schuster,
m. schuhmacher. II.
formelles. I@11)
das wort ist eine bastardbildung aus schuh
und lat. sutor,
die auf das deutsche sprachgebiet (
hd. nd. nl.)
beschränkt ist und etwa seit dem 13.
jahrh. auftaucht. die ältere sprache verwendet dafür sutor,
zu sûtâri
umgestaltet, allein, so ahd. sutari, suttari, sutare, sutere,
sartor, sutor Graff 6, 61,
und mhd. sûter
noch bis gegen ende des 14.
jahrh., s. Lexer
handwb. 2, 1329.
ebenso ags. sûtere,
woher schottisch souter,
s. Bosworth-Toller 938,
isl. sútari '
gerber' Cleasby-Vigfusson 605
b.
da indes sûter
seiner eigentlichen bedeutung ('
näher')
gemäsz auch für den schneider gesagt wurde, so setzte man schuh
davor, um den schuhmacher deutlicher zu bezeichnen. —
die alte echtgermanische bezeichnung dafür ist ags. scôhwyrhta Bosworth-Toller 838
b;
mhd. schuoch- (schûch-, schû-) würhte, -worhte, -wurte, -worte, -warte, -wirte, -wert, -wirt,
ferner -würhter
und -würke,
s. Lexer
handwörterb. 2, 821,
ebenso mnd. scho-, schuwercht, scowert, schowart,
s. Schiller - Lübben 4, 130
b; Kusele unde eynem andern scouwerten.
d. städtechr. 6, 46, 12; der smede, der beckenwerchten, der hudecopere, gherwere unde schowerten. 354, 43; Henning Hauwer der schowerchten mester. 7, 173, 27;
in Hessen noch im 14.—15.
jahrh. schuchworhte, -worte, schuworte
alleinherrschend, s. Vilmar 372,
vgl. ferner Schm. 2, 341.
über die ausläufer dieses wortes im nhd. schubert
und schuchart (
als eigennamen),
s. diese sp. 1817
u. 1824.
die bezeichnung schuhmacher
taucht ebenfalls schon mhd. auf, s. schuochmacher Lexer
handwb. 2, 820
und sp. 1860
f.; mnd. schomaker, -meker Schiller-Lübben 4, 113
b (
belege von 1274
und 1292);
sie gilt jetzt als feiner und hat schuster
vielfach zurückgedrängt, besonders als offizielle bezeichnung; doch ist dieses namentlich in volksthümlicher rede noch sehr gewöhnlich. vgl. zum ganzen Kluge
5 339
a. Weigand 2, 653 (
die richtige erklärung schon bei Frisch 2, 236
b). I@22)
die entwicklung der lautform läszt 3
stufen unterscheiden: a)
das unverkürzte schuochsûtære, b)
mit verkürzung des nicht mehr verstandenen zweiten compositionsgliedes und ausfall des vocals schuochster, c)
mit ausfall des h, ch
vor st: schuoster.
vgl. die glossen calcearius eyn schuochmecher .. schuochsuter, schuoster, sguster, schomaker. Dief.
gl. 89
b;
sutor .. schuester, schuster, schuchter. 570
b,
vgl. Dief.-Wülcker 848;
in der mhd. litteratur sind folgende formen bezeugt (
s. mhd. wb. 2, 2, 363. Lexer
handwb. 2, 820). I@2@aa) scuochsûtar
im ältesten bair. urbar von 1240, schuohsûter
bei Berthold v. Regensburg (
auch -siuter)
und sonst, schuchsüter
bei Closener (
d. städtechr. 8, 123, 22,
vom j. 1362), schuhsüter Grimm
weisth. 1, 754 (
jahrspr. v. Neuweiler, 15.
jh.?). Scherz-Oberlin 1445
belegt schuchsuter
aus einer Straszburger urkunde von 1427. I@2@bb) schuchstære
in einer urkunde von 1297,
s. Schm. 2, 392, schuochster, schuchster
d. städtechron. 4, 316,
anmerk. 7 (
vom j. 1396),
ferner monum. boica 19, 535. 22, 229, schûchster
bei Beheim; schuechster: von des schuechsters katzen. ejn kacz jn eynes schuechsters haus vieng dar jnnen offt und dick eyn mues. Keller
altd. erzähl. 559. I@2@cc)
schon früh im 14.
jh. begegnet auch die form schuoster,
so schon bei Heinr. v. Beringen (
um 1300,
handschr. von 1438,
vergl. unten)
und Ottokar
reimchron. 35027. 65558 (1305—20
geschrieben),
ferner bei Grimm
weisth. 4, 187 (
vom j. 1339,
doch steht dafür bei Schöpflin
Als. diplom. 2, 165 schuhsuter).
