geisz,
f. ziege. 11)
form und verwandtschaft. 1@aa)
mhd. geiʒ,
pl. geiʒe,
ahd. geiʒ, keiʒ,
auch gaiʒ, kaiʒ,
pl. gaiʒi,
s. Graff 4, 286;
goth. gaits
f. Neh. 5, 18,
altn. geit
f., ags. gât
m. f., pl. gæt Grein 1, 373;
alts. nicht bezeugt; mnd. geite,
bei Schiller
u. Lübben 2, 37
a nach einem gen. pl. geiten
angesetzt, mnl. geit, geet,
auch geete (
nnl. wb. III, 912),
nnl. geit,
früher auch geite,
wie bei Kil.
nur gheyte;
schwed. get,
dän. ged,
norw. geit, gjeit,
wie schwed. dial. gait, gjait Rietz 191
b,
nordfries. giet,
engl. goat.
so umspannt es das ganze germ. gebiet, und doch hat gerade in der mitte ein andres wort den platz, ziege,
das gegenwärtig auch für das bessere schriftdeutsche wort gilt (
s. d). 1@bb)
von sicherer urverwandtschaft bietet nur das latein haedus
böckchen, in den lauten der verschiebung nach mit genauer einstimmung, mit der bed. aber in einem gewissen gegensatz, da geisz
wesentlich das weibliche thier bezeichnet (
s. 2,
a)
; da sonst die ziege lat. ganz anders benannt ist, caper
das männliche, capra
das weibliche thier, so erscheint haedus
als gebliebener rest eines älteren und allgemeinern sprachbestandes, der sich bei uns noch vollständig zeigt, besonders wenn es mit dem doppelten geschlecht des ags. gât
seine richtigkeit hat, das dann auch wol für goth. gaits
anzunehmen wäre, also wie bei caper
und capra.
übrigens haftet auch umgekehrt von diesem lat. namen des thiers im germ. eine spur, aber gleichfalls nur noch einseitig, in ags. häfer,
altn. hafr
bock (
vgl. u. haberbart, habergeisz),
die dann dem letzteren weichen muszten (
altn. bokkr, bokki,
ags. bucca).
das alles deutet auf vorgegangene verschiebungen und erneuerungen im namenbestand des wichtigen hausthiers, wie sie beim rind und ross ähnlich vorkommen, und zwar schon in vorgeschichtlicher zeit, gewiss im zusammenhang mit der entwicklung der viehzucht. aus dem keltischen stellt Diefenbach
goth. wb. 2, 385
kymr. gid
f. und gitten
f. geisz als urverwandt zu geisz.
entlehnt aber in rom. mundarten wälschtir. ghetta
f. (
auch als lockruf) Schneller 1, 147,
wallon. gate (
vergl. u. bock 2), gade,
loth. gaie,
champ. gaiette,
im Jura gaise,
s. Diez
2 2, 306, Dief.
a. a. o., lomb. in Val Sassina cais
unfruchtbare ziege Schneller
a. a. o., wobei jenes -t
auf sehr frühe aufnahme weist (
vgl. tir. gittel
u. c).
andere weit ausgreifende anklänge in vielen östlichen sprachen s. bei Diefenbach,
vgl. u. kitze 5. 1@cc)
das wort zeigt aber bei uns eine besonders reiche und eigenthümliche entwickelung. 1@c@aα)
wenn das junge thier hd. kitz heiszt, so wird man das von geisz
nicht trennen wollen blosz wegen des k-,
zumal die schweiz. form gitzi
die brücke abgibt (
s. u. kitz 4,
a).
zeigt sich doch dieselbe steigerung der lautstufe in zicklein
neben ziege,
als alt gestützt durch ags. ticcen
zicklein, nur hier im auslaut, dort im anlaut des stammes, zugleich aber im auslaut ähnlich in dem -tz
von kitz;
s. über solche bewegung in den lautstufen auch auszer der lautverschiebung V, 870,
und wenn da im anlaut auch h-
erscheint, im auslaut auch hd. -t
in tirol. gittel
f., bair. hettel,
schwäb. hattel
u. s. w., mhd. hatele (
s. u.hettel),
altn. haðna Egilss. 307
a,
bei Spee hitzlein (
s. d.),
so kann ich gittel
nicht wol von hettel
trennen, aber auch nicht von geisz
und von diesem nicht kitz,
sondern alles das klingt mir wie aus éinem kreise heraus kommend, in dem sich die laute auf ihren verschiedenen stufen bewegen ohne ihren zusammenhang zu verlieren, vorausgesetzt freilich den glauben an eine lebendigkeit des sprachgefühls und gehörs in alter zeit, die auch in den verschiedensten lautstufen die einheit des lautstoffes als des eigentlich bezeichnenden fest hielt, eine lebendigkeit die ja aber auch für die gewöhnliche lautverschiebung in ihrer entstehung vorauszusetzen ist. 1@c@bβ)
bemerkenswert ist aber, dasz jene abweichenden bildungen wesentlich für das junge thierchen gelten, also als koseformen gemeint, mit kosender verkleinerung, wie schon ahd. kizzi (
alem. gizi),
auch mit doppelter verkleinerung kizzîn
und zikîn (
Tat. 97, 7);
zu dem verkleinernden -n (
wie sonst -l)
und -în
oder auch -in
s. u. küchlein II, 2,
b, es erscheint auch in dem namen Pipin (
vergl. Rother 3483),
mit kürze in md. küchen
küchlein, ferken (
s. d.)
