grunzen,
vb. ,
grunnire, murmurare. intensivbildung zu grunnen (
s. d.),
vgl. auch grunsen.
ahd. grunzen, gigrunzen;
spätmhd. grunzen;
ags. grunnettan;
me. grunten;
engl. grunt;
norw.-dän. grynte,
alle in der bedeutung grunnire. im ahd. wie grunsen (
s. d.)
und grummen, grummeln,
auch grunzen
vom dumpfen laut des donners: (
aether und aer sind geschwister) ane daz er (
aether) io in guotemo ist. si (
aer) grunzet aber diccho fone ungeuuitere Notker
schr. 1, 743
Piper. statt grunzen
gelegentlich gronzen,
wobei aber gron(n)en
teil 4, 1, 6, 443
zu beachten: gronzen Abr. a
s. Clara
Judas 3 (1692) 93; gronza Sartorius
Würzbg. 50,
vgl. auch kronzer,
m., '
mürrischer mensch'
aus Grimmelshausen
s. v. krunzen
teil 5
sp. 2471.
selten ist umlaut des u: grünzen Keisersberg
seelenparadies (1510) 43
c; H. Sachs 1, 329
lit. ver.; S. Brant
v. d. losen füchsen (1546) v 2
a; Schöpper
syn. (1550) b 6
c; Orsäus
nomencl. (1623) 51; Schottel
haubtspr. 60.
formen mit anlautendem k
s. bei krunzen
teil 5
sp. 2471,
vgl. auszerdem ahd. crunnizodon
ahd. gl. 2, 543, 4.
das wort ist dem nd. fremd und zeigt, wenn es gelegentlich erscheint, die aus dem hochdeutschen entlehnte verschobene form, vgl. gruntzer
chron. d. dtsch. städte (
Braunschweig 1488) 16, 101;
zur verbreitung in den maa. s. sp. 965; 966. 11)
meist bezeichnet grunzen
die rauhen, stoszartigen, einem gebell ähnlichen laute des schweines; ahd. ist das wort in dieser bedeutung als verbum nicht belegt, aber zu erschlieszen aus dem subst. grunnizoton, crunnizodon
grunnitibus (
glosse zu Prud. apotheosis 416)
ahd. gl. 2, 537, 30; 2, 543, 4.
gebucht in md., obd. glossaren seit dem 15.
jh.: grunczen
grunnire Diefenbach
gloss. 270
b;
grunnire porcorum est gruntzen Bas. Faber
thes. (1587) 368
b;
grunnio, grundio gruntzen wie die säw Corvinus
fons lat. (1660) 653.
wie grunnen
auch als glosse zu baulare (
eig. '
bellen') pellen ader grunczen
bei Diefenbach
mlat.-böhm. 49.
in fester substantivierung: das gruntzen der schwein
grunnitus J. Bentzius
thes. lat. (1596) 71; Hulsius-Ravellus (1616) 147
b; Steinbach
dtsch. wb. (1734) 1, 651: ist ein sau ... den wendelstein raufkommen, gegrunzet, davon wir uns gefürchtet Schweinichen
denkw. 16
Öst.; hörete einen gantzen hauffen seuwe kirren und gruntzen Luther
tischr. (
Frkf. 1576) 202
b Aurifaber; bald schracken die elephanten für den trommetern und gruntzen der schweine Gabr. Rollenhagen
indian. reisen (1603) 24; (
das ansinnen) so widrig klingt, wie das gruntzen der säuen im judenhause Er. Francisci
lust. schaubühne (1702) 1, 974; die schweine in den koben fingen erschreckt an zu grunzen Cl. Viebig
das schlafende heer (1904) 1, 190.
mit stärkerem affectgehalt: ist es, das inen eine (
eichel) entgat, so grüntzent sy und schnauwent mit dem grans (
rüssel) herumb Keisersberg
seelenparadies (1510) 43
c; (
ein schwein, das) seine augen rollt und wuth grunzt Pestalozzi
sämtl. werke (1927) 2, 29
krit. ausg.; mit 4
spielend: wenn man gleich ihren (
der schweine) gesellen die kehle absticht; ob sie wol ein wenig drüber grunzen, so ists doch bald vergessen Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 357.
das grunzen
ist eines der zoologischen merkmale des schweins: die schlange zischet, das schwein gruntzt, die spansau rültzt Harsdörfer
frauenzimmergesprächsp. 3, 292; will grunzen, wiehern, bellen, brummen, flammen wie eber, pferd, hund, bär und feur zusammen
Shakespeare 1, 223.
