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grimasse

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

grimasse f.

Bd. 9, Sp. 336
grimasse, f. , gesticulation, fratze, verstellung. II. herkunft und ausbreitung. das wort ist im späten 17. jh. aus dem frz. entlehnt worden; literarisch seit den 80 er jahren; bei Stieler, Kramer teutsch-ital., Steinbach noch fehlend, zuerst in den fremdwbb. des 18. jhs. notiert: plur. grimacen Wächtler manual (1714) nach Weigand 51, 769 (in der ausgabe von 1703 noch fehlend); grimace 'wunderliche gebärden, das krümmen des mundes und des gesichts; eine erdichtete gestalt einer sache' Sperander handlex. (1727) 283; grimace oris inconcinna compositio; indecora vultus conformatio; oris depravatio Apinus gloss. nov. (1728) 255; in der 2. hälfte des 18. jhs. am reichsten entfaltet; von Wieland als 'unentbehrlich' bezeichnet t. Merc. (1774) 2, 218 anm.; das 19. jh. schränkt den geltungsbereich des wortes wieder ein. heute auch mundartlich im westd. weit verbreitet, fast nur in der bedeutung 'fratze': grimass lux. ma. (1906) 154b; grimassen machen, schneiden Martin-Lienhart 1, 272; Follmann 216a; Fischer schwäb. 3, 836; krimásə Meisinger Rappenau. 78; auch im nd.: ndsächs. wat makt de vōr grimasse wunderliche gebärden; grimassen maken Doornkaat-Koolman 1, 685; grimass Schmidt-Petersen 54a; grimasz Hönig Köln. 68b; dialectisch auch grammassen Fischer a. a. o., offenbar unter dem einflusz von gramanzen (s. u. II 1); jramassen, jremassen Meyer d. richt. Berliner 555a; vgl. auch gremassig sp. 105. IIII. bedeutung. II@11) vorangestellt sei ein gebrauch, der rein vom franz. aus nicht verständlich ist, sondern sich offenbar aus einer kreuzung mit kramanz, -en (th. 5, 1991) erklärt; grimasse hat in manchem geradezu das erbe des älteren wortes übernommen; es zeigt dann stets den plural; zunächst von den höflichen gesten des gesellschaftlichen lebens (vgl.kramanz 1 c): weil sie von den ceremonien und den grimaçen der societät, welche man sonst gesetze der höflichkeit, der galanterie, der politesse etc. heisset, am allerwenigsten verderbt ... sind chron. d. gesellsch. d. mahler 32 Vetter (a. 1721); (weil er) gegen das fräulein Helena so viel grimacen machte Fleischer herr v. Lydio (1734) 3, 198; ich war gestern auch bey einer assemblé aus der einigen ursache, einige vornehme grimassen zu lernen Holberg n. schaub. 3, 191; wozu soll das kniebeugen, das kreuzmachen, die entblösung des hauptes? dergleichen grimassen gehören für die klopffechter und tänzer Lessing 5, 339 M.; tausend höfliche grimassen, womit man uns in gesellschaft beehrt, wären nichts gegen den stillen umgang mit einem freunde Zimmermann einsamk. 3, 408, wo 'höfliche redensarten' (vgl.kramanz 1 e) gemeint scheinen; deutlicher: die complimente, die grimatzen, die wortspiele ... haben ungleiche wirkungen über ungleiche gemüther discourse d. mahlern 2, 187; weiter für 'ziererei, umstände' (vgl.kramanz 1 g): ein gläsgen wein und ein gebraten huhn esz ich mit wenigen grimassen Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 409; es wird überhaupt mode, sich zu zieren und grimassen zu machen Vulpius Göthejahrb. 10, 36; da machten sie grimassen und sperrten sich gar sehr Rückert 1, 220; ebenso auch dialectisch, s. th. 5, 1993, 3 a; in der ersten hälfte des 18. jhs. ist dieser gebrauch der ausgebreitetste; man beachte, dasz das ethos des ausdrucks je länger, je mehr das tadelnde von grimasse 2 u. 5 ist; aber auch spät noch ohne solche note: (willst es) tragen heim im busenlacken, und mit zierlichen grimassen in der still' es tanzen lassen Rückert 1, 527, ganz wie kramanz 1 b. [] II@22) unter den bedeutungen, die unmittelbarer ans franz. anzuknüpfen sind, tritt am frühesten ein allgemeinerer gebrauch hervor, der das wort nicht nur für gesichtsverzerrungen, sondern für alle arten von gesticulation und grotesken bewegungen verwendet; auch hier mag die nachbarschaft von kramanzen einflusz üben (s. d. 1 b). im 17. jh. der herrschende gebrauch; wie 1) stets im plural, meist mit dem verbum machen: was der arme geplagte herr David hierbey allenthalben mit maul und nasen, händen und füssen für abendtheurliche grimacen machte Chr. Thomasius monatsgespr. (1688) 1, 217; der eine blieb mit dem fusz an der erden hafften, darüber er eben so wunderliche grimassen machte als Aristoteles, da er mit dem studierrocke hengen blieb Tentzel unterredungen (1689) 581; wann ihnen alsdann baarschaften oder pretiosa vorgelegt werden, so wissen sie durch allerhand mit denen händen machende grimassen etwas zwischen die finger ... zu practiciren Kluge rotw. 1, 244; diesen ursachen musz ich die wunderbaren grimassen zuschreiben, in die ich mehrere frauenzimmer ausbrechen sah. die klügste setzte sich in eine ecke ... und hielt die ohren zu. eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den kopf in der ersten schoos Göthe 19, 34 Weim.; Staub (legt sich beym treibhaus mit dem ohr auf die erde). bürgermeister: was macht denn unser botaniker für grimassen? Meisl theatr. quodlibet 2, 114; weil das pferd ... sie (die gräben) durchaus nicht überspringen wollte und nach vielen wunderlichen grimassen von rosz und reiter uns zu einem weiten umwege zwang Pückler briefw. und tagebücher 2, 316. II@33) am häufigsten aber von den gebärden des gesichts; lexicalisch seit dem frühen 18. jh. (s. o. I), nach den literarischen belegen indessen anscheinend erst seit der mitte des jhs. reicher entfaltet; nicht unbedingt mit dem sinn des fratzenhaften, wenn auch meist scheltend: jeder erscheint mit einer grimasze aus seinem gesicht und spricht mit dem ton seiner stimme Sturz schr. 1, 12; den bedrängten Roderich hör ich auf offener bühne .. seine gemüthsbewegungen sorgfältig, wie eine Pariserin ihre grimassen vor dem spiegel, durchmustern Schiller 2, 343 G.; häufiger aber mit der bedeutung des verzerrten: vor allen grimassen musz man sich hüten Quantz anweisung d. flöte zu spielen (1789) 106; zwei mannspersonen ... sangen oder sprachen ... mit sonderlich verzerrten grimassen einige worte her G. Forster 1, 282; als reflex unangenehmer empfindungen: wenn nun ein jeder, nachdem sein gaumen beschaffen ist, sie (die ambrosia) sich entweder glatt hinunter gehen läszt, oder auch zu seltsamen grimassen sein antlitz verzerrt K. Fr. Cramer Neseggab 1, 101; die grimasse, durch welche er noth und elend ausdrücken wollte J. J. Engel schr. 7, 162; doch auch bei entgegengesetzten reizungen: keine lächerliche grimasse, dummer junge S. v. La Roche frl. v. Sternheim (1771) 1, 206; zuweilen, wie fratze, concreter für das gesicht: ich schmeiss' dir in deine grimasse! maler Müller (1811) 3, 326; ich wuszte damals nicht, ... dasz der inhaber dieser künstlichen grimasse kaum eine ahnung von ironie und sarkasmus besasz Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 27. als begleitendes verbum erscheint zuerst machen (vgl. 2): gegen die philosophie selbst eine kleine faunische grimasse machen Wieland Lucian (1788) 1, 27; dort macht vielleicht mancher herr kunstrichter zwar grimassen und saure amtsgesichter Kortum jobsiade (1799) 2, 4; das heute herrschende grimassen schneiden ist im 18. jh. noch selten: er ... schnitt fürchterliche grimassen Klinger 3, 157; ein mensch hat krämpfe; ein anderer giebt ihm eine ohrfeige, weil er glaubt, jener schneide ihm grimassen Hebbel tageb. 