spule,
f. gerät beim weben und spinnen zur aufwickelung des fadens; ein nur in den sprachen des westgermanischen gebietes altbezeugtes wort, ahd. mhd. gewöhnlich masc. (
vgl.spul sp. 218),
doch ausnahmsweise auch fem.: panus spuola Steinmeyer-Sievers 2, 378, 4; gût was ir wille ir spûle und ir spille durch die netze drâte sigen. Albr. v. Halberstadt 15, 104;
dagegen mnd. nur fem. spôle,
mittelengl. spôle;
ins dänische und schwedische als spole
übernommen. das weibliche geschlecht tritt in der nhd. schriftsprache einzig hervor, ebenso in mundarten, wo früher das masc. herrschte: die spuele,
spule des webers. Hunziker
Aargauer wörterb. 249.
herkunft und ursprüngliche bedeutung des worts ist durchaus bestritten. dasz ein alter technischer ausdruck der weber vorliegt, ist wol sicher, dennoch wird die von Detter in der
zeitschrift für deutsches alterthum 42, 58
vorgetragene ansicht, dasz mhd. spuole,
ahd. spuola
auf einer vorgermanischen form *spādhlā
beruhe und mit griech. σπάθη weberholz verwandt sei, nicht das richtige treffen. wahrscheinlich hat das gerät, in der ältesten gestalt ein dünnes rundes holz, von dieser seinen namen und hängt zusammen mit dem subst. spale
dünnes, langes und zugespitztes holz (
vgl. theil 10, 1,
sp. 1845
unter spal),
und spale 2,
leitersprosse (
ebenda),
für das sich auch die form spole (
theil 10, 1,
sp. 2673),
düringisch selbst schpualn (Herwig
idiotismen aus Thüringen 1892
s. 27
a)
findet; im dänischen hat spole
neben der technischen bedeutung die einer sprosse der wagenleiter. ist diese annahme richtig, und hat spule
den eigentlichen sinn eines dünnen rundholzes, so erklären sich alle sonst auseinander liegenden bedeutungen des wortes ungezwungen als übertragungen von der form des geräts her. 11) spule,
gerät beim weben, zusamt dem aufgewickelten garn: panus spOele, spule
textorum. Dief.
nov. gloss. 279
a;
spul,
f. globus textorius, peleton de fil. Schottel 1420; spule
globus textorius, item arundo et canna glomeratoria. Stieler 2108; die spule,
plur. spulen,
glomus textorius, panus. Steinbach 2, 649;
vgl.weberspule; kunstweber ... der an der laufenden spule die fasern noch zu erwischen und so geschickt anzuknüpfen versteht, dasz auch nicht der kleinste knoten zurückbleibt. Thümmel 7, 131; indessen steckte der vater die spuhlen, um zu zetteln, auf einen mit querstäben abgetheilten rahmen. Göthe 23, 58; der eintrag (
wird) auf kleine spuhlen gewunden,
wie sie ins weberschiffchen passen. 63; feine musseline werden nasz gewebt, nämlich der strang des einschlagegarns wird in leimwasser getaucht, noch nasz auf die kleinen spuhlen gewunden und sogleich verarbeitet. 64; ich wil dir meine schwester geben, meine schwester Grete, ... sie kan die spulen schieszen.
Venusgärtlein s. 30
v. Waldberg; sie sang mit melodischer stimm' in der kammer, emsiger eil' ein gewebe mit goldener spule sich wirkend.
