schröpfen,
verb. ritzen, zur ader lassen. ein ausschlieszlich hochd. wort, mhd. schreffen, schrepfen, schreven Lexer
hwb. 2, 790,
auch ohne umlaut schraffen 783
und schrapfen 788,
ferner mit weiterbildung schraffizen, schrapfizen 783;
seit dem 12.
jahrh. belegt. es ist aufs engste verwandt mit dem starken verb mhd. schreffen, schreven,
reiszen, kratzen 790,
ags. screpan
kratzen Bosworth-Toller 841
a,
und mit schrappen,
vgl. das. sowie Kluge
5 337
b.
Weigand 2, 642.
auch scharf
läszt sich heranziehen; dagegen weicht schroff
in der gestaltung des labials ab. die mhd. formen zeigen eine grosze mannigfaltigkeit: flebotomare ... schrepffen, schreffen (
wett.), schraffen, scraffen, schroffen Diefenb.
gl. 239
a;
scarificare, schrapffen, schraffen, schropen, schrepffen 517
a; scherfen
nov. gl. 329
b;
scartaxare, schrepffen
gl. 517
a,
s. auch Dief.-Wülcker 846.
im nhd. findet sich noch vereinzelt schreffen,
so bei Alberus ich schreff, der da schreft
neben ich schrepf, lasz mir schrepfen.
sonst überwiegt in der ältern zeit (
bis ins 18.
jh.)
die schreibung schrepfen
oder schräpfen (
letzteres in der Schweiz, so bei Maaler
und noch im 19.
jh. bei Gotthelf,
s. schröpferin
und schröpfete;
die schreibung mit e
in den wörterbüchern bis Frisch).
andrerseits erscheint schröpfen (
über das ö
vergl.schöpfen I, 5,
b, sp. 1536
und die daselbst angezogenen stellen)
schon im 15.
jahrh. (
bei Mynsinger,
um 1450,
s. unten 2,
b, ferner vereinzelt im Simpl., s. schröpfhörnlein,
neben gewöhnlichem schröpfen),
wird aber erst im 18.
jahrh. häufiger (
bei Hohberg, Günther, Hagedorn,
s. die belege)
und erst in der zweiten hälfte desselben alleinherrschend. vgl. auch schrepf (..
quidam scribunt schröpf
ratione pronunciationis, scribenda potius schräpf,
a voce antiqua schrabben,
vel schrapfen) Steinbach 2, 503. —
in idiotiken ist schröpfen
selten aufgeführt, schweiz. schräpfa Bühler
Davos 2, 28
a;
österr. schrepfen Höfer 3, 113;
henneb. schräpf Spiesz 227;
thür. und obersächs. schreppen Albrecht 206
b. Liesenberg 203;
nd. schröppen (
wol aus der schriftsprache herübergenommen) Dähnert 415
a. Mi 77
a. 11)
die allgemeine bedeutung des schneidens oder ritzens tritt in manchen landwirtschaftlichen gebrauchsweisen zu tage; hier hat sich auch die alte schreibung mit e
oder ä
am meisten erhalten. 1@aa) getreide schrepfen
oder schräpfen,
die spitzen mit der sichel abschneiden, ehe die grüne saat in die kiele tritt, um ein zu üppiges und frühes wachsen zu verhindern, besonders beim weizen Adelung.
öcon. lex.2 2646. Höfer 3, 113. Albrecht 206
b.
