gewoge,
n. ,
jüngere und ohne umlaut vollzogene ableitung, für die im gegensatz zu den verbalsubstantiven, zu denen sie nach ihrer bildungsweise zu gehören scheint, mehr das substantiv (
s.woge)
als das verbum (
s.wogen)
zuständig ist. das älteste zeugnisz führt auf Voss
zurück, der in der zweiten ausgabe seiner Odyssee die dem versmaasz entgegenkommende form für woge einführt: purpurbraun umstand das gewoge sie gleich dem gebirge 11, 243 (
gegen die erste ausgabe von 1781: wie ein berg die purpurne woge). Voss
macht in den von 1793
ab folgenden übersetzungen einen lebhaften gebrauch von der neuen bildung, die er aber in einigen fällen bei neubearbeitungen wieder abstöszt, während Göthe
an einer stelle des Faust zweiten theils das erst gesetzte woge
später in gewoge
ändert. auch bei andern schriftstellern der übergangszeit zum 19.
jahrh. fand die neubildung beifall, die ebenso in der neueren litteratursprache weiter gepflegt wird, allerdings unter der bevorzugung übertragener verwendungen gegen die anfangs vorherrschende sinnliche, vgl. das gewoge ... das
wogen oder wogenschlagen ... uneigentlich von der bewegung, welche ... leidenschaften hervorbringen, dann die wogen selbst Campe 2, 368
b. 11)
in der sinnlichen grundbedeutung wird vor allem die lebhafte, stürmische bewegung des meeres und der groszen ströme getroffen. für die sanfteren bewegungsformen —
namentlich auch der kleineren gewässer —,
die der gebrauch bei Voss
noch umfaszt, findet das subst. weniger beifall; 1@aa) wie zween winde des meers fischwimmelnde fluten erregen ... und sogleich nun dunkles gewoge hoch sich erhebt. Voss
Ilias (9, 6) 1, (1793) 213 (
κῦμα κελαυνόν, dunkle wallung 1802),
desgl. (13, 29) 2, 6 (
θάλασσα, gewoge 1793; woge 1802)
anders Ilias 14, 16
s. u. stürmt in die segel die wut des gewaltigen Eurus alles gewog' um den strand der jonischen wasser zu mustern.
Virgil (
landbau 2, 108) 1, 176 (1799
u. 1808); des hinstürzenden stroms; der trug mit raschem gewog ihn durch umschlagende wirbel zur flut des verödeten meeres.
Hesiod (
Orfeus der Argonaut 1632) 325 (1806); bis den dampfenden staub das meergewoge zerspülte. Fr. v. Sonnenberg
das weltende (2) 1, 33; ... dasz hoch über dem maste sich bog herbrandend die woge ... ... fanden sie neben dem kahn, tief abgeworfen vom gipfel jenes gewogs, auftauchend im schaum, das eine der ruder. J. Baggesen (
Parthenais 3, 356) 1, 72; vom strande komm' ich wo wir erst gelandet sind, noch immer trunken von des gewoges regsamem geschaukel. Göthe (
Faust II, 3) 41, 179 (
in der Helenadichtung von 1800
stand noch: von der woge schaukelndem bewegen).
dazu vgl.: wann bei fernem donnerhall herwälzt der sturmwind wolkenschwall, im wirbel durch die bäume saust, und auf des sees gewoge braust. Voss (
Penseroso)
sämtl. ged. 4 (1825), 163 (
anders im engl. original); denn es zerfrasz allmählich das meer die gigantischen arme, jene versteinerten, die du so mörderisch, einem polyp gleich, aus dem gewog vorstrecktest, im schwall unermüdlicher brandung. Platen (
Scylla u. d. reisende) 1, 672
Redlich; übers scherenriff, das ob Norwegs meerstrand dunkelstirnig in das gewog' hineintrotzt, beug' ich mich. Strachwitz (
sehnsucht nach milde)
ged.8 180
Weinhold; wenn der schiffer betend kappt den mast, den der nordsturm krachend bog, dann fahren mit voller segellast die geister durchs gewog. (
geisterschiff) 261; wo am zackigen fels das gewog sich brandend emporbäumt, senkten die freunde bei nacht heimlich Themistokles' leib in heimatlichen grund. Geibel (
grab des Themistokles) 1
3, 108;
dazu vgl.: stets nährt das meer (wer löschet je sein
flutgewog?) viel silbergleichen purpurs neu aufschäumenden glanz unerschöpft. W. v. Humboldt (
Äschylus Agamemnon) 3 (1843), 65 (
τίς δέ νιν κατασβέσει).
