gieszen,
vb. ,
fundere. verbreitung und form. 11)
got. giutan,
ags. géotan,
afries. iāta,
asächs. geotan, giotan,
ndl. gieten,
sämtlich in der bed. '
gieszen'
; das hergehörige anord. gjóta
bedeutet '
junge werfen, blicke werfen, mit den augen blinzeln'.
im ahd. giozan Braune
ahd. gr.4 271; Graff 4, 281;
mhd. gieszen Lexer 1, 1011.
daneben weist ein ahd. einmal belegtes prät. guzta
als übersetzung von lat. libavit, profudit ahd. gloss. 2, 648
a St.-S. auf eine schw. bildung *guzjan (
zum st. vb. giozan
bzw. zum subst. guz
gebildet; vgl. die neben dem got. st. vb. stehende schw. inchoativbildung us - gutnan
ἐκχεῖσθαι '
verschüttet werden').
die germ. sehr weit verbreitete und lebenskräftige gruppe stellt sich zu einer idg. wz. *gheu-,
die, wie die germ.-dt. sprachentwicklung sowie griech. χέω '
giesze, schütte',
χύτλον '
waschwasser',
χῶνος '
schmelzgrube, guszform',
χύτρος, -
α '
irdener topf', futis '
wassergefäsz',
ausweisen, die bedeutungsbezirke '
gieszen, gegossene flüssigkeit, gefäsz, in das gegossen wird',
umspannt, daneben jedoch in griech. χεῦμα und χοή '
gusz, trankopfer',
ausgesprochene beziehungen zum sakralen zeigt, ein zug, der die indo-iran. verwandtschaft der sippe fast ausnahmslos beherrscht (
vgl. aind. juhṓti '
gieszt ins feuer, opfert', hōma(n) '
opfergusz, opfer', hṓtr '
priester',
avest. zaotar '(
opfer)
priester', zao
θra '
flüssige opferspende',
neupers. zōr '
weihwasser'),
dem germ. aber völlig fehlt. dt. gieszen
und seine verwandtschaft, zu der auszerhalb des germ. unmittelbar anscheinend nur lat. fundo '
gieszen'
rechnet, stellt eine dentalerweiterung zu *gheu-
dar. vgl. Walde-Pokorny 1, 563
ff.; Boisacq 1057. 22)
lautgesetzlich zu erwartende eu
-formen im sing. präs. ind. und im sing. imperat. (
ahd., mhd. -iu-
entsprechend)
sind bes. frühnhd. mannigfach bewahrt, sie reichen archaisierend, aus reimgründen und in gehobener poetischer sprache vereinzelt bis zur gegenwart, am häufigsten in der 3.
sing. und im imperat., während die 1.
und 2.
sing. nur noch ganz wenig leben entwickelt haben. 1.
sing.: stets eu
bei H. Sachs:
z. b. fastn. 72, 264
G.; geusz Dasypodius (1537) 82
a; v. Erlach
volkslieder 1, 56;
dagegen gies
schon Alberus (1540) ff 3
b; giesze Stieler (1691) 647; gisse Steinbach (1734) 1, 621; giesse Frisch (1741) 348
b. 2.
sing.: geuszest Sebiz
feldbau (1580) 387; Stieler (1691) 647
bucht geuszest
neben gieszest;
entsprechend geuszt
neben giszt
bei Steinbach (1734) 1, 621; Frisch (1741) 348
b kennt vulg. geust
neben giessest;
das spätere 18.
jh. schreibt ausschlieszlich die i-
form J. A. Cramer
s. ged. (1781) 1, 8.
in der 3.
sing. erscheinen kurz vor und nach 1500
noch monophthongische formen güsst
N. Manuel
ablaszkrämer 357
B.; dagegen eu
seit d. 15./16.
jh.: d. heil. leben i. d. winterteil (1471) 43
b; Luther 17, 1, 445, 16
W.; Schottel (1663) 80; Gottsched
deutsche sprachkunst (1762) 332,
daneben gieszt 333; Herder 5, 559
S.; H. Heine 6, 73
Elster. Stieler (1691) 647
und Frisch (1741) 348
b geben auch hier das nebeneinander von eu
und ie; ie
erscheint bei Günther
ged. (1746) 537; Mastalier
ged. (1774) 82;
seitdem laufend. der imperat. sing. weist ebenfalls anfänglich noch undiphthongierte formen auf: -u-
d. ewigen wiszheit betbüchlein (1518) 89
a.
im übrigen ist in älterer zeit fast durchgängig -eu-
üblich: Dürer
tagebuch 83
Leitschuh; W. H. Ryff
confectbuch u. hauszapoteck (1548) 6
b; Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 346
b; Ramler
lyr. ged. (1772) 296; Pfeffel
poet. vers. 1, 9;
vereinzelt im 17.
jh. ie: Moscherosch
insomn. cura par. 61
ndr.; häufiger erst seit dem 18.
jh.: Klopstock
oden 1, 112, 1
M.-P.; A. v. Arnim 7, 263. —
im plur. präs. von anfang an durchgängig ie: 2.
plur.: Vogelgesang-Cochlaeus
gespr. v. d. trag. Joh. Hussen 20
ndr.; 3.
plur.: Seb. Brant
narrenschiff 19, 67
Z. vereinzelte rundung zu ü Butschky
Pathmos (1677) 5. —
im infin. ist schon seit dem mhd. ie
normal; vereinzelte schwankungen: gissen (1404)
Marienburg. treszlerbuch 326, 10
Joachim; güessen U. Krafft
reisen 80
lit. ver.; güszen Bellin
hochd. rechtschreibung (1657) 85; güssen Lohenstein
hyacinthen (1680) 77; gyssen (15.
jh., obd.) Diefenbach
gloss. 252
a fundere; ebda auch giiszen (
md., 15.
jh.)
und geiszen (15.
jh.).
im prät. sing. erscheint neben sporadischen diphthongen (
so gouss v. Richental
chron. d. Constanzer konzils 140
lit. ver.)
meist o,
in früher zeit sicher noch länge, später zunehmend kürze: erste deutsche bibel 4, 395, 23
lit. ver.; Steinhöwel
de claris mulieribus 23
lit. ver.; Matth. 26, 7; H. Sachs 11, 216, 11
K.; J. Prätorius
winterflucht d. sommervögel (1678) 363;
doch findet sich daneben zeitig schon u Luther 28, 187, 22
W.; H. Sachs 15, 134, 27
K.; später bei Logau
s. sinnged. 223
lit. ver. das u
des plur. prät. (
so noch H. Sachs 17, 420, 12
K.; Waldis
psalter [1553] 134
b)
wird bald durch o
abgelöst H. Sachs 3, 603, 16
K.; M. C. Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 1, h 2
a.
das part. prät. hat stets o Schaidenreisser
Odyssea (1537) 9
b; J. Prätorius
saturnalia (1663) 27.
im conjunct. prät. hat bereits Luther ö
3. Mos. 11, 38.
vgl. die bemerkungen zur zusammensetzung vergieszen
teil 12, 1, 432
f., die weitgehend auch für das simplex gelten. ahd. *guzjan
hat keine fortsetzung gehabt. dagegen erscheint im 17.
jh. vereinzelt ein schw. vb. gieszen: einer gieszete einsmals uns allen drei oder vier hüct wein ein C. A. de Martelli
relat. (1669) 35; ich gieste (
conjunct.) Czepko
handschriftl. bei Drechsler
Scherffer 52.
über das bei Schupp
schr. 769
belegte vergieszete
vgl. teil 12, 1, 432;
heute schweiz. mundartl. ein partic. g' gṻsset Staub-Tobler 2, 469.
bedeutung und gebrauch. gegenüber der s-
erweiterung der wz. *gheu,
die eine mit der handlung verbundene intensität, teilweise auch mit ihr verknüpfte geräusche betont (
vgl. das teil 4, 1, 6, 1209
unter gusz
abgehandelte ahd. gussi,
mhd. güsse '
reiszender flusz, überschwemmung',
neuengl. gush '
hervorströmen',
aisl. giósa '
hervorbrechen', gustr '
windstosz', geysa '
in heftige bewegung bringen',
neuisl. geysir '
heisze quelle', gusa '
sprudeln'),
neigt die mit dental erweiterte wurzel dazu, einen raum, eine bahn, innerhalb deren die handlung abrollt, in die vorstellung einzubeziehen, was in einzelbildungen in den vordergrund der bedeutung treten kann, so ndd. gēte '
niedrige wasserstrasze',
norw. gota '
eingeschnittene rinne',
asächs. gota '
canalis',
ndl. goot,
nhd. gosse;
ags. guttas,
neuengl. gut '
darm',
neuisl. gjóta '
höhle, enge gasse',
aschwed. giuta '
guszform'
; vgl. Walde-Pokorny 1, 564.
