schifflein,
n. kleines schiff, ahd. scifilîn, sciphilîn,
altniederd. scipilîn:
faselo scipilîna
Prudentiusgl. in Haupts zeitschrift 15, 526, 542;
mhd. schiffelîn, scheffelîn, schiflîn,
auch schiffel (
s. d.), scheffel, schifflî:
navicula, klein schiff, schifflin Dief. 376
b;
in älterer nhd. sprache allgemein als schriftgemäszer ausdruck, jetzt nur in feierlicher oder alterthümelnder rede, sonst auf oberdeutsche mundarten beschränkt. 11)
kleines schiff im allgemeinen: steig thô in skifilîn inti ferita inti quam in sîna burg.
Tatian 55, 1; bei dem groszen scheff hat man klaine lenndt schefflein.
quelle bei Schmeller 2, 384; und sihe, da erhub sich ein gros ungestüm im meer, also, das auch das schifflin mit wellen bedeckt ward, und er schlieff.
Matth. 8, 24; und er sprach zu seinen jüngern,
[] das sie jm ein schifflin hielten, umb des volcks willen, das sie jn nicht drüngen.
Marcus 3, 9; als sy auch innen wurden, das unser schiff zerbrochen was, schifften sy auf jhren schifflin zuo dem selbigen. Franck
weltbuch 220
b; es were also der brauch, dasz zu zeiten kleine schifflin den groszen nachführen, auff dasz sie desto sicherer desz weges weren.
buch der liebe 202
a; es war eine in dem schiff mit nahmen Maria, gar ein lasterhafftes weibs-bild, so bald man dise in ein kleines nebenschiffel gesetzt, welches mit ihr von stund an versuncken, ist gleich das grosze schiff mit allem erwünschten wind fortgeseglet. Abr. a S. Clara
Judas 2, 116 (1690); Valboa .. liesz etliche indianische kleine schifflein zurechte machen, in welche wir uns mit etlichen 80 der muthigsten kriegsleute setzten und von dannen seegelten.
Felsenburg 1, 571; wenige tage nach unserer abfahrt entstund ein entsetzlicher sturm, welcher die kleinen schifflein aus einander jagte.
ebenda; Môrolf im bereiten hieʒ ein schiffelîn von ledere er ûf daʒ mere stieʒ.
Salman u. Morolf 174
Vogt; rings um sie her ist wasserbahn, kein schifflein schwimmet zu ihr heran. Göthe 2, 39; plötzlich erblickt er auf bläulichen wogen, viel und redliche männer darinnen! ein fliegendes schifflein. Stolberg 16, 27. 22)
besonders für fluszfahrzeuge: zu sieben, .. in zwei schifflein vertheilt. Mörike (1878) 2, 179; da sprachen sie dem schiflin zu, das es jetzund sein bestes thu. Fischart 2, 190, 431
Kurz; stund ich auf hohen bergen und sah wohl über den Rhein; ein schifflein sah ich fahren, der ritter waren drei.
des knaben wunderhorn 1, 111
Boxberger; stand ich auf einem hohen berg, sah wohl den tiefen, tiefen Rhein, sah ich ein schifflein schweben, viel ritter tranken drein. 283; die Elbe rauscht, die schifflein gehen mit ihrer last strom ab, strom auf. Houwald
sämmtl. werke 1, 139; ein schifflein ziehet leise den strom hin seine gleise. Uhland
ged. 244 (1864); nun lasz dein schifflein gleiten hinab den lieben flusz, im hellen klang der saiten vernimm den scheidegrusz. Schenkendorf
ged. 298. 33)
gleichbedeutend mit schiff,
besonders um in demütiger oder verächtlicher rede, die unbedeutendheit desselben gegenüber den stürmen und elementen anzudeuten: im jonischen meere blies der tückische Afrikaner-wind in unsre segel, das meer thürmte sich auf, und unser schifflein ward ein spiel der wellen. Musäus
volksm. 3, 81; wen suchte der herr, als er wellen und winden macht gab über das schifflein, dasz es hinauf- und hinunterflog? Hebbel 1, 33; alle kommenden hab' ich mit flehendem gebet zu ihm gesandt, dasz er mich selbst erlös' und mir ein schifflein sende zu der überfahrt. Stolberg 14, 280; Simonides wandelt am abend zum meer; es flutet in dämmerndem düster; trüb rauschen die brandenden wogen daher mit drohendem dumpfen geflüster. doch will er ein ankerndes schifflein erschauen, sich ihm zur ergötzlichen fahrt zu vertrauen. Fr. Kind
ged. 5, 74; wenn der donner der kanonen abschied von dem hafen nimmt, möcht' ich auf dem schifflein schwimmen, das nach andern ufern schwimmt. Houwald
leuchtthurm 1, 1; zwischen meer und himmel schwankte treibend wiegenhaft mein schifflein. Immermann 11, 304
