautform begegnen, sodasz hier vielleicht nicht eine einfache bedeutungsentwicklung von 1
aus, sondern eine vermischung mit einer selbständigen bildung vorliegt, s. unten steipe, -el, -er (
auch steiber), stiefel, stiepel, -er, stippe, -er
u. s. w. 2@bb)
als ausdruck der artillerie: steife am schwengel,
tirants, collar of a spring-tree bar Beil
technol. wb. 1, 569. 2@cc) steife in einem schuh, '
steifes leder oder pappe um die hacke' Heyne 3, 782
b. 2@dd)
stärkemehl, womit man wäsche und zeuge (
bes. leinene feinwäsche)
steif macht, vgl. erstes stärke,
sp. 889; steife (steibe), steifsel,
salda, specie di colla fatta di amido per saldare i collare e simili biancherie. steife
etc. sieden, machen, kochen Kramer
dict. 2, 945
c; die steife,
amylum, das subtile leinen zeug steif zu machen Frisch 2, 328
a;
s. auch Adelung.
diese bedeutung ist im allgemeinen dem nd. eigenthümlich: stive
brem. wb. 2, 1031, stîwe Schambach 211
b; Woeste 256
a; stiw Danneil 212
a;
doch ist sie auch in westliche hd. mundarten eingedrungen, mit schwankendem geschlecht: rip. štìf Münch § 120, 2;
in Mühlheim an d. Ruhr štî:f Maurmann § 67;
in Aachen stief (
auch für kleister) Müller-Weitz 235,
ebenso in Cöln Hönig
2 175
a;
luxemb. šteif
luxemb. wb. 421
b,
lothr. stif (štif,
auch štíw, stí, staif)
f. und m. Follmann 499
a,
els. stif,
n. (?) Martin-Lienhart 2, 576
a.
in Cronenberg mit anderm suffix štī:wdə Leihener 116
b.
ins nhd. wird sie gern in der form steibe übernommen: steibe,
f. sterckmehl,
n. amydon Hulsius (1616) 372
a;
amylum Schottel 1421; steifsel, ...
dicitur stiam steibe Stieler 2110;
steube, et steibe, die,
est id. quod staubmehl,
farina vocatilis, in specie autem exponitur amylum 2124;
s. auch oben Kramer
und Jacobsson 7, 431
a.
in demselben sinne ferner die ableitungen steifel, steifsel (steifels),
s. das. 2@ee) '
bey den hutmachern ist die steife
der leim, womit man die hüte steifet' Adelung: der hauptbestandtheil der ... steife ist guter tischler leim Prechtl
technol. encyclop. 7, 612; wenige minuten reichen hin, die steife in den filz hineinzutreiben
ebenda. 33)
hier scheint dann steife
auch in der geltung eines verbalabstractums vorzukommen: 'steife (
hutmacher)
dem fertigen hut eine steifung geben' Jacobsson 4, 272
a (
folgt die genaue beschreibung des verfahrens).
ebenso zu 2,
d: 'stive,
die handlung des steifens, da nämlich das leinen geräthe in der haushaltung, nach der wäsche, gesteifet wird. se hebt de stive im huse:
sie steifen ihre wäsche im hause'
brem. wb. 4, 1031
f.