vgl. auch schaumgewoge, salzgewoge, sturmgewoge Sanders
erg. wb. 647
c. 1@bb) wie wenn dunkel sich hebt das meer mit stummem gewoge Voss
Ilias 14, 16 (
κύματι κωφῷ, gewoge 1793
und 1802);
ebenso (blaues gewog' ... zu durchwallen)
Hesiod (
elegie 1, 5) 1, 56; o dasz, während du unter Sikaniens fluten daherrinnst, nicht die bittere Doris dir einmisch' ihres gewoges!
Virgil (
buc. 10, 5) 2, 491 (
intermisceat undam). allwärts fesselt die blicke der rauchende berg und der purpur deines gewogs allwärts, segelbevölkerter golf! Platen (
Floridiana) 1, 303
Redlich; und Moses schlug mit dem stab in den schwall, da thürmte der herr die flut zum wall, und das volk des herrn durch die gasse zog, und auf beiden seiten stand das gewog'. Strachwitz (
Pharao)
ged.8 272; durch der schlachten gewühl bist du stets sicher gewandelt, aus Skamanders gewog tratst du gerettet hervor. Uhland (
Achill) 1, 89
E. Schmidt; mich freut's, im forst am erlenteiche zu lauschen, wenn der hirsch sich kühlt, wenn klatschend an die binsensträuche das grünliche gewoge spült. Strachwitz (
mich freut's)
ged.8 168; ein fluszbad nehmen und nun bald gerade dadurch gestärkt, das eisigkalte gewog des stroms durchschwammen, dasz es schallte. H. Lingg
ged. (
die Mosel) 3, 312 (
mox amnem refotos plaudenti gelidum flumen pepulisse natatu.) die grünen rebenhügel fern und nah, und lieblichen gewogs darunten hin der Mosel murmelnd still vorüberziehen! 292 (
amoena fluenta); (in dem klaren gewog der Mosel,
subter vada lanta Mosellae) 296;
desgl. (ins gewog des stroms,
concavus amnis) 301;
dazu vgl. flutgewog Rückert 17 (
s. oben th. 3
sp. 1862); doch als der letzte ton verklungen war, rauschte plötzlich der flusz dicht neben dem schiffe gewaltig auf; der sänger auf dem verdeck war verschwunden, er tauchte aus dem strudelnden gewoge zur seite des kahns einen augenblick auf ... Paul Heyse (
siechentrost) II, 6
s. 265; bei jedem zuge ... schlug das schwache gewoge ... mit hohlem geräusch an den schiffsboden H. Hesse
diesseits s. 258. 22)
übertragung: aber meine verse rinnen wie gewog im silbersee. Platen (
träume, die behende fliegen) 1, 364; 2@aa)
auf naturerscheinungen: sieh, es woget am himmel ein meer von wettergewölken; lauter und lauter entrollt dem wolkengewoge der donner. Bürger (
Dido 181) 246
b Bohtz; des ährenfelds gewoge rauscht leis' am hügelpfad. Matthisson (
abendgemälde)
ged. (1821) 137; der ähren blau gewoge und güldenes nicken
F. L. Jahn
werke 2, 1, 429;
vgl.ährenmeer oben theil 1,
sp. 199; 'drauszen im dunkelen schatten der zwo breitblättrigen linden,' in des gewaltigen korns braunwogigem ährengewoge, ruht' ich und dachte an hunger dabei und hungerte denkend. K. Immermann
die prinzen von Syrakus 1.