ferkelchen, nordthür. kîsen
n. kälbchen (
s. u.kuse),
wie im ags. ticcen
zicklein, engl. chicken
küchlein; die bildungen sind wie für den kindermund geprägt oder selbst aus ihm kommend (
wie Pipin
u. ä. auch),
und auch jener auffallende wechsel der lautstufe stammt vielleicht zuerst daher, wie das einfache a
oder i
jener formen statt des schwierigeren ai
von gaiʒ
gleichfalls, aus dem ungeschick des kindermundes, dessen spielende entstellungen und erfindungen ja noch jetzt im hause auch gern die erwachsenen annehmen (
man denke nur an papa, mama)
und für die kindlichen gegenstände gelten lassen, zu denen die jungen hausthiere vor allem gehören, gewiss in alter zeit schon wie heute. deminutivum (
nicht n. eines adj.)
wird denn auch das goth. gaitein
n. ἔριφος Luc. 15, 29
sein, mit der endbildung wie ahd. kizzîn, zikîn,
doch mit noch unangetastetem stamme, der sich doch auch ahd. noch zeigt in geiʒîna
oder geiʒina
hedus Is. 37, 25
s. 114
b Weinh.,
das dem. in fem. bildung, wie das vielleicht auch in gartine (
s. d.)
vorliegt. 1@c@gγ)
nun kommt aber unvermeidlich auch ziege selbst in frage, das sonst in der luft steht, in der that aber auch in jenem lautkreise, nur mit umstellung der festen laute (
vgl. schon Wackern.
wb. 1839
unter zige).
glaubt man an die entstehung von kizzîn
und zikîn
in kindermunde, so wird das zweite wol auch glaublich als kindliche umstellung, die am lautbestand fürs ohr nichts änderte, nur seine anordnung dem kindermund leichter machte. dann kann sich wol aber ahd. zigâ
zu gaiʒ
ebenso verhalten, mit vereinfachtem vocal wie oben, und wenn auszer dem hd. (
oder md., s. d)
davon eine spur nur in ags. ticcen
zicklein erscheint, so bedeutet das wol, dasz dort diese umbildung auf die eigentliche kosende kinderform beschränkt blieb, hd. aber weitergehend das wort überhaupt ergriff, eigentlich den kindern zu gefallen; ist doch unter dem hausvieh die ziege vorzugsweis das kinderthier, auch fast nur von kindern gehütet. da übrigens dem kindermund der nahe übergang auf eine andere lautstufe besonders schwierig ist, begreift sich die gleichstellung oder annäherung der lautstufen in zikîn
wie kizzîn,
auch in thür. sächs. zicke
f. neben ziege (
s. u. d),
nordthür. u. a. auch zicken
n., zicklein, gleich dem ags. ticcen
n. übrigens sind auch die lockrufe für das thier beachtenswert: vorarlb. giz! Fromm. 5, 486,
tirol., kärnt. ges!
auch gûs!
u. a., s. Schöpf 188, Lexer 113,
hess. hetz! hitz! hisse! (
s. u. hetz),
waldeckisch zick! Curtze 517
b (zickse
ziege).
vgl. über solche lockrufe und scheuchrufe überhaupt unter kätz
und kitz! 1@dd)
das verhältnis von ziege zu geisz
forderte überhaupt genauere untersuchung, aus sachlichen noch mehr als aus sprachlichen gründen. 1@d@aα)
gegenwärtig ist das erstere das bevorzugte schriftwort und geisz
hat beschränkt landschaftlichen anklang, nur aus dem grunde weil ziege
das nordd. wort ist. auch das niederdeutsche: zäg Danneil 251
b, zege (zäge) Dähnert 561
a, Richey 349, Schambach 308, zäge
oldenb. Fromm. 3, 498,
auch ostfries. Stürenburg 338
a,
westf. in der grafschaft Mark zîe,
in Iserlohn sîege (
auf dem lande hitte) Fromm. 3, 262;
dazu auch zicke Dähnert, Schamb. (
namentlich das weibliche ziegenlamm), oldenb. Fromm. 3, 498, zick Danneil,
in Jever zickel
das junge thier Fromm. 3, 498,
götting. zicken
n. Schamb. (
wie nordthür. vorhin), alles mit hd. z-,
das sich nur hie und da der nd. mund auch zu s-
erleichtert, wie schon in vocc. des 15.
