grimasse,
f. ,
gesticulation, fratze, verstellung. II.
herkunft und ausbreitung. das wort ist im späten 17.
jh. aus dem frz. entlehnt worden; literarisch seit den 80
er jahren; bei Stieler, Kramer
teutsch-ital., Steinbach
noch fehlend, zuerst in den fremdwbb. des 18.
jhs. notiert: plur. grimacen Wächtler
manual (1714)
nach Weigand
51, 769 (
in der ausgabe von 1703
noch fehlend); grimace '
wunderliche gebärden, das krümmen des mundes und des gesichts; eine erdichtete gestalt einer sache' Sperander
handlex. (1727) 283; grimace
oris inconcinna compositio; indecora vultus conformatio; oris depravatio Apinus
gloss. nov. (1728) 255;
in der 2.
hälfte des 18.
jhs. am reichsten entfaltet; von Wieland
als '
unentbehrlich'
bezeichnet t. Merc. (1774) 2, 218
anm.; das 19.
jh. schränkt den geltungsbereich des wortes wieder ein. heute auch mundartlich im westd. weit verbreitet, fast nur in der bedeutung '
fratze': grimass
lux. ma. (1906) 154
b; grimassen machen, schneiden Martin-Lienhart 1, 272; Follmann 216
a; Fischer
schwäb. 3, 836; krimásə Meisinger
Rappenau. 78;
auch im nd.: ndsächs. wat makt de vōr grimasse
wunderliche gebärden; grimassen maken Doornkaat-Koolman 1, 685; grimass Schmidt-Petersen 54
a; grimasz Hönig
Köln. 68
b;
dialectisch auch grammassen Fischer
a. a. o., offenbar unter dem einflusz von gramanzen (
s. u. II 1); jramassen, jremassen Meyer
d. richt. Berliner 555
a;
vgl. auch gremassig
sp. 105. IIII.
bedeutung. II@11)
vorangestellt sei ein gebrauch, der rein vom franz. aus nicht verständlich ist, sondern sich offenbar aus einer kreuzung mit kramanz, -en (
th. 5, 1991)
erklärt; grimasse
hat in manchem geradezu das erbe des älteren wortes übernommen; es zeigt dann stets den plural; zunächst von den höflichen gesten des gesellschaftlichen lebens (
vgl.kramanz 1 c): weil sie von den ceremonien und den grimaçen der societät, welche man sonst gesetze der höflichkeit, der galanterie, der politesse
etc. heisset, am allerwenigsten verderbt ... sind
chron. d. gesellsch. d. mahler 32
Vetter (
a. 1721); (
weil er) gegen das fräulein Helena so viel grimacen machte Fleischer
herr v. Lydio (1734) 3, 198; ich war gestern auch bey einer assemblé aus der einigen ursache, einige vornehme grimassen zu lernen Holberg
dän. schaub. 3, 191; wozu soll das kniebeugen, das kreuzmachen, die entblösung des hauptes? dergleichen grimassen gehören für die klopffechter und tänzer Lessing 5, 339
M.; tausend höfliche grimassen, womit man uns in gesellschaft beehrt, wären nichts gegen den stillen umgang mit einem freunde Zimmermann
einsamk. 3, 408,
wo '
höfliche redensarten' (
vgl.kramanz 1 e)
gemeint scheinen; deutlicher: die complimente, die grimatzen, die wortspiele ... haben ungleiche wirkungen über ungleiche gemüther
discourse d. mahlern 2, 187;
weiter für '
ziererei, umstände' (
vgl.kramanz 1 g): ein gläsgen wein und ein gebraten huhn esz ich mit wenigen grimassen Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 409; es wird überhaupt mode, sich zu zieren und grimassen zu machen Vulpius
Göthejahrb. 10, 36; da machten sie grimassen und sperrten sich gar sehr Rückert 1, 220;
ebenso auch dialectisch, s. th. 5, 1993, 3 a;
in der ersten hälfte des 18.
jhs. ist dieser gebrauch der ausgebreitetste; man beachte, dasz das ethos des ausdrucks je länger, je mehr das tadelnde von grimasse 2
u. 5
ist; aber auch spät noch ohne solche note: (
willst es) tragen heim im busenlacken, und mit zierlichen grimassen in der still' es tanzen lassen Rückert 1, 527,
ganz wie kramanz 1 b.