der grad der im dt. vb. gieszen
mitwirkenden intensität ist sehr verschieden und zeigt mannigfache spielarten. schon frühzeitig stehen im germ. nebeneinander die bedeutungen '
flieszen'
und '
flieszen machen' (
vgl. für ags. Bosworth-Toller 1, 428;
für ahd. Graff 4, 281;
für mhd. mhd. wb. 1, 540
b und Lexer 1, 1011),
ohne dasz mit völliger sicherheit zu sagen wäre, welche die primäre sei; der transitive gebrauch hat in got. giutan
und lat. fundere
alte zeugen. der intrans. gebrauch ist im laufe der zeit mehr und mehr eingegangen und gegenwärtig hauptsächlich auf die erstarrte unpers. formel es gieszt
beschränkt. die ältesten belegten trans. verwendungen beziehen sich auf flüssigkeiten: die wenigen got. stellen bringen sämtlich als objekt wein, während im asächs. das nur einmal belegte simplex in beziehung auf (
leib und)
blut (lîkhamo endi mîn blôd)
gebraucht wird: thit ik an erthu scal gebBan endi giotan
Heliand 4611
S. in den weitaus zahlreicher vorhandenen ahd. belegstellen, die sich z. t. auch auf das kompositum gi-giozan
beziehen, sind objekte salbe, narde, blut, wasser, öl, wein Graff 4, 281.
das ahd. kennt auszerdem schon die bedeutung '
metalle gieszen'
: aurum, aera, und '
metallgegenstände durch gieszen herstellen'
: gladios, numina, caput Baal, pecunia, s. Graff 4, 282
f. in den Murbacher hymnen finden sich für das perfektivum ka-keozzan (
entsprechend dem lat. refundere)
erste spuren einer übertragung auf geistiges: kalaupa (
fidem), kageozzanti unkalaupigen 20, 2; siuchem heili (
salus) auur kicozzan ist 25, 6,
eine verwendung, die engster anlehnung an die lat. vorlage entspringt und mit lebendiger sprache nichts zu schaffen hat. alle diese anwendungsbezirke werden in mhd. zeit ausgebaut: mhd. wb. 1, 540
b f.; Lexer 1, 1011
f. seit dem späten 13.
jh. beginnt unter dem einflusz mystischer sprachformung, die auch sonst eine vorliebe für verben der bewegung und insbes. des flieszens zeigt, die neigung, geistiges als flieszendes, als strom zu denken: man gieszt freude, kraft, erbarmen, gott gieszt seine gnade in den menschen, den brunnen der weisheit in die jungfrau Maria (
vgl. unten sp. 7402).
in gleicher richtung erhält das vb. einen nochmaligen gewaltigen zuwachs an geltungsbereich im 18.
jh.: der strömung der zeit folgend, die überall vertiefung der begriffe und vergeistigung der sprache fordert, entstehen in gesteigerter dichterischer formung, häufig unter zuhilfenahme von bildern und vergleichen, in mengen uneigentliche und übertragene verwendungen, in denen stimmungen, gefühle, zustände u. ä. als objekte erscheinen und das vb. meistens die verschwommene, unscharfe bedeutung '
strömend sich verbreiten'
erhält (
s. unten sp. 7404).
klassiker und romantiker, vor allem Herder
und Jean Paul,
verwenden es bis zum überdrusz als modewort und steigern es künstlich ins geistige hinauf, während Lessing
sich bezeichnenderweise noch ganz davon frei hält. dieser anwendungsbezirk wird im 19./20.
jh. zum groszen teil wieder aufgegeben. statt dessen wird, bes. in den subst. ableitungen und zusammensetzungen, getragen von den industriellen und technischen tendenzen der epoche, der gebrauch als gewerkwort des gieszereigewerbes aufgeschwellt und so das vb. mehr und mehr vom alten bedeutungskomplex gelöst (
s. unten sp. 7407).
schon seit ahd. zeit ist das vb. in innerlicher bewegung begriffen: es entfernt sich allmählich vom natürlichen objekt (
der gegossenen flüssigkeit)
und überschiebt sich mit vorliebe auf etwas gegenständliches, das mit der handlung des gieszens in zusammenhang steht, sei es das gefäsz, in dem sich die flüssigkeit befindet, der gegenstand, den sie benetzt, die form, in die sie hineinflieszt. AA.
intransitiv '
heftig, schnell flieszen, strömen, sich bewegen'
; bereits mhd.: dô wart von lebenden liuten diu heide schiere blôz. daz bluot durch liehte ringe vast ûf die erde gôz
Wolfdietrich a 342; o das der süsflus lang hi güs Fischart
Garg. 45
ndr. zuweilen wird auf mit der handlung verbundenes geräusch bezug genommen: er hôrte wazzer giezen: losen er began
Nibelungen 1533, 2
Bartsch. anwendung auf tränen: weinet, augen, threnen gieszet, seumet nicht, mit eil herschieszet A. U. v. Braunschweig
Octavia (1678) 2, 781.
dabei mit überschiebung des flieszens auf die augen: seht, wie sein (
des christkinds) äuglein gieszen und pfeil der liebe schieszen Martin v. Cochem
allg. gesangbuch (1724) 52; hier wär er mit den zwei gieszenden augen auf die zwei ewig trocknen (
der leiche) gefallen Jean Paul 1, 245
Hempel. vereinzelt findet sich bildlicher und uneigentlicher gebrauch: vieles seuftzen kam gegossen aus der hertzensgruft vor leid
Reineke fuchs (1650) 114; auch musz der witz darum gieszen, nicht tröpfeln, weil er so eilig verraucht Jean Paul 49/51, 209
Hempel; o groszer Friedrich Schiller! für mich auch poesieerfüller, kommst nun gegossen in das land, herrn vater hab ich auch gekannt Kerner
bilderbuch (1849) 21.
in allen diesen verwendungen ist gieszen
heute durch flieszen
ersetzt, das eine milderung von intensität und tempo einschlieszt. wo gieszen
in abs. gebrauch noch auftritt, hat es an tragfähigkeit eingebüszt und bedarf deshalb zur hervorhebung der ihm von haus aus eigenen bedeutungsschattierung meist beigesetzter adverb. hinweise. der heute noch lebendigste bedeutungsbezirk bezieht sich auf regen und wetter: wenn ein platzregen von bergen auf sie geuszt
Hiob 24, 8; selbst der gieszende regen durchdrang ihn nimmer Voss
Odyssee 5, 480
Bern.; finge der regen ... nur in strömen zu gieszen an Holtei
erz. schr. 3, 136; gösz wolke um wolke auch ohne end Schneckenburger
deutsche lieder 53; aus allen dachrinnen gieszen bäche C. Viebig
schlaf. heer (1904) 1, 84.
unpers. formelhafte verwendung vereinzelt schon mhd.: æn underlasz alles verdrszet, schon weder und auch so is gusset
pilgerfahrt d. träum. mönchs 4975
Bömer. in neuerer zeit sehr zahlreich; ohne zusatz: es gosz noch immer Göthe 21, 253, 22
W.; mit hinweis auf die in gieszen
liegende intensität: es wird stark gieszen Kramer 2 (1700) 522
c; es regnet nicht, sondern es gieszt v. Blumenthal
tagebücher (1870) 75;
mit adverb. verstärkung: es fing an zu regnen, als wenn es mit kannen gösse Heinse
Enkolp 1, 39, in strömen Holtei
erz. schr. 7, 174, fürchterlich Bettine
d. buch gehört dem könig 2, 325, eimerweise v.
d. Steinen
naturvölker 130, mit gieszkannen Tanera
erinnerungen 1, 8.
schweiz. mundartl. vereinzelt gebraucht für '
auf dem eise gleiten',
dann mit schw. partic. (
s. o. sp. 7395) Staub-Tobler 2, 469. BB.
in kausativer bedeutung '
bewirken, dasz etwas flieszt, strömt'.
die auftretenden bedeutungsabstufungen grenzen sich ab nach dem grade der bei der handlung entwickelten intensität und der art der dabei vor sich gehenden raumerfüllung. B@11) '
etwas spritzen, verspritzen, spritzend von sich geben, spritzend gelangen lassen'.
die bewegung ist rasch, heftig, verschiedentlich auch mit geräusch verbunden, die bewegte substanz ist als strahl mit fester bahn gedacht. zuweilen ohne ausgesprochenes objekt: Euterpe sonderlich springt zornig zu den bronnen, den Pegasus gemacht, eh ich mich wenden können, geuszt heuffig auf mich zu, macht durch und durch mich nasz
M. Opitz
teutsche poemata 32
ndr. manchmal auch mit präpos. wendung im charakter eines verkappten akkus.: als im eingang des tempels gschwind der götzn pfaff mit sprengwasser gusz, zu reinigen, das ihn verdrusz H. Sachs 15, 534, 27
K.; betonung des unabsichtlichen mit nebensinn '
verschütten': aber Käthe, du geust schändlich mit der buttermilch, du wirst so nicht viel zu marckte bringen Schoch
studentenleben (1668) 57.
meist mit echtem akkus.-objekt: als der slange fliehet al umbe und gússet sin vergift, also sint dise urteilten lute Tauler
pred. 282, 18
V.; zuo letzt sticht er doch wie ein schlang und güszt sin gift durch alles bluot Seb. Brant
narrenschiff 16, 93
Z.; dieselb slang hat aws irem mund ... gegossen wasser wie einn flus Berth. v. Chiemsee
t. theol. (1528) 24, 6;
sprichwörtlich: slangen giesen venein (
gift), viel menschen erger sein 1598
bei Flaskamp
hausinschr. d. stadt Wiedenbrück 22; die sún Aarons des pfaffen die tragent sein pluot: und giessens durch die umbhaltung des alters
erste deutsche bibel 3, 362, 27
lit. ver. (
lat. fundentes 3. Mos. 1, 5;
bei Luther sprengen); die felsen in der wüstenei zuhand das wasser gussen, da sie gott schlug Waldis
psalter (1553) 134
b; da die brunnen silber gieszen Logau
sinnged. 148
lit. ver.; der diener antwortet, darumb, dieweil es (
das pferd) wasser ins wasser gieszet (
uriniert) Dannhawer
catech.-milch 2, 458; auch einer, der zur seiten hing, gosz auf ihn seinen geifer P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 305; der verse, wie ein brunn das wasser, von sich geust B. Neukirch
ged. (1744) 197.