jh. tzeghe, cege,
auch seghe
capra Dief. 98
a,
auch hedus zege, ein iunck sege
und tzicken 195
b (
mnd. wb. 4, 166
a. 2, 284
a), zege Chytr.
nom. 315,
keine spur eines nd. tege,
das es wol nie gegeben hat. schon im 13.
jh. im Sachsenspiegel nur czegen
pl. I, 24. II, 48
a. e., auch tzickelîn III, 51, 1
in völlig hd. bildung. auch nrh. im Teuthonista tzeghe, seghe
neben gheyte (
das als das hauptwort erscheint) 233
b. 105
b,
wie nl. tseghe, seghe
bei Kil.,
wol aus mundarten, wie da sik,
d. i. zicke vorkommt, limburg. Schuermans 610
b,
holl., fries. Halbertsma 436.
das alles ist nur begreiflich aus hd. entlehnung, diese aber nur aus einem schwer oder nicht begreiflichen einflusz der hd. ziegenzucht, die das thier wie neu in das nd. land gebracht hätte, dasz er jede spur des nd. geit (1,
a)
ausfegen konnte. 1@d@bβ)
dabei ist das natürliche gebiet von ziege
selbst ein beschränktes, denn im oberd. herscht geisz,
im westen auch weit ins md. gebiet hinein, und nur im östl. Mitteldeutschland ist ziege so heimisch, dasz das kind da, z. b. in Sachsen, Thüringen geisz
erst aus büchern kennen lernt; im volke freilich ist auch da nicht ziege
das eigentlich heimische, sondern hippe, hippel,
sodasz ziege
doch auch wie eingeführt erscheint, auf jenes gleichsam aufgelagert wie eine jüngere schicht; schon im 14.
jh. zigen
hedi Matth. 25, 32
fg. in Beheims evang., dann in östlich-md. vocc.: capra czyge Diefenb.
wb. 1470
sp. 59 (
edus czickel 103),
caprea wilde czege Schröers
voc. 1420 8
b,
capra eine tzege Trochus
Lpz. 1517 H 1
a (
der verf. aus Anhalt),
aber eigner weise im Leipz. voc. opt. 1501 ein geisz E iij
b,
wol aus oberd. oder rhein. vorlage beibehalten, wie in dem Leipz. druck 1491
von Bracks
voc. rerum 41
a.
geisz herrscht gegenwärtig im Egerlande (
von Saaz ostwärts tritt ziege
ein, aber gâszbock
gilt auch dort weiter),
dann in Franken bis dicht an die sprachgrenze von Thüringen (
nur geiszbock
auch z. b. noch bei Kahla),
henneb. gäsz
u. ä., auch in Salzungen Fromm. 2, 285,
nur die nordd. koseform greift auch da herein, zeckele
n. zicklein und die geisz zeckelt,
wirft junge Fromm. 4, 311.
in Hessen sind nach Vilmar 468
fg. beide worte gemischt, aber in Oberhessen geisz,
in Niederhessen ziege (zege)
das vorherschende, doch auch im oberd. theile zickel, zicke
für die jungen geiszen, wie auf der Röhn zecke (Schmeller 4, 233). geisz
ist weiter das wort der Wetterau, des Frankfurter gebiets, der Pfalz, des Mittelrheins, z. b. im Rheingau, in Nassau, hier aber wieder daneben zick, zickel
junge ziege Kehrein 453 (
aber auch ziegenbart
als pflanze),
wie schon in den mrh. glossen zu Heinrici summarium neben geiʒ
capra und geiʒelen
capella doch zigelchîn
edi Germ. 9, 18. 19,
mhd. im Reinhart (
mit mrh. farbe) zickelîn 924
neben geiʒ 1343.
auch auf dem Hundsrück (gäs),
auf der Eifel (gês) Schmitz 1, 74,
in Luxemburg (
s. 2,
a)
und so rheinabwärts, wie in Bonn, Cöln (2,
d),
im 16.
jh. capra eyn geys
gemma Cöln 1511 D 3
a,
im 15.