im partic. als stehendes beiwort: ein gruntzend schwein Prätorius
philos. colus (1662) 11; Triller
poet. betrachtungen (1750) 2, 612; Freytag
ges. w. 12, 63; die saudirn mit ihren grunzenden zöglingen Steub
drei sommer 1, 244; grunzen wie die schweine, säue
u. a.: das er kerren und gruntzen kondt wie die schwein
V. Dietrich
christl. kirche zu Regensburg (1555) p 1
b; Mathesius
Sarepta (1571) 219
b; Prätorius
saturnalia (1663) 137.
daher auch ohne specielle nennung verständlich: in den fluszarmen, welche durch die stadt führen, hat das vieh seine schwemmen, dort brüllt und grunzt es und verengt den weg für menschen und karren Freytag
ges. w. 18, 123; und tausendstimmig brüllt und blökt und grunzt ein zahllos herdenvolk auf deinen wiesen Geibel
w. (1888) 4, 82; und endlich mit des Ulysses seinen geferden dörfte in der gruntzenden zunft verfallen Prätorius
der abenteuerl. glückstopf (1669) 16.
in den maa. ist die bedeutung nicht durchaus verbreitet oder nicht consequent notiert: grunzen Schmeller-Fr. 1, 1006; grunzen Ch. Schmidt
Straszb. 45
b; gronza Sartorius
Würzb. 50; grunzen
neben grunschen
rhein. wb. 2, 1468; grunzen Crecelius
oberhess. 441; gruinze Hertel
Thür. 110.
auf norddeutschem boden nur nordfries. grŷînte Jensen 173,
sonst grunsen (
s. d.). 22)
seltener von anderen, dem grunzen des schweines ähnlichen tierstimmen: ein gruntzender bär Ettner u. Eiteritz
maulaffe (1719) 752; da (
die wanderer) näher kamen, wurde das gekläff der rüden wilder, die grunzenden stimmen einer bärenfamilie mischten sich darein G. Freytag
ges. w. 8, 228; (
der affe) streckte sich (
im zorn) auf allen vieren, grunzte und machte bedrohliche bewegungen Brehm
tierl. 1, 142
P.-L.; (
des gorillas) bald rollendes, bald grunzendes gebrüll
ebda 1, 66; (
du wirfst) über den grunzenden tiger das joch maler Müller
w. (1811) 1, 176; die einsiedler (
unter den grunzochsen) gesellen sich den herden, laufen, kühe suchend und dabei beständig grunzend, wie sinnlos umher Brehm
tierl. 3, 255
P.-L.; der fisch läszt im wasser ein grunzen hören Oken
allg. naturgesch. 6, 93.
im zoologischen namen: cottus grunniens der grunzende brummer (
ein fisch)
ebda 6, 47,
s. auch grunzochse, grunzer.
auch fabelhafte, unheimliche lebewesen grunzen: grunzender lindwurm Fr. Th. Vischer
auch einer (1879) 1, 337; (
der winter) hat mir verhunzet des gartens zier und knurrt und grunzet vor meiner thür Fr. Stolberg
ges. w. (1820) 2, 3; und grunzend entfliehen die dämonen J.
V. v. Scheffel
ges. w. (1907) 1, 133; in einem traume (
spielt) dieser krückenjunge eine hauptrolle, indem er ... grunzende töne ausstöszt Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 51. 33)
auf den menschen übertragen '
rauhe töne von sich geben': dann begannen wir ein ceremonielles gespräch, das jener (
der eingeborene) des öfteren unterbrach, um sein erstaunen über unsere weisze hautfarbe durch grunzende töne auszudrücken v. Götzen
durch Afrika (1895) 180; die halbnackten Baschkiren, verschiedene sprachen grunzend und schnaufend Rosegger
höllbart (1903) 111; (
aus dem küchenfenster) kann man mitunter einen grunzenden gesang vernehmen Storm
ges. schr. 7 (1877) 194.