in neuerer zeit ist diese verwendung abgestorben. hierher der gebrauch von gieszen
für '
ein opfer darbringen'.
diese mit dem verb und seinen ableitungen in einigen idg. sprachen seit alters verbundene verwendung ist im germ. und im deutschen nicht eigenständig. vereinzelt auftretende fälle sind stets übersetzungserzeugnisse. absol. bei Luther
als wiedergabe von lat. libavit: schepfften des wassers ... vnd brachtens zu Dauid. er aber wolts nicht trincken, sondern gos dem herrn 1.
chronica 12, 18.
die belege häufen sich im letzten viertel des 16.
jh. im zusammenhang mit den klassisch-gelehrten studien der deutschen dichter, um dann endgültig zu verschwinden. ohne und mit bezeichnung der durch das opfer angerufenen gottheit oder person: zu dir (
Augustus) betet er, dir geust er den ersten most aus den schalen Ramler
lyr. ged. (1772) 194; und sie gossen (
λεῖβον) des weins für alle unsterblichen götter Voss
Odyssee 2, 433
Bern.; ein schönes gefäsz, damit du den ewigen göttern opfer gieszest (
griech. σπένδησθα)
ebda 4, 592; jener heilige becher, aus dem die Perser opfer gossen Herder 15, 587
S.; dem erzeuger jetzt, dem groszen, gieszt Neoptolem des weins Schiller 1, 393
G. B@22) '
etwas träufeln'.
die bewegung erfolgt bedächtig, langsam, leise und zart; die substanz bewegt sich auch hier in fester bahn, strahlenartig. die schon mhd. auftretende, unvermindert in die heutige sprache hineinragende verwendung betrifft vor allem das einflöszen und aufträufeln von lindernden und beruhigenden medikamenten. vielfach auch bildlich für das stillen von seelischen schmerzen. allgemein: gieszen will ich dir still auf die augen arzenei!
Shakespeare 1, 252.
öl (
und wein): sî guzzen im in die wunden sîn beidiu öl unde wîn Hartmann v. Aue
Greg. 129; auff des wir ... nicht alleyne die gewissen schlahen und straffen, sondern auch öle neben den wein ynn die wunden gissen Luther 10, 2, 154, 10
W.; trinke das öl und den wein in dich, welchen das mitleiden eines fremden ... itzt in deine wunden geuszt J. J. C. Bode
Yorick 2, 145; dem aufhorchenden Armenier gieszt diese waidgeschichte öl in die wunde Börne 2, 42;
salbe (
als flüssigkeit): eine gude salbe ich han die wil ich uf in (
Jesus) gieszen
schausp. d. mittelalt. 1, 126
Mone; unguentum Basiliconis in den fordern leib gegossen, ist gut, und treibet die nachgeburt auch fast J. Ruff
hebammenbuch (1580) 61;
balsam (
seit der 2.
hälfte des 18.
jh. zunehmend erscheinend): was für balsam ... hast du mir durch deine erzählung in mein verwundetes herz gegossen Lessing 2, 314, 7
L.-M.; balsam in die wunden der unschuld zu gieszen Pfeffel
pros. vers. (1811) 5, 69;
ähnlich Immermann
w. 2, 73
Hempel; ihre versicherung ... hat den ersten tropfen lindernden balsams in meine brennende wunde gegossen
jahrb. d. Grillparzerges. 1, 73;
sonstiges: (
sie) stach sich selbs durch ir pruoste, und ir wunden pluot gosz sie in die wunden des toten mannes A. v. Eyb
deutsche schr. 1, 14, 15; geusz auf dein volk des himmels thaw Ringwaldt
handbüchlein (1586) a 9
a; darauf kommt ein kerl herein, nimmt ihm die krone ab, küszt sie, gieszt gift in die ohren des königs und geht ab
Shakespeare 3, 248; das heilige öl, das du aufs haupt ihm (
dem tyrannen) gossest (
bei der kaiserkrönung) Fr. Rückert 1, 38; zeige dein taschentuch ..., giesz dir etwas parfüm darauf G. Freytag 4, 177. B@33) '
schütten'; schütten
schon von Schöpper
synonyma 80
b Schulte-Kemm. mit stürzen
und gieszen
als synon. für lat. fundere gegeben. die gegossene substanz erscheint als ungegliederte masse, die meist von oben nach unten, seltener in anderer richtung bewegt wird. verschiedentlich bleibt das objekt unausgesprochen: wan daz ich zuo dem brunnen var und gieze dar und aber dar Hartmann v. Aue
Iwein 7796; (
sie) kredenzte, blickte gewendet nach mir, gosz und verfehlte das glas Göthe I 1, 253
W.; verschmäht ihr meinen wein? — ey nicht doch! giesze! L. H. v. Nicolai
verm. ged. (1786) 9, 105;
sprichwörtl.: der teuffel geust gern, wo es zuvor nasz ist Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 1, b 2
r. —
in den meisten fällen mit akkus.-obj.: B@3@aa)
ohne intensität: brachtt er warmes waszer ... und gosze das in ain beky Steinhöwel
Äsop 39
lit. ver.; (
Eulenspiegel) gosz auff sechs thunnen oben dalck Fischart
Eulenspiegel 6033
nat.-lit.; auch giessen sie (
die bilwiszen) offtmals den vieh etwas
viehbüchlein (1667) 41; dieser liquor würde in ein schön helles cristallinisches glasz ... gegossen Ettner
medic. maulaffe 55; aus einer geschmiedeten flasche geust Debora die frucht des weinstocks Bodmer
Noah (1752) 15; der mensch ist ein kelch, in den der himmel seinen nektar gieszt Hölderlin 2, 127, 7
Litzm.; wenn man leuchtendes wasser durch enggewebte tücher gieszt A. v. Humboldt
ansichten der natur (1808) 1, 222; während er mit der rechten den tee in seine tasse gosz
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 7. —
sprichwörtl.: was man in saure vasz geuszt, das saurt bald Seb. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 43
b; er thut das wasser in ein sip giessen Eyering
proverb. copia (1601) 2, 445. —
mit dem nebensinn '
durch zusammenschütten vermischen': als der rôsen varwe under wîze liljen güzze, unde daz zesamne flüzze unde daz der munt begarwe wære von rôsen varwe, dem gelîchte sich ir lîp Hartmann v. Aue
Erec 1702; wir wöllen einen wein dran gieszen, dasz gleich und gleich wider zsamb wachsz H. Sachs 17, 110, 34
K.; so hätte ich lust, diesen salbadern einmal etwas lauge in die wanne zu gieszen Göthe IV 19, 99
W.; zu diesen (
tränen) hatte man thränen begünstigter groszen gegossen Klinger
w. (1815) 3, 20. —
mit überschiebung der handlung von der flüssigkeit auf das gefäsz: ob ich den becher trincke oder auf die erde giesze Chr. Weise
erznarren 15
ndr.; dieses fläschchen giesz ihm unter das getränk Göthe I 8, 157
W.; (
er) solle dem toten ein glas punsch in den offenen mund gieszen Langbein
s. schr. 31, 91; das lausdintenfasz da, hätt mirs fast übern leib gegossen maler Müller
w. 2, 38. —
in der fügung ein gefäsz voll (
flüssigkeit) gieszen: da sie den bilden die köpffe ausgehölet, vnd voll öls gegossen
theatr. diab. (1569) 80
b; geusz den kristall mir voll des blinkenden goldenen weins! Klopstock
oden 2, 69
M.-P.; sie gieszt ihm ... eine obertasse voll kaffee G. Hauptmann
biberpelz (1893) 66. —
ein durch die handlung gieszen
bewirktes resultat wird vorausgenommen: Ahrimann heiszt ein beflecker der welt,
d. i. der einen flecken auf das erleuchtete gieszt, der es trübe macht Herder 24, 517
S. —
vereinzelt uneigentlicher gebrauch bei kleinen gegenständen, die infolge ihrer vielheit als flüssigkeit gewertet werden: und ûz der bühsen giezen stoubîne mergriezen Gotfrid v. Straszburg
Tristan 4669;
ähnlich: deutung d. meszgebräuche 26
in: zs. f. dt. altert. 1, 270; H. v. Hesler
apokal. 15107
H.; er gieszet sand an die erden
schausp. d. engl. komöd. 35, 29
Creizenach; selten bildhaft übertragen: dasz sie ein kollegium in das andere gösse, das der kammer in das der justiz Jean Paul
s. w. (1826) 54, 21. —
redensarten: B@3@a@aα)
bildlich: einem etwas in die schuhe gieszen '
die schuld an etwas geben',
auch '
etwas nachtragen': ich ... bin weit davon, dies den Israeliten in die schuhe zu gieszen E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 4, 64
u. ö. schriftsprachl. heute meist ersetzt durch schieben,
vgl. dort II 1 e,
teil 8, 2670.
mundartl. bes. ndd. erhalten Mensing
schlesw.-holst. 4, 366. B@3@a@bβ)
über öl ins feuer (in die flammen) gieszen '
einer sache neue nahrung geben',
insbes. '
leidenschaftliche erregung schürend vergröszern'
s. teil 7, 1272, öl 1 c
ζ.