Odyss. 5, 62 (
χρυσείη κερκίδ' ὕφαινεν); das edle paar, verwaist und dürftig, webte für ärmre kleider. in der hand die spuhle sang man am tage heilger lieder viel. Kind 1, 156; dann tritt sie an den webestuhl und wirft mit zager hand die spul. Uhland
ged. 352; in dem webstuhl läuft geschäftig schnurrend hin und her die spule. H. Heine 18, 184. 22)
nach erfindung des spinnrades (
theil 10, 1,
sp. 2544
f.)
wird die spule
in etwas veränderter gestalt auf dieses übertragen, das gesponnene garn darauf zu wickeln: spule am rocken,
volva Stieler 2108; spuhle, ist derjenige herumlaufende ... theil am spinnrade, welcher den von dem wocken herunter gezogenen und zusammen gedreheten faden durch das an selbigen befindliche kleine eiserne röhrlein auf- und annimmt, und im herum drehen selbigen aufwindet. Amaranthes
frauenzimmer-lexicon (1715) 1892; die spule voll spinnen. Adelung; eine spule garn.
ebenda; garn auf die spule laufen lassen. Campe; das garn läuft von der spule,
wenn es neben der spule auf die spindel, auf welcher sie steckt, läuft. ebenda; eine spule garn abwickeln.
ebenda; nimm das spinnrad, setze dich an das ufer und spinn die spule voll. Grimm
kinder- u. hausm. s. 630 (
nr. 181); ja endlich haben wir erlebt die güldne jahren, dasz auch das weiber-volk läst spul und haspel fahren und macht ein kunstgedicht. Rachel
satyr. ged. s. 111
Drescher (
der poet 158); so manches garn, so manche spule. Günther 169; der knabe pflegt des obstes schule, das mädchen nadel, knütt und spule. Voss 2, 66; dann (
zu himmelfahrt) ist keine schule, dann wird rad und spule samt dem zeichentuch verwahrt. 4, 176;
synonym mit spindel (
th. 10, 1,
sp. 2492): das arme mädchen ... muszte so viel spinnen, dasz ihm das blut aus den fingern sprang. nun trug es sich zu, dasz die spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit an den brunnen und wollte sie abwaschen. Grimm
kinder- u. hausm. s. 104 (
nr. 24); den zotten schwarzen vlieszes entraufete die faden Klotho; Lachesis drehete die spule seufzend, und mit hohnblick zückte nun Atropos schon den mordstahl. Stolberg 2, 176; immer dreh ich die spule, doch will sie nimmer sich füllen. Rückert 263. 33)
bildlicher gebrauch von spule
lehnt an den faden an, der sich auf sie aufwindet oder sich von ihr abwindet; in einem ausgeführten bilde der lebenshaltung: E. würfel! das geht also noch immer so fort?
S. wie der faden einmal gesponnen ist, wird er geweift und verwoben; da ist nun weiter nichts mehr dran zu ändern.
E. ihr habt aber auch gar zu loses garn auf eurer spule. Göthe 42, 292 (
mit beziehung auf lose 4,
theil 6, 1183);
redensart eine spule läuft leer,
etwas hat keinen gehalt, es ist nichts dabei: ihr herren, sprach der Holländer, .. und wird mich ein glas wein da mehr ergötzen, als euer biszher geführter und lerer perruguen-discurs. ja, sprachen wir, weil die spuhlen den gantzen tag so leer lauffen, halten wir beede mit ihm, und sind gleicher meinung.