jh. in Cleve gheyte
Teuth. 105
b,
das dann dem nl. geit
die hand reicht, nur dasz hier wie dort auch tzeghe, seghe
und sik
zicke auftreten (
s. u.α).
die bevorzugung der zweiten form auch am rande des gebietes von geisz
gilt vorzugsweis dem jungen thier, für das sie ja von haus aus ausgeprägt scheint als kinderform. 1@d@gγ)
noch nötiger wäre es, den älteren und ältesten bestand weiter zu ermitteln. wie geisz
früher doch weiter nördlich erscheint in mnd. geit
im 15.
jh. (1,
a),
so ziege
weiter südlich, schon ahd., wenn für die hedi Matth. 25, 32
nicht nur im Tatian 152, 2,
also hessisch, zigûn
gebraucht ist, sondern auch bei Otfried V, 20, 58,
also in einer gegend die jetzt geisz
hat (
vergl. geiszberg);
das zigan
haedos in der nd. gefärbten hs. A des Williram 14, 3
S. musz aber nördlicher sein, ist wol gar als erstes zeugnis des eindringens ins nd. gebiet am rande brauchbar (
daneben doch geiʒ 55, 7
u. ö.)
; vgl. zikîn
im Tat. 97, 7, zikkîn
in der hs. B in Seemüllers
Williram s. 101. 115
für das oberd. kizzîn, kizze
pl. der andern hss. auch mhd. reichte zige
weiter südlich, wenn es z. b. bei Hugo von Trimberg 4195
im reim erscheint (geiʒ 7514
u. ö.),
also in Bamberg; s. die stellen bei Lexer 3, 1109
fg., die dafür genauer zu prüfen wären, wie denn z. b. das zigenmilch
im Reinfried schwerlich ein zeugnis fürs alem. gibt (
zumal die hs. sigen
hat). 1@d@dδ)
beides beisammen aber erscheint in einer angabe vom Mittelrhein aus 11. 12.
jh., in den gl. D des Junius b. Nyerup 275,
aber mit unterschiedner bed.: capra geiʒ,
capella ziega,
edus ziegelîn (ie
für i
wie viedele 315
u. a.),
vergl. noch in einem Mainzer voc. von 1414
capra und capella als geiʒ
und ziege Dief. 98
a (
leider nicht erkennbar, ob noch in derselben vertheilung).
also ziga
eigentlich die junge geisz, d. h. wie zicke,
und das musz wol das ursprüngliche sein und stimmt zu der vorstellung von der entstehung der ganzen form als kosewort. so scheint es denn im alten fränkischen gebiet im westen neben geiʒ
entstanden, hätte wol von da aus sich nach dem osten verbreitet (
ohne doch eigentlich volksmäszig zu werden),
selbst den norden erobert und geisz (geit)
verdrängt, das doch in der heimat in seinem werte blieb, wie im süden, während sich von zige
nur die eigentliche kinderform zicke, zickel
auch dort erhielt, wofür der süden sein gizi, gizzîn, kitz
hatte, das aber auch ins md. gebiet hineinreicht, da auch nordböhm. kitz
für ziege überhaupt vorkommt (
das junge kitzel
oder zickel),
wie im reuszischen Oberlande, z. b. in Lobenstein kîz.
diesz vorbehaltlich weiterer untersuchung oder thatsachen, aber das wort reizte mit seinen rätseln wie wenige mit der aussicht, in die verdeckten bewegungen des alten lebens einen sichern blick thun zu dürfen. 1@d@eε)
auch später erscheinen unter umständen beide beisammen, ohne unterschied, z. b.: capra, czign oder gays.
gl. bei Schmeller 4, 233; zege,
vulgariter geisz,
capra. voc. inc. t. D 8
a (pp 6
a),
d. h. der oberd. voc. führt das fränkische oder nordd. wort mit auf der vollständigkeit wegen; in einem mhd. ketten eim für kinder, wie sie noch jetzt umgehen: unde ein geiʒ ist ein zige, unde ein zige ist ein geiʒ.
Diut. 1, 314, Wack.
leseb. 831, 10 (967, 22);
im 16. 17.
jh.: als eine geisz aus wolt gehen zur weide, befahl sie ihren jungen böcklein (
zicklein), die weil die thür am stall niemand zu öffnen .. kam ein hungeriger wolf geschlichen .. und blecket wie eine ziegen und begert aufzumachen. Kirchhof (
ein Hesse) wend. 4, 269
Öst.; da er nun sahe, dasz ihm der viehehandel so wohl zuschlug, erkaufte er auch etlich stück zügen (
so) mit sambt einem jährigen böcklein und bracht solche nach
**, allwo er der geiszen bald wieder, sehr wohl bezahlt, los wurde, aber das böcklein wolte ihm so viel nit gelten.
Simpl. 4, 253
Kz. auch Luther
braucht anfangs geisz: behüt gott für dem bock die geisze, die ire hörner in seiden geflochten tragen. 1, 360
a,
an den Bock zu Leipz. 1521 A 2
a;
in 1 Mos. 15, 9
ist für ein zigen
urspr. geys
übersetzt. auch in gehäufter verbindung, nordd.: zwo kluge ziegengeisz.
