gaumen,
gaum,
m. palatum. II.
Die form zeigt eine starke entwickelung. I@11)
hd. ist sie im vocal auffallend entwickelt. I@1@aa)
schwachformig ahd. guomo, goumo
und giumo,
s. Graff 4, 206, Schm. 2, 48.
davon ist nur die zweite nhd. der gebildeten sprache geblieben, die doch eigner weise mhd. wie ahd. gerade die seltenste ist. die dritte ist schon im mhd. verschwunden, es herscht da die erste, guome,
md. gûme,
die auch nhd. nicht fehlt. I@1@bb)
daneben starkformig, schon ahd. einmal goum
fauces, mhd. sowol goum
wb. 1, 587
b, 17 (
über die gôm
das. s. das f. gaum 1,
b, γ)
als guom,
z. b.: dû mîn ôsterbluome, ich honic dînem guome.
Mart. 77, 110,
und beide formen noch nhd., s. 3,
a. I@1@cc)
aber auch mit kurzem vocal und doppelter consonanz (
sieh dazu 5,
a),
schon ahd. einmal commono
faucium, also gommo,
mhd. noch unbelegt, aber im 15. 16.
jh., oberd. wie md., rhein. (
vgl. nl. unter 2,
c):
faux, gomme. Dief. 228
b,
in zwei vocc. ebenda der
gumme faux, wie gumme
palatum 406
a,
epiglotum, coopertorium oris, ein gumme Diefenb.
wb. 1470
sp. 108 (
neben palatum gum 199); gummen
dat. in der Heidelberger hs. von Heinrichs
crone 19827. 21194;
faux, ein gumme.
voc. opt. Lpz. 1501 K 6
b; zwu zwivach zung und trummen hetens in irem gummen. Beheim
Wiener 8, 26; mein zung mir klebet an dem gummen, ich kan kein tritt mehr weiter kummen. H. Sachs 3, 1, 10
a; darauf soll man dem ross bald das blut am gummen laszen. Tabernaem. 722.
noch jetzt im westen, wetterauisch gomme
m., nass. gumme Kehrein 177.
s. auch gum
u. 3,
d. I@1@dd)
eigen mit umlaut: guttur, keel, das öberst theil am hals, vom ghümmen bisz an den jugulum. Alberus ii 3
b,
während er daneben die gewöhnliche doppelform ansetzt, gaum
und gum
palatum Gg 4
b;
aber es ist dort genauer besehen das kinn gemeint, und das musz im westen weiter verbreitet sein, denn im Luxemburgischen heiszt neben gumm
gaumen auch die kinnkette gummketten Gangler 192,
ja schon altn. das kinnbein gômbeinn Fritzner 213
a,
d. i. gaumbein; in gümmen
mit umlaut steckt wol eine vermischung mit dem im westen geltenden kümmel
gleich kinn (
s. d. I,
e, vergl. kümmel
am ende),
vgl. besonders fläm. kumme (
gespr. kümme)
kinnbein Schuerm. 309
a und dazu kinnbein 2
für das kinn selber, wie käu
kiefer bair. auch kinn ist. I@22)
auszer dem hd. I@2@aa)
ags. schwach gôma
m. palatum (Wright 43
b. 70
b),
dem ahd. guomo
entsprechend; altengl. mit geänderter bedeutung, gome
gingiva Wright 245
a,
daneben gume 207
a;
auch mit plur., goomys
neben gome
gingiva prompt. parv. 202
a,
jetzt gum,
gewöhnlich pl. gums,
nur noch für zahnfleisch, welche bed. auch das dän. und norw. zeigt. die u-
form scheint nur durch kürzung entstanden. I@2@bb)
altn. gômr,
dem mhd. guom
entsprechend (1,
c),
schwed. norw. gom,
dän. dial. gom
und gaam (Outzen 93),
in der schriftsprache vielmehr gumme (gomme),
an das hd. gumme 1,
c erinnernd (
daneben gane,
s. 5,
b);
vgl. dän. gumle,
beschwerlich kauen, bes. mit zahnlosem munde, schwed. gummsa Rietz 222
b.
nordfries. gäme, göme
pl., s. Outzen 93. I@2@cc)
alts. wahrscheinlich guomo, gômo,
nicht erhalten; mnd. gume Schiller
u. Lübben 2, 165
b,
wie noch göttingisch gûme Schambach 70
b (
s. dazu 3,
c);
älter nl. gumme Kil. (Oudemans 2, 763),
wie rhein. 1,
c. aber das wort ist im nd. bereiche überhaupt zurückgetreten, schon im 16.