1, 362; der kleine Hans schnitt eine vergnügte grimasse C. F. Meyer d. heilige (1891) 107; seltener ist grimassen ziehen: Alexander ... sieht mit einer miene von unbehaglichkeit Philippen an, der gleichfalls eine grimasse von erstaunen und verdrusz zieht Göthe 38, 378 Weim.; ich bin ein ehrlicher [] kerl ..., ich kann keinem eine grimasse ziehen H. Eulenberg dogenglück (1899) 149. II@44) die bedeutung 3 erfährt mancherlei übertragungen ins unsinnliche; zunächst rein bildlich: gebt euch nur die mühe, ihr spötter, die ihr mich mit euren grimassen verwirren möchtet, sie (die deutsche verfassung) zu studieren Klinger 3, 40; wo das schöne geschlecht eine hülle darum (um das urtheil) wirft, um .. seiner innern schönheit keine entstellung oder grimasse zu schulden kommen zu lassen Krummacher das wörtlein 'und' (1811) 69; bösewichter solcher art thun keine schandthat aus liebhaberei, sondern nur, weil sie ihnen vortheil bringt, und daher ohne die grimasse der sünde Börne 2, 11; aber auch selbständiger 'bizarrerie, marotte': selbst seine (Bonapartes) sonderbarkeiten, die bisweilen in wunderliche launen und grimassen ausschlugen Häusser dtsch. gesch. 2, 242. besonders hervorzuheben ist ein gebrauch, der grimasse für die karrikatur, übersteigerung irgend einer erscheinung verwendet: reitz am unrechten orte ist affektation und grimasse Lessing 9, 198 M.; meine absicht ist nie, mich durch gewaltsame insolenzen und grimassen auszuzeichnen sagt Bürger zur rechtfertigung gewisser kühner ausdrücke seiner Homerübersetzung, werke 206a Bohtz; wie die nation den früheren scharfgezeichneten charakter um grimasse eingetauscht Görres 1, 136; so namentlich bei gewissen verbis: daraus ist es zu erklären, weshalb .. die grazie so oft in grimasse ausartet Smidt tageb. eines nord. seemannes (1830) 80; indem alles, was bei den Griechen natur war, bei ihnen (den Franzosen) zur grimasse geworden ist Platen 3, 226 Redlich. II@55) etwa gleichaltrig mit 3 ist die verwendung im sinne 'die täuschende maske, larve', die sich herleitet von der bedeutung 'die blosze, hohle gebärde': (leute) welche ... mit ihrer seligkeit fertig zu werden meynen, wenn sie Paulo die grimäsze der demuth nachmachen allg. dtsch. bibl. 12, 8; wer irgend einem tüchtigen meister die grimasse der arbeit abgesehen hat, ist darum noch kein arbeiter Lagarde dtsch. schr. 195; meist tritt der charakter des heuchlerischen, täuschenden stärker hervor: es (das porträt) könnte allenfalls ein Joseph seyn, der ohne grimmasse affectirter oder in der schule gelernter frömmigkeit mehr dächt als spräche Lavater physiogn. fragm. 1, 121; eine schlaue kokette, die mein herz durch die grimasse der empfindsamkeit ... täuschte Pfeffel pros. vers. 5, 51; er (der tod) heuchelt nicht und schmeichelt nicht, er wischt grimassen vom gesicht Herder 27, 388 S.; ganz verselbständigt: lüge, verstellung, komödie: grimasse war ihr kusz allg. dtsch. bibl., anh. zu 53—86, 492; wie er ihr so nahe ist, dasz sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem fluszgotte, dasz er sie verwandeln soll. grimasse! Wieland Agathon (1766 f.) 1, 158; es sey nur grimmasse, wenn weiber ihre männer glauben machten, sie hätten ein sehr kaltes temperament Knigge umgang 2, 89; ich lernte grimasse von realität unterscheiden Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 3, 363; natürlich blosze grimasse, um ein höheres geleitsgeld zu erringen Gaudy 5, 123; auch milder 'fiction': sollte es ... nicht eine grimasse unseres verf. seyn, dasz er nicht wissen will, wer diese recension gemacht hat allg. dtsch. bibl. 86, 25. dieser gebrauch ist in der hauptsache auf die 2. hälfte des 18. jhs. beschränkt; später tritt neben dem begriff des erlogenen der des widrig grotesken, verzerrten wieder hervor; 'farce': diese ... kniebeugungs- und andachtsscene vor dem versammelten reichstage, der mühe gehabt haben mag, bei der grimasse seinen ernst zu bewahren jahrb. d. Grillparzergesellsch. 5, 214; die blinde gerechtigkeit .. faszt mit ihrem strafenden arm ... die arme verführte .., und treibt dann mit dieser ihre fade grimaçe ganz ernsthaft Pestalozzi 7, 314; ein gebet, das nur aus anbequemung gesprochen wird, ist eine widerliche grimasse D. Fr. Strausz 4, 197. [] II@66) wie im franz. auch 'ein zur toilette des frauenzimmers gehöriges kästchen, dessen oberer theil ein nadelkissen ist' Krünitz öcon. encycl. 20, 48; Rumpf gemeinnütz. wb. (1811) 146. II@77) eine art stachelschnecke, murex anus Nemnich wb. d. naturgesch. 210.
11740 Zeichen · 224 Sätze