froschmeus. Ff 6
a (2, 38
Göd.),
am rande zwo kluge ziegen,
vergl. czigengeis
damula Dief. 165
b,
campa 93
b. 1@ee)
in der form wechseln nhd. starke und schwache form, wenigstens im pl., geisz
und geiszen (
s. u. 2),
z. b.: das er die geisz sol in tuon.
weisth. 1, 101,
die ziegen; später lieber geiszen,
wie jetzt noch: schaut er dann über sich, so sieht er seine geiszen das laub von dem gestäud' an einer klippen reiszen. Opitz 1, 155.
mhd. nur geiʒe
pl., doch auch ein gen. sg. geiʒen
findet sich, neben geiʒ
nom.: ein geiʒ an ir vende gie, ir kitze si dâ heime lie ... daʒ vernam bî der strâʒen ein wolf und bat sich în lâʒen mit einer geiʒen (
so die hs.) munde. J. Grimm
Reinh. fuchs s. 346,
mit der nachgeahmten stimme einer geisz. vgl. mnd. geiten
pl. und nl. geite
u. 1,
a, nhd. geiszen
gen. dat. sg. s. bei Fischart, Schupp
u. 2,
d. e, noch Bodmer: man hat wahrgenommen, dasz ein zicklein, wenn es mit schafmilch gespeist wird, die zärtesten haare krieget, da im gegensatz ein lamm, das von einer geiszen gesäuget worden, die gröbste wolle trägt.
mahler d. sitten 2, 302.
bei Gottsched
sprachk. 122 geise,
bei Adelung geisze.
jetzt noch beliebt ist die schreibung gais,
mit dem ai
wie auf bair.-östr. heimat deutend. 22)
bedeutung, sprichwörter und redensarten. 2@aa)
die geisz,
das weibliche thier, z. b. geisz
und kitz,
schweiz. gitze,
mutter und junges: do ein geisz gekitzet het und usz wolte gen an die weide .. kam der wolf für die thür des kitzes
u. s. w. Steinhöwel
Es. (1555) 38; mengs gitze gab ich von miner geisz (
dem pfaffen), das ich solt selber zogen han. Eckstein
concil, klost. 8, 773. geisz
und bock (
vgl. u. bock 2): er gestalt ze einem chreiʒe (
Jacob sein vieh zählend) zwei hundirt geiʒe unde an den selben rinch poche zehenzich, schâfe zwei hundirt, widir zwir zehenstunt.
gen. 64, 7
D.; wir hand och daʒ recht ze dem obern kelnhof, das er sol han (
für uns halten) ein bock, der sol gan under unser vech, ob wir geisz hie hettint. von dem bock het er (
der kelner auf dem kelnhof) die rechtung (
gegenleistung), das er die geisz sol in tuon dry mitwuchen in dem meigen und sol die geisz melchen.
weisth. 1, 101,
schweiz.; ist aber (
im nachlasz) kein rindviehe, geysz, bock, schaf oder schwein vorhanden ..
luxemb. weisth. 504, 17.
jh.; der bock eilete mit seiner geisz auf den markt, wolte kurzrund den widder vertringen und den vorreigen nehmen.
eselkönig 199.
eine milchgebende geisz
als der viehbestand des ärmsten, der doch grund besitzt (
sie ist das eigentliche vieh der armen): wann ehe ein man als vill aigen erfs (
erbes) het, dasz er ... künte ein geisz bei sich gebinden.
weisth. 2, 533,
von der Mosel, zu gebinden
vgl. u. c; einen streit wegen der freien geiszweide s. Zimm. chron. 2, 114,
wobei die bauern sich damit ausreden, die gaisen weren kein vich. 2@bb)
im plur., von der herde, werden doch der bock oder die böcke mit eingeschlossen: du gescidôst
oves ab hedis, scâf fone geiʒʒin. Notk. 47, 12,
nach Matth. 25, 32,
wo mit hedi
wol die ganze herde gemeint sein musz, wie mit oves
doch auch, vergl. unter 1,
d, γ Otfrieds zigûn
dafür und Keisersbergs kitzen
unter kitze I, 2,
a, wegen hedus
das. u. 1 (
und Kirchhofs böcklein
von den jungen ziegen überhaupt u. 1,
d, ε oben).
so deutlich von beiderlei herden geiʒe unde schâf (
in Jacobs habe)
gen. 60, 6
D., fundgr. 2, 45,
wie küh und gaisz (
pl.) Weckherlin 833.
von der herde auch geisz und kitzen: da waidne dein gaisz und kitzen. Keisersb.
schiff der pen. 50
c.
auch im sing. geiʒ
f. als vertreter des ganzen geschlechtes, bei einer versammlung der thiere; neben wider
für die schafe: dar quam (
hervor) diu geiʒ und der wider, der steinbok huop sich her nider von dem gebirge balde.