jahrh. gibt Chytraeus 95
für palatum nur de bOeen im munde,
d. h. bühne, wie noch jetzt, s. Brem. wb. 1, 116,
auch nordfries. böön
m. zimmerdecke und gaumen Johansen 5,
und entsprechend nnl. gehemelte, verhemelte
gaumen, nrh. voerhemelt van den monde
gemma Cöln 1511 P 4
b,
d. h. gewölbe, eigentlich künstlicher himmel, auch hd.: palatum, der rachen oder himmel im mund. Junius
nom. 22, Henisch 1375, 13,
wie griech. οὐρανός zugleich himmel und gaumen ist, s. dazu die ausführung J. Grimms
bei Haupt 6, 541
fg., wie schon Höfer
östr. wb. 1, 262. I@33)
das nhd. setzt eigentlich die mhd. doppelform fort, auch in ihrer doppelten flexion, guome
und goume, guom
und goum. I@3@aa)
vorherschend ist ursprünglich die erste, noch mit erkennbarem diphthong, im 15. 16.
jh. guome, guomen, guom, guem Dief. 406
a, guom
faux 228
b, guem
epiglotum n. gl. 152
a;
frumen, des guomen intrug (
s. unter II, 3) 183
b;
rumen, guomes intrug.
n. gl. 322
a;
faux, palatum, der guom.
gemma Straszb. 1548 J 5
c,
vgl. Ickelsamer
unter II, 3.
mit unbezeichnetem uo
z. b.: gum in dem mund
voc. 1482 n ij
b, indruck des gumen,
rumen l 1
a.
dagegen im md. mit û
für uo (
vgl. übrigens unter c):
palatum, der gum Melber r 1
b,
voc. opt. Leipz. 1501 T iij
a, der gume Trochus N ij
b,
faux der rach
vel gume Melber i 3
a;
faux, der ghum, ghaum. Alberus ii 3
b.
so bei Luther gume: und ire zunge an irem gumen klebte.
Hiob 29, 10,
und zwar neben gaume (
s. b),
sodasz auch ihm noch die doppelform zur auswahl stand, wie sie Alberus
setzt, und wie noch z. b. bairisch (
s. e). I@3@bb)
seltner dagegen, wie schon mhd., die zweite, die heute herscht; aus dem 15.
jahrh. bei Dief.
find ich nur: faux, go
um oder rachenhüli.
n. gl. 169
a,
alem.; netzengoumen,
d. i. wein, sieh Kellers
fastn. 1527;
mit oberschwäb. vocal: gam, palatum, faux. voc. inc. t. h ij
a (
in einer spätern ausg. g 1
a mit nachgetragnem gum).
md. 16.
jh. gaume,
bei Luther: meine zunge klebt an meinem gaumen.
ps. 22, 16; zunge, gaumen und kele.
winkelmesse K 1
b,
bei Dietz 2, 15
b.
vgl.ghaum Alberus
vorhin. I@3@cc)
aber auch eine dritte form, gûme mit echtem û;
so schweiz. gûme,
bei Tobler 246
b gûma (Frisius, Maaler
haben es überhaupt nicht).
ebenso ist md. gûme,
z. b. in Braunschweig, im Göttingischen zu beurtheilen, weil nach dortiger mundart dem mhd. guome
vielmehr gaume
entsprechen müszte, wie gut
da gaud
heiszt; auch die ostmd. mundart, z. b. in Leipzig, stimmt ein, da hier das au
in gaumen
nie zu ô
wird, wie in bôm, trôm,
sodasz auch hier ein altes echtes gûme
unterliegt. älter bezeugt ist es mnd., s. u. 2,
c; auch in den gume, gum
unter a und bei Dief. 406
a. 228
b. 204
b kann ein und das andere gûme
stecken. es gesellt sich zu dem ahd. giumo. I@3@dd)
noch anders ist gum
bei Dasypodius:
palatum, der rach, gum 289
a,
weil dort uo
grundsätzlich bezeichnet ist, û
aber nur als au
erscheint; es musz genau genommen zu gumme
u. 1,
c gehören, und ebenso wol gom Dief. 406
a in einem md., rhein. voc. zu gomme
dort, da o
für ou
jenem voc. nicht gemäsz ist (
s. z. b. saim
gleich mhd. soum 507
b).
also gum,
gen. gummes? I@3@ee)
im bair. gebiet neben guem
und gaum (
gespr. gam)
auch gaim, gespr. gaem Schm. 2, 46
ff., österr. neben guam
auch gaim,
gespr. goam Höfer 1, 261;
aber das ist nur sache der aussprache, s. Schmeller
bair. gr. § 374, Weinhold
bair. gr. s. 73,
beides ist nur das alte guome
oder guom.
wie aber jenes ai
vor -m
bis ins 15.
jh. zurück bezeugt ist (
s. z. b. raim
für ruom Bartschs
herz. Ernst s. 42
var.),
so auch gaim
schon z. b. im j. 1505
bei Karpf
medic. lib. 91: wasch im dy gaym damit (Schm.