belege aus neuerer zeit: im eigentlichen sinne: ungeschickt zum löschen ist, wer da öl gieszt, wo es brennt Chamisso
w. (1836) 3, 105;
bildlich: das gosz nicht öl, sondern erdöl in die flammen W. Raabe
Abu Telfan (1870) 1, 162; die exzellenz, die während der ganzen zeit öl ins feuer gegossen hatte
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 41. B@3@bb)
mit intensität verschiedener spielarten, so der heftigkeit: da hiesser bech und hartz sieden machen vnd liesz das auf ire houbt giessen
summerteil d. heil. leben (1472) 5
a; gösse ihnen von meiner burg herab ein paar tonnen brennend teer in ihre schlote Alexis
Roland (1840) 2, 185; da gosz er ihnen ein bruhe oder suppen über die schnautzen Luther 33, 508, 38
W.; uneigentlich für kleine gegenstände: gieszt mir diese (
nüsse) über den schurz! maler Müller
w. (1811) 1, 301.
bes. bei anwendung von gewalt: (
ich) wil dir gieszen schwebel in deinen mundt
altdt. passionsspiele 105
Wackernell; den wird man solch zurlassen gold in der helle in jren schlund giessen Mathesius
Sarepta (1571) 50
a; siedendes blei in den mund gieszen J. v. Müller
s. w. 2, 85.
bei plötzlichkeit der handlung: da ich ... den ... rabbi ... mit ... Meyer auf tod und leben, so dasz man mehrmals wasser auf sie gieszen muszte, um sie auseinander zu bringen, ... disputieren hörte Cl. Brentano
ges. schr. 5, 6; eine einzelne begann damit, einem von uns unversehens ein glas wasser über den kopf zu gieszen G. Keller
ges. w. 1, 318.
in übertragenem gebrauch vereinzelt zum ausdruck der dringlichkeit: o eile zu den pairs, giesz den bericht auf die entbrannte wut und zähme zur ergebenheit sie wieder
Shakespeare 5, 103. —
überschiebungen finden sich häufig: nemmet den brunzscherben! gieszet ihm den auf den kopf Val. Schumann
nachtbüchlein (1559) 237; und gieszet das nachtbecken von oben über ihn herunter Carpzov
leichpred. (1698) 101; sachte schleicht sie herbei und gieszet dem satyr ein groszes becken mit kaltem wasser über den rücken maler Müller
w. (1811) 1, 145; einem herren ... ward von einer der losen dirnen ein ganzer eimer gegen den kopf gegossen Alexis
hosen (1846) 1, 7; jetzt sollt ich ... hier die kanne frischen wassers nehmen ... und sie dir über den pelz gieszen Gutzkow
ritter vom geiste 3, 147. B@3@cc)
eine bes. gruppe bilden die wendungen, in denen gieszen
das hinunterschütten von getränken (
auch speisen)
bezeichnet, also gleichbedeutend mit '
trinken' (
bzw. '
essen')
ist. absoluter gebrauch (
sprichwörtlich): alacriter bibamus, singet die tolle brüderschafft, lasset vns redlich vnd getrost darauff gieszen, wer weisz, wie lange wirs werden genieszen Mathesius
Sirach (1586) 216
a;
ganz ähnlich Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 3, R r r 8
v; thu gieszen, lasz flieszen das beste und süsze. ja bier soll esz sein, daraus wir wollen thun ein trincklein
inschrift a. e. glase 1673
bei Czihak
schles. gläser 110; der kerl gieszt gut,
d. h. er kann gut und rasch trinken C. B. v. Rag ... y
d. flotte bursch (1831) 39; stets plötzlich fährt Dagobert mit seinem glase drein, rempelt es an die übrigen: prosit! gegossen wird und das öde gespräch ist zerrissen Rosegger III 7, 5. —
mit akkusativ-obj.: halt die brust warm und geusz nit zuovil in darm Lindener
katzipori 182
lit. ver.; wiewol ich ouch zun zeyten bier mit küblen in mich gossen han H. R. Manuel
weinspiel 2900
ndr.; denn wer lust zu sauffen hatte, dem solte ich zu gefalln das tannzapffenbier in den leib gieszen Chr. Weise
erznarren 12, 47
ndr. mit überschiebung: er nahm ein ziemlich glasz voll wasser, und gosz es in den hals Happel
acad. roman (1690) 951. —
bildlichem gebrauch nähert sich: ich gosz alles brav hinter mich maler Müller
w. (1811) 3, 327.
das bild ist durchgeführt in der redensart einen hinter die binde gieszen '
alkohol zu sich nehmen': wenn einer hinter die binde gegossen ist und der rauch uns um die nase zieht, dann plaudert sichs noch gemütlich A. v. Winterfeld
militärhum.5 (1901) 11, 67. —
das bild heiszer steine, auf denen eine aufgegossene flüssigkeit zischend verdampft (
vgl.es ist so viel, als wenn im bade wasser auff die heiszen steine gegossen wird Chr. Weise
erznarren 177
ndr.),
wird in älterer sprache für starkes trinken gebraucht: demnach ich nun vor, in und nach der hochzeit sehr auf die steine hatte gegossen und stark getrunken, hat mich den 12 dito die gicht harte angegriffen H. v. Schweinichen
denkw. 540
Öst. auf die leber als das organ des durstes wird ebenfalls bildlich - formelhaft bezug genommen (
s. auch leber 3 d,
teil 6, 461): der vater geust auff die leber, das er offt weder gehen, stehen, sehen noch lallen kann Pollio
zum ewigen leben (1590) 92
r.
desgl. mit dativischer bindung: ein man ist mir vermain, der nit stets auf der leber giess und mich dan lass allain Chr. v. Schallenberg 146
lit. ver. in diesem zusammenhang die frühnhd. verschiedentlich, bes. bei H. Sachs
vorkommende redensart einen löwen gieszen '
sich erbrechen'
; vgl. dazu Schmeller-Fr. 1, 1545
und löwe 11,
teil 6, 1217
sowie Höfler
krankheitsnamen 193. B@44) '
strömen lassen, breiten, ausbreiten, sich verbreiten lassen'.
die gegossene substanz erscheint in dieser auszerordentlich umfangreichen bedeutungsgruppe wiederum als masse schlechthin, doch ist keine eindeutig festgelegte bahn oder bewegungsrichtung zu erkennen, sondern es wird ein raum von unbestimmter ausdehnung erfüllt. gern verbindet sich dabei mit dem vb. die vorstellung des wuchtigen, mächtigen, breit dahin flieszenden, umschlieszenden. diese beimischung des undeutlichen, verschwommenen läszt das vb. häufig ins abstrakte und geistige hinüberspielen. hier ist das einfallstor für eine fülle von bildern und übertragungen jeglichen grades, die zum kleinen teile schon mhd. und frühnhd. vorkommen, in ihrer hauptmasse aber einer den boden der wirklichkeit verlassenden dichterischen ausdrucksweise der jahrzehnte um 1800
angehören. B@4@aa)
im eigentlichen gebrauch, der im ganzen nicht zu häufig ist, handelt es sich nur ganz selten um wirkliche flüssigkeiten: der wein geust seinen gifft durch das gantze blut wie ein basiliske Petri
d. Teutschen weiszheit 2, p 3
b; beide klänge (
der ton der glocke und das rauschen des baches) gossen erst recht das heisze wasser in seine augen A. Stifter
s. w. 3, 122.
in den meisten fällen handelt es sich um bildliches gieszen
gedachter flüssigkeiten bei z. t. abstraktem subjekt. gegossen
wird ein strom,
ein meer: geusz deinen strom in mich, o süsze liebe B. Neukirch
ged. (1744) 70; die du (
sonne) von stralen überflieszest und ströme lebens auf uns gieszest J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 63; ihr ahnete wohl nicht, welch einen feuerstrom dies wort in meine adern gosz Storm
w. (1899) 3, 247; da geht er (
der gedanke deiner seele) auf, gieszt plötzlich ein meer der klarheit in deinen geist Herder 6, 51; ein ganzes meer von seele und gemüt gosset ihr in mein dunkel bewusztes herz Stifter
s. w. 1, 289;
anders im mhd.: ich will dich entpfachen vnd gyessen in dich lebendiges wasser Tauler
sermones (1508) 52
b;
hierher auch fälle wie: ein priester Arnold brachte gar die wunderlichste astronomische und andere weisheit mit anrufungen des heiligen geistes in eine ... verbindung und gosz das seltsame gemisch in ein geduldiges gefäsz ungefüger reime hinein Scherer
kl. schr. 1, 86; dein brief ... hat mich recht innig erfreut und eine erfrischende frohere essenz in mich gegossen Bismarck
briefe an s. braut u. gattin 96. —
auch das ausgieszen göttlichen geistes und segens auf und in den menschen, von mittelalterlichen künstlern als wirklich flieszender strom gedacht, gehört, ebenso wie das eingieszen der seele, hierher: ez kumt ein stunde, daz ich wil giezen minen geist ... vf die lute
passional 114, 44
Hahn; giesse in mich ... deinen starck vnnd grossen geist
F. Spee
güld. tugendbuch (1649) 129; got ... wir bitten deine ewige und aller senfftiste gutte, das du deynen segen auff dieszen
N. deynen diener gissest Luther 12, 44, 32
W.; höchster giesse deinen segen gleich wie einen abendregen uber disz ehliebes paar Grob
dicht. versuchung (1678) 136; da wirdit got gegozzin durch di sele
parad. animae intell. 79, 18
Strauch; wie ... wirt die sel gegossen jn den leichnam
proplemata Arestotilis (
ca. 1492) 29
a. B@4@bb)
uneigentlicher gebrauch. B@4@b@aα)
objekt der handlung ist eine vielheit und fülle kleiner gegenstände (
s. oben sp. 7400): in den klauen hielt er (
der habicht) und rupfte die taub und gosz ihr gefieder zur erde Voss
Odyssee 15, 526
B., wobei griech. χεῦεν wiedergegeben und das unablässige flieszen betont werden soll; sahst die blumen, um sie her gegossen Tiedge
w. (1823) 2, 19. —
verwandt ist die aus dem nord. (
s. o. sp. 7394)
bekannte, im deutschen spärlich und nur mhd. belegte bedeutung '
junge werfen'.