Reinhart 1343.
unter der hut des hirten (
vergl. geiszhirt): der selb pur hatt by 80 geisz, dären must ich das 7 und 8 jar hieten, und als (
da) ich noch so klein war, wenn ich den stall uf dat und nit glich näbend sich (
nebenaus) sprang, stieszen mich die geisz nider, liefen über mich usz. Th. Platter 7; dat mich (
die base) zuo eim alten rychen puren, der hiesz Jans im boden, dem mieszt ich ouch der geiszen hieten. 10 (
begonnen hatte er sein amt mit hüten der gitzin
s. 7).
dasz in der vorzeit auch der bock für sich den namen geführt habe, ist nach lat. haedus
anzunehmen, s. davon u. 1,
b und von einem vermutlichen goth. gaits
m., ags. gât
m.; noch ahd. zeigt sich wol eine spur davon in den gl. keizzi kilih
für cabrioli (
capreoli)
similis und steingeiʒ
für caper Graff 4, 286.
vgl. geiszin weibliche geisz. s. auch geiszvieh. 2@cc)
sprichwörter und redensarten in fülle zeigen, wie nahe das thier einst allen stand, z. b. wer die geisz anbindet (angenommen hat), musz sie hüten. Simrock 3193
ff., vgl. aus dem weisthum 2, 533
u. a, sprichwort mit rechtlicher bedeutung, der ist für sie verantwortlich wegen schadens; die geisz soll weiden wo sie angebunden ist; wer die geisz im hause hat, dem kommt der bock vor die thür; die geisz kriegt früh einen bart; die geisz will auch einen langen sterz,
d. h. im neidischen vergleich mit ihrem weidenachbar, dem schafe (
vgl. u. d); gott weisz wol, warum er der geisz den schwanz abgehauen hat (
bair. s. Schm. 2, 73,
warnung vor überspannten plänen),
vgl. u. geiszschwanz; alte geisz leckt auch gern salz (die alten geiszen
u. s. w. Garg. 259
b); junge geisz leckt salz, alte geisz friszt sack und salz; was recht ist, hat gott lieb, wer eine geisz stiehlt, ist kein bocksdieb. Simrock 3203; doch wer sich selber schuldig weisz, der went, man sag, er stal die geisz. S. Brant
Cato 126, conscius ipse sibi de se putat omnia dici
Cato 1, 17; die kitzlin heiszen all wie ir muotter, geysz. S.
Frank spr. 1, 34
b (
neben zu nacht sind all katzen schwarz),
wie lieb und drollig die zicklein sind, es sind zuletzt doch nur ziegen, scheint der sinn; das kitzlin essen ehe es die geysz gebirt. 1, 3
b; es ist bös das geiszlein essen ehe es die geisz gebirt. Henisch 1444, Schottel 1121
a; wer ab wil leschen der sunne glanz und ein geisz wil noten das sie tanz
u. s. w. priamel d. 15. jh. Kellers
fastn. 1338,
d. h. statt zu springen,
das sie gar wol kann und das mit dem volksmäszigen springen
beim tanz verglichen ward (
s. geiszsprung und Neidh. 4, 2); wann der geysz wol ist, so scharrt sie. Frank 1, 19
a; do war denen von Ravenspurg und denen von Leutkirch, wie man sagt von den gaisen die wol steen und doch scharren.
Zimm. chr. 4, 18,
deutlicher nl. de geit schrafelt zoo lang, dat zij kwalijk ligt (
sich ein schlechtes lager macht); wann sich die gaysz befindet (
sich fühlt), so scharrt sie in den mist. Soltau 2, 222; die gaisz die stampft so sy wol stet. Schmelzl
verlorner sohn 5
b; man wisse, wann der gaisz zu wol sey, so gehe sie auf das eis und breche ein bein.