2 1, 911),
im plur., s. darüber II, 2.
s. auch unter beiden zeitwörtern gaumen
die form gaimen. I@44)
die heute in der schriftsprache allein gebliebene form musz schon im laufe des 16.
jahrh. die oberhand erhalten haben, denn im j. 1618
setzt z. b. der Baier Schönsleder
blosz noch gaume
an S 5
a,
im j. 1616 Henisch gaum 1375
und gum
nur beiläufig 1777,
auf gaum
verweisend. man schwankt aber noch lange zwischen stark und schwach, gaum
und gaumen,
eigentlich bis heute, obwol das letztere das eigentlich anerkannte ist, gaum
mehr den dichtern vergönnt wird, s. die beispiele unter II, 4.
doch sieht man gaum
mehr als schlechte aussprache von gaumen
an, daher ein dat. gaume,
gen. gaumes, gaums
nur selten noch gewagt wird (
vgl. im 15.
jh. guomes 3,
a),
z. b.: seine frucht vernein' ich eurem gaume, wiszt! der apfel an dem wunderbaume labt mit göttertraume. Schiller
anthol. 146 (1, 284
Göd.); und gönnen gern dem gaume seine freuden. A. W. Schlegel (1811) 1, 75; sie riefen: uns ein tröpflein auch, die zunge klebt am gaume! Rückert
poet. w. 6, 32; des stummen doctors eil' und seines gaums verzicht auf eine fette gans. Thümmel 2, 17.
übrigens setzte noch Adelung gaum,
gen. gaumes,
plur. gaume
als gleichberechtigt neben gaumen. I@55)
die herkunft. I@5@aa)
benannt ist der gaume
ohne zweifel vom weiten öffnen des mundes, mit bildendem -m,
von dem alten zeitworte dafür, das noch nhd. vorliegt in gauen, gäuen (
s. d., vgl. J. Grimm
bei Haupt 6, 542);
ahd. goumo
schlieszt sich leicht an die form gauen
an, ahd. vermutlich gowian, gowôn
oder ähnl. (
s.gäuen 2,
b),
ebenso an ahd. giwên
die form giumo (
das w
als u
bewahrt), guomo
aber kann wol aus goumo
entstanden sein, da wechsel von ou
und uo
auch sonst vorkommt, s. III, 1829,
auch knaust
a. e.; zu gumme, gomme
vergl.krugel mit urspr. kürze neben mhd. kruoc (
nd. krûke)
unter krug I, 4,
oder könnte nicht gommo
unmittelbar aus ursprünglichem gowmo
entstanden sein durch angleichung anstatt erweichung des w? I@5@bb)
dazu stimmt auch bestärkend ein nord. wort mit -n
für -m,
dänisch gane
gaumen, in schwed. mundarten gan
f., auch die mundhöhle überhaupt, s. Rietz 184
a;
norw. gan
n., beschränkt auf die kiemen des fisches Aasen 207
a,
welche bedeutung auch das schwed. wort hat, begreiflich nach der wichtigkeit der fischerei dort, auch kieme
ist ursprünglich vielmehr mundkiefer überhaupt. dazu norw. schwed. gana
neugierig, gespannt blicken, eig. mit offnem munde und gehobnem kopfe, s. Rietz 184
a,
und ebenso zu gaum
bei uns gaumen
hiare u. ä. (
s. dort);
vgl. zum ganzen gähnen,
besonders I, 4. I@5@cc)
ein fraglicher auswärtiger anklang in litt. gomurys
gaumen, s. Diefenb.
goth. wb. 2, 388. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
der entstehung gemäsz ist es ursprünglich die mundhöhle, rachenhöhle, ahd. '
fauces goum',
mhd. z. b. vom wolfsrachen, nicht gaumen, nach Wolvesguome
als räubername Helmbr. 1195;
vom rachen des teufels: ich gewinne iu der bluomen, und hete si in sînem guomen der tiuvel besloʒʒen.
krone 21194.
und so bis in die nhd. zeit herein, s. unter I, 1. 3
das häufige faux guome
u. ähnl., goum oder rachenhüli 3,
b, die zunge ist im gummen
bei Beheim 1,
c. zeugnis dafür gibt noch heute gaumen,
den mund aufsperren, und luxemb. gamm
f. maul Gangler 163,
eig. gomme
f., also zu I, 1,
c (
wie ebenda z. b. haff
hof, dapp
topf),
während der gaumen dort gumm
heiszt. II@22)
aber ahd. auch schon der pl. dafür, wie er im lat. fauces
herschend ist, fauces guomûn
u. ähnl., und dasz das nicht blosz vom lat. veranlaszt ist, verbürgt der plur. mhd. u. a.: daʒ mir mîn munt und mîne guomen haiser sint worden. Grieshaber
pred. 2, 77;
vgl. nhd. die gaim
plur. I, 3,
e. ebenso noch nordfries. (
s. I, 2,
b),
dän. gummer,
besonders deutlich altn., wo der obere und untere gaum unterschieden werden, efri
und neðri gômr,
wer doppelsinnig oder vorsichtig zu reden hatte, muszte die zunge gebrauchen oder wenden î gôma bâða,
an beide gaumen, s. Egilss. 260
b.