anord. stellen wie gjóta hrognum
speculum reg. 12. '
laichen'
lassen erkennen, dasz dabei das ausströmenlassen des rogens, also eine fülle von eierchen gemeint ist. das im deutschen in gleicher verwendung durchgedrungene werfen
meint dagegen die kraft, die die leibesfrucht nach auszen treibt. beide vbn. erscheinen nebeneinander: minnen fon allime herzin ist daz der mensche fon godelicher minnecraft uz sines selbes begerunge si gegozzin und geworfin
parad. animae intell. 87, 5
Strauch. ferner: kanstu wizzen recht di zal der monde wan sy gyzen sal ire vrucht, di sy mit we guzet und mit grozem sere?
Hiob 14412
Karsten. vgl. auch ergieszen
in ähnlicher bedeutung: ist aber ain fraw swanger, sô ergeuzt er (
der stein Orit) ir die purt Konrad v. Megenberg
buch der natur 455, 9
Pf. —
für die vorstellung einer zahllosen menge ohne den begriff der kleinheit des objects bei Klopstock: o damals stand auch der himmel (
d. h. die engel) aus den ewigen pforten zu legionen gegossen, um dich herum
Messias (1775) 1, 231. B@4@b@bβ)
objekt sind personen oder körperteile; bildlich mit dem vorstellungselement der mehr flächenhaften ausdehnung, des formlos ungehemmten: sie lag ... im gröszten negligé auf sammtne polster gegossen Wieland (1855) 15, 91;
poetisch gesteigert: die glühende wange gegossen in ihre hohle hand maler Müller
w. (1811) 1, 263. —
übersetzungsprodukte verschiedentlich im 18.
jh., bes. bei Bürger: sie (
die mutter) gosz (
griech. ἐχεύατο) die weiszen schultern um den sohn
w. 162
a Bohtz; ähnlich: lilienarme gieszen
ebda 224
b. B@4@b@gγ)
das objekt ist ein sinneseindruck; sehr häufig und schon seit alters '
licht': di suonne steit in deme hohisten und guzit erin schin in die sterrin, und di sterrin gizin yrin schin in den manen
parad. animae intell. 50, 29
Strauch; glantz giessen
vel lassen gen (
ende 15.
jh.)
bei Diefenbach
gloss. 309
b irradiare; darnach bricht und entplöszt man die bleter gern ab. dar umb das die sonne on alles mitel jren schein müg giessen auf die treublen Tauler
sermones (1508) 27
b; eben gosz die sonne die reinsten strahlen von osten in die erquickenden düfte des hains Heinse
s. w. 3, 47
Sch.; erst heute noch hat der gedank an Bizanzens eroberung blutige röte über meine wangen gegossen A. G. Meissner
Alcibiades 4, 144; und durch ihre kronen gieszen sterne geisterhaften strahl Cl. Brentano
romanzen 78
Morris; über all diese gebilde gossen die mit den schönsten glasgemälden erfüllten riesigen fenster des chores, eine oft zauberhafte beleuchtung Kerner
bilderbuch (1849) 173; an der tafel, über die die wachskerzen ihren feierlichfröhlichen schein gieszen, spricht man fünf sprachen
Berliner ill. nachtausgabe v. 10. 2. 1936;
bildlich bei abstrakter anwendung: also der heilige geist gegenwerteklichen sinen wunneclichen glantz und sinen gOettelichen schin mag unmittelichen in den grunt giessen Tauler
pred. 98, 14
W.; liebe gieszet sonnenschein auf die wege liebender Blumauer
ged. (1782) 48; o weisheit, giesze dein harmonisch
licht in meine triebe Wieland I 1, 393
akad.; der frühling gieszt der hoffnung schimmer auf jeden strauch und jeden baum Hoffmann v. Fallersleben
ged. (1887) 25; (
die glaskugel) welche einen so merkwürdigen schein über die gedankenwelt Anton Unwirrschs gegossen hatte W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 22. —
seltener dunkelheit; öfters bei Herder,
offensichtlich von homerischer diktion beeinfluszt: Neptun gieszt dem Achilles dunkel um die augen, er rückt Aeneas fort 3, 108
S.; ähnlich ebda 15, 440.
bildlich: der papst gieszt über die grenzen seiner nachgiebigkeit einen nebel, der nicht völlig klar sehen läszt Gutzkow
ges. w. (1872) 10, 77. —
ganz selten töne, gerüche u. ä.: das pantertier soll einen lieblichen ... geruch von sich in die luft gieszen
M. Walther
erläuterung d. proph. Daniel (1645) 2, 33; alle kuchen, alle äpfel, wenn man sie auch auf das zärteste anrührte, gossen einen balsamischen duft aus sich Heinse 2, 112
Sch.; Clarissas edles angesicht lag liebreich ruhevoll dem himmel offen, der ... erquicklich seine luft um ihre lieben sich färbenden wangen gosz Stifter
s. w. (1901) 1, 238;
bildlich: freund, welcher nordwind schwarz vom gifte, gieszt seines aushauchs bange düfte auf deines lebens schönste zeit? Gotter
ged. (1787) 1, 219. B@4@cc)
übertragener gebrauch betrifft ausschlieszlich seelen- und gemütszustände und -regungen. vereinzelte spuren schon frühnhd.: von sOellhen hochmetigen maystern steet geschriben, daz vber sy gegossen sey ain widerwAertige vermuoetung, die sy macht noch bas jrren jm vnweg vnd nit in rechtem wege Berthold v. Chiemsee
t. theol. (1528) 16, 2.
im übrigen erstreckt sich diese hauptsächlich erst im 18.
jh. häufiger werdende, bilder vielfach benützende verwendung, anknüpfend an den mit gieszen
seit alters verknüpften intensitätsbegriff, vorzugsweise auf über das gewöhnliche hinaus gesteigerte haltungen: so höre jetzt den sänger! und giesze leidenschaft in seine stille seele Dusch
verm. w. (1754) 11; ich war es, die in dir empfindung, süsz wie frühlingshauch, und hohes feuer gosz J. H. Thomsen
Doris in: Göttinger musenalmanach auf 1772,
lit.-denkm. 64/65, 91; geusz mir lieb in die brust, ... lächelnder maienmond Hölty
s. w. 1, 228
Michael; heitre des morgens, wähnet er, hätt in das herz ihm selige ruhe gegossen Voss
s. ged. (1802) 2, 12; wer schuf die natur hier aus dem felsen und gosz rasende wut in den stein Herder 26, 112
S.; geusz kühnheit und hohen enthusiasmus auf unsere unternehmungen Fichte
s. w. (1845) 6, 104; ein weiszer stern, der groszen mut in unsre herzen gosz Carossa
ged. 66; wie der magnet seine kraft gieszt in die nadel Gervinus
gesch. d. dt. dichtung 2, 119; du gossest argwohn erst in diese brust Bauernfeld
ges. schr. 3, 118; der ton ... gosz ihm eine bange beklommenheit in die freude seines jungen glückes Ganghofer
mann im salz in: gartenlaube 1905, 993
b; dann wohl giesz ich den klagegesang in den ambrosischen busen der nacht G. Kinkel
ged. (1843) 81.
häufig ist die anwendung auf leben: kann hr.