Simpl. 4, 161
Kz. (
vogeln. 2, 21); wan der gaisz wohl ist, gehts aufs eis und tanzt. Schwabe
tintenf. 50; aber das sprüchwort sagt, wenn es der geisz zu wohl ist, so scharret sie. J. Gotthelf 11, 462. 2@dd)
vergleichung mit dem menschen und seinem thun auch sonst vielfach: auch sind deine gedanken zerstrewt gleich als die faigen gaisz sich zerstreuen. Keisersb.
schiff der pen. 50
c,
die feigen,
d. h. übermütigen, im gegensatz zu den schafen beim weiden, denn es heiszt »
dasz ein hirt mit dreiszig ziegen mehr denn mit drei hundert schafen zu thun hat, sie beisammen zu behalten«
öcon. lex. 2756,
man denkt an sanct Peter mit der gaisz
von H. Sachs; der nam mich (
beim züchtigen) vil malen by den oren und zog mich vom herd (
boden) uf, das ich schrei wie ein geisz (
die) am messer stäcket. Th. Platter 14; als (
wie) die geis selbst das messer auskratzt, das ihr ward an die kel gesatzt.
Froschm. 2, 170
Göd.; und endlich du mein gassentrettendes bulerbürstlein (
bürschlein), das .. nichts bessers thut dann rote nasen trinket und an der geyszen elenbogen hinket. Fischart
Garg. 17
b (
Sch. 17),
vielleicht vom podagra des trinkers, warum aber die geisz? ein nrh. sprichwort sagt er lacht wie eine geisz die bretzeln friszt Weyden
köln. sprichw. 4. 2@ee)
noch manche andere redensarten, in denen sie auch als recht gering behandelt wird, z. b.: die klüglinge, die .. bei einem haar wissen wie viel die kuh schwänze hat und wie man mit der geisz ackern solle. Pistorius
centur. V
nr. 34, 4,
hier als das vieh des armen mannes (
vgl. geiszbauer); alles was ihnen verblieben, hätte eine geisz weggezogen. J. Gotthelf
schuldenb. 64,
beim auszug als zugvieh benutzt; für die geisz,
umsonst, für nichts und wieder nichts, in Salzungen Fromm. 2, 285 (
wie für die katze
u. ä.),
vgl. bair. ze gaisz gên,
zu grunde g. Schm. 2, 73.
auf die geiszbohnen (
s. d.)
geht der scherz: frasz kOel und schisz mangolt, wie die geyszen spotten, fressen kraut und scheyszen bonen.
Garg. 130
a (
Sch. 236).
vom streit um die geiszwolle (
s. d.),
de lana caprina: der furor poeticus ist mit gewalt in die theologos und geistlichen gefahren, und wenn mans recht beim liecht besicht, so ists nicht einer nestel wehrt und ir zank allein ob die geisz wollen tragen (
gedr. wöllen) oder nicht. Avent.
chr. 369
c;
ähnlich: wer mehr haar in dem bart hätte, die geisz oder der bock? ich für mich wolte eher alles beides glauben, als der geiszen die haar zehlen. Schupp. 417.
auch darauf reitend dachte man sich (
vgl. bockreiter): aber der Wilhalm markt wol, das es usz umb in war. noch kont er seine bossen nit laszen, sonder sprach, er könte kain trost seins lebens haben (
sich noch zu leben zutrauen), denn er were weit über den mittentag und sesze iezmals der gais so nahe ufm schwanz, das er schier herab fiel.
Zimm. chr. 2, 117.
vgl. von einer gespenstigen geisz habergeisz 3,
auch als teufelsthier, wie der bock,
in geiszholt. 33)
in anwendung auf andere thiere, auch gegenstände. 3@aa)
tirol. gaisz
ein weibliches schaf bevor es junge gehabt, im Vintschgau Schöpf 169,
auch rom. im Valtelin cais Schneller 1, 147 (
s. u. 1,
b),
wie auch zick
f., junges lamm z. b. in Nassau Kehrein 453;
es ist wie bock
auch vom schafbock.
dann von den gemsen geisz
wie bock,
ahd. mhd. steingeiʒ,
nhd. steingeisz
neben steinbock Dief. 283
a,
ags. firgingât
ibex (
berggeisz)
neben firginbucca Mones
anz. 7, 142, Haupt 5, 195; wilde gaysz,
damma voc. 1482 oo 5
a,
ibex Diefenb. 283
b, wild geiszen, als gempsen, steinböck, rechböck,
ferae caprae Maaler 164
c (
vgl. Stalder
unter geiszbergerstein); arabische wilde geisz,
a gazel or antilope Ludwig 720.
allgemein rehgeisz
wie rehbock,
bei Adelung
zwar auch rehziege (15.
