grätschen,
gratschen,
vb. ,
auch in der nebenform krätschen (
vgl. t. 5,
sp. 2069).
intensivbildung zu 1gräten (
s. d.)
und mit diesem seit dem 17.
jh. in konkurrenz, die im bereich der hoch- und schriftsprache im 19.
jh., wohl unter einflusz der turnersprache, zugunsten von grätschen
entschieden wird. das wort wird zufrühest im 17.
jh. belegbar. mundartlich ist es in den bedeutungen '
ausspreizen, unbehilflich, langsam, mit gespreizten (
luxemb., schwäb.-augsb. auch '
mit krummen')
beinen gehen'
obd. und namentlich md. verbreitet, durchweg in umgelauteten und umlautlosen formen nebeneinander; nur das schweizer. scheint ausschlieszlich ä-
formen zu haben. der vokal ist in der regel lang (
vgl. auch H. Paul
dt. gramm. 1, 169): grätschen (grátsch ún) Schmeller-Fr. 1, 1017; gretsch ún Lexer
Kärnten 122; grâtsche (
Oberinntal)
grätschend gehen Schatz
wb. d. Tirol. maa. 1, 251; grätschen I
schweiz. id. 2, 829; gratsche
n, grätsche
n Fischer
schwäb. 3, 804; grätze
n Martin-Lienhart
elsäss. 1, 287
a; graitschen Follmann
Lothr. 213; grätschen
luxemb. ma. 152
a; gratschen (
neben gretschen
u. a.)
rhein. wb. 2, 1365; grätschen Crecelius
oberhess. 433; graetschen (ae = a) Vilmar
Kurhessen 135; gratschen Ruckert
unterfränk. 64; grätschen Spiesz
Henneberg 83; gratschen Hertel
Thür. 109; jrātschen Liesenberg
Stiege 117; grätschen J. H. Keller
Thüring. waldgeb. 24; gratschen (krtšən, kräätšən) Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 4379; grätschen Anton
Oberlausitz 8, 14; grâtschen Weinhold
schles. 29
b; grätschen Bernd
Posen 49. 11)
in der bedeutung '
die beine spreizen',
auch '
spreizbeinig gehen'
; durch Vieth
und Jahn
in die sportsprache gebracht und heute namentlich von da her geläufig: grätschen ...
metonym. distendere pedes, divaricare Stieler
stammb. (1691) 691; gräten, gräteln, grätschen, gratteln ...
aprire, slargare ... divaricare ... mit den beinen gräten Kramer
t.-ital. 1 (1700) 557
b; grätschen ...
so das hülfswort haben
erfordert, und nur im gemeinen leben üblich ist, die beine aus einander sperren, imgleichen mit ausgesperrten beinen gehen Adelung
versuch 2 (1775) 782.
für Göthe
s sprachgebrauch vgl.: unsre miliz war doch noch ein lustig volk; sie nahmen sich was heraus, standen mit ausgegrätschten beinen da, hatten den hut überm ohr, lebten und lieszen leben (1788) I 8, 246
W.; so wird es ähnliche bewandtnisz mit dem Fallbachgeist bei Absam haben ..., der ... mit gegrätschten beinen über dem wasser steht Laistner
nebelsagen (1879) 259; in dem andern (
zimmer wanderte) der mann Clausz auf und ab ..., der hüne auf seinen breit gegrätschten beinen, mit der hand auf einer landkarte die ganze Ukraine zudeckend A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 117.
wohl im anschlusz an den sprachgebrauch der älteren voltigierkunst (
vgl. oben s. v. grätscheln)
als term. techn. der turnersprache, zunächst in bezug auf das turngerät '
pferd': man nennt diesen sprung auf den voltigirböden den grätsprung oder grätschsprung, von gräten oder grätschen, einem alten worte, welches so viel heiszt, als die beine auseinander sperren Vieth
encycl. d. leibesübungen 2 (1795) 263; grätschen ... heiszt die bewegung beider schenkel zu gleicher zeit nach beiden seiten Fr. L. Jahn
w. 2, 39
Euler. in ironischer charakterisierung: muszt dich (
deutsches mädchen) keck emanzipieren und mit kindlichem 'ätsch-ätsche' über männer triumphieren, muszt wie bombe und kartätsche deine kräfte demonstrieren. deutsches mädchen — grätsche! grätsche! Ringelnatz
es zwitschert eine lerche im kamin (1953) 31. 22)
nur vereinzelt, entsprechend 1gräteln 2 (
s. d.),
in der bedeutung '
steigen, klettern': grätschen ...
propr. gradus ascendere Stieler
stammb. (1691) 691; gratschen ... '
klettern'
rhein. wb. 2, 1365.