auch vergrasen
genannt, s. das. 2,
theil 12, 487. 1@bb)
ähnlich die wisen schropffen,
das beim mähen stehen gebliebene gras absicheln Schönsleder
promptuar. germ.-lat. (1618) Pp 1
a,
s. Weigand 2, 643. 1@cc) äpfel schröpfen,
sie in vier theile zerschneiden, die schale mit einem messer aufritzen und sie in wein kochen; auch schrecken Adelung. 1@dd)
ähnlich in Österreich kraut schrepfen, ein stück brod, rüben schrepfen,
sie mit dem stoszeisen zerstückeln Höfer 3, 113. 1@ee) kranke bäume schröpfen,
die äuszere rinde mit einem messer ritzen, damit der saft luft bekomme Adelung. 22)
gewöhnlich auf eine specielle verwendung eingeschränkt, dem menschen blut entziehen, ursprünglich durch aufritzen der haut mittelst einer lancette (
s. schröpfeisen, schröpffliete),
dann durch aufsetzen von schröpfköpfen Adelung,
vgl. die glossen (
s. oben); schrepffen,
scarificare Dasypodius; schräpffen,
scarificare, adhibere, admovere cucurbitulam, allenthalben schräpffen,
circumscarificare, ein schmärtzen und wee mit schräpffen vertreyben,
tormentum tollere per cucurbitulas Maaler 361
b; schrepffen,
gercer Hulsius 289
b;
sanguinem cucurbitulis educere, köpffe setzen, köpffen, schrepffen Corvinus
fons latin. 185
b;
sanguinis detractio, das köpffen, schrepfen und aderlassen. 564
b; schrepfen,
scarificare, gercer Schottel 1409. Kramer
dict. 2, 665
c; ich schrepfe,
scarifico Steinbach 2, 503; schrepfen,
scarificare, aperire cutem scalpello ut sanguis eo facilius exeat et extrahatur, sich schrepfen lassen,
cucurbitulos in balneo sibi applicari curare Frisch 2, 226
a; vom schrepffen seind dermassen, wie vom aderlassen auffgestanden bräuch, und der bader löblich gewonheit. fürwar mit kurtzen worten zu begreiffen, so hat schrepffen weder sauers noch süsses in jhme. Paracelsus
opp. (1616) 1, 729 B (
s. auch das buch Paragranum, Frankf. 1565. 169
a); das schröpffen wird gleichfalls in zweifel gesetzt, weil mehr gutes als böses blut heraus gesogen und gezogen wird. Hohberg 1, 261
b; ein bader .. der seinen lebensunterhalt aus der chirurgischen operation des schröpfens an den personen der von weit herkommenden wallfahrter gewann. Grillparzer
4 15, 54; das schräpfen dauert eine gute weile, gar viel länger als das aderlassen. Gotthelf
schuldenb. 251; man schröpfft, purgiert, verschreibt. Günther 383. 2@aa)
das object steht in der ältern sprache meist im dativ, wie auch bei baden (
th. 1, 1072), kämmen (5, 108), scheren (8, 2572), waschen
u. ähnl.: einem schrepfen,
scarificare uno ... ihm schrepfen lassen,
farsi scarificare Kramer
dict. 2, 665
c; er hat im weln vorm ofen schrefpen lasen. Paumgartner
briefw. s. 49
Steinhausen; hat ir in 14 (
tagen) zbir (
zweimal) schrefpen lasen, und lest das plutpregen nach. 149; sweme ist in dem rücke wê, deme schrapfet man darmite (
mit dem kuhhorn). Kunig v. Odenwalde
v. d. küewe 54 (
Germ. 23, 293); die sechste lehr, dasz man halt masz im bade, wer jm schrepffen lasz, dasz er nit lasz zu vil geblüts. H. Sachs 4, 3, 76
d; wern dir die ärtzt den schrepfen (
var.: zur ader) lassen. 16, 155, 17
Keller-Götze. 2@bb)
doch auch mit dem acc. schon im 15.
jahrh.: ich will mich schrepfen lassen,
scarificatione utar Steinbach 2, 503; so sol man sy (
die pferde bez. die geschwülste derselben) dick nycken und schröpfen, das das bös pluot herus müg gaun. Mynsinger 75; der löwe war an kräften ganz erschöpft, .. umsonst ward er gerieben und geschröpft: der quell des lebens flosz nicht wieder. Ramler
fabellese 3, 197. blut schröpfen: nie hätt' ich mich dazu herabgewürdigt, zur fristung meines, andrer blut zu schröpfen. Rückert (1882) 11, 534 (40.
mak.). 2@cc)
zuweilen sagt man schröpfen
auch für '
sich schröpfen lassen': schrepff ich nicht, so hab ich kein ruwe an dem ort und an dem. Paracelsus
opp. (1616) 1, 729 C; hierbei musz man sich aber hoch verwundern, dasz sie das schröpfen dermaszen miszbrauchen; denn es will jedermann schröpfen, und sie vermeinen meistentheils, sie hätten nit gebadet, wenn sie nit voll hörnlein wie ein igel hängen. Freytag
bilder (1859) 2, 320; als ich war in Hagraljemame, — sproszte mir des übelbefindens same, — so dasz ich, um luft zu schöpfen, — mich entschlosz, zu schröpfen. Rückert (1882) 11, 529 (40.
mak.). 33)
häufig in übertragener verwendung. 3@aa)
von körperlichen verletzungen; im kampfe verwunden, den schädel einschlagen, im ausgeführten bilde: man schrepft in (
ihnen) an dem hirnebein, dasz in der badehut ufkein (
zersprang); wär er gewesen stehelin, das laszisen muost darin. Liliencron
hist. volksl. 1,
nr. 40, 2067; wann die bauern mit stuhlfüszen scherzen und einander beim bier oder wein mit vielen löchern die köpf schrepfen, da lachen diese (
wundärzte) von herzen. Abr. a S. Clara
närrinnen 13;
sprichwörtlich: sie schröpfen einander wie die bauern im kruge thun,
schlagen einander die köpfe blutig Wander 4, 346.