mit mannigfachem psychischen gehalt: nur durch ein grunzendes gestöhn giebt (
der gymnasiast in den ferien) seinem behagen ausdruck Raabe
Horacker (1876) 4; musz ein held die würde seines epischen charakters dadurch behaupten, dasz er wie ein karthäuser nur sein memento mori! ernsthaft und sauertöpfisch grunze? Herder
s. w. 3, 221
S.; (
ein herr) der dem redner mit groszem beifall, welchen er durch kopfnicken, grunzen kund gab, zuhörte Spielhagen
s. w. 2, 386; bald erklang jenes urkräftige grunzen, wodurch damals (1849) die sittliche entrüstung sich zu offenbaren pflegte Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 493;
eigenartig im reime schon bei H. Sachs: (
ich sah schmelzwerke) mit ertzbrechen, schmeltzen und zrennen, mit schayden, probieren und müntzen; vor wunder gleich mein hertz thet grüntzen ob diesem groszem arbeyten und zabeln 3, 480
lit. ver. gern als einschub in eine unwillige, cynische, unbeherrschte antwort: 'schwindel' grunzte John Bull, welchem wenig oder nichts an dem graben gelegen ist W. Raabe
Abu Telfan (1870) 1, 31; 'ich weisz, was ihr mir sagen wollt', grunzte er mir entgegen Pfeffel
pros. versuche (1810) 3, 174; 'ach himmel!' gruntzt er (
der von gläubigern heimgesuchte) 'wirds noch schlimmer!' Chr. Günther
ged. (1739) 167; Robert: 'ich will jetzt blos noch nach innen musik machen ...' Josef (hat sich abgekehrt, um seine heiterkeit zu verbergen, grunzt jetzt:) 'nach innen?' Hirschfeld
die mütter (1896) 65.
an dem gebrauch von 1
bereichert: daher grunzen zoten in liebevollen versen, daher flieszt die hefe der natur in empfindsamen silbenmaszen Jean Paul
w. 40/41, 42
Hempel; unter allem romantisme grunzt und giert der instinkt Rousseaus nach rache Nietzsche
w. 8, 118; morgen internationalistisch geifern, übermorgen kommunistisch grunzen J. Scherr
Schiller (1873) 1, x.
selbständigere bedeutungen, die aber den gebrauch von 1
oft deutlich durchspüren lassen, sind in diesem bereich: grunzen '
behaglich der ruhe genieszen, wie ein schwein, das vor behagen grunzt' Ch. Schmidt
Straszb. 45
b; grunzen '
schlafen' Eilenberger
pennälersprache 18; Müller-Fraureuth
obersächs.-erzgeb. 1, 447
b;
hierher auch '
schnarchlaute von sich geben': wenn ich (
die junge verliebte frau) in kümmernusz und lauter liebesschmerz musz meine junge zeit mit leerer hand verzehren, da ein Saturnus (
ihr alter ehemann) stets an meiner seite gruntz Joh. Riemer
polit. stockfisch (1681) 116. 44) '
murren, grollen'
; von alters im range einer selbständigen bedeutung: thie guate es sar biginnent joh iz frambringent, joh sint fro thrato rehtero dato; thie andere alle filu frua sero grunzent tharzua Otfrid V 25, 85;
in derselben bedeutung gigrunzen
mit d. gen.: odo inan wiht sar smerze, thaz er es thoh gigrunze
ebda V 23, 252,
vgl. gruncenti
caperrans (
die brauen zusammenziehend) Graff 4, 329;
irasci ergrimmen, griszgrammen, grüntzen Schöpper
syn. (1550) b 6
c;
sonst gebucht zu lat. stomachari Diefenbach
nov. gl. 349
b (15.
jh.);
altercari, expostulari, fremere Stieler
stammb. 701;
ital. mormorare di qualche cosa Kramer 1 (1700) 575
a;
frz. grogner, gronder, murmurer Schrader
dtsch.-frz. 1, 582
a; si grunzedin und grynen, war umme her (
gott) were heymelich den genen, de da waren groize sundere
vier geistl. ged. 648
Heinzel, zs. f. dt. altert. 17, 31; so gott diesz thun kan und ... dem gruntzen und der gewalt der phariseer durch einen einigen Nicodemum wehren Luther
w. 33, 485
W.; (
der capitän) hat soviel ausgerichtet, dasz diakonus auf seinen teil 10 rthr. wieder bekommen zum viatico, nicht ohne grunzen der soldaten
acta publica 7, 249
Palm; die öbirsten von disen worten erbittert, gruntzten noch dartzu in irem mut, daz er im so vil gewalts beym volk einneme Michael Risch
paraphr. d. evangelium Joh. (1524) s 4
b; offt stirbet der man, den dass weib zu tode gegruntzet Mathesius
Syrach (1586) 174
a.