Boxberger; der sturm spielt auf zum tanze, er pfeift und saust und brüllt; heisa! wie springt das schifflein! die nacht ist lustig und wild. H. Heine 1, 101
Elster; es wütet der sturm, und er peitscht die wellen, ... und es wogen lebendig die weiszen wasserberge, und das schifflein erklimmt sie. 173; wie das schifflein hinauffliegt, hinabstürzt, den winden, den wogen ein leichtes spiel. Kopisch 3, 167;
[] wir wandeln auf dem schifflein hin und her, das schifflein jagt dahin im weiten meer. Lenau 2, 183
Koch. 44)
barke, nachen, schifferkahn, ahd. scifilîn
navicula Graff 6, 457:
phaselus, schiffelein Dief. 226
c,
lembulus, scapha schiflin 323
b, schiffle,
navicula, alveus, remulus, scapha, navigiolum Maaler 352
a; eyn schifflin, das von eynem holtz auszgehölet ist,
monoxylon, fischer schifflin,
lenunculus Dasypodius; sie gebrauchen sich auch vieler schifflin, daz sind auszgehölete bäum, von einem häuszlin zum andern zu fahren.
buch d. liebe 180
c; der fisch kommt! ruft die schildwache am sandweiszen ufer. da wogt's und rennt's nach den barken, verlassen steht der prediger und schaut ins getümmel, da schneidet auch er der andacht faden ab und greift zum netze und eilt zum schifflein, die schuppenträger zu bekriegen. Scheffel
Ekkeh. 207; Tristan was kumen an die habe und sach, daʒ ein vischer abe sînem schiffel was gegâ
n. in daʒ schiffel saʒ Tristan. Heinr. von Freiberg
Trist. 5667; er legete sînen tôrenroc an daʒ uober bî einen stoc, swenne der vischer quême, daʒ im wol gezême, daʒ er nême den roc sîn zu gelde vür sîn schiffelî
n. 5680; er stöszt schon ab. gott helf dir, braver schwimmer! sieh, wie das schifflein auf den wellen schwankt! Schiller
Tell 1, 1; es hat doch den rechten fergen das schifflein lange noch nicht, so lange noch liebe verbergen sich musz wie ein sündergesicht. Lenau 1, 256
Koch. 55)
belebt gedacht: weil alter liebesbande das schifflein müd und matt, jag' ich's vom mutterstrande dahin, ein welkes blatt. 246. 66)
vergleichsweise auf menschliches leben, unternehmungen und absichten übertragen: (
ein geschäft) das mir ietzt mehr am herzen liegt, als weiland dem kayser Siegmund das Basler concilium, oder kapitain Basedow sein philantropinisch schifflein. Musäus
physiogn. reisen 1, 44; wir wollen abwarten an welches ufer der genius das schifflein treibt. Göthe
an Schiller briefwechsel4 1, 266; die älteren leute sind selbstsüchtig und kleinsinnig; sie denken mehr an die interessen ihrer kapitalien als an die interessen der menschheit; sie lassen ihr schifflein ruhig fortschwimmen im rinnstein des lebens. H. Heine 3, 425
Elster; du schiffst nach England, günst'gen wind! ich bleibe hier und will mein schifflein in den hafen lenken. Raimund 3, 242
Glossy-Sauer; Venus lasz glücklich mein schifflein auch lauffen, meiner geliebeten hafen ein.
Venusgärtlein 16
neudr.; sie (
ein frommes weib) ist ein schifflein auf dem meer, wann dieses kommt, so kommt's nicht leer: so schafft auch sie aus allem ort und setzet ihre nahrung fort. P. Gerhardt 242
Gödeke; und wann des kreuzes ungestüm mein schifflein treibet üm und üm, so bist du dann mein anker. 71; schon weht der wechselliebe hauch sein schifflein in den hafen. Stolberg 5, 233; rasch ging es vorwärts auf der bahn der kunst; nur fern vernahm ich noch des lebens sturm, mein schifflein lag im hafen fest geankert. Houwald
das bild 1, 2. er hat sein schifflein gut (übel) geführt (
es ist ihm gut gegangen in seinen unternehmungen, und das gegentheil); sein schifflein ist gestrandet. Wander 4, 176.
die kirche heiszt Christi, Petri schifflein (
vgl. schiff
nr. 10). 77)
auch andre abstracta werden als schifflein
versinnbildlicht: eine solche beschaffenheit hat es auch, mit der weltlichen unruhe; welche das schifflein unserer selen umringt. Butschky
Pathmos 601; der selbe rehte rihtêre, dem alliu valscheit ist unmêre, het mîner sêle schiflîn von der grôʒen guote sîn in der welte gewille daʒ niemer belîbet stille ... geankert alsô wol. Hugo von Langenstein
Martina 152
c, 81; lieber! da geh' ich zu schiffe mit frewden! schönheit der liebsten ists schiffelein.