französischer Simplicissimus 1, 127;
auch in bezug auf den sich nach und nach vollständig abwickelnden faden, von einem sich einstellenden mangel (
vgl. das masc. spul 1,
sp. 219): es läuft ihm eine spule leer, darum kömmt er zu mir,
es geht ihm eine seiner gewöhnlichen unterhaltungen, kunden u. s. w. ab, darum sucht er sich bei mir zu erholen. Reinwald
hennebergisches idiotikon bei Campe; leer gelaufen sei ihrer gelehrsamkeit die spule. Rückert 11, 318; wie wol ietzund vor kurzen tegen so ist der faulen münnich hauffen mannicher spulen leer gelauffen (
ihre nahrung ist geschmälert). H. Sachs 17, 330, 14
Keller-Götze; mancher geht aus zu bulen, verthut vil gelts damit, und laufft ihm lehr ein spulen, gibt er kein ruh noch fridt. J. Ayrer 2145, 37
Keller; begehrte nun der leser noch weiteres zu wissen, ... so würde ich bekennen, dasz meine spule abgelaufen sei, bis auf das wenige, das hier nachfolgt. Mörike
erzähl. s. 249;
besonders in beziehung auf den lebensfaden, der sich von einer spule abwindend gedacht wird: mittlerweile lebt ein jedes eben so vor sich hin und treibt seine spule gewohntermaszen aufs ungewisse fort. Mörike
brief von 1866
im Euphorion 1, 134; so hab ich durch mein saitenspiel die vollen spulen meiner stunden vergnügt bis an das nahe ziel des letzten knötchens abgewunden! Thümmel 4, 299; die spule ist abgelaufen,
das ende ist da: vater und mutter, deren ihr lebensfaden auch schon von der spuhle abgelaufen war. Hebel 3, 12; spule
für das auf der spule laufende garn: wann die spuhl ihres lebens würde abgerissen werden. Butschky
Pathm. 784. 44) spule,
bezogen auf den kiel einer vogelfeder, besonders den untern theil desselben, der auch zur weberspule (
vgl. unten spulen 1),
besonders aber zum schreiben dient, vgl. das masc. spul 2,
oben sp. 219:
mnd. spole,
pennula Schiller-Lübben 4, 336
b; federspule,
pluma, scapus pennae Stieler 2108; gänsespulen, schwanenspulen Adelung; spuhlen, sind bey der schreiberey die starken kiele aus den flügeln der groszen vögel, als der gänse und truthüner. spuhlen, gezogene, sind gute grosze und gleiche federkielen von alten gänsen. Jacobsson 7, 415
b; er verfluchte die gänse, mit deren spulen sie (
die feenmärchen) geschrieben. Wieland 12, 12 (
Sylv. von Rosalva 5, 2); da das schreiben bei nachtlichte mir gar nicht mehr von der spule will. Zelter
an Göthe 835; es mangelt mir an der spuhle nur die feder, nichts am bogen, als papier. Kind 1, 48. 55) spulen
bei den jägern die kleinen stecken in den hühner- und steckgarnen, sonst auch sprieszel
und spreiszel. Adelung. 66) spule
nennt man an einigen orten ein weiszes brod, das auf beiden seiten gespitzt zugeht, als eine schiesz-spule, panis forma radii textoris. Frisch 2, 311
b;
in Nürnberg spuele, spuelweck,
brot von feinstem mehl in form einer spule. Schm. 2
2, 666. 77) spule,
span von fichten- und anderm holz zu groben korbmacher-arbeiten. ebenda. 88) spule,
der quirl, im österreichischen. Campe. 99) spule,
deutscher ausdruck für einen elektrischen leiter, der in windungen um eine achse gewickelt ist, solenoid. Setnzel
deutsches seemännisches wörterb. (1904) 386
b. 466
b. 1010) spulen,
spulenähnliche figuren in wappen. Siebmacher-Grützner
herald. terminologie 137. 1111)
ein anderes wort und zu spülen
gehörig, ist wol spule
im hallischen salzwerk, ein graben mit einer abzugsvorrichtung: was nun an sole von den stegen gekehret wird, wie auch was von regen, schnee und andern wasser ins thal fället, das samlet sich in denen darzu, unter der erden gemachten, mit eichenen bolen und pfälen ausgesetzten graben und spulen, daraus es in den Sal-strom flieszet, geleitet und gegossen wird. Hondorffs
beschreibung des saltzwercks zu Halle in Sachsen, vermehret von Dreyhaupt (1749)
s. 37,
mit der erläuterung: eine spule ist dasjenige, was bei bergwerken ein stollen genennet wird, nur mit dem unterscheide, dasz bey bergwerken durch den stollen die unterirdischen wasser zu tage aus abgeführet werden, durch die spulen aber die tagewasser, so aus der stadt in das thal fallen, abgeleitet und weggeschafft werden, damit sie denen saltz-brunnen keinen schaden thun.
s. 38.