M. in der zukunft mehr leben in seine übersetzung gieszen
Frankf. gel. anz. v. j. 1772
in: deutsche lit.-denkm. 8, 459, 5; hast mir gegossen ins früh welkende herz doppeltes leben, freude, zu leben und mut! Göthe I 4, 193, 30
W.; ähnlich Pfeffel
pros. vers. 5, 103; maler Müller
w. 1, 349. —
zuweilen bildlicher gebrauch von herz
als object für den begriff '
innige gefühle': mein herz ist offen, gieszt das eure in das meine Klinger
w. (1832) 2, 94; bei uns bürgerlichen ist es nicht sitte, dasz liebender und geliebte, im beisein des kammerdieners und der kammerjungfer, ihre herzen ineinander gieszen Börne
ges. schr. (1829) 1, 125.
die schon im klassischen latein auch auf geistiges sich erstreckende verwendungsmöglichkeit von fundere (
vgl. Georges [1913] 1, 2877)
hat, vorzugsweise in religiösen denkmälern, in spätmhd. und frühnhd. auch den gebrauch von gieszen
beeinfluszt. nicht deutschem, sondern lat. sprachgefühl entspringen demnach: gebete gieszen
nach preces fundere: die reinen guzzen ir gebet, daz ie der mensche sunder det, Sente Michahele zu droste sinre sele
Elisabeth 5627
Rieger; wann des in dem ausgelassen rechbock, den schick er lebendig fúr den herren, das er giesz die gebet auf in
erste deutsche bibel 3, 415, 27
lit. ver.; worte gieszen
nach verba fundere: sulcher macht wirt er irkant daz des mundis lefzen vort giezen kein dem hœsten wort von des herzen uppikeit
Daniel 5920
Hübner. B@55) '
etwas vergieszen'.
ohne intensitätskennzeichnung und ohne richtungs- und dimensionsangabe, der bedeutung '
schütten'
nahestehend. B@5@aa)
mit einer flüssigkeit leichtfertig oder verschwenderisch umgehen, so dasz sie verschüttet wird und verloren geht; anscheinend schon früh eingegangen: da von sulle wir gewarnet sin daz wir den win icht giezen Heinrich v. Hesler
apokal. 5899
H.; ebda auch mit überschiebung: daz her sin vaz nicht gieze 5894. B@5@bb) etwas gieszen
steht bildlich als ersatz für ein andres vb. schon seit dem mhd. sind geläufig: B@5@b@aα) blut gieszen
für '
töten'
bzw. '
sterben': ir guzzet durch mich iuwer bluot
von dem jungesten tage 554
Willoughby; desz gosz zuo letst er auch sein blut Seb. Brant
narrenschiff 91
Z.; dein lydenden bluott giessenden heiligen lyb und aderen
d. ewigen wiszheit betbüchlein (1518) 116
b; wo gott stand, und der todesengel vor gott des mordenden blut gosz Klopstock
Messias (1775) 1, 205; was gieszet ihr schuldlos blut? A. v. Arnim 13, 23. leben gieszen
in gleicher bedeutung ist nur mhd. belegt: hie von begonde er remen, daz Margareta guzze ir leben
passional 332, 33
Köpke. B@5@b@bβ) tränen gieszen (
und verwandtes)
für '
weinen': wir guzzen mangen heizen trahen Konr. v. Würzburg
Alexius 1140
Gereke; guez die heize ougen vluot
Daniel 3258
Hübner; hitzig zäher sy begund usz den äuglin giessen
liederb. d. Hätzlerin 25
H.; die hellen augen gossen vil heisse brünnelein Zinkgref
auserlesene ged. 49
ndr.; ein tränengieszendes auge Zesen
gekrönte majestät (1661) 126; meine augen gieszen helles wasser A. v. Arnim 13, 95. B@5@b@gγ) schweisztropfen gieszen
für '
schwitzen': die sollich gotz gaben niessend und kain swaiztropffen darumb giessend
d. teufels netz 3387; wie wasser man gosz schweisz Logau
dt. sinnget. (1654) 2, 48.
die verwendung b
hält sich vereinzelt bis ins 19.
jh. und geht dann ein zugunsten der zusammensetzung vergieszen,
vgl. teil 12, 1, 432
ff,; '
für vergieszen, ein im hd. unbekannter gebrauch' Krünitz 18, 410.
das kompositum ist in der bedeutung a
schon mhd. gebräuchlich Lexer 3, 115;
in der bedeutung b
greift es seit frühnhd. zeit stetig um sich, bis es schlieszlich die alleinherrschaft gewinnt. B@66) '
gieszend etwas benetzen, begieszen'.
stets springt der verbalbegriff dabei von der flüssigkeit über zum begossenen objekt. intensitätskennzeichnung und angaben über bahn und dimension der gegossenen substanz fehlen; der bedeutung '
spritzen'
nahestehend. die verwendung setzt sich, soweit sichtbar, in frühnhd. zeit durch, das mhd. und auch das ahd. kennen dafür nur die zusammensetzung begieszen (
s. teil 1, 1294),
die nicht schlechthin '
befeuchten'
meint, sondern auf die folgen und wirkungen des befeuchtens, wie beschmutzen u. ä., hinweist; vgl.: daz dez pluot ûzen nagelen schôz und im dem ermel gar begôz Wolfram v. Eschenbach
Parz. 229, 14.
nhd. bleibt begieszen
als nahezu gleichbedeutend mit dem simplex erhalten. B@6@aa)
bezogen auf sachen, meist pflanzen: steynprech ... will zum anfang wol gegossen sein Sebiz
feldbau (1580) 183; von ribelsen und rauchbeeren abgestutzte, gerade ... zweiglein ... in gute erden einsetzen und ... giessen lassen v. Hohberg
georgica curiosa (1687) 1, 213; will in mein gärtlein gehn, will mein zwiebeln gieszen A. v. Arnim 17, 412; (
der gemsschütz) sah die wasserfrau, wie sie die blumen ... gosz L. Laistner
nebelsagen 80; den garten gieszen Krünitz 18, 410.
sprichwörtlich: unkraut dem darff man nicht gieszen, es wechst vber nacht Neander
sprichwörter 27
L.; der hier gebrauchte dativ in älterer zeit verschiedentlich: den kräutern gissen
plantis adfundere aquam Steinbach (1734) 1, 621. —
vereinzelt wäsche: das tuch auf der bleiche giessen oder begiessen Ludwig (1716) 778; blonde, die an Aa und Nethe sommerlang ihr linnen gossen
F. W. Weber
ges. dichtungen (1922) 3, 139. —
bildlich, einen weg: mit blut die thronenwege gieszen Gotter
ged. (1787) 1, 139. B@6@bb)
bei beziehung auf personen verbindet die md. und nordd. umgangssprache das vb. gern mit adjektiven zu formelhaften wendungen wie jemanden voll gieszen, nasz gieszen;
vgl. die schlesw.-holst. imperat. bildung geet mi natt '
giesz mich nasz',
am 1.
april scherzhaft bei kaufleuten verlangt Mensing 2, 364. —
hierher auch: jemanden zu tode gieszen,
d. h. ihn solange mit wasser begieszen, bis er stirbt: und sagten, wie das man ein mann und weib wurde an dem selben weyer oder seh mit wasser zuo tot giessen Lindener
katzipori 146
lit. ver. vereinzelt ohne objekt: wer müht sich wohl im garten dort und mustert jedes beet? er pflanzt und gieszt und spricht kein wort Göthe I 4, 40
W.; da pflanzt unser eins, da gieszt man, da bindet man auf Iffland
theatr. w. (1827/28) 8, 167. B@77)
reflexiver gebrauch ist häufig, allerdings, von einigen bildlichen und uneigentlichen verwendungen abgesehen, meist jüngeren datums. er beschränkt sich ausschlieszlich auf den bedeutungsbereich '
strömen, sich ausbreiten'. B@7@aa)
eigentlich, von flüssigkeiten: die quellen sich in gründ und thäler gieszen S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1647) 348; wenn der Ilme bach bescheiden schlängelnd still im tale flieszt, überdeckt von zweig und weiden halbverdeckt sich weitergieszt Göthe I 16, 301
W. zuweilen fast im sinne von '
stürzen': die lebendgen fluten gossen über mich sich rauschend Fr. Rückert
w. (1882) 1, 126.
bei gewässern wird oft das ziel des strömens angegeben und dabei das resultative '
einmünden, sich ergieszen'
erreicht (
vielleicht poet. ersatz des kompositums sich ergieszen
durch das simplex): wie ein bach ..., der, eh er ins meer sich gieszt, vieler müden labsal ist R.
Z. Becker
mildh. liederbuch (1799) 72; bis wo die Elbe sich ins Nordmeer gieszet Fr. Rückert 1, 5. —
im bild: ein fürchterliches gemisch scheuszlicher, schreckender bilder und larven gosz sich unter einander Klinger 10, 89; o lasz sich deinen (
der liebe) strom in meine lieder gieszen Wieland I 1, 279
akad.; in anwendung auf Christus, der nach alter auffassung als wirklicher strom in den menschen einflieszt: nach dir ist mir we, mir wirt baz, so du dich in mich giuzest
schausp. d. mittelalt. 1, 211
Mone; ganz ähnlich: daz sich vil na ir leben goz von ir (
d. h. ihr blut, so dasz sie starb)
passional 276, 52
Köpke. B@7@bb)
uneigentlich und übertragen, meist mit bild: B@7@b@aα)
personen: wie sich also die Franken über Gallien gossen Herder 5, 681
S.; dann hüpft sie tändelnd zu dir hin, gieszt sich dir schmachtend in die arme v. Knebel
lit. nachlasz 1, 35. B@7@b@bβ)
ein land, eine dimension; bedeutungsschattierung '
sich erstrecken' (
s. sich ergieszen
teil 3, 823): endlos gieszet sich die breite Schiller
w. (1840) 88
b; da gieszt sich von der taschenbastion meine ganze schöne heimat, das bergblaue Schlesien, von morgen nach abend Laube
ges. schr. 8, 5. B@7@b@gγ)
lichtempfindungen; schon mhd.: wan sich daz gotliche licht guzit in di sele
paradisus animae intell. 78, 36
Strauch; so oft die sichtliche form mit nüwem licht oder schin, sich über das erdrich güsset Erasmus
enchiridion (1520) 3
a; dieser unsterblichen leib glich heitern düften, aus denen sanfter schimmer sich gosz Klopstock
oden 2, 165
M.-P.; poetisch sehr gesteigert: nordschein gosz sich aus den trompeten Cl. Brentano
ges. schr. 5, 341.