Venusgärtlein 15
neudruck; die liebe; ein stolzes schifflein auf der jugend welle, und falsche schwüre blasen in die segel. Otto Ludwig 3, 198.
[] 88)
mitunter auch bei concreten gegenständen (
s. schiff 9): hier wurde der maikäfer in einem alten, halbzerbrochenen holzschuh ausgesetzt, und an diesen band man den mistkäfer mit einem wollenen faden fest. jetzt war er schiffer und muszte segeln .. das schifflein segelte ab; die strömung des meeres ergriff es. Andersens
märchen 574,
deutsche ausgabe. 99)
das werkzeug des webers am webstuhl, phaselus schiflin
textoris Dief. 226
c;
radius weberscheflin, weberschifflen 483
a;
schweiz. schifli Hunziker 220. Seiler 252
b; es wird auch nicht bald ein handwerk seyn, welches mehrer dem fluchen und schelten ergeben (
als das weberhandwerk) .. da ist das schiffel, welches er hin und her wirfft, mit tausend sacrament beladen. Abr. a S. Clara
etwas für alle 1, 407; so schauet mit bescheidnem blick der ewigen weberin meisterstück, wie ein tritt tausend fäden regt, die schifflein hinüber herüber schieszen, die fäden sich begegnend flieszen, ein schlag tausend verbindungen schlägt. Göthe 3, 100.
auch übertragen: so sieht doch der dichter beym schöpfungswerk einer ode ... nicht anders aus als ich, wenn ich auf meinem weberstuhl sitze, und das übersetzerschifflein behend durch den zeddel des originals laufen lasse. Musäus
physiogn. reisen 2, 41. 1010)
kleines gefäsz von mancherlei form und bestimmung (
s. schiff
und schiffchen), schifelin
cimbia Graff 6, 457. 10@aa)
napf zum aufbewahren der farben, wie schiffchen 7): farbschifflein,
conchae pictorum coloribus impletae Frisch 2, 180
c. 10@bb)
in oberd. mundarten ein kupferner rohrartiger topf, der in der ofenwand oder dem kochherd befestigt ist, um wasser darin zu kochen, von schiffähnlicher form, in Schwaben. so schwäb. schiffle Schmid 460;
schweizerisch schiffli Seiler 252
b, schifli Hunziker 220; ein grosz kupfern schüfel auf'm herd.
inventar von 1693
bei Birlinger 395
a. 10@cc)
in der Schweiz und in Schwaben heiszen silberne gefäsze, in denen zu kirchlichen zwecken weihrauch aufbewahrt wird, schiffel, schiffle, schiffli
wegen der einem schiffe ähnlichen form. Schmid 460. Stalder 2, 317: ain silberin schifflin ... tut man den weyrach darein.
Ulmer reformationsacten von 1525
bei Schmid
a. a. o. 10@dd) schifferl,
ein aus thon oder porzellan verfertigtes trinkgeschirr für ganz kleine kinder. östreichisch. Hügel 136
b. 1111)
in der anatomie ein theil des schenkels: sie (
die maus) entspringt in dem obern theil der röhr im unterschenckel, pflanzt sich in das gewärb ein, verbindet unnd macht die langlechte pfanne, das schifflein genant, fest. Uffenbach
neues rossbuch 1, 200. 1212)
in Östreich heiszen kleine viereckige lebkuchen oder honigkuchen von etwa 1
quadratzoll grösze schiffel, schiffl Loritza 13. Castelli 242,
ebenso in Baiern Schm. 2, 385.
in der Würzburger gegend wird ein kleines, mit einem füllsel versehenes backwerk, das ursprünglich nonnen, jetzt aber lebkuchenbäcker backen, schiffla
genannt. Sartorius 108;
in Schwaben und Baiern gewöhnlich im plural schifeln, schifflen Schmid 460;
bair. auch purgierkuchen von solcher form Schm. 2, 385;
in der landschaft Hohenlohe heiszt jedes weisze länglicht zugespitzte brot schiffle. Klein
deutsches provinzialwörterb. 2, 113.