ähnlich: er mordet nicht um des raubes willen wie wir .. aber soll er dir einen landjunker schröpffen, der seine bauren wie das vieh abschindet .. da ist er dir in seinem element. Schiller
räub. 2, 3
schausp. —
vom blutsaugen der flöhe: es ist kain bett, noch lägerstatt ... da könnt jr kain rhu haben nicht, schrepft jn, das mans auch morgen sicht. so gibt man euch den schrepferlon, gleich wie ir arbait habt gethon. dan wa habt jr das handwerk glehrt, wann und wem das schrepfen gehört? jr schrepft nur, euer wanst zumesten, es sei zum bösten oder besten. Fischart
dicht. 2, 95
f. Kurz (
flöhhaz 3611—22). 3@bb)
meist in dem sinne '
einem den beutel leeren, ihn um sein geld bringen',
ihn prellen, von betrügerischen wirten, händlern, falschen spielern u. ähnl., oder aussaugen, von beamten u. s. w. Adelung. Klein 2, 143 (
Baiern, Pfalz); der wirt hat uns geschrepft,
quell' hoste ci hà scarificato Kramer
diction. 2, 665
c; ungeschrepft kommen wir nicht darvon,
non scapparemo di quà senza lasciar del pelo. ebenda; den haben wir einmal ordentlich geschröpft,
dafür auch mit demselben bilde: der hat einmal bluten müssen. Spiesz 227;
sprichwörtlich: erst schröpfen, dann köpfen; er schröpft (die leute) wie der bader eine weiberhaut. Wander 4, 345
f.; den beutel schröpfen: dann ich hatte mir vorgenommen, meinen gästen, obzwar nicht den rücken, doch aber ihren beutel dapffer zu schrepffen.
Simpl. 2, 81, 19; die berichteten mich, dasz sie auff dieser welt, wirthe, müller und dergleichen leute gewesen, die andere in ihren handthierungen übernommen, welches sie aber schrepffen genannt hätten. (1684) 3, 321; kam mir dann ohngefehr ein frembder unter die klauen, so zwagte und schrepffte ich seinen beutel eben so unbarmhertzig, als man jetzunder mir thut.
ebenda; mit dativ der person: weil es damals viel reisende leut gab .. welchen allen mein weib gar ordentlich zu schrepffen wuste, weil ihr haus hierzu sehr gelegen war.
Simpl. schriften 3, 255, 8
Kurz; warumb .. halten demnach hart bey dem pabst die ertz- und andere bischoff und aller derer anhang, so er inen doch herterer denn kein bader weisz zuo schrepffen und sie umbs gelt zuo bescheissen? Kirchhof
wendunm. 1, 448
Österley (1, 2, 4); das macht .. dasz du (
müller) einnahmest und also deinen mahl-kunden, wie dieser wirth seinen gästen schrepfftest.
Simpl. (1684) 3, 323. —
jetzt mit acc.: auf dasz sie erleben, wie ihre kinder wiederum von den enkeln lustig geschröpft werden. Keller 6, 290; ein stiller mann, welcher plötzlich eine million geerbt, wurde sodann gewählt, da man ihn für steuern und geschenke fürchterlich zu schröpfen gedachte.
nachl. 292;
ein mönch (
tritt auf und klappert mit einer büchse). der arme sünder wird eben geköpft! geld, geld zu messen!
Matteo (
gibt). schon wieder geschröpft! Hebbel (1891) 3, 222 (
Mich. Ang. 2). 3@cc)
unklar ist folgende stelle: der kranke sohn folgt bald dem vater nach, der zweyte tag fand ihn geschröpft und schwach, der dritte todt. Hagedorn 2, 178 (
kaum im eigentlichen sinne; entkräftet? oder druckfehler für erschöpft?). 3@dd)
in der studentensprache steht schröpfen
im sinne von futuere Kluge
stud. spr. 124
a (
quelle von 1745).