hierher auch: er ... durchschaute die charaktere nicht mit dessen (
Machiavellis) blicken, die sich wie scheidewasser über die dinge gossen H. Grimm
Michelangelo 1, 63. B@7@b@dδ)
gehörseindrücke (
ganz selten): als, tief erseufzend und kläglich, aus den wipfeln zu mir lispelnde klage sich gosz Göthe I 1, 288
W. B@7@b@eε)
temperaturen (
selten): ihre wohltätige wärme gieszt sich durch alle geschöpfe Zachariä
tageszeiten (1756) 9; mir gieszt sich bei dem unglückselgen namen ein frost des todes durch die glieder Schiller 14, 103
G. B@7@b@zζ)
kräfte, stimmungen u. ä.: wi sich di dri crefte der sele einin und gizin sich in die gotliche duginde
parad. animae intell. 4, 17
Strauch; über die ganze gestalt gieszt sich dein edler geist Klinger
w. (1832) 2, 112; ha! mit jubel, die sich feurig gieszen, sei religion, von mir gepriesen Schiller 1, 222
G.; ein stummes sein, umgeben mit tiefer ruhe, gosz sich über jedes streben Tiedge
w. (1827) 3, 7. CC. gieszen
als gewerkwort. C@11)
mit vorausnahme des ergebnisses wird gieszen
verschiedentlich verwendet in der bedeutung '
durch auf- oder angieszen von wasser etwas erzeugen'
; meist sind diese wendungen auf den kreis der fach- und berufssprache beschränkt geblieben: C@1@aa)
im brauereigewerbe heiszt bier gieszen '
wasser auf das getreid giessen bey dem bierbrauen' Frisch (1741) 348
b; von 24 scheffeln vierzehen tonnen herrenbier aufs höchste zu machen. sechs tonnen mittelbier, und speisebier, sollen 18 tonnen gegossen werden
ebda; weil aber von weizen ungleich mehr (
bier) gegossen werden kann als von der gersten
nat.-zeitung 32, 375. C@1@bb)
dem baugewerbe gehört zu mndd. astrik geten '
estrich herstellen' (
durch angieszen einer kalkmischung) Lasch-Borchling 1, 2, 96. C@1@cc)
dem badergeschäft eignet die in älterer sprache belegte wendung eine lauge gieszen,
d. h. mit wasser eine lauge erzeugen, vgl. teil 6, 338: mit gueter laugen ... die allbereit schon gossen ist Steiff-Mehring
geschichtl. ldr. 470.
zum gleichen gewerbe ein bad gieszen '
ein bad richten': im jenner würd die sonn vmb ein stund früer auffstehn vnd der wasserman ein warmes bad giessen Fischart
praktik 16
ndr.; vgl. ein bad ausgieszen
u. bad 3,
teil 1, 1069;
ähnlich: ein wannen ich mir giesen lies H. Sachs 3, 194
G. C@1@dd)
das alte gewerbe der salzsieder kennt salz gieszen
und sole gieszen '
sole in die siedepfannen leiten und dadurch salz erzeugen' Lasch-Borchling 1, 2, 96; wann man keine volle woche zu borne gehet, wird solche ... sole, nach anzahl der tage eingetheilet, und gegossen Hondorff
saltzwerck zu Halle 27. C@1@ee)
als ausdruck des wintersports ist umgangssprachlich lebendig eine eisbahn gieszen,
d. h. durch aufschütten von wasser einen eisspiegel erzielen; schon mhd.: item 10 scot, die bane ('
schlittenbahn') zu Meselancz zu gissen (1404)
Marienb. treszlerbuch 326, 10
Joachim. C@22)
schon das ahd. kennt gieszen
mit der bedeutung '
durch gieszen etwas formen'.
dieser gebrauch geht, vgl. o. sp. 7396,
entsprechend der dauernden weiterentwicklung der gieszkunst, des gieszereigewerbes und der gieszindustrie, durch alle phasen der deutschen sprachgeschichte hindurch. das vb. verläszt dabei sehr häufig den rahmen der berufssprache und macht auch in dieser bedeutungsgruppe den groszen zug zum geistigen mit, der unter B
zu beobachten ist. vereinzelt ohne objekt: ars fusoria, die kunst zu gieszen Dasypodius (1537) 822; ich sach kein handwerker darin schmieden noch dreen, bachen, schneiden noch neen, schmelzen, gieszen noch weben H. Sachs 3, 473
K.; Anna gosz (
beim bleigieszen) in den sand! da erschien ganz deutlich ein mühlrad Voss
s. ged. (1802) 2, 111;
subst. infin.: der was der erste man der vant smidin unde giezin Rudolf v. Ems
weltchron. 531
Ehrismann; das gieszen steht ... dem schmieden, dem walzen ... gegenüber J. J. Helfft
wb. d. landbaukunst 149.
meist mit akkus.-objekt; dieses drückt aus: C@2@aa)
die gegossene materie. C@2@a@aα)
in eigentlicher verwendung zumeist metalle, die zum zwecke des gieszens geschmolzen worden sind: das schachzabel bret was von gegossnem golde
herzog Aymon (1535) d 1
b; so ist ein ehrenmal weit besser in geschichten, als in gegosznem erzt und marmor aufzurichten Gottsched
ged. (1751) 1, 381. bley oder zinn gieszen, ist ein abergläubischer gebrauch, da das weibesvolck in der christnacht zwischen 11. und 12. uhr zerlasznes heiszes bley oder zinn in kalt wasser geuszt, und sich aus der zusammen geronnenen figur vorher propheceyen will, von was vor handthierung es einen mann bekommen werde Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 228 (
s. a. Bächtold-Stäubli 1, 1389
ff.); gewaltige stücke (
zink) wurden im dunkel der nacht gegossen Moltke
ges. schr. 6, 294;
aber auch andere gieszbare substanzen: ich kon wachs gissen Gryphius
dornrose 307
lit. ver. (
wachs hier anstelle von blei, vgl. mythol.4 nachtr. 323
zu s. 937; wachs gieszen
zur herstellung von kerzen s. teil 13, 65
s. v. wachs II 3); einen geflügelten engel von gegossenen zucker
Leipziger avent. 1, 153; der tätigkeit jener menschenschwärme zuzusehen, die dort das papier bereiten oder vielmehr gieszen, denn die aufgelöste breimasse flieszt als ein grauer strom Gregorovius
wanderj. i. Italien 2 (1904) 254;
bildlich: (
die parteien) stoszen alles zu brei zusammen und gieszen papier daraus Görres
ges. br. 2, 557. C@2@a@bβ)
uneigentlicher und übertragener gebrauch ist äuszerst zahlreich in der wendung etwas in eine form (ein model), gestalt gieszen.
meist abstrakte objekte: wie er religionen miteinander vereinigen, und in ein model giessen wird Grimmelshausen
Simpl. 213
ndr.; dieser ... man hat unsere poesie in eine ganz andere form gegossen J. G. Neukirch
anfangsgründe 8; ob nun wohl zwar ... die rechte ahrt verunahrtet, ja in eine heszliche miszgestalt gegossen und verwandelt worden Neumark
palmbaum 4; dieses chaos könne er ... in alle mögliche formen von versen gieszen Gottsched
anmuth. gelehrs. 2, 297; (
der geist,) in die anmutreiche gestalt gegossen Herder 24, 200
S.; weil sich sein groszgefühl, seine blicke und triebe und kräfte nicht in gemeine formen gieszen ... lassen Lavater
physiogn. fragm. 1, 54; geblieben ist mir nur, was glutenwild ich einst gegossen hab in weiche reime Heine
s. w. 1, 13
Elster. personen: in lateinischen vers gosz er die gestalten der sage Scheffel
ges. w. (1907) 2, 165; ob die natur wohl oder übel getan hat, die form zu zerschlagen, worin sie mich gosz Sturz
schr. 1, 171;
dabei zuweilen reflexiv: ich für mein teil werfe mich alle tage mehr in Clausthal herein, ohne mich in die hiesige form zu gieszen Caroline 1, 12
Waitz; redensart: s ist älles über einen model gegossen '
ganz gleich' Fischer
schwäb. 3, 652. —
daneben die wendung auch in eigentl. gebrauch: der neue statist ... geust es (
das wachs) bald in diese, bald in jene model Butschky
Pathmos (1677) 210. C@2@bb)
resultativ, die entstehende form; mit überschiebung des verbalbegriffes. C@2@b@aα)
eigentlich. in der hauptsache: C@2@b@a@aaαα)
götzen- und sonstige bilder: daz si guzzen ein kalb
Vorauer genesis 52, 19
D.; ein gegossenes kalb
erste deutsche bibel 3, 329, 28; gegossene götter
die ganze bibel (1531) 2.