ferner ist schuoster
belegt im Münchener stadtrecht, beim Teichner (
s. Lexer)
und Konrad Dangkrotzheim (
s. unten), schuester
tirol. weisth. 1, 28, 4. 4, 307, 25. 480, 23, schuster
in den fastn.-sp. des 15.
jahrh. (
s. unten),
sowie Germ. 3, 371. sûster
steht bei Beheim
ged. 8, 18. I@2@dd)
vereinzelt wird die gruppe chst
auch durch ausfall des s
erleichtert: do sprach ich: aim schuchteren dem ist er aller vast gelich. Laszberg
lieders. 1, 417, 6.
oder es wird st
zu z
umgestellt: kromer, gurtler, schuochzer, scherer. Ulr. v. Richental
Constanzer concil 33
Buck; und ir vatter ain schuochzer (
var. schuoster, schuochster) und bader ist.
des teufels netz 4317 (
ebenso 4324. 4442). I@2@ee)
mnd. schôster
begegnet erst im 16.
jahrh. (schoszter
Mecklenburger polizeiordnung von 1516, schôster
Wismarer urk. von 1572)
und ist aus dem hd. eingedrungen, s. Schiller-Lübben 4, 113
b. 122
b.
im mnl. entspricht scoesuttere,
später durch schoenmaker
ersetzt. I@33)
im nhd. (
seit 1500)
geht die form schuster (
bez. schuester
u. ähnl.)
im allgemeinen durch, nur im 16.
jahrh. begegnen noch vereinzelt im oberd. formen mit erhaltenem ch: schuochster (der) schuochknecht,
calceolarius Maaler 364
b; dem schuchster in meinem hausz ein firtel wein. Tucher
haushaltb. (1507—17)
s. 43
Loose; item adi 5 augusto mit Hermann Schopf schuchster abgerechet. 149
und oft; in der unter II, 1
angeführten stelle aus Franck
schreibt eine andere ausgabe schuogster. I@44)
entsprechend sind die formen der lebenden mundarten: schweiz. schuester Hunziker 232,
bair. schuehster, schuechster, schuester Schm. 2, 392,
österr. schuaster
idiot. Austr. 107. Hügel 144
b,
tirol. schuechter (
anderswo schuester) Schöpf 650,
kärnt. schuoster Lexer 226,
cimbr. schustar
cimbr. wb. 229
b,
würzb. schuaster Sartorius 181,
in Hessen selten schuster,
s. Vilmar 372,
thür. schuster (schuosder
und in Tambach schuocherd) Hertel 42.
sprachsch. 223,
in Preuszen schuster
mit kurzem u Frischbier 324
a;
nd. schôster
brem. wb. 4, 666. Dähnert 412
b. Danneil 186
b. Stürenburg 233
a. ten Doornkaat Koolman 3, 138
b, schauster Schambach 181
a. Woeste 226
a. IIII.
gebrauch. II@11)
im eigentlichen sinne: schuchmacher, schuster,
masc., un cordonnier Hulsius 290
b;
solearius .. ein schuster Corvinus
fons lat. 614
a;
sutor Schottel 1411;
calzolaio, calzolaro Kramer
dict. 2, 674
a; schuster, der,
aliàs schuhmacher,
sutor, calceolarius Stieler 1938;
calceamentarius Steinbach 2, 525; dû woltest lîhte ein ritter oder ein herre sîn, sô muost dû ein schuochsûter sîn oder ein weber oder ein gebûre. Berthold v. Regensburg 1, 146, 1; waz es daz ein snider oder ein schuchsüter oder ein kursener oder was antwerkmannes er waz, eime herren hiesche daz er umbe in verdienet hette.
d. städtechron. 8, 123, 22; item, ain iglicher schuester, der schol geben und machen ainem manne fürsaz und solen umb v
gr. tirol. weisth. 4, 307, 26; sarwurken und schuostære. Ottokar
reimchr. 35027; die schuostær jâhen, si heten hulzîner leist sô vil. 65558; und swindet das gelt reht als der wint ... dort dem schuoster, hie dem gerwer. Konr. Dangkrotzheim
hl. namenb. 462; ein schuster, der mit rechten sachen zeh leder ausz pappir konde machen. Rosenplüt,
s. Germ. 3, 371 (
fastn. sp. 1339); sein vater was ain schuster. Liliencron
histor. volksl. 2,
nr. 128, 67; auch was der Herzlen eren ler, zunftmaister under den schuoster. 152, 154; pecken, schneider, schuster und fleischacher. 163, 210; so ein schuster sein lebtag nichts anders thet, denn das er seine werckstat voll schuchleisten machete, und doch nimer dran dechte, wo er leder neme einen schuch zu machen. Luther 5, 421
b; es hat auch ein yedes handtwerck sein eigen heyligen ... die schuoster S. Crispin und Crispian. Franck
weltb. 129
b; dann were das leder breit genug, so dörffts der schuster nicht inn zänen umbziehen.