[] II@22)
unter den bedeutungen, die unmittelbarer ans franz. anzuknüpfen sind, tritt am frühesten ein allgemeinerer gebrauch hervor, der das wort nicht nur für gesichtsverzerrungen, sondern für alle arten von gesticulation und grotesken bewegungen verwendet; auch hier mag die nachbarschaft von kramanzen
einflusz üben (
s. d. 1 b).
im 17.
jh. der herrschende gebrauch; wie 1)
stets im plural, meist mit dem verbum machen: was der arme geplagte herr David hierbey allenthalben mit maul und nasen, händen und füssen für abendtheurliche grimacen machte Chr. Thomasius
monatsgespr. (1688) 1, 217; der eine blieb mit dem fusz an der erden hafften, darüber er eben so wunderliche grimassen machte als Aristoteles, da er mit dem studierrocke hengen blieb Tentzel
unterredungen (1689) 581; wann ihnen alsdann baarschaften oder pretiosa vorgelegt werden, so wissen sie durch allerhand mit denen händen machende grimassen etwas zwischen die finger ... zu practiciren Kluge
rotw. 1, 244; diesen ursachen musz ich die wunderbaren grimassen zuschreiben, in die ich mehrere frauenzimmer ausbrechen sah. die klügste setzte sich in eine ecke ... und hielt die ohren zu. eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den kopf in der ersten schoos Göthe 19, 34
Weim.; Staub (legt sich beym treibhaus mit dem ohr auf die erde). bürgermeister: was macht denn unser botaniker für grimassen? Meisl
theatr. quodlibet 2, 114; weil das pferd ... sie (
die gräben) durchaus nicht überspringen wollte und nach vielen wunderlichen grimassen von rosz und reiter uns zu einem weiten umwege zwang Pückler
briefw. und tagebücher 2, 316. II@33)
am häufigsten aber von den gebärden des gesichts; lexicalisch seit dem frühen 18.
jh. (
s. o. I),
nach den literarischen belegen indessen anscheinend erst seit der mitte des jhs. reicher entfaltet; nicht unbedingt mit dem sinn des fratzenhaften, wenn auch meist scheltend: jeder erscheint mit einer grimasze aus seinem gesicht und spricht mit dem ton seiner stimme Sturz
schr. 1, 12; den bedrängten Roderich hör ich auf offener bühne .. seine gemüthsbewegungen sorgfältig, wie eine Pariserin ihre grimassen vor dem spiegel, durchmustern Schiller 2, 343
G.; häufiger aber mit der bedeutung des verzerrten: vor allen grimassen musz man sich hüten Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 106; zwei mannspersonen ... sangen oder sprachen ... mit sonderlich verzerrten grimassen einige worte her G. Forster 1, 282;
als reflex unangenehmer empfindungen: wenn nun ein jeder, nachdem sein gaumen beschaffen ist, sie (
die ambrosia) sich entweder glatt hinunter gehen läszt, oder auch zu seltsamen grimassen sein antlitz verzerrt K. Fr. Cramer
Neseggab 1, 101; die grimasse, durch welche er noth und elend ausdrücken wollte J. J. Engel
schr. 7, 162;
doch auch bei entgegengesetzten reizungen: keine lächerliche grimasse, dummer junge S. v. La Roche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 206;
zuweilen, wie fratze,
concreter für das gesicht: ich schmeiss' dir in deine grimasse! maler Müller (1811) 3, 326; ich wuszte damals nicht, ... dasz der inhaber dieser künstlichen grimasse kaum eine ahnung von ironie und sarkasmus besasz Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 27.
als begleitendes verbum erscheint zuerst machen (
vgl. 2): gegen die philosophie selbst eine kleine faunische grimasse machen Wieland
Lucian (1788) 1, 27; dort macht vielleicht mancher herr kunstrichter zwar grimassen und saure amtsgesichter Kortum
jobsiade (1799) 2, 4;
das heute herrschende grimassen schneiden
ist im 18.
jh. noch selten: er ... schnitt fürchterliche grimassen Klinger 3, 157; ein mensch hat krämpfe; ein anderer giebt ihm eine ohrfeige, weil er glaubt, jener schneide ihm grimassen Hebbel
tageb. 1, 362; der kleine Hans schnitt eine vergnügte grimasse C.