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    Gri|mas|se f. (-,-n) grimassa (-sses) f. , müsa (müses) f. , ghigna (-gnes) f. , grigna (-gnes) f. ▬ Grimasse n schneide…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit grimasse

9 Bildungen · 8 Erstglied · 1 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von grimasse

grimassen + -e

grimasse leitet sich vom Lemma grimassen ab mit Suffix -e, auf Verb-Stamm zurückgeführt.

Zerlegung von grimasse 2 Komponenten

grim+asse

grimasse setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

grimasse‑ als Erstglied (8 von 8)

Grimassenkopp

MeckWB

grimassen·kopp

Wossidia Grimassenkopp Gremassenkopp m. Grimassen-, Fratzenschneider Wa Waren@Lehsten Lehst .

grimassenmacher

DWB

grimassen·macher

grimassenmacher , m. fratzenschneider Follmann lothr. 216 a ; lux. ma. (1906) 154 b ; Pansner schimpfwb. 24 b ; in älterer sprache auch ' sc…

grimassenschneiden

DWB

grimassen·schneiden

grimassenschneiden , n. : wogegen der ungebildete ... nicht anders als durch ... mienen und gebehrden sich verständlich machen zu können gla…

grimassenschneider

DWB

grimassen·schneider

grimassenschneider , m. : die Lear- und Hamlet-spieler, die jetzt auf unsern theatern den gröszten beyfall einärnten, gehören in ... die kla…

grimasse als Zweitglied (1 von 1)

tugendgrimasse

DWB

tugend·grimasse

tugendgrimasse , f. : die blonde schwester mit ihrer langweiligen tugendgrimasse Fontane ges. w. (1905) I 5, 84 . —