Garg. 42
b; dem schuster wöllest den allten sammatt, auch gewüxtt thuch (
wachstuch) zu meinen stifeln geben. Baumgartner
briefw. s. 119
Steinhausen; der schuster sey zornig worden, hab den leyst, welchen er in der hand gehabt, hinter die thür geworffen. Schuppius 60; erstlich, zu einem tantz gehört ein gutes paar schueh, das sollst du haben, und zwar von einem prafen schuster. Abr. a S. Clara
Judas 2, 32; eine stadt, wo ein glücklicher autor weder schuster noch schneider .. zu bezahlen brauchte. Göthe 14, 88; es war ein schuster ohne seine schuld so arm geworden, dasz ihm endlich nichts mehr übrig blieb als leder zu einem einzigen paar schuhe. Grimm
märchen 160; (
er) nennt den schuster ein zanckenfleck. H. Sachs 4, 3, 58
b; nun, du solt werden ein schuster, dich neren mit leder und schmer.
fastn. sp. 5, 26, 303
neudruck; zw Ulm ain schuester sas.
werke 22, 517
Keller - Götze; welche buler gar zu sehr wil mustern, die bleibt sitzen, taug kaum endlich schustern. Logau 2, 231, 127; niemand will ein schuster seyn, jedermann ein dichter. Göthe 3, 149.
auch in zusammensetzungen, z. b. flickschuster (
theil 3, 1777)
und damit gleichbedeutend früher altschuster,
ferner lumpen-, sudel-, stiefel-, pantoffel-, bauern-, frauenzimmer-, hofschuster
bei Stieler 1938
u. a. m. II@22)
sprichwörtliche redensarten und ähnl. II@2@aa)
scherzhaft auf schusters rappen reiten, reisen,
zu fusze, vergl. Borchardt
sprichw. redensarten2 1072,
wo auch synonyme wendungen zusammengestellt sind, und Wander 4, 401, 41,
sowie rappe 2 (
th. 8, 116): auf des schusters rappen reiten,
montar' il morello del calzolaio cioè caminar' a piedi; battere le suole Kramer
dict. 2, 674
a;
je suis venu sur la mule des cordeliers. ich bin auf des schusters rappen her geritten. Duez
sprichw. 38; der wirth sagte, es gebe sich fast alle tage zufällige fuhre an, wenn nur etliche auf des schusters rappen neben hin reiten könten. Weise
kl. leute 63; auch hab' ich weder pferd noch wagen, und, mich auffs schusters rappen hinzutragen, das bin ich ungewohnt. Filidor
die Wittekinden (1666) H 1
b; drauf lief ich, wie ein don Quischott, hinab hinan die erde, bald kuhschritt und bald hundetrott, auf meines schusters pferde. Seume 1, 212; hier liegt solch ein narr, wie keiner je auf schusters rappen ritt. Marlow
Faust bei Stern
dicht. 357
b. II@2@bb) schuster bleib bei deinem leisten! Eiselein 558. Simrock
sprichw. 9227. Wander 4, 398, 8,
als mahnung, sich nicht in angelegenheiten zu mischen, die einen nichts angehen, und von denen man nichts versteht; anders gewendet: ein schuster sol nicht weiter lügeln, denn von seinem leiste. Petri Y 4
a; der schuster soll nicht über seinen leisten richten,
ne sutor ultra crepidam Stieler 1938; der schuster soll bei seinem leisten bleiben, und der holzhauer soll den arzt nicht lehren. Musäus
volksm. 1, 34
Hempel; wir haben in künsten mehr fälle, wo nicht einmal der schuster von der sohle urtheilen darf, denn der künstler findet für nöthig, subordinirte theile höhern zwecken völlig aufzuopfern. Göthe 46, 26; desselben sollen wir uns massen ... richten nicht mehr, denn wir verstünden und nit wol besser machen künden, das man nit sag: schuster, fahr schon (
sacht, bedächtig), lasz urtheil ubern schuh nit gan. B. Waldis 2, 33, 37; alle tadeln, der am meisten, der am wenigsten versteht, schuster! bleib bey deinem leisten, wo dein witz nicht weiter geht. Stoppe
bei Steinbach 2, 525. II@2@cc)
weitere sprichwörter: die schuster vertreten die schlimmsten schuh, für die besten nemen sie geld. Petri R 3
b; schuster tragen die übelsten schuhe. Eiselein 558; der schuster hat die schlechtesten schuh. Simrock
sprichw. 9228; lieber dem schuster als dem apotheker. 9226; ein schuster, der schlechte stiefel macht, kommt in die hölle. 12389; die worte sind gut, sprach der schuster, hast du geld, so kriegst du schuh.