gern mit sinnverwandten ausdrücken; sehr sinnkräftig bei Luther: nu ist doctor Luther ein wenig hoffertig und gibt nit vil auf der romanisten runtzen und gruntzen
w. 6, 289
W.; schmollen und gruntzen
ebda 53, 621; fluchen, gruntzen und schelten Herberger
trauerbinden (1617) 4, 217; sie grolleten und gruntzeten Zesen
Assenat (1679) 62; da grunzt ein jeder, zürnt und greint Pape
christiani hominis sors (1612) e 4
b; kein greinen und kein grunzen, meine söhn und töchter! U. Bräker
schr. 1, 269; wenn die braut zuweilen in der nacht von einem schweren traum in ihrem schlaf erwacht und weckt den bräutgam auf und will es ihm erzehlen, so soll er darum nicht viel gruntzen oder schmählen Henrici
ernst-, scherzh. ged. (1727) 2, 161;
besonders murren und grunzen: kommet aber unglück, creutz, trbsahl, (
dann) gehet das murren und gruntzen an Dannhawer
katechismusmilch 1, 260; wo lauter murren, gruntzen und argwon ist, da wohnt der teufel Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, m m m 7
a;
Ambras. liederb. 32, 21
lit. ver.; Dan. Schaller
herold (1595) f 4
a;
mit jemandem, wider, auf jemanden grunzen: auch kan ich (
des teufels groszmutter) mich verdrehen an diesem tanze, darumb solt ihr nicht mit mir gruntzen, last mich auch schütteln die alten runtzeln D. Schernberg
spiel v. frau Jutten 6
Schröder; gruntze nicht wieder gott J. Gigas
furcht d. pestilenz (1546) a 3
a; (
dasz sie) auf einander gruntzeten Prätorius
Blockesberg (1668) 574;
auf dem wege zu einer specialisierung '
widersprechen, raisonnieren': ihr tummen kerle, müszt ihr noch gruntzen? Steinbach
deutsches wb. (1734) 1, 651,
vgl.entgegengrunzen ebda; etwas begrunzen: magst es benuscheln, beneifeln, begruntzen W. Scherfer
ged. (1652) 408; darnach lassen sie den gefaszten zorn aus dem hertzen durch sawrsehen, morren, gruntzen und andere unfreundliche geberde herfür Sigism. Suevus
Herodis bankett (1569) h 7
b;
auf 1
anspielend: wollt ir brüllen, brummen, gruntzen und murren, so geht hinaus unter die kühe und schweine Luther
tischr. (1576) 187
a Aurifaber; öfters übertragen vom knurren des hundes: gleich wie ein groszer kettenhund kan nichts dann gruntzen alle stund B. Krüger
anf. u. ende d. welt (1580) g 3
a; (
der hund) bellet den frembdling an, den zu nahe herbey nahenden beiszet er auch wol heimlich und gruntzet und murret wider in Comenius
ian. iv
ling. (1643) 67.
der lebenskreis des wortes in dieser bedeutung ist die niedere umgangssprache; vgl.: einsmals hörte man, die keine schäfer waren (formula loquendi rusticis usitata) über das schmiergeld (
draufgeld, das die bauern dem lohn der schäfer zusetzen) gruntzen Veroander
bauernstandes lasterprobe (1684) 97;
es verdankt seine im 16.
jh. vorübergehend starke verbreitung wohl vor allem Luthers einflusz, während Luther
selbst es mit anderen nicht hochsprachlichen worten 1540
aus der übersetzung apostelgesch. 12, 20
tilgt, vgl. C. Franke
schriftspr. Luthers 2, 70
b: er gruntzet (
ἦν δὲ θυμομαχῶν) aber mit den von Tyro und Sidon,
später: er gedacht wider die von T. und S. zu kriegen.
im 17.
jh. seltener, darf die bedeutung im 18.
jh. trotz gelegentlicher belege (Henrici, U. Bräker
s. o.)
und buchungen (
s. sp. 964)
allgemein als ausgestorben gelten, vgl. 'grunzen
wird nur noch von den schweinen gesagt' Frisch 1, 380
b.
in einem teil der maa. hat sie sich dagegen erhalten: grunzen '
murrend klagen' Staub-Tobler 2, 786; grünzen Martin-Lienhart 1, 279; gronza '
murren, grollen' Sartorius
Würzbg. 50; '
vom murren des menschen' Crecelius
oberhess. 441; grunzen, grunschen '
sich beschweren, murren, brummen'
rhein. wb. 2, 1468.