aufz. (
werke 14,
s. 27);
vgl. auch halmgewoge Sanders
erg. wb. 647
c; und ins wipfelgewog (
des parks) lauscht' ich dazwischen hinaus. Geibel (
elegien 10) 5
3, 99; die birke mit ihrem schleierartigen blättergewoge
nat. z. 17, 285
s. Sanders 3, 1646
b; so begannen beide leise in die hände zu klopfen; und alsbald entstand ein gewoge und geschiebe, die nebelgebilde drängten sich nach den öffnungen und schwammen, eins nach dem andern, ins freie hinaus Th. Storm (
die Regentrude) 2, 243;
vgl.dunst-, dämmer-, strahlengewoge Sanders
erg. wb. 647
c.
dazu vgl. haar-, locken-, glockengewoge
ebenda; häuser-, trümmergewoge
desgl. 2@bb)
bei der übertragung auf den menschen bilden die massenansammlungen den hauptanknüpfungspunkt, wobei die bewegung, gelegentlich auch das geräusch, das sie begleitet, unter dem bilde des hin- und herfluthens erfaszt wird. schon hieraus erwachsen berührungen mit gewimmel, getümmel, gewirr,
die vielfach zu gewoge
in parallelverbindungen treten. das gleiche wiederholt sich bei abstracten, wo die menschlichen stimmungen und leidenschaften in ihrer regellosigkeit und ihrem raschen wechsel gekennzeichnet werden. 2@b@aα)
die ansammlung von menschen. 2@b@a@11))
den anknüpfungspunkt bildet die bewegung: dorten aus der marktkapelle, im gewimmel und gewoge, strömt des volkes bunte menge. H. Heine (
Don Ramiro) 1, 43
Elster; es war ringsum ein wogendes meer von menschen, pferden, wagen und sich bewegenden lasten aller art. wenn ich mich allein durch solches gewoge und gewirre gedrängt P. Rosegger
mein weltleben 96; ... menschen von allen indischen rassen, jedem alter, jedem stand, in den verschiedensten trachten. wer könnte es unternehmen, dieses gewirre und gewoge im einzelnen zu schildern, das hier ununterbrochen von tagesanbruch bis in die nacht hinein herrscht E. v. Hesse-Wartegg
Indien und seine fürstenhöfe 167; wiederum ein gewoge ineinanderverbissener kämpfer, städter ... W. Raabe
unseres herrgotts kanzlei (8)
4 258; in diesem gewoge tapferer begeisterter männer kein einziger staatsmännischer kopf Treitschke
deutsche geschichte IV
s. 59; ein wirres volksgewoge macht so wenig ein volksfest, als die blosze menge einen jahrmarkt
F. L. Jahn
werke 2, 1, 10; geheimler warfen in das gewoge der gesellschaft ihren blinkenden hamen und köderten mit bruderliebe und freundschaft 2, 2, 501; auf dem korso wallte ein muntres gewoge von sorglosen menschen P. Heyse (
am Tiberufer) II, 1
s. 75. 2@b@a@1@aa))
bevorzugt ist bei diesem gebrauche eine situation, die den berichterstatter selbst auszerhalb des bewegten kreises zeigt: da zuckte Goethe's ehern bild, aufthat es seinen mund: 'ich steh' so grosz, ich steh' so hoch, ein Zeus Kronion schier, und doch — welch kleinliches gewog zu meinen füszen hier!'