F. Meyer
d. heilige (1891) 107;
seltener ist grimassen ziehen: Alexander ... sieht mit einer miene von unbehaglichkeit Philippen an, der gleichfalls eine grimasse von erstaunen und verdrusz zieht Göthe 38, 378
Weim.; ich bin ein ehrlicher
[] kerl ..., ich kann keinem eine grimasse ziehen H. Eulenberg
dogenglück (1899) 149. II@44)
die bedeutung 3
erfährt mancherlei übertragungen ins unsinnliche; zunächst rein bildlich: gebt euch nur die mühe, ihr spötter, die ihr mich mit euren grimassen verwirren möchtet, sie (
die deutsche verfassung) zu studieren Klinger 3, 40; wo das schöne geschlecht eine hülle darum (
um das urtheil) wirft, um .. seiner innern schönheit keine entstellung oder grimasse zu schulden kommen zu lassen Krummacher
das wörtlein '
und' (1811) 69; bösewichter solcher art thun keine schandthat aus liebhaberei, sondern nur, weil sie ihnen vortheil bringt, und daher ohne die grimasse der sünde Börne 2, 11;
aber auch selbständiger '
bizarrerie, marotte': selbst seine (
Bonapartes) sonderbarkeiten, die bisweilen in wunderliche launen und grimassen ausschlugen Häusser
dtsch. gesch. 2, 242.
besonders hervorzuheben ist ein gebrauch, der grimasse
für die karrikatur, übersteigerung irgend einer erscheinung verwendet: reitz am unrechten orte ist affektation und grimasse Lessing 9, 198
M.; meine absicht ist nie, mich durch gewaltsame insolenzen und grimassen auszuzeichnen
sagt Bürger
zur rechtfertigung gewisser kühner ausdrücke seiner Homerübersetzung, werke 206
a Bohtz; wie die nation den früheren scharfgezeichneten charakter um grimasse eingetauscht Görres 1, 136;
so namentlich bei gewissen verbis: daraus ist es zu erklären, weshalb .. die grazie so oft in grimasse ausartet Smidt
tageb. eines nord. seemannes (1830) 80; indem alles, was bei den Griechen natur war, bei ihnen (
den Franzosen) zur grimasse geworden ist Platen 3, 226
Redlich. II@55)
etwa gleichaltrig mit 3
ist die verwendung im sinne '
die täuschende maske, larve',
die sich herleitet von der bedeutung '
die blosze, hohle gebärde': (
leute) welche ... mit ihrer seligkeit fertig zu werden meynen, wenn sie Paulo die grimäsze der demuth nachmachen
allg. dtsch. bibl. 12, 8; wer irgend einem tüchtigen meister die grimasse der arbeit abgesehen hat, ist darum noch kein arbeiter Lagarde
dtsch. schr. 195;
meist tritt der charakter des heuchlerischen, täuschenden stärker hervor: es (
das porträt) könnte allenfalls ein Joseph seyn, der ohne grimmasse affectirter oder in der schule gelernter frömmigkeit mehr dächt als spräche Lavater
physiogn. fragm. 1, 121; eine schlaue kokette, die mein herz durch die grimasse der empfindsamkeit ... täuschte Pfeffel
pros. vers. 5, 51; er (
der tod) heuchelt nicht und schmeichelt nicht, er wischt grimassen vom gesicht Herder 27, 388
S.; ganz verselbständigt: lüge, verstellung, komödie: grimasse war ihr kusz
allg. dtsch. bibl., anh. zu 53—86, 492; wie er ihr so nahe ist, dasz sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem fluszgotte, dasz er sie verwandeln soll. grimasse! Wieland
Agathon (1766
f.) 1, 158; es sey nur grimmasse, wenn weiber ihre männer glauben machten, sie hätten ein sehr kaltes temperament Knigge
umgang 2, 89; ich lernte grimasse von realität unterscheiden Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 3, 363; natürlich blosze grimasse, um ein höheres geleitsgeld zu erringen Gaudy 5, 123;
auch milder '
fiction': sollte es ... nicht eine grimasse unseres verf. seyn, dasz er nicht wissen will, wer diese recension gemacht hat
allg. dtsch. bibl. 86, 25.
dieser gebrauch ist in der hauptsache auf die 2.
hälfte des 18.
jhs. beschränkt; später tritt neben dem begriff des erlogenen der des widrig grotesken, verzerrten wieder hervor; '
farce': diese ... kniebeugungs- und andachtsscene vor dem versammelten reichstage, der mühe gehabt haben mag, bei der grimasse seinen ernst zu bewahren
jahrb. d. Grillparzergesellsch. 5, 214; die blinde gerechtigkeit .. faszt mit ihrem strafenden arm ... die arme verführte .., und treibt dann mit dieser ihre fade grimaçe ganz ernsthaft Pestalozzi 7, 314; ein gebet, das nur aus anbequemung gesprochen wird, ist eine widerliche grimasse D. Fr. Strausz 4, 197.
[] II@66)
wie im franz. auch '
ein zur toilette des frauenzimmers gehöriges kästchen, dessen oberer theil ein nadelkissen ist' Krünitz
öcon. encycl. 20, 48; Rumpf
gemeinnütz. wb. (1811) 146. II@77)
eine art stachelschnecke, murex anus Nemnich
wb. d. naturgesch. 210.