Mos. cap. 34,
bl. 45
a; dasz die alten Teutones ... den wahren schöpffer himmels vnd der erden ... ohne ... gegossenes bilde ... verehret haben J. Micraelius
altes Pommerland (1640) 1, 41; gegossene idole Herder 20, 117
S.; euch soll ein neuer gott gegossen werden Cl. Brentano 6, 186; und wære ein werc gegozzen von êre und von golde Gottfrid v. Straszburg
Tristan 18212; aus erz eine löwin ... lasen gisen Fischart
ehezuchtbüchlein 202, 10
nat.-lit. (
über einen löwen gieszen '
sich erbrechen'
s. o. sp. 7402); füsze von silber gegossen Bodmer
Noah (1752) 14; von glockenmetall gegossene sachen, wie wilde argali (
eine schafart) Ritter
erdkunde 3, 330; als Benvenuto seinen Perseus gosz G. Keller
ges. w. 2, 177.
handwerklich ist gemeint narren gieszen: wan er wiszt, daz ir so artlich narren giszt, es liesz erwinden an keym lon J. Wickram 5, 124
B., u. ö. gehört hierher —
oder zum formalbestand der priesterweihe —
die wendung pfaffen gieszen: darumb so müssen die bischoffe und suffraganei oder weihbischoff, wann sie pfaffen gieszen, sie auch anblasen Fischart
binenkorb (1588) 163
b ? C@2@b@a@bbββ)
artilleristisches gerät (
seit spätmhd. zunehmend): die von Augspurg haben ... ein haus gebauen von neuem, dasz man darin bichsen giesz
chr. d. d. st. 23, 102, 7; glockspeisz aber, darausz man büchsen vnnd mörser geusst Mathesius
Sarepta (1571) 71
b; wir feuren aus den stücken, die uns ein glaser geust P. Fleming
deutsche ged. 1, 95
lit. ver.; man soll seine kugeln gieszen, wenn die sonne in den schützen getreten Döbel
jägerpractica (1754) 3, 118; nach Calabria reist er, das arsenal zu besehen, wo man die artillerie gieszt zu dem jüngsten gericht Schiller 11, 104
G.; geschütze gegossen von gewaltigem caliber Ranke
s. w. 2, 146; die bolzen von tüchtigem blei dazu gegossen Storm 3, 215.
sprichwörtlich: he gütt un de schütt '
er gieszt (
kugeln)
und der (
andere)
schieszt damit',
d. h. er hat die gedanken, und der andere führt sie aus Mensing 2, 364.
unklar ist die in der sprichwörtersammlung von Luther
verzeichnete redensart samle doch glockspeise, der teuffel wil ein morsel giesen;
dazu E. Thiele
Luthers sprichw. 136. C@2@b@a@ggγγ)
kunstgewerbliche zier- und schmuckgegenstände: vnd geus vier glden rinken
2. Mos. 25, 12 (
über das redensartl.-bildl. rinken gieszen
vgl. rinke teil 8, 1017
und E. Thiele
Luthers sprichw. 141); daran stund des margrafen von Rötelen wappen gegossen Tschudi
chron. Helv. 2, 433; schnallen gieszen Lichtenberg
aphor. 105
lit.-denkm.; leuchter und crucifixe draus gieszen lassen Göthe IV 10, 246
W.; geld, woraus dieser zepter hier gegossen ist Klinger
w. (1809) 2, 360. C@2@b@a@ddδδ)
münzen und medaillen: darum sind auch ir majest. entschlossen, eine neue münz von kupfernen cassien zu gieszen Chr. Arnold
wahrhaft. beschreib. (1692) 233; dasz man die münzen gosz statt sie zu prägen Mommsen
röm. gesch.2 1, 414; einige dutzend gegossene und geprägte medaillen Göthe IV 29, 203
W.; euer bildhauer David gieszt mein medaillon in bronze Chamisso 6, 165. C@2@b@a@eeεε)
lettern (
seit der reformationszeit): ettlich (
schriften) gosz mier meister Martin Platter 92
Boos; gegossene buchstaben Herder 18, 90
S.; eigene, dem papyrus genau nachgeahmte schriften für den druck gieszen zu lassen Justi
Winckelmann 2, 1, 180; schrifft giessen Dentzler (1716) 135
a. C@2@b@a@zzζζ)
glocken: item 25½
m. und ½ firdung, dy glocke zu gissen
Marienburger treszlerbuch 112, 27
Joachim; wan er im friede keine glocken zugiessen hätte Grimmelshausen
Simpl. 387
ndr.; (
der) klang der neu zu gieszenden glocke Droste-Hülshoff
briefe 52;
s.glocke B 1 a
α,
teil 4, 1, 5,
sp. 146.
bildlich bedeutet eine glocke gieszen '
ein knabenspiel auf dem Schwarzwald' Schmid
schwäb. 234;
auszerdem '
etwas zustande bringen, beschlieszen, eine entscheidung fällen'
; vgl. darüber glocke C 8,
teil 4, 1, 5,
sp. 155;
zahlreiche belege bei E. Thiele
Luthers sprichw. 135.
die wendung hat in frz. fondre une cloche
in ähnlicher bedeutung eine entsprechung Schwan (1807) 1, 1039
a; Littré 1, 645
c u. 2, 1718
c;
vgl. im deutschen noch: wenn solche mord- und blutglocken über einen unschuldigen priester sind gegossen worden '
sein tod beschlossen wurde'
der wohlgeplagte priester 174; das fräulein war so einfältig nicht, merkete aber wol, dasz dieser mit jeztgedachter königin die brautglocke über sie schon gegossen hatte '
beschlossen hatte, sie zu verheiraten' A. H. Bucholtz
Herkuliskus 1173;
vgl.mordglocke teil 6, 2546. C@2@b@a@hhηη)
lichte: s. licht 16 b,
teil 6, 874; keeza giassa Seb. Sailer 43
Haszler; gegossene lichte Adelung
lehrgang 2, 13;
realien des lichtgieszens bei Mensing 3, 465.
bildlich als redensart he gütt prasen '
er gieszt dünne talglichter',
d. h. '
ihm hängt der schleim aus der nase' Mensing 2, 363
und 3, 1103. C@2@b@bβ)
übertragung auf geistiges ist selten: das er viel sprüch auff einen hauffen schmeltzt, vnd geust einen solchen text daraus, den die gantze schrifft gibt Luther 6 (1568) 268
b Jena; ob ich gleich das ganze bonmot schon fertig gegossen im kopfe liegen hatte Jean Paul
unsichtb. loge (1826) 3, 16; ach! tollkühn gosz der mensch in bomben, schliff in klingen sich grausenvollern tod J. D. Falk
sat. (1800) 1, 40.
hier und da in wendungen, ähnlich der in C 2 a
β: mein leben ... gantz in einem andern modell zu giessen Grimmelshausen 2, 698
lit. ver.; dasz mein geschmack und der ihrige in einer form gegossen seien Tieck
schr. (1828) 5, 243; beide welten nämlich sind ... doch offenbar aus einer form gegossen Schopenhauer 2, 10
Grisebach. C@2@b@gγ)
häufig werden personen, dinge und gesprochenes mit gegossenem verglichen. C@2@b@g@aaαα)
schon mhd. kann dabei ein vollständiger vergleichssatz gebraucht werden: und stuont als er gegozzen wære Ottokar
reimchron. 73689; ein maisterlich gedicht, stoszt sich nit et exit os als ob es gegossen si
variloquus ende 15.
jh. bei Diefenbach
gloss. 614
a versus; glatte uszgestrichene wort, als weren sie gegossen Geiler von Keisersberg
sünden des munds (1518) 29
a; halten den kopff steiff, als wann er gegossen wäre Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 276; Uram, wie ein bild aus dunklem erze gegossen, sasz an Deborahs lager Stifter 3, 37. C@2@b@g@bbββ)
seit dem 18.
jh. erscheint die formel wie gegossen: es ist zum erstaunen, wie z. b. die mädchen mi mendicanti ihre musiken aufführen, alles ist wie gegossen Heinse 7, 198
Sch.; wie ein abbé! kurz, schön als wie gegossen J. J. Engel 11, 252; wir hatten einen platz im wagen, in den du wie gegossen gepaszt hättest Cl. Brentano 9, 329; eine kurze geschichte ..., weil sie hier paszt, wie gegossen Tieck
don Quichote 3, 15.
zuweilen wird erweiternd ein vergleichsmoment zugesetzt: material: (
das bild der geliebten, das) zu derselben zeit schwer wie aus eisen gegossen in meinem herzen lag G. Keller
ges. w. 3, 209.
ein gegenstand: die grosze klare himmelsausbreitung, in der ursprache die höhe! da steht sie gegossen wie ein sapphierner spiegel Herder 6, 15
S.; ein ungeheurer himmel, wie aus einem edelsteine gegossen Stifter
s. w. 5, 1, 163
S. —
redensart: es ist jo niemed grad wie g'gossen '
es ist niemand vollkommen' Staub-Tobler 2, 469. DD.
zusammensetzungen mit gieszen,
ausschlieszlich subst. art, im ganzen später auftretend als die vielfach danebenstehenden gusz-
bildungen (
teil 4, 1, 6, 1218)
sind zahlreich und weit verbreitet. folgende gruppen sind zu beachten (
die wörter ohne stellenangabe s. unter eigenem lemma): D@11)
bildungen, zu gieszen
im eigentl. sinne, bei denen also an eine wirkliche flüssigkeit gedacht ist, vereinzelt seit dem 12.
jh.; die hauptzeit ihrer ausbildung reicht vom 16.-18.
jh., vom 19.
jh. an sind neubildungen selten. welcher bedeutungsgruppe des vb. die composita im einzelnen zugehören, ist nicht immer klar zu entscheiden; der umkreis erstreckt sich auf A, B 1-4, B 6.
in einzelnen fällen ist auch herleitung von giesze,
m., f. möglich; teilweise liegen offenbar verkürzte, urspr. dreigliedrige komposita vor. der weitaus gröszere teil der bildungen bezeichnet gefäsze, mit denen oder in die gegossen wird: gieszbach;