wie das volk spricht5 1295; dem schuster ist der schuh wichtiger als der fusz. Wander 4, 398, 6; der schuster hat zwei lange zähn, damit er kann das leder dehn. 399, 12; schuester, schneider, leineweber verlogene leuth. 400, 26; wenn der schuster von Rom kommt, macht er schuhe wie zuvor. 35; wie der schuster, so die schuhe. 38; pralen as de schoster mit enem leest (
mit seiner armut). he rekket idt uut, as de schoster dat ledder,
er macht es lang und weitläuftig. brem. wb. 4, 666. II@2@dd)
in Tirol der fret (
oder fárlig,
fahrende) schuester,
der ewige jude Frommann 5, 225;
in Kärnten der geande schuoster. Lexer 227. Schm. 2, 392. II@33)
bildliche gebrauchsweisen. II@3@aa)
der schuster
gilt als ein schlechter spieler: spielen wie ein schuster. Albrecht 208
a.
daher schuster werden
von einem, der nicht die hälfte der erforderlichen augen bekommt, also doppelt verliert Adelung.
doch ist in diesem sinne schneider
verbreiteter, s. sp. 1270. II@3@bb)
auf einer ähnlichen geringschätzung des schusters beruht wol die wendung sie hat ihm den schuster gegeben,
den abschied Frischbier 2, 324
a. II@44)
auf anderes übertragen. II@4@aa)
mhd. eine schachfigur, der dritte vende (
bauer): der schuoster und ouch der ledrær. Heinr. v. Beringen
schachged. 4710. II@4@bb)
als name der schleie, s. schuhmacher 2,
a sp. 1861,
sowie schusterfisch
und schusterkarpfen: die schley in einem wasser war von andern vischen verachtet gar; sie waren all jr widersacher, und nentens einen schumacher. sie dacht: 'ich wil es nimmer leiden' .. und sprach: 'ich wil mein wesen andern, gar weit ins wilde meer hin wandern, denn mich
daselbst kein visch nit kent und nit mehr einen schuster nent'. B. Waldis
Esop 2, 19, 10. II@4@cc)
bezeichnung verschiedener insectenarten, besonders in der volkssprache. II@4@c@aα)
der schwarze springkäfer, schnellkäfer, elater Hügel 144
b. Höfer 3, 120. Hertel 42.
sprachsch. 223.
auch in einigen theilen Hannovers. 'schuster mach schuh'
rufen die kinder dem auf den rücken gelegten thiere zu. II@4@c@bβ)
der maikäfer, melolantha vulgaris, wenn er schwärzlich gefärbt ist Frischbier 2, 324
a. II@4@c@gγ)
der taumelkäfer Stürenburg 233
a,
vgl.schuhmacher 2,
d. II@4@c@dδ)
der bockkäfer, holzbock, cerambyx Nemnich. II@4@c@eε)
die schabe, blatta (
sutor) Nemnich. Frischbier 2, 324
b. II@4@c@zζ)
kärnt. schuste,
eine wanzenart Frommann 4, 53. II@4@c@hη)
ostfriesisch schooster, schoomaker,
wasserjungfer, libelle Stürenburg 233
a,
vergl.schuhmacher 2,
c und schneider 3,
h (
sp. 1270). II@4@dd)
name der langbeinigen spinnen, die an den wänden kriechen, holzspinne, weberknecht, kanker, phalangium opilio Nemnich. Adelung. Höfer 3, 120,
besonders nd. schoster
brem. wb. 4, 666. Schambach 181
a (
auch schneider,
s. daselbst 3,
g sp. 1270). II@4@ee)
im braunschweigischen und hannoverschen von einem hochrotblühenden geranium. II@4@ff)
name des saupilzes, boletus luridus Pritzel-Jessen
s. 458 (
Wien). Oken 3, 138. II@4@gg)
in Leipzig für kaffee: einen guten schuster kochen. Albrecht 208
a. II@4@hh)
dreiling, ein roggengebäck, auch schusterjunge, seelenwürger, schwellhupprich. ein gewichster schusterjunge,
dreiling mit butter. ebenda. II@4@ii)
für menstruation, so bair. den schuehster haben
oder auf der stör haben. Schm. 2, 392,
vgl. nd. korrespondenzbl. 10, 76
und schuh 1,
e, β,
ββ (
sp. 1846).