jh. md. rechziege Dief. 165
b),
aber jenes ist auch nordd. das gebräuchliche in forstmännischer rede, die wol unter oberd. einflusz gebildet ist, z. b.: vom satze an bis zum august, oft noch in den september hinein, führt die geis das kitz (
vgl. geiszkitz) an der spinne. v. Thüngen
waidm. pract. 93; sobald es (
das schmalreh) das erstemal gesetzt hat, heiszt es geis, in der folge der jahre dann altgeis, kapitalgeis.
das. s. auch habergeisz,
himmelgeisz von vögeln. 3@bb)
auch auf gegenstände angewandt im gewerblichen leben gehen bock
und geisz
zusammen. so neben bock
als gestelle (
schon im 15.
jh. Lexer 1, 320)
bair. gaisz,
aber nur dreibeinig neben dem vierbeinigen bock,
z. b. ein block mit 3
beinen, ein dreibeiniger stuhl, ein dreibeiniger baumast im spiel (
s. 3),
auch flachs der aus der röste genommen in einer art dreibeiniger figur zum trocknen aufgestellt ist, aber auch melkgaisz
mit nur einem bein als melkstuhl, s. Schmeller 2, 73,
s. auch Schöpf 169
und geiszfusz
als gestell. auch neben dem bock
als doppelbier gibt es in Baiern eine gaisz,
eine schwächere und süszere art, »
in München stand die von den Jesuiten sub signo IHS
gebraute gaisz
in gutem ruf« Schm.
a. a. o. nach Bucher 3, 30
fg. 3@cc)
auch ohne beziehung zu einem bock
z. b. eine art bergschlitten, tirol., dazu holz vergoaseln,
im winter auf solchen schlitten zu thal führen, s. Schöpf 169,
vergl. geiszschlitten;
schweiz. geisz
ein einfacher knabenschlitten, s. Tobler 214
b, Stald. 1, 437 (
vgl.käsehütsche),
aarg. ein schlitten mit hohem schnabel (
als horn gedacht) Hunziker 102;
bei Stalder
auch aus Uri als spinnrad (
nordböhm. geiz),
s. dazu u. geize,
wo auch geisz
vom pflugsterz. wie auch sonst geräte als dienende thiere angesehen werden, zeigt z. b. kalbe,
ein groszer handschlitten, bei Zeitz (Bech). 3@dd) die geisz aufsetzen, 16.
jh.: es gelte umb Christus willen nur leiden und die geysz aufsetzen. S. Frank
chron. 449
b; warten (
wartet) bisz die locklerchen, die heuchler und schmeichler ausz den fuchsgängen heraus schliefen, als dann setz der pfaff die geisz auf und lasz den teufel darnach werfen. Fischart
groszm. 34 (
Sch. 570).
es musz zu dem geiszwerfen
gehören, das als kinderspiel, besonders im frühling, noch oberd., auch hessisch ist, bei Vilmar 120 die geisz werfen,
d. h. einen in dreifache verzweigung auslaufenden baumast der auf die drei beine gestellt und nach dem mit stöcken geworfen wird; s. auch Schmeller 2, 73,
die beschreibung des spiels in der Schweiz (das geiszen)
bei Rochholz
alem. kinderl. 446,
der auch auf 'hirt, setz geisz auf'
in Fischarts
spielverzeichnis verweist. jene verwendung bei Frank, Fischart
deutet auf übung des spiels auch bei erwachsenen in alter zeit und dasz das aufsetzen mit gefahr verbunden war. auch ein andres frühlingsspiel mit gespitzten stöcken, die man werfend in den halbweichen boden haut, heiszt in Hessen nach der geisz, 'häkel die geisz' Vilmar 145,
das. bair. schmerbickeln (Schm. 3, 473),
in Leipzig spicheliren (Albrecht 214
a),
altgr. κυνδαλισμός,
bei Aler 873
b die geisz werfen,
bei Stieler geiswerfen;
mit geisz
müssen die schon geworfenen, in und durch einander im boden steckenden stöcke gemeint sein, jener andern geisz
ähnlich, nur umgekehrt, der werfende häkelt
sie, sucht sie häkelnd herauszuholen. ein schwäb. spiel, das gaiszen,
wo nach der gaisz
geworfen wird, s. b. Birlinger
Augsb. wb. 487. 3@ee)
auch von menschen, appenz. eine magere weibsperson Tobler 214
a,
denn mit ziegenfett wird mancherlei scherz gemacht, daher z. b. der name Ziegenspeck,
ein thüringisches sprichwort sagt er hats in sich, wie die ziege den speck,
ein schweizerisches heimli feisz (
feist) wie d'geisze Hunziker
aarg. wb. 102.
garstigen ursprungs aber ist die neckende beziehung der geisz auf die schneider, s. geiszbuler.