F. Freiligrath (
leiern u. bügel) 2 (1877), 198; miszmuthig erhob der Roland über diesem heillosen wesen (
der meuterer) das schwert, schmerzlich schien der kaiser Otto von seinem rosz auf das gewoge herabzublicken W. Raabe
unseres herrgotts kanzlei (17)
4 372; sie blickte hilfesuchend über das gewoge von köpfen, als ihr auge an dem tiefschwarzen scheitel einer malerin hängen blieb G. Reicke
das grüne huhn (3, 2) 201; sie hob jetzt den kopf und musterte mit einem stolzen blick das menschengewoge droben auf der piazetta Paul Heyse (
Andrea Delfin) 2, 1, 156; und in den straszen spaziert um die dämmerung eine lustig zusammengewürfelte menge von allen ständen und zonen ... die augen des jungen mannes ... leuchteten wieder hell auf, als sie dies fremdartige gewoge überblickten (
zwei gefangene) 2, 9, 283; ... das volk strömte wieder schwarz in den saal ... Velderndorffer ... starrte wirren blickes auf das gewoge E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (21) 2, 81; immer sehe ich dann die paläste und türme, pyramiden und tempel dieser merkwürdigen stadt vor mir und das malerische gewoge E. v. Hesse-Wartegg
Indien u. s. fürstenhöfe 158. 2@b@a@1@bb))
seltener, dasz auch der berichterstatter von der bewegung ergriffen wird: vergebens drängten wir dem fluchtgewog' entgegen uns: in wilder überschwemmung reiszt's uns vom kampfplatz strudelnd mit sich fort. H. v. Kleist (
Penthesilea 2) 2, 30
E. Schmidt; wir kamen in die schwüle dämmerung der strasze hinab und sogleich ergriff uns das gewoge, diesmal von keinem gegenstrome gebrochen, und trug uns mit sich fort, dem flusse zu P. Heyse (
erkenne dich selbst) II, 4
s. 145; denn es sammelte sich an dem festgesetzten tage in aller frühe ein groszes volk in und vor dem gerichtshause ... inmitten des unruhigen gewoges saszen sie auf der anklagebank wie auf einer insel im meere G. Keller (
Martin Salander 18) 8, 318. 2@b@a@22))
die geräuschwirkung wird hervorgehoben: alle diese manipulationen waren für den armen Pariser um so peinlicher, als sie von einem wilden durcheinander aus tausend kehlen begleitet wurden. er verstand kein wort von diesem sprachgewoge K. Gutzkow (
der prinz v. Madagaskar) 11, 67; aber diese verstockten wurden überflutet vom stimmengewoge der jauchzenden menge Fr. Th. Vischer
auch einer 220; während um ihn ein gewoge rauher stimmen war E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (9) 1, 153. 2@b@bβ)
übertragung auf den wechsel menschlicher stimmungen und leidenschaften; vgl.: sich'rer itzt ordn' ich des plans labirint, seh jeglichen abgrund, welchen ich nicht vor der unruh wildem gewog erkannte.
F. v. Sonnenberg
Donatoa (3) I,
s. 247. 2@b@b@11))
vor allem ist es das leben selbst, als allgemeiner begriff wie in bezug auf den einzelnen; beide werden unter diesem bilde erfaszt. auch hier macht Voss
wieder eine ausnahme, indem er im gegensatz zu andern an gewoge
nicht die regellose, sondern die rhythmisch gebundene bewegung hervorhebt, vgl.: da flosz in betäubenden schlummer sanft mein leben dahin; mir war, als wallete ringsum purpurgewog', einwiegend den geist in melodischem tonfall. J. H. Voss (
die weihe)
sämtl. ged. 3 (1825), 18;
gegen: ungünstig treibt's auf dem zeitmeer, rings umsaust, ein nächtlicher kahn im gewog. Platen (
dem grafen Fr. Fugger) 1, 245
Redlich; herr, in dieser zeit gewog, da die stürme rastlos schnauben wahr', o wahre mir den glauben ... Geibel (
Juniuslieder, gebet) 2
3, 93; so sank mein leben im gewoge nieder, und überm schaum mit schrillendem geklage als weisze möven schieszen meine lieder. Strachwitz (
der sturm ist los)
ged.8 352
Weinhold; über allem trüben gewoge des lebens dieser stern ... leuchtend Varnhagen v. Ense
denkw. 2, 34; pilgern ... eine heilige arbeit, um drückende gefühle los zu werden, leiden zu vergessen und das sturmbewegte lebensgewoge in einen ruhhafen zu retten
F. L. Jahn 2, 1, 403;
vgl. lebensgewühl. 2@b@b@22)) und aus dem gewühl und gewoge aller gefühle tauchte nur eines in voller klarheit auf ... P. Heyse
Melusine II, 18, 250; ein solches gewoge skeptischer meinungen Joh. Scherr
Blücher 1, 190; mit dem reichsten lebens- und lustgewoge
Gartenlaube 12, 708
b,
s. Sanders 3, 1646
b; das närrische aber doch glänzende wellenspiel ihrer phantasie hatte sich augenblicklich in ein bleigraues gewoge verwandelt W. Raabe
der schüdderump5 s. 69.