so auch hd. noch, österr. beim metzger, obergam
und untergam
des ochsen Castelli 136,
vgl.oberguem
u. 3,
das doch anders gemeint ist. also gaum
zugleich wie kiefer,
daher altn. auch gômbeinn
backenknochen, kinnbein. II@33)
aber auch ahd. schon der obere theil des rachens vorzugsweise, palatum, bei Adelung '
die obere fleischige wölbung des mundes, von den zähnen an bis an den schlund'
; z. b.: das g (
d. h. sein laut als gaumenlaut entsteht), so die zung das hinderst des guomens berrt, wie die gens pfeisen. Ickelsamer
gramm. B 1
a (
s. sp. 1108).
es wird auch unterschieden palatum guem
und rumen oberguem Schm. 2, 48
aus einem voc. von 1445, Dief. 503
b,
letzteres der hinterste theil der in die kehle übergeht. vergl. auch u. I, 3,
a des guomen intrug,
rumen, frumen, auch kurz '
frumen ein gum' Dief. 249
b,
die stelle wo wiedergekaut wird (indrucken
masticare voc. 1482 p 5
b,
das mhd. iterucken
u. ä.).
selbst das sog. zäpfchen wird kurzweg damit bezeichnet: epiglottis, epiglottum gume, gum Dief. 204
b (
vergl. unter I, 1,
c. 3,
a und gaumensegel),
wie umgekehrt im engl. gum
die bedeutung auf das entgegengesetzte ende der mundhöhle beschränkt ist (I, 2,
a). II@44)
geredet wird vom gaumen
hauptsächlich als der stelle, wo der geschmack, auch eszbegier, durst sich äuszern (
die form gaum
herscht blosz darum vor, weil die auszieher fast nur auf sie geachtet haben als '
auffallend'). II@4@aa)
im eigentlichen sinne: dem seugling klebt seine zunge an seinem gaumen fur durst.
klagl. Jer. 4, 4; weil sein (
des löwen) durchfurchter gaum nach dieser erquickung lechzet. Herder
ideen 3, 3; und wölfen gleich, die durch den nebel spürend schleichen ... mit trocknem gaum erwartet von der brut. Schiller 32
b; mit allem was den gaum zum trinken wetzt. Wieland 10, 322; seinem gaum gütlich thun. 35, 108; die menschen glauben, die organe ein kunstwerk zu genieszen, bildeten sich eben so von selbst aus wie die zunge und der gaum. Göthe 20, 249; und läszt er (
Tasso) nicht vielmehr sich wie ein kind von allem reizen, was dem gaumen schmeichelt? 9, 222 (
Tasso 5, 1); auch dein geruch wird sich ergetzen, dann wirst du deinen gaumen letzen. 12, 75; will sehen, ob ich nicht etwan für euren gaum was finden kann. 13, 81; das beerlein schmeckte seinem gaum. 13, 121; wenn nur seinem gaum nicht davor ekelte. Schiller 2, 341
Göd.; schon wässert ihm (
dem hunde) der gaumen nach einem solchen schmaus. 1, 208; dann, von keines fürsten mahle ... würde dann mein gaum versucht. Bürger 120
a. II@4@bb)
übertragen auf anderes verlangen: dasz mein rachebrennender gaumen in seinem natterblut schwelge. Schiller
hist. kr. ausg. 3, 310; bewundrung von kindern und affen, wenn euch darnach der gaumen steht. Göthe 12, 37; hebet euch weg von mir, mein gold ist nicht für euren gaum. 15, 248; (
wirst in dem buche) manches für deinen gaumen finden.
an Zelter 2, 202,
wie man geschmack findet
an etwas, danach lechzet
u. dgl. eigen östr. einen schwarzen gam (gaim) haben,
leicht zornig werden Castelli 136, Höfer 1, 261. II@4@cc)
mhd. selbst des herzen guome,
im anschlusz an den genusz des abendmahls: gotes lîcham gibet süeʒekeit des herzen guomen.
altd. bl. 2, 357; darumb musz ich .. fürchten, das der inner gume meins herzen so unempfenklich ist des lieplichen wirken gots. Schmid
schwäb. wb. 250
aus Heinr. v. Neuenstadt,
vgl. ein götlîcher gesmac Eckhart 480, 